Die kleine Prinzessin Elsa

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Hallihallöchen meine Lieben!

Endlich Nachschub für euch!! Nachdem ich bei meiner Hauptstory grade einen kleinen Durchhänger hab (an alle Leser von „Die Farben des Phönix" schon mal die Info, dass der nächste Upload wohl leider ausfällt – dickes Sorry!), war immerhin Zeit, das neue Kapitel hier fertigzustellen!
War ohnehin überfällig, oder? ;)

Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Weiterlesen – diesmal ist es ein deutlich ruhigeres Kapitel.
Habt eine schöne, entspannte Woche!!

GlG
Ancarda


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~Sina~


„...danke, Tyson! Also bis nächste Woche dann, und schön das Tagebuch für Doktor Newgate führen, verstanden?"
Der stark übergewichtige Sechzehnjährige mit dem blonden Wuschelkopf und den meist verträumt wirkenden, dunklen Augen verzieht leidend das Gesicht, als ich ihm das verordnete kleine Büchlein hinhalte, in das er für den kommenden Monat möglichst akkurat seine täglichen Essgewohnheiten aufschreiben soll, mit Fokus auf seinen Gefühlen vor und nach den Mahlzeiten. Und auch allen sonstigen Snacks, Imbissen, Kleinigkeiten, Naschereien, Ausnahmen, Zwischenmahlzeiten, Heißhungerattacken, Nervennahrungen und kleinen Belohnungen, die er sich immer so ‚gönnt'. Tatsächlich ist der Junge ein kleiner Mini-Einstein mit wirklich hohem IQ, was aber erst im Zuge der Therapie von Marco festgestellt worden war – zuvor war er wegen diverser Verhaltensauffälligkeiten und der mehr als mangelnden elterlichen Aufmerksamkeit in einer Sonderschule geparkt worden und dort in eine wirklich destruktive Abwärtsspirale aus Unterforderung, Rebellion, Frustessen und Mobbing wegen des daraus resultierenden Übergewichts geraten. Einer engagierten Sozialarbeiterin sei Dank ist er nun aber hier... und bekommt hoffentlich die nötige Hilfe, um alles, was bisher schiefgelaufen ist, wieder gerade zu biegen.
„Habs nich vergessen... wenns sein muss. Wiedersehen, Miss Gates!", seufzt Tyson, als er mir das Buch aus der Hand nimmt und sich mit größter Gemütlichkeit nach draußen begibt. Schmunzelnd sehe ich ihm nach, ehe ein herzzerreißendes Gähnen meine Kiefer in maximale Spannweite auseinanderdrückt... und ich dadurch fast lang genug die Augen schließen muss, um einfach ihm Stehen einzuschlafen.

„Bevor Sie umfallen, würd ich mich Ihrer Stelle ja lieber hinsetzen", lautet der trockene Kommentar von dem einzigen Menschen, der an diesem Mittwochnachmittag grade in unserem Wartezimmer hockt: Hiro. Der Blauhaarige hat seine obligatorische Stunde bei Marco wie schon die ganze letzte Woche bereits hier draußen abgesessen und wartet nun auf Vista, der ihn aber erst in anderthalb Stunden holen kann. In der Zwischenzeit hätte er natürlich locker mit dem Bus fahren können, aber... er bevorzugt es, hier zu warten. Er ist nach wie vor nicht gern im Heim, und nachdem Marco zu seiner Überraschung sein Versprechen gehalten hat und weder er noch ich ihn in irgendeiner Form belästigen, scheint er sich hier langsam sogar leidlich wohlzufühlen. Meist hockt er in dem grünen Sessel vor dem Fenster, hört Musik, macht Schularbeiten, liest irgendwelche Comics oder kritzelt auf Blöcken herum. Und seit neuestem hat er begonnen, ab und zu ein paar Wörter mit mir zu wechseln, so wie jetzt.
Ich lächle ihm unbekümmert entgegen, hebe aber gespielt drohend den Zeigefinger.
„Nicht frech werden, junger Mann!", entgegne ich ihm mit meiner besten Oberlehrer-Stimme, ehe ich bedauernd den Kopf schüttle. „Dein Ratschlag klingt super, aber leider kann ich mir das sparen... gleich kommen unsere beiden VIP-Gäste und ich werde voll beansprucht. Da würde mich hinsetzen nur noch müder machen..."

Skeptisch schaut der Blauhaarige mich an.
„VIP-Gäste? Also reiche Schnöselkinder mit Knacks in der Birne? Und wieso kommen die jetzt schon? Die nächsten Termine gehen doch erst in vierzig Minuten los?", hakt er betont gleichmütig nach, aber darauf falle ich nicht rein. Ich hab ihn in den letzten Tagen ja doch gut im Blick behalten können und weiß, dass er alles andere als gleichgültig ist. Im Gegenteil, er ist bisher noch kein einziges Mal irgendwie abweisend oder unfreundlich zu anderen Patienten gewesen und ich habe auch das deutliche Gefühl, dass er ein sehr guter Beobachter ist und sich insgeheim viele Gedanken macht. Er zeigt es nur nicht. Darum störe ich mich auch keineswegs an seiner herablassenden Ausdrucksweise, sondern lächle nur geheimnisvoll.
„Lass dich überraschen, es ist sogar königlicher Besuch, der uns erwartet... darum muss ich auch noch kurz ein paar Vorbereitungen treffen. Bin gleich wieder da!", erwidere ich gelassen und verschwinde kurz ins Büro zur Kaffeemaschine, die ich vorhin schon eingeschalten hab. Ganz fertig ist sie noch nicht, also richte ich schon mal unseren größten Becher her und hole eine Packung Soft-Cakes aus dem Schrank, die ich auf einen kleinen Teller lege. Die mag unser kleiner VIP-Gast ganz besonders, wie ich inzwischen weiß...

Während ich warte, bis der Kaffee endlich fertig ist, lehne ich mich mit einem müden Seufzen an den Küchenschrank und erlaube mir doch, wenigstens einmal kurz die Augen zu schließen. Ich bin wirklich, WIRKLICH müde... seit dem Wiedersehen mit Sabo vor nun fast zwei Wochen sind meine Nächte wieder deutlich kürzer und schlafloser geworden. Zum einen ist das so, weil ich so unendlich glücklich bin, ihn wiederzuhaben und ich es eigentlich noch immer nicht wirklich glauben kann, sodass sich unterbewusst wieder die Angst verstärkt hat, dass das alles nur ein viel zu schöner Traum ist. Und zum anderen hat sein Anblick und später auch das Gespräch mit Marco über meine Angst vor seinem Vater vieles wieder präsenter gemacht, als es zuvor gewesen ist.

Grade Letzteres hängt mir WIRKLICH nach. Und zwar so RICHTIG. Aus dem einfachen Grund, weil heute Mittwoch ist und die Praxis am Freitag bereits zu hat... denn Marco fährt schon am Vormittag zu seinem Vater, um bei den Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier am Abend mitanzupacken. Er wird dann auch das ganze Wochenende dortbleiben, wir sehen uns also erst wieder am Montag in der Arbeit. Seit Langem also mal wieder das erste Wochenende ohne ihn... und das nur, weil ich so ein verdammter Feigling bin!! Oder so kaputt. Oder beides... was es allerdings kein bisschen besser macht. Wenn ich mich nur ein bisschen mehr zusammenreißen würde... wenn ich so mutig sein könnte wie Marco, dann könnte ich ihn begleiten und dann nicht nur das ganze Wochenende bei ihm sein, sondern ihn mit meiner Anwesenheit auch noch wirklich glücklich machen – weil ich ganz genau weiß, wie gern er mich seiner Familie vorstellen will. Ich hab doch das kurze Aufblitzen von Enttäuschung in seinem Blick an diesem Samstag deutlich gesehen, auch wenn er es schnell wieder versteckt hat. Und genau deshalb bin ICH auch so enttäuscht... von mir! Ich würde ihn so gerne glücklich sehen... ihm diesen Herzenswunsch erfüllen... aber mir schnürt es vor Panik die Kehle zu, wenn ich nur daran denke.

Mit einem frustrierten Laut öffne ich die Augen wieder und schalte die endlich fertig gewordene Maschine ab. Natürlich hat Marco irgendwo recht, dass ich nicht zu viel von mir erwarten darf, und ich glaube ihm auch, dass er mir das tatsächlich nicht übelnimmt und ja, ich vertraue auch darauf, dass wir das noch hinbekommen, aber...
Ja, ABER.
Ich bin einfach trotzdem verdammt unglücklich mit dieser Situation und vor allem mit mir selbst, ganz gleich, wie verständnisvoll dieser wundervolle Mensch an meiner Seite da auch sein mag. Fast wünsche ich mir, er würde mich einfach in den Kofferraum werfen und mitnehmen. Mir keine Wahl lassen, auch wenn ich noch so großen Schiss davor hab. Aber dazu ist er viel zu gutmütig und selbstlos... wofür ich ihn doch auch so unheimlich liebe. Und wieder frage ich mich, womit ich ihn eigentlich verdient hab...
Mit einem schiefen, versonnenen Lächeln fülle ich die Tasse, gebe zwei Löffel Zucker und einen großzügigen Schluck Milch dazu und trage sie zusammen mit den Keksen ins Wartezimmer. Hiro zieht eine Braue hoch.
„Was für ein Service... nur wo ist der rote Teppich?", fragt er ironisch, woraufhin mir ein Glucksen entkommt.
„Tut mir leid, das ist schon das komplette VIP-Paket... mehr als das kann unsere niedere Praxis leider nicht bieten", lautet meine gespielt demütige Erwiderung. Doch ehe er mehr tun kann als die Augen zu verdrehen, wird die Eingangstür schwungvoll aufgerissen.
„ANNA!!! ICH BIN WIEDER DAAA!", schallt uns eine fröhliche Stimme entgegen, ehe ein kleines Persönchen hineinstürmt und mir übermütig in die Arme springt, nachdem ich grade noch rechtzeitig auf die Knie gegangen bin.

Lachend drücke ich das sechsjährige Mädchen an mich, ehe ich mich wieder ein kleines Stück von ihr löse, um sie zu betrachten. Strahlend blaue Augen leuchten mit hinter einer eisblauen Brille entgegen. Wie üblich trägt sie ihre hellen Haare zu einem dicken Zopf geflochten und hat auch wieder ihr eisblau glitzerndes Prinzessinnenkleid an.
„Willkommen zurück, liebste Elsa! Geht's dir gut? Hattest du eine schöne Zeit?", will ich fröhlich wissen und erhalte ein energisches Nicken zur Antwort.
„Mir geht's prima! Ich hab so viel erlebt... und ich soll dich von Olaf grüßen! Und von Gale!", erwidert sie und wirft einen Blick über die Schulter, wo grade ihr Vater die Praxis betritt und mir ein müdes, verzeihendes Lächeln zuwirft, das ich aber wie immer mit einem sorglosen Kopfschütteln quittiere. Ich weiß, dass es ihm nach wie vor etwas unangenehm ist, dass seine Tochter mich so beansprucht, obwohl die beiden jetzt schon seit drei Wochen am Montag, Mittwoch und Freitag hierherkommen. Sonst aber immer eher in der Früh, weshalb Hiro die beiden zum ersten Mal sieht – und sichtlich irritiert ist. Deshalb weihe ich ihn erst Mal in unser Spiel ein. Ich lächle meine kleine Patientin an.
„Oh, vielen Dank... sag ihnen bitte auch schöne Grüße von mir! Du musst mir gleich alles erzählen, was im verzauberten Wald so los gewesen ist... aber zuerst will ich dir noch jemanden vorstellen: das da ist Hiro! Er... ist ein neuer Berater in unserem Palast!" Grinsend wende ich mich dem verdutzt wirkenden Teenager zu. „Hiro, das ist meine geliebte Schwester Prinzessin Elsa! Sie lebt nicht weit von hier im verzauberten Wald, aber sie kommt mich drei Mal die Woche besuchen... schließlich muss sie ja ein Auge darauf haben, ob ihre kleine Schwester Anna hier im Königreich Arendelle auch alles im Griff hat!"

Zum Glück scheint ihm der Disneyfilm „Frozen" irgendwie ein Begriff zu sein, denn er sieht aus, als würde er verstehen, was Sache ist... und wieso ich von „königlichem" Besuch gesprochen hab. Dass die beiden aber nicht wirklich adelig oder auch nur annähernd reich sind, lässt sich unschwer an den leicht mitgenommen aussehenden Klamotten des Vaters erkennen.
Die kleine Elsa macht einen sehr gekonnten Knicks zu Hiro hin.
„Oh toll, ein neuer Berater! Ich bin sehr erfreut, deine Bekanntschaft zu machen. Hey, du hast wieder Kekse!" Den Teller mit den Naschereien entdeckt, stürzt sie sich sofort darauf, was mir die Gelegenheit gibt, ihrem Vater den Kaffee zu reichen.
„Vielen Dank, Miss G... ich meine, Anna...", korrigiert er sich sichtlich verlegen, aber seine Tochter freut sich sichtlich darüber.
„Mhm... freut mich auch... Prinzessin", spielt zu meiner großen Erleichterung auch Hiro mit, obwohl er sich gleich darauf lieber wieder hinter einem Comic versteckt und sich damit aus dem Geschehen ausklinkt. Elsa, die eigentlich Stella heißt, verputzt glücklich ihren Keks, ehe sie ihre mitgebrachte „Frozen"-Handtasche öffnet und den Inhalt auf einen freien Stuhl kippt.
„Anna, deine Haare sind schon wieder so unordentlich! Setzt dich hin, ich mach dir eine neue Frisur!", eröffnet sie mir entschlossen, schlüpft aus ihren Turnschuhen und kniet sich auf den Stuhl daneben – bewaffnet mit Bürste und Haargummis. Schmunzelnd löse ich meinen Pferdeschwanz und setze mich vor sie auf den Boden, damit sie sich wie schon einige Male zuvor an meinen Haaren austoben kann. Wobei sie das für ihr Alter wirklich gut kann!

„Danke, Elsa... jetzt erzähl mir doch mal alles, was war in den letzten Tagen so los?", fordere ich sie auf, was sie sich nicht zweimal sagen lässt.
„So viel! Ich bin viel zusammen mit den anderen Northuldra zusammen gewesen. Gestern haben wir alle mit der Stammesältesten eine total leckere Gemüsesuppe gekocht! Ich hab die Kartoffeln geschält und geschnitten. Und dann haben wir mit Wasserfarben gemalt...", sprudelt sie gleich darauf los und erzählt mir damit von ihren Erlebnissen im Kindergarten, die sie in ihre Fantasiewelt einbaut, während sie sorgfältig meine Haare bürstet und beginnt, mir genauso einen Zopf zu flechten, wie sie ihn trägt. Dabei kann ich ihren Vater endlich genauer in Augenschein nehmen, der sich mit beiden Händen an seine Kaffeetasse klammert und müde die Augen geschlossen hat, unter denen deutliche Ringe zu sehen sind. Außerdem ist er unrasiert; sein drei-Tage-Bart unterstreicht nur das Gesamtbild von Erschöpfung... und Überforderung. Ich verkneife mir ein mitleidiges Seufzen; ich will ihn nicht um die kurze Auszeit bringen, die er hier bekommt. Stattdessen helfe ich ihm, indem ich mich mit seiner Tochter in die Welt der Eiskönigin stürzte und mit ihr ein ausschweifendes Gespräch über Arendelle und ihre fantasievollen Erlebnisse mit dem Schneemann Olaf und den magischen Elementen stürze.
Nie ist mir meine eigene Leidenschaft für Disneyfilme mehr zugutegekommen als jetzt! Was noch ein Grund ist, warum es Stellas Papa keineswegs unangenehm zu sein braucht: ich hab doch selber Spaß daran, Prinzessin Anna zu spielen... auch wenn dieses Spiel einen wirklich traurigen Hintergrund hat. Aber deshalb sind die beiden ja hier... und arbeiten gemeinsam mit Shanks daran, das Erlebte zu verarbeiten.

Nach einer halben Stunde ist meine Frisur endlich fertig. Beeindruckt betrachte ich mich in ihrem kleinen Plastikhandspiegel.
„Wahnsinn, Schwesterherz... da hast du dich selbst übertroffen! Jetzt sehe ich wieder genauso wunderschön aus, wie du! Ist die Schleife mit der Schneeflocke neu?", staune ich und ernte ein strahlendes Lächeln.
„Ja, die hat unser Vater mir gestern gekauft! Wir sind am Abend noch in ein Geschäft gefahren, kurz bevor sie zugemacht haben... ist sie nicht zauberhaft?"
Besorgt sehe ich, wie der Genannte leicht zusammenzuckt und schuldbewusst das Gesicht senkt. Oh nein, ist etwas vorgefallen?
„Ja, sie ist wirklich bezaubernd...", bestätige ich ihr und erhebe mich leise ächzend vom Boden. Auch klein-Elsa klettert wieder von ihrem Stuhl und zieht sich ihre Schuhe wieder an. „In zehn Minuten darfst du wieder zum großen Kaiser Shanks, musst du vorher nochmal auf die Toilette?", erinnere ich sie wissend, denn...
„Oh, ja! Bin gleich wieder da!" ...natürlich muss sie noch. Schon flitzt sie ins Patientenbad und schließt die Tür ab, und wenige Sekunden später beginnt sie dort laut verschiedene Lieder aus ihrem Lieblingsfilm zu singen.

Ihr Vater atmet schwer aus und stellt die leere Tasse auf den kleinen Tisch in der Mitte des Wartebereichs, ehe er sich fahrig durch das Gesicht streicht. Besorgt setze ich mich neben ihn.
„Kann ich Ihnen noch was Gutes tun, Mister McKiernan?", frage ich behutsam, was mit einem gequälten Laut beantwortet wird.
„Finden Sie einen besseren Vater für meine Kleine... das wär wohl das Beste für alle Beteiligten...", murmelt er tonlos, was mich in meiner Ahnung bestätigt. Vorsichtig lege ich ihm eine Hand auf den Arm.
„Was ist denn passiert?"
Es dauert einen Moment, doch dann sieht er mich gequält an.
„Ich hab sie angeschrien. Ich... ich war... müde und... als ich sie zum Abendessen gerufen hab, hab ich sie Stella genannt und sie hat mich sofort wieder korrigiert, dass sie nicht Stella sei, sondern Elsa... da hab ich plötzlich die Beherrschung verloren und sie angeschrien, dass sie endlich aufhören soll mit dem Mist und mir das auf die Nerven geht..." Kraftlos lässt er seinen Kopf wieder in seine Hände fallen. „Gott, es tut mir so verdammt leid... sie hat... keinen Ton mehr gesagt... saß ganz still auf ihrem Stuhl... darum hab bin ich mit ihr nochmal los und hab ihr die verdammte Schleife gekauft, damit sie wieder glücklich ist, aber... ach, ich weiß jetzt schon, dass ich sicher nicht zum letzten Mal die Beherrschung verloren hab!! Ich werd sie wieder anschreien... und gemein zu ihr sein... dabei will ich ihr doch gar nicht wehtun! Ich bin nicht gut für sie... ich sollte stark sein und... ihr Halt geben und so, aber... ich krieg das einfach nicht hin!"

Seine Worte und sein Anblick brechen mir schier das Herz. Sogar Hiro kommt hinter seinem Comic hervor und wirft dem Mann einen seltsam verschlossenen, nachdenklichen Blick zu. Ich seufze kurz und suche nach den richtigen Worten. Genau deshalb kommen die beiden immer so viel früher in die Praxis... Shanks hat das mit mir besprochen, er wollte ihnen mit meiner Unterstützung mehr Zeit und geschützten Raum verschaffen, um ein bisschen runterzukommen und bei Bedarf auch zu reden... später werde ich ihm dann davon berichten. Es macht mich ehrlich gesagt ziemlich stolz, dass er so großes Vertrauen in mich hat, dass er mich in seine Therapie miteinbezieht!
„Mister McKiernan... haben Sie schon vergessen, was Dr. La Roux Ihnen vor einer Weile schon gesagt hat? Sie müssen gar nicht stark sein für Stella. Sie braucht keinen unerschütterlichen Fels in der Brandung... sondern einen Menschen, der sie liebt! Und das tun Sie doch... das sieht man mehr als deutlich", entgegne ich leise und muss unwillkürlich lächeln, als vom Bad her der inbrünstige „Ich bin frei"-Gesang erklingt. Das braucht sie, um sich sicher zu fühlen. „Stella darf ruhig wissen, dass sie auch nur ein Mensch sind... dass es ihnen manchmal nicht gut geht und dass sie eben auch wie jeder andere Mensch Fehler machen! Natürlich ist es für sie nicht schön, wenn ihr Vater sie anschreit... aber erstens richten sie damit keinen irreparablen Schaden an und zweitens können Sie sich hinterher bei ihr entschuldigen und ihr erklären, warum es passiert ist. Stella ist ein sehr kluges, aufmerksames Mädchen... sie wird es verstehen, glauben Sie mir. Und wie Dr. La Roux schon gesagt hat: zu sehen, dass diese ganze Situation an ihrem Vater nicht spurlos vorbeigeht, sondern auch ihn traurig macht, kann ihr dabei helfen, dass auch sie sich irgendwann dem Erlebten stellt und den Schmerz in ihrem Inneren zulässt, statt sich in einer Fantasiewelt zu verstecken..."

Stellas Vater atmet gepresst durch, ohne mich anzusehen.
„Trotzdem... sie hätte jemand Besseren verdient. Ich weiß die meiste Zeit einfach gar nicht, was ich da überhaupt tue - oder wie ich weitermachen soll. Wie das alles wieder gut werden soll... wie wir... wieder ein normales Leben führen sollen...", flüstert er brüchig, was auch mich hart schlucken lässt. Er tut mir so leid... und meine Möglichkeiten, ihm zu helfen, sind mehr als begrenzt. Es sagt ja schon viel aus, dass er mir so private Dinge anvertraut; es scheint also nicht viele Menschen in seinem Umfeld zu geben, mit denen er sonst offen reden kann, falls er überhaupt jemanden hat. Dabei ist er wirklich ein netter, freundlicher Mann, der sein Bestes gibt, um mit der ganzen furchtbaren Situation klarzukommen und seiner Tochter ein guter Vater zu sein. Ich lächle traurig und drücke aufmunternd seine Schulter.
„Haben sie Stella einfach lieb, Mister McKiernan... und zeigen Sie ihr das auch. Glauben Sie mir bitte wenn ich Ihnen sage, dass es für ein Kind nichts Schlimmeres gibt als das Gefühl, nicht geliebt zu werden! Egal wie chaotisch es zugeht, egal wie schwierig die Zeiten sind und egal wie viel sonst so schiefläuft oder wie viele Fehler gemacht werden... wenn Stella die Gewissheit hat, dass sie bedingungslos geliebt wird und dass ihr Vater hinter ihr steht, dann wird sich irgendwann auch der Rest wieder einrenken. Dann bekommen sie beide das auch wieder hin, erst recht mit der Hilfe von Dr. La Roux. Vertrauen Sie ihm, ja?", bitte ich ihn und begegne seinem Blick ruhig, als er endlich wieder aufsieht. Schließlich huscht tatsächlich kurz ein dünnes Lächeln über seine Lippen, ehe er durchatmet und sich wieder etwas aufrichtet.

„Ihr Wort in Gottes Ohr... danke, Miss Gates, dass Sie sich so oft mein Gejammere anhören!", seufzt er etwas selbstironisch, was ich mit einem belustigten Schmunzeln beantworte.
„Immer gern! Und genauso gern spiele ich Anna und lass mir die Haare kämmen... machen Sie sich keine Gedanken mehr deshalb, ja? Wenigstens hier können Sie es sich einfach gut gehen lassen und eine Pause vom Grübeln machen!", versichere ich ihm aufrichtig. In diesem Moment kommt auch schon Stella zurück und schnuppert an ihren vom Waschen noch feuchten Händen.
„Die Seife riecht so gut hier! He, Anna... kann ich mir vielleicht ein bisschen Seife für zuhause mitnehmen? Bitte?", fragt sie fröhlich, was mich nachdenklich den Kopf schieflegen lässt.
„Hm... leider ist das nachfüllpack für den Seifenspender leer, aber wenn du ein kleines bisschen Geduld hast, dann besorge ich bis nächstes Mal neue und geb dir eins davon mit! Ist das in Ordnung?", schlage ich vor, was sie nach kurzem Überlegen mit einem Nicken absegnet.
„Okay, danke! Sag mal... hast du nicht gut geschlafen? Du siehst so müde aus heute, ist alles gut?", wechselt sie dann jedoch unvermittelt das Thema und sieht mich obendrein auch noch besorgt an, genau wie ihr Vater. Doch ich lächle beiden beruhigend zu.

„Keine Sorge, kleine Schwester mir geht's gut. Ich hab nur wirklich schlecht geschlafen, das hast du recht...", gebe ich zu - und sehe besorgt, wie ihr Blick sich auf einmal trübt. Leer wird.
„Hast du... Albträume? Ich hab auch oft Albträume... von ganz schlimmen Dingen...", flüstert sie und sieht dabei durch mich hindurch. „Dann kann ich... mich nicht bewegen, weißt du? Jemand hält mich fest... ich weiß nicht, was dann passiert, aber... es macht mir Angst..."
Alles in mir krampft sich zusammen bei ihren Worten; ich hab sogar für einen Moment lang Probleme, genug Luft in meine Lungen zu bekommen, weil sich mir wortwörtlich die Kehle zuschnürt. Erst das kaum hörbare Stöhnen von Stellas Vater, mit dem er sein Gesicht wieder hinter den Händen vergräbt, holt mich wieder etwas aus der Erstarrung. Impulsiv ziehe ich sie an mich und umarme sie fest. Wie gern würde ich ihr sagen, dass es nur ein Traum gewesen ist... aber das wäre eine Lüge.
„Jeder Albtraum geht zu Ende... das musst du dir merken, ja? Egal wie schlimm er ist. Irgendwann ist es vorbei... und eines Tages wirst du stark genug sein, dass er dir nichts mehr anhaben kann... dann bist du wirklich frei!", tröste ich sie mühsam beherrscht und spüre, wie sie schwer ausatmet. Einen Moment lang hält sie sich noch an mir fest, dann löst sie sich wieder von mir und reibt sich energisch über die Augen, ehe sie fast übergangslos ihr vorheriges Lächeln zurückgewinnt.
„Das mach ich, Anna! Ich werde auf jeden Fall stärker werden und alles Böse verjagen!", erklärt sie wildentschlossen – und quietscht gleich darauf freudig, als sie hört, wie sich endlich die hintere Tür öffnet und Schritte den Flur entlangkommen. „Kaiser Shanks!!", hörte ich sie nur noch jubeln, ehe sie ihm auch schon entgegenrennt.

Hab ich schon erwähnt, wie sehr sie den großen Kaiser anhimmelt?
„Ah, da ist ja meine kleine Prinzessin!", höre ich Shanks auch schon lachen, gefolgt von seinem üblichen „UFF", als die genannte Prinzessin ihn stürmisch überrennt.
Mit einem leisen Ächzen komme ich zurück auf die Beine und lächle Stephanie entgegen, die sich offenbar grade noch rechtzeitig vor dem Wirbelsturm in Sicherheit gebracht hat, der Doktor La Roux nun strahlend am Bein hängt. Sie schenkt mir ebenfalls ein belustigtes Lächeln, während sie mir ihre Patientenakte reicht. Sie hat diesen Ablauf nun schon ein paar Mal gesehen – nicht nur mit Stella – und wundert sich garantiert nicht mehr. Shanks besitzt grade bei kleineren Kindern eine geradezu magische Anziehungskraft, wobei das mit seinem ebenfalls sehr kindlichen Charme und seiner Ungezwungenheit wohl auch kaum verwunderlich ist.
„Da freut sich aber jemand...", kommentiert sie die Szene gutmütig, was mir wiederum ein warmes Gefühl beschert und mich wieder deutlich freier atmen lässt. Das grade eben hat mich unheimlich mitgenommen... aber an Stephanie kann ich sehen, wie schnell sich etwas zum Besseren verändern kann. Hab ich mich vor wenigen Wochen nicht erst darüber gefreut, dass sie mir eine halbwegs normale Antwort geben kann, ohne mich anzusehen, als wäre ich Lord Voldemort? Jetzt spricht sie mich sogar schon von sich aus an und lächelt dabei zwar noch schüchtern, aber deutlich offener. Das ist ein Riesen Fortschritt!
„Und wie sich da jemand freut... ABER DIE KEKSE WAREN NICHT FÜR ROTHAARIGE KAISER!", richte ich das Wort laut an den diebischen Arzt, der die Gelegenheit wie jedes Mal nutzt und die übrig gebliebenen Gebäckstücke hamstert. Er grinst mir jedoch nur entgegen und neigt erhaben sein Haupt in meine Richtung.
„Als Kaiser bin ich aber der Herrscher über diese Hallen und fordere meinen standartmäßigen Tribut an Keksen ein!", kontert er mit einem charmanten Zwinkern, ehe er Stella galant den Arm hinhält. „Wollen wir dann los, königliche Hoheit? Tschüss, Stephanie, bis nächste Woche!", verabschiedet er sich fröhlich von der Genannten, die ihm zustimmend nachwinkt und sich dann auch von mir verabschiedet.

Als die Tür hinter ihr zufällt, erlaube ich mir ein aufatmen in der nun wieder herrschenden Stille. Die Familientherapiestunde bei Marco wird noch weitere fünfundvierzig Minuten dauern, und das waren dann die letzten Patienten für heute. Ich bin ehrlich geschafft, als ich ins Wartezimmer zurückkehre und dort mit dem üblichen Saubermachen anfange.
„Ist sie das Mädchen aus dem McKiernan-Prozess, der seit Wochen in den Zeitungen ist?", durchbricht auf einmal Hiros leise Stimme die Ruhe. Überrascht sehe ich zu ihm auf, doch sein verschlossener Blick ist auf die Tür des Sprechzimmers gerichtet, in die Stella und ihr Vater verschwunden sind. Ich seufze tonlos.
„Du weißt, dass ich dir darauf keine Antwort geben kann", erinnere ich ihn an die berufliche Schweigepflicht, doch im Grunde ist es hier wohl nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen. Darum nimmt er meine Aussage wohl auch als ‚Ja'.
„Kein Wunder, dass sie lieber Prinzessin Elsa ist, nach dem, was sie erlebt hat...", murmelt er grimmig und holt eine Dose Energy aus seinem Rucksack. Seine Worte versetzen mir einen Stich, aber nur deshalb, weil er recht hat... Kindesmissbrauch ist eine grauenhafte Sache. Noch mehr, wenn es durch die eigene Mutter geschieht und vom Vater über ein Jahr lang nicht bemerkt worden ist. Wofür er sich bitterste Vorwürfe macht.

Für den Augenblick zu geschafft, um fertig aufzuräumen, lasse ich mich auf einen der Stühle fallen und schließe müde die Augen.
„Wenn jemand dauerhaft in die Rolle eines anderen schlüpft, kann nichts Gutes dahinterstecken. Weiter weglaufen als in eine ganz andere Welt kann man fast gar nicht...", entgegne ich deshalb möglichst allgemein, aber vermutlich hört man es mir an, dass mich das schmerzt. Wie könnte es auch nicht...
Eine Weile ist es still im Wartezimmer; einen Zustand, der mir nach dem anstrengenden Tag und den viel zu kurzen Nächten wirklich guttut. Auch Hiro schweigt eine ganze Weile nachdenklich, ehe er leise schnaubt.
„Aber warum musste es ein Disneyfilm sein?", murmelt er schließlich ungläubig und – stupst auffordernd mit seiner noch ungeöffneten Dose gegen meinen Oberarm. Auf meinen verdutzten Blick hin schnauft er. „Wenn Sie vor Müdigkeit umfallen, muss ich aufstehen und einen ihrer Psychodocs holen... da hab ich keine Lust zu!"
Mir entkommt ein leises Prusten, während ich mir gleichzeitig alle Mühe gebe, mir meine Freude über dieses Angebot nicht anmerken zu lassen. Auch wenn er es hinter seiner gewohnt mürrischen Art versteckt: er will grade wirklich nett zu mir sein... oder mich sogar aufmuntern. Und ablenken. Er kommt langsam wirklich aus seinem Schneckenhaus heraus!

Darum nehme ich die angebotene Dose auch ohne Widerspruch an, es ist eine wirklich liebe Geste von ihm, die ich absolut zu schätzen weiß. Soviel zu seiner vorgetäuschten Gleichgültigkeit.
„Danke... ist wohl wirklich nötig. Und ich kann Kaffee langsam nicht mehr sehen...", entgegne ich wahrheitsgemäß – den hab ich wohl in letzter Zeit wirklich nicht in Maßen, sondern in Massen konsumiert. Trotzdem hebe ich gespielt drohend den Zeigefinger. „Aber hey: kein Wort gegen Disneyfilme, klar?"
Hiro entkommt ein unterdrücktes Prusten.
„Wieso? Oh, Moment... hängt es vielleicht damit zusammen, dass Sie Hakuna Matata als Handyklingelton haben und gern Prinzessin spielen?", frotzelt er, woraufhin ich mich erhaben von ihm abwende und an dem Getränk in der Dose nippe. Gleich darauf hebe ich überrascht die Brauen.
„Hey, das ist ja echt lecker!", entkommt es mir und nehme direkt noch einen großen Schluck – der mir allerdings vor Lachen beinahe wieder aus der Nase rausgeschossen kommt, weil der Junge mich daraufhin ansieht, als wäre ich ein Alien.
„Ernsthaft? Sie haben noch nie Energy getrunken?! Wie alt sind Sie, hundertundfünf?", will er regelrecht fassungslos wissen, was mich eindeutig empört die Augen zusammenkneifen lässt. Jetzt wird es aber hinten höher als vorne, Bürschchen! Das kratzt doch ein klitzekleines bisschen an meiner Eitelkeit.
„Also bitte! Seh ICH vielleicht aus wie hundertundfünf?! Und wenn du jetzt Ja sagst, schwöre ich dir, dröhne ich dich von jetzt an mit Disneyliedern zu, sobald du auch nur einen Fuß in die Praxis setzt!"

Ich kann ihm an der Nasenspitze ansehen, dass ihm das rebellische ‚Ja' schon auf Kehlkopfhöhe hängt, doch als ich drohend mein altes Handy zücke und meine beeindruckend lange Playlist unter die Nase halte, verkneift er es sich grinsend. Allerdings nur um...
„Schon gut, schon gut... aber jetzt bin ich neugierig: kennen Sie schon DIESE exotische Delikatesse? Ganz große Neuheit auf dem Markt!" ...eine Tüte Schokorosinen aus seinem Rucksack zu ziehen.
Ich darf keine Patienten übers Knie legen, oder?
Gefangen in einer verwirrenden Gefühlsmischung aus empörtem Unglaube darüber, dass mich hier grade ein Vierzehnjähriger erfolgreich gedisst hat, Freude darüber, DASS er mich hier grade so fröhlich disst, und geradezu überwältigendem Heißhunger auf diese kleinen Köstlichkeiten, blinzle ich überfordert die Tüte an. Dann schüttle ich schließlich mit einem geschlagenen Schmunzeln den Kopf und gönne ihm das triumphierende Grinsen.
„Oh mein Gott... NEIN, was ist DAS denn? Hab ich ja tatsächlich noch nie gesehen!", entgegne ich deshalb übertrieben erstaunt... ehe ich verschmitzt lächelnd meine Hand ausstrecke. „Lass mich doch mal probieren und erleuchte mich, großer Weiser! Sonst muss ja unwissend bleiben..."
Jetzt wandern seine Brauen steil nach oben, aber der Schalk in seinem Blick bleibt – was mich unheimlich fröhlich stimmt, denn so hab ich ihn wirklich noch nie erlebt. Dieses Rumalbern mit mir scheint ihm eindeutig zu gefallen.

„So läuft das also... gibt man Ihnen den kleinen Finger, nehmen Sie gleich die ganze Hand, was? Ist das pädagogisch oder psychologisch wertvoll, Miss Gates?", fragt Hiro mich klugscheisserisch, woraufhin ich mich demonstrativ zu der großen Uhr an der Wand hinter dem Empfangstresen wende.
„Ups, was sagt man dazu... deine Therapiestunde ist schon lange vorbei, also bin ich nicht dazu verpflichtet, mich penibel korrekt zu verhalten", kontere ich unbekümmert und wackle auffordernd mit den Fingern. „Also werd ich nun erleuchtet oder muss ich mich selbst in die futuristische Welt eines Supermarktes begeben, um mich fortzubilden?" Ja, vielleicht hab ich grade wirklich Heißhunger auf was Süßes. Aber vor allem möchte ich diese herrlich ungezwungene Situation weiter aufrechterhalten... denn hey, vielleicht hab ich damit grade wirklich einen Zugang zu ihm gefunden! Falls das so ist, wäre das nämlich fantastisch.
Mit einem gespielt empörten Schnauben öffnet der Blauhaarige die Tüte und schüttet mir tatsächlich eine ordentliche Portion Schokorosinen in die Hand.
„Nächstes Mal lass ich mir das aber bezahlen, klar? Das war nur ne einmalige gratis Kostprobe... ist schließlich der gute Stoff!", droht er scherzhaft, was ich mit einem breiten Grinsen quittiere.
„Oh, du bist also professioneller Dealer, hm? Gut zu wissen... na gut, dann bestell ich für nächstes Mal doch direkt das Gesamtpaket aus Koffein und Zucker – ich steck dir das Geld dafür auch ganz diskret zu, versprochen!", entgegne ich mit einem gekonnt zwielichtigen Lächeln und lasse gleich mehrere der erbeuteten Köstlichkeiten in meinem Mund verschwinden. Man, sind die lecker... genau das hab ich jetzt gebraucht! „Also wie siehts aus, haben wir einen Deal?"

Hiro gluckst und lehnt sich sichtlich zufrieden zurück, ehe mir aber dann doch einen warnenden Blick zuwirft.
„Deal. Aber kein Wort zum Doc, sonst ist er geplatzt und ich red kein Wort mehr mit Ihnen!", droht er wenig überraschend – denn auch, wenn er Marco gegenüber nicht mehr ganz so feindselig ist, weigert er sich nach wie vor hartnäckig, mehr Worte als für Begrüßung und Abschied notwendig sind mit ihm zu wechseln. Was dieser auch weiterhin vorbehaltlos akzeptiert.
„Aye, Sir! Ich werde nichts hiervon erwähnen, versprochen!" Ich salutiere scherzhaft, ehe ich mit einem bedauernden Seufzen wieder erhebe. Das Telefon klingelt nämlich und ich muss mich wieder an die Arbeit machen... der Feierabend ist leider noch nicht ganz da. Immerhin hab ich dann nur noch einen Arbeitstag und dann ein herrlich langes Wochenende vor mir, aber... eins ohne Marco, was die Vorfreude darauf schon wieder deutlich schmälert. Aber immerhin bin ich mit Hiro einen kleinen Schritt weitergekommen! Wenigstens damit kann ich ihm auf lange Sicht hoffentlich helfen, das tröstet mich etwas über meine eigene Feigheit hinweg.
„Praxis Doktor Newgate und Doktor La Roux, guten Tag?", melde ich mich freundlich und werfe dabei einen erneuten, kurzen Blick ins Wartezimmer, wo Hiro schon wieder hinter einem seiner Comics verschwunden ist. Es ist faszinierend, aber genau diese Entwicklung hat Marco vorhergesehen...

„Tust du mir einen Gefallen?"
Fragend sehe ich zu Marco hoch, auf dessen Schoß ich es mir gerade gemütlich gemacht habe. Er hat diesen nachdenklichen, leicht abwesenden Blick, wie immer, wenn er über irgendwas grübelt. Zumindest, bis er sich mit zuwendet und mich aufmerksam ansieht.
„Klar doch, um was geht's?", will ich neugierig wissen. Er streicht mir schmunzelnd eine verirrte Strähne aus der Stirn.
„Es geht um Hiro. Nachdem er ja jetzt öfter und vor allem länger in der Praxis sein wird, kann es gut sein, dass du früher oder später zu einer Art Bezugsperson wirst, yoi?", beginnt er und ich sehe ihn überrascht an.
„Ich? Meinst du wirklich?", hake ich etwas skeptisch nach. Dass ich das für kleinere Kinder wie Stella oder schüchterne Mädchen wie Stephanie sein kann, weiß ich. Aber bei so einem verschlossenen, abweisenden Jungen? Doch Marco nickt prompt.
„Ich kann mich zwar täuschen, aber doch, das glaube ich schon. Nach allem, was ich gesehen, du mir erzählt und ich von Vater und Vista aus dem Heim gehört hab, bist du offenbar diejenige, zu der er am wenigsten unfreundlich ist. Vermutlich, weil du eine Frau bist und auch keine Therapeutin, die direkt etwas von ihm will oder erwartet. Du arbeitest für mich, was dich erst mal für ihn unsympathisch macht... aber du bist keine direkte Bedrohung. Wenn er mehr Zeit mit dir verbringt, egal wie passiv das auch sein mag, vermute ich stark, dass sich seine Meinung über dich ändern könnte", erklärt er ernst, was nun auch mich nachdenklich die Stirn runzeln lässt.

„Hm... okay, klingt einleuchtend... und falls es so kommt: wie soll ich mich dann in dem Fall verhalten? Ich meine... ich bin ja wirklich keine Therapeutin und kann ihm doch bei seinen Problemen keine große Hilfe sein; aber sobald ich dich erwähne, wäre es sicher ganz schnell wieder vorbei mit dem Bezug, oder?", spreche ich meine Bedenken laut aus. Marco brummt zwar zustimmend, doch sein warmes Lächeln, mit dem er mich bedacht, zaubert mir wie immer zuverlässig Schmetterlinge in den Bauch.
„Stimmt... darum erwähne mich auch nicht, yoi?" Auf meinen verwirrten Blick hin lacht er leise. „Bevor Hiro einen Therapeuten braucht, braucht er erst mal eine Bezugsperson. Jemanden, bei dem er sich sicher fühlt... dem er wenigstens ein Stück weit vertraut. Der Junge hat im Augenblick wirklich niemanden, den er an sich heranlässt... was auch der Grund ist, weshalb er immer wieder zu seinem Vater abhaut, obwohl er ihn misshandelt. Aber er ist die einzige vertraute Person, die er hat... und das müssen wir ändern. Im Grunde genommen verhält er sich ganz ähnlich wie ich damals, yoi? Nur dass er nicht aggressiv um sich schlägt, sondern sich von allen abschottet..."
Jetzt fällt der Groschen bei mir und ich nicke verstehend.
„Du meinst, er braucht einen Thatch. Ohne Thatch hättest du dich damals auch deinem Vater nicht geöffnet, stimmts?"

„Ganz genau. Thatch hat damals dafür gesorgt, dass ich mich nicht mehr ganz so ungewollt gefühlt hab... dass ich meine Abwehr langsam fallenlassen konnte und mich getraut hab, auch zu anderen Vertrauen zu fassen, yoi? Also wenn ich recht behalten sollte und er dir gegenüber offener wird... dann lass es einfach zu und halte mich da raus. Ich muss nicht wissen, was er dir vielleicht erzählt oder über was ihr redet... mir reicht es völlig zu hören, DASS ihr redet! Es muss auch nichts Wichtiges sein... du sollst ja wirklich nicht seine Therapeutin sein, sondern ihm nur dabei helfen, Vertrauen zu fassen! Ich werde einfach weiter geduldig drauf warten, bis ER mit mir reden will...", führt er seinen Gedankengang aus – und entlockt mir damit plötzlich ein halb belustigtes, halb empörtes Glucksen, als sich ungewollt mein Kopfkino einschaltet.
„Hey, missbrauchst du mich hier grade als Therapiehund?", werfe ich ihm lauernd vor und tippe ihm spielerisch mit dem Zeigefinger auf die Brust, woraufhin er prustend auflacht. Im nächsten Moment hat er sich auch schon zu mir runtergebeugt und mich zu einem übermütigen Kuss an seine Lippen gezogen.
„Wenn überhaupt, dann BEFÖRDERE ich dich zum Therapiehund, yoi?", korrigiert er mich und lächelt verschmitzt, während parallel dazu auch der Schalk in seine Augen tritt. „Und davon abgesehen bist du doch..."
Sofort drücke ich ihm den Zeigefinger vor den Mund. Ich weiß ganz genau, was der Blödmann sagen will!
„Pscht! Wag es ja nicht, mein Freund...", drohe ich ihm mit erbost zusammengekniffenen Augen. Sein Grinsen wird breiter, als er frustrierend mühelos meine Hand nach unten drückt und gleich auch noch vorbeugend die Zweite einfängt. Denn natürlich kann er es sich nicht nehmen lassen, den Satz zu vollenden.
„...und davon abgesehen erfüllst du doch schon die wichtigste Grundvoraussetzung für einen guten Therapiehund, so niedlich wie du bist!"

„...kein Problem, dann ist der Termin für Dienstag abgesagt. Gute Besserung wünsche ich Ihrem Sohn!", beende ich das Telefonat und lege auf. Ein ziemlich fieses Lächeln legt sich auf meine Lippen, als ich an dieses Gespräch mit Marco zurückdenke. Mein armer Liebster hat sich in dem Moment wohl ziemlich sicher gefühlt, so mit meinen Händen gefangen in seinem stahlharten Kickboxer-Griff.
Dass ich auf seinem Schoß liegend mit einer kleinen Kopfdrehung meine Zähne aber ganz schnell an eine ganz andere Stelle bringen konnte, hat er nicht bedacht.

Aber dafür hat er an diesem Tag eine sehr wertvolle Lektion gelernt... und wird mich mit großer Sicherheit wohl nie mehr niedlich nennen.

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