Einen wunderschönen guten Mittag ihr Lieben!
Ich hoffe, ihr seid alle gut in die Adventszeit gestartet, seid nicht im Sack vom Krampus gelandet und auch noch nicht im Panikmodus wegen dem bevorstehenden Weihnachten und eventueller Geschenkelücken? ;D
Na zumindest ich hab hier schon mal ein kleines, verfrühtes Päckchen für euch: nach laaaaanger Wartezeit endlich mal wieder ein neues Kapitel!!
Ich weiß, das war wieder echt lang... aber auch wenn ich Sina wirklich liebe (in diesem Kapitel mal wieder ganz besonders, höhöhö), ist und bleibt sie eben nur mein kleines(?) Nebenprojekt, das leider eben öfter mal zurückstecken muss. :(
ABER: wir nähern uns tatsächlich laaaangsam dem Ende dieser Geschichte! Ab nächstem mal beginnt der finale Abschnitt. Ich würde im Augenblick mal grob schätzen, dass es noch um die zehn Kapitel sein werden, die da kommen - sofern mir nicht spontan wieder mal irgendwas einfällt, dass die ganze Sache ungeplant noch länger macht. Ich hoffe nicht, aber wissen kann mans bei mir nie! Ich überrasche mich leidenschaftlich gern selbst und verfluche mich auch genauso oft. xD
Darum mal eine Frage an euch:
Was würdet ihr euch in diesen letzten Kapiteln noch wünschen? Würde mich sehr interessieren, vielleicht lässt sich das ein oder andere ja auch noch einbauen. ;)
Ansonsten wünsche ich euch an dieser Stelle schon mal frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!! Ich bin so froh, dass ich trotz der langen Uploadzeiten so viele treue Leser habe - ich danke euch von ganzem Herzen für euren Support, das ist so ungemein wertvoll für mich! <33
Wir lesen uns hier dann irgendwann im neuen Jahr wieder. Haltet die Ohren steif!! :-*
GlG
Ancarda
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~ Sina ~
„Ups, tschuldige!" Verzeihend sieht mich der riesige, muskulöse Kerl mit dem blonden Topfhaarschnitt an, der mir beim Tanzen grade auf den Fuß getreten ist. Nicht zum ersten Mal. Doch ich verkneife mir jeden Schmerzlaut und schmunzle ihn an.
„Kein Problem, bin hart im Nehmen!", antworte ich belustigt, woraufhin er erleichtert lacht und mich sofort weiter über die Tanzfläche wirbelt. Ohne Rhythmusgefühl, ohne spezielle Schritte, einfach nur wildes, ausgelassenes Herumgehopse, wie die es die meisten anderen um uns herum auch tun und wie es Marcos zahllose Brüder zuvor ebenfalls getan haben. Manche einzeln, andere zu zweit oder in kleinen Gruppen. Es sieht furchtbar witzig aus, weil sich hier wirklich niemand drum schert, was für eine Figur er da grade macht... und genau das ist es, was mich hier seit fast zwei Stunden ununterbrochen lachen und grinsen lässt. Ernsthaft, ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel Spaß auf einer Feier!
Da nehm ich den ein oder anderen gebrochenen Mittelfußknochen gern in Kauf, Dew ist schließlich keineswegs der erste gewesen, der daran mitgewirkt hat.
Als das Lied endet, klopft mir mein Tanzpartner gut gelaunt und ziemlich kräftig auf den Rücken.
„Danke, hat Spaß gemacht! Marco hat sich echt die richtige ausgesucht... halt ihn dir ja bei der Stange, klar?", grinst er, was mir ein warmes Gefühl beschert und mir ebenfalls ein breites Lächeln entlockt.
„Freut mich zu hören, ich werd mich bemühen! Und falls er nicht spurt, weiß ich ja, wo ich mich hinwenden muss", erwidere ich schmunzelnd, was ihn dröhnend auflachen lässt.
„Aber sowas von! Dem machen wir schon Feuer unterm Hintern, wenn ers verkackt...", verspricht er mit einem diabolischen Funkeln in den Augen – genau wie der ein oder andere seiner Brüder zuvor auch. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das an meiner einnehmenden Persönlichkeit liegt oder nicht eher vielmehr daran, dass sie alle durch die Bank so unfassbar erleichtert sind, dass Marco endlich wieder vergeben ist. Ich tippe ja vor allem auf letzteres, aber nachdem ich mich bisher mit allen gut verstehe, ist es wohl eine Mischung aus beidem.
„Darf ich um den nächsten Tanz bitten?"
Meine schmerzenden Füße jaulen instinktiv auf, aber schon eine Sekunde später atme ich unwillkürlich SEHR erleichtert auf, als sich eine sehr vertraute Hand in mein Sichtfeld schiebt.
„Ausgesprochen gern!", antworte ich regelrecht inbrünstig und greife danach, was Sabo ein heiteres Prusten entlockt. Gekonnt legt er einen Arm um meine Taille und leitet den Tanz mit einer eleganten Drehung ein, ehe wir auf angenehm vertraute Art – und vollkommen schmerzfrei – zum Rhythmus des etwas langsameren Liedes zusammen über die Tanzfläche gleiten. Zum ersten Mal seit langem... das Gefühl schnürt mir kurzzeitig die Kehle zu und lässt mich blinzeln, doch ich fange mich schnell wieder.
„Marco ist kein Tänzer, hm? Und seine Brüder... auch nicht. Nicht im klassischen Sinne", schmunzelt Sabo und linst halb besorgt, halb belustigt auf meine Füße. „Wie schlimm ist es?"
„Ich kann den Schmerz noch wegatmen... von ein paar gebrochenen Knochen lass ich mich doch nicht aufhalten!", übertreibe ich mit tapferer Jammermiene, ehe meine Augen zu meinem Liebsten huschen, der zusammen mit Ace und ein paar anderen bei seinem Vater sitzt und sich bestens unterhält. Unsere Blicke kreuzen sich aber oft genug; er lässt mich nicht aus den Augen.
„Und nein, er tanz nicht gern... dein Herzblatt aber scheinbar auch nicht! Was mich allerdings irgendwie nicht sonderlich überrascht..." Mir den ungeduldigen, feurigen Ace bei klassischen Tänzen vorzustellen, fällt mir nämlich ausgesprochen schwer.
Mein Bruder lacht leise auf und lässt mich gekonnt mehrmals um die eigene Achse wirbeln, ehe er mich wieder zu sich zieht und unsere Schritte vollkommen synchron über den Rasen tanzen.
„Ja... ich fürchte, zu diesem Hobby werde ich ihn eher nicht überreden können. Was für meine Nerven – und meine eigenen Füße – vermutlich auch das gesündere ist!", erwidert er glucksend, ehe sein Ausdruck sanfter wird. „Aber zum Glück hab ich meine Lieblings-Tanzpartnerin ja wieder... mehr brauch ich gar nicht!"
Ich schenke ihm ein liebevolles Lächeln. Eins der wenigen Dinge aus meinem alten Leben, die ich immer gemocht habe, war das Tanzen. Sabo und ich haben es zusammen gelernt und auch viel Zeit zuhause damit verbracht – eins der wenigen Dinge, die wir mit Zustimmung unserer Eltern tun durften, so viel wir wollten, weil es ja unserem Ansehen förderlich gewesen ist. Aber auch bei offiziellen Anlässen hat es Sabo geschafft, mich dadurch überwiegend für sich zu beanspruchen und von langweiligen Gesprächen und Verehrern zu erlösen. Ich liebe es noch immer, mit ihm zu tanzen... es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
„Glaub mir, ich bin so froh darüber... ich hab es ehrlich vermisst!", flüstere ich aufrichtig und verpasse ihm einen schnellen Kuss auf die Wange.
„Frag mal... ich doch mindestens genauso!", seufzt er und drückt mich für einen Augenblick enger als nötig an sich. „Aber es sieht so aus, als hätten wirs jetzt endlich geschafft, oder?" Sein Blick schweift warm über die vielen fröhlichen Menschen um uns herum, die uns inzwischen sogar einen Kreis frei gemacht haben. Manche tanzen weiter, andere sehen uns zu. Eine Tatsache, die meine Wangen warm werden lässt, aber zum ersten Mal ist mir die Aufmerksamkeit nicht unangenehm. Die Blicke auf uns sind weder neidisch noch kritisch noch irgendwie wertend oder berechnend – sie sehen uns einfach ganz normal zu und freuen sich. „Sowas hab ich mir immer für uns gewünscht, Sia... genau das. Manchmal hab ich aber dran gezweifelt, ob es das für uns geben könnte..."
Diesen Gedanken kann ich absolut nachvollziehen, weshalb ich zustimmend schnaufe.
„Ich dachte auch oft, dass das ein Wunschtraum bleiben würde... oft genug hab ich überhaupt nicht mehr an sowas wie ein Happy End geglaubt", gebe ich leise zu, doch bei der nächsten Drehung fange ich erneut Marcos Blick auf, der strahlend auf mir liegt und jede aufkommende Düsternis sofort vertreibt. Aber da ist auch etwas seltsam Schmerzliches in seinen Augen... doch bevor ich darüber nachdenken kann, ist er schon wieder außer Sicht. Ich lächle zu meinem Bruder hoch. „Aber ja: sieht ganz so aus, als hätten wir es doch geschafft! Und sogar weit mehr bekommen, als wir je zu hoffen gewagt haben. Ich zumindest..."
„Nein, nicht nur du! Ace ist für mich schon der absolute Jackpot, aber seine Freunde und Familie setzen da nochmal eins drauf", versteht er sofort, was ich meine. Dabei wird sein Blick aber erneut ein wenig besorgt, während er mich aufmerksam mustert. „Wie fühlst du dich damit? Du hattest so viel Angst vor dem Kennenlernen... wie ist es jetzt? Fühlst du dich einigermaßen gut damit oder... fällt es dir sehr schwer?"
Diese Frage bringt mich selbst kurz zum Grübeln, während meine Augen unsicher zu Marcos Vater huschen, der grade seinen Enkel auf dem Schoß hat und sich scherzhaft mit dem kleinen Vigo um einen Lutscher streitet. Ja, ich hab mich wirklich wahnsinnig vor diesem Treffen gefürchtet... aber...
„Es war... irgendwie weniger schlimm als gedacht", spreche ich meine Gedanken laut aus. „Sags ihm bloß nicht, aber Izou hat mir echt einen Gefallen getan, indem er mich hierzu genötigt hat. Wobei es sehr geholfen hat, dass er mir gesagt hat, dass das Marcos Vater nicht automatisch meiner ist! Und... er verhält sich auch so. Ich weiß nicht, ob Marco oder ein anderer mit ihm geredet haben, aber... ich hab wirklich nicht das Gefühl, als würde er mich zu irgendwas drängen wollen oder als würde er etwas von mir erwarten. Verstehst du, was ich meine? Er ist echt nett und... ich fühl mich hier willkommen und vorhin konnte ich ziemlich locker mit ihm über die Arbeit in der Praxi reden, aber... das wars auch schon. Ich hab mir das einfach schlimmer vorgestellt, weil Marco und seine Brüder alle so ein unglaublich enges Verhältnis zu ihm haben und ich dachte, dass... dass ich da irgendwie mitziehen muss! Aber anscheinend hab ich mich da getäuscht... zum Glück!"
Sabo hört mir schweigend zu, während ein Lied in das nächste, deutlich schnellere übergeht und uns beiden automatisch ein Grinsen entkommt, als wir vom Walzer in einen flotten Fox wechseln.
„Ich weiß, was du meinst... und ich glaube nicht, dass irgendjemand mit ihm geredet hat. Ich kenne Ace' Vater ja jetzt doch schon ein bisschen länger und ich muss sagen, dass ich unglaublich viel von diesem Mann halte. Er hat eine fast schon unheimlich gute Menschenkenntnis... und ein beeindruckend großes Herz. Es kommt nicht von ungefähr, dass Ace, Marco und die anderen ihn so lieben!", antwortet er mit aufrichtiger Bewunderung in der Stimme, bevor er gleich darauf kurz das Gesicht verzieht. „Umso schlimmer, dass unsere unterirdischen Erzeuger es so meisterlich verkackt haben, dass du dich bei einem Menschen schwertust, der die Bezeichnung Vater in jeder Hinsicht verdient hat! Allein dafür würd ich ihnen gern nochmal in den Whiskey pinkeln..."
Unwillkürlich pruste ich los bei der herrlich gehässigen, tief befriedigenden Vorstellung.
„Nächstes Mal nimmst du mich gefälligst mit – ich würde sogar zum Essen bleiben und zusehen, wie sie ihn trinken! Und ihnen zum Abschied ins Bett kacken", erkläre ich ziemlich undamenhaft, was nun wiederum ihn losprusten lässt.
„Deal! Wobei ich dich ehrlich gesagt nicht mehr in ihre Nähe lassen würde... schließen wir dieses unselige Kapitel unseres Lebens lieber endgültig ab, Schwesterherz. Wir haben jetzt ein neues Leben, ein sehr, SEHR viel besseres, wir sind zusammen und haben Menschen, die uns wirklich aufrichtig lieben...", erklärt er entschlossen und setzt zur finalen Hebefigur an. Mit zuversichtlich glänzenden Augen folge ich seiner Führung, springe im richtigen Augenblick ab, stütze mich auf seine Hände und drehe mich in der Luft mit ihm zusammen zu den letzten Takten des Liedes. Ohne den Druck von außen, ohne die sorgenvolle Frage im Hinterkopf, was am Ende des Tanzes wohl auf mich zukommt, macht das Tanzen mit ihm gleich dreimal so viel Spaß! So viel, dass ich ausgelassen auflache und auch ihm ein breites Lächeln entlocke, während er mich unter dem spontanen Applaus unserer Zuschauer wieder runterlässt und mich liebevoll umarmt. „...und ich bin mir absolut sicher, dass wir es schaffen, unsere Altlasten abzuwerfen! Wir gönnen es diesen ganzen machtgeilen Snobs nicht, auch unsere Zukunft noch irgendwie zu beeinflussen. Einverstanden?", fügt er in mein Ohr flüsternd hinzu und hält mir auffordernd den kleinen Finger hin.
Unsere Altlasten abwerfen... kurz durchfährt mich ein schmerzhafter Stich, während zugleich automatisch Zweifel und Unsicherheit in mir aufkommen wollen. Doch nur kurz, dann dränge ich sie entschlossen zurück. Nein, Sabo hat vollkommen recht! Ein besseres Leben als das hier hätte ich mir doch gar nicht träumen lassen können, oder? Ich bin wirklich verdammt glücklich... und das will ich mir absolut nicht mehr nehmen lassen. Ich will es genießen, in vollen Zügen und in jeder Hinsicht! Und auch, wenn mir der Gedanke noch immer Angst macht, aber nach diesem wundervollen Abend und all den tollen Menschen, die ich kennengelernt hab, bin ich mir in einer Sache absolut sicher: ich möchte eines Tages wirklich ein fester Teil dieser Familie sein. Egal wie viel Arbeit mich das auch kosten wird oder wie lang es dauert. Allein schon Marco zuliebe, weil es das ist, was er sich am meisten wünscht... aber auch meinem inneren Kind zuliebe, das sich immer gefragt hat, wie sich eine richtige Familie wohl anfühlt. Echte Eltern... unwillkürlich erschauderte sie leicht und ihr innerstes krampfte sich furchtsam zusammen, sodass ich den Gedanken schnell wieder sein lasse. Soweit bin in absolut noch nicht, aber ich will es versuchen. Schmunzelnd hake ich deshalb mit meinem eigenen Finger ein und besiegle das Versprechen.
„Abgemacht! Die Zukunft gehört uns..."
„...und die lassen wir uns nicht durch die Vergangenheit versauen!", ergänzt Sabo und küsst mich liebevoll auf die Stirn.
„Woha... hab gar nicht gewusst, dass du so ein guter Tänzer bist!", kommt es da übermütig von Ace, der seinem Liebsten jäh auf den Rücken springt und ihn damit beinahe zu Fall bringt. „Das war echt heiß...", raunt er ihm ins Ohr und beißt ihm auch noch ins Ohrläppchen. Ich kann mir ein fettes Grinsen nicht verkneifen bei dem ungewohnt feurigen Blick meines Bruders, der grade sichtlich um Beherrschung ringt.
Und verliert.
„Ahja? Dann komm, ich zeig dir mal ein paar Schritte... mal sehen, ob du die Disziplin hast, mitzuhalten!", antwortet er gedehnt, greift ihm mit beiden Händen unter den Hintern und marschiert mit dem vorfreudig grinsenden Ace auf dem Rücken sehr zielstrebig und schnell durch die erneut ausgelassen tanzende Menge hindurch Richtung Hauptgebäude. Wer hätte gedacht, dass mein unerschütterlicher großer Bruder einmal so heißblütig sein würde! Leise in mich hineinkichernd verlasse ich schnell die Tanzfläche, bevor mich irgendwer wieder auffordern kann – langsam tun mir ernsthaft die Füße weh.
„Hach, es geht doch nichts über die leidenschaftlichen Triebe Frischverliebter!", seufzt Izou übertrieben schmachtend und rutscht zuvorkommend einen Stuhl weiter, damit ich mich neben Marco setzen kann. Seine Augen folgen belustigt Ace und Sabo, die soeben in eindeutiger Absicht in dem riesigen Haus verschwanden.
„Jep, die sehen wir heute nicht mehr wieder", stimmt Thatch breit grinsend zu, ehe er mir eine Kusshand zuwirft. „Aber ganz zauberhaft getanzt, meine zuckersüße Elfenkönigin!"
Schmunzelnd fange ich das Küsschen ab und drücke es mir ans Herz, bevor ich eine gekonnte Verbeugung andeute.
„Oh, vielen Dank für das Kompliment, du Charmeur!" Kaum hab ich mich wieder aufgerichtet, zieht Marco mich zu einem überraschend intensiven Kuss an sich und begegnet meinem überraschten Blick lächelnd, aber noch immer mit diesem seltsam ernsten Ausdruck in den Augen.
„Ich kann mich Thatch nur anschließen, ihr habt unglaublich getanzt, yoi?"
„Was man von manch anderen nicht behaupten kann... wie schlimm steht es um deine Füße? Kann man sie noch reparieren oder brauchst du Prothesen?", feixt Curiel, was ihm prompt entrüstete, pikierte Blicke von ein paar seiner anwesenden Brüder einhandelt.
„EY! Also so schlimm waren wir auch nicht!", protestiert Dew und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Überhaupt nicht, so gänzlich talentfrei sind wir auch nicht, oder Sina?", schließt sich Atomos beleidigt an, der wohl am dichtesten dran gewesen ist, mir wirklich mindestens einen Zeh zu brechen. Deshalb richte ich meinen Blick bei meiner Antwort auch eher auf Vista und Izou, die einzigen Tanzpartner der vergangenen Stunden, die mir keine Schmerzen zugefügt haben.
„Ach, was... es hat auf jeden Fall Spaß gemacht!", lautet meine diplomatische und ja immerhin auch vollkommen der Wahrheit entsprechende Erwiderung, die mir den zufriedenen Blicken nach zu urteilen offensichtlich einige Sympathiepunkte einbringt.
„Das musste sie sagen... wer will sich schon am ersten Tag unbeliebt machen, indem er die Wahrheit ausspricht! Aber trotzdem, sie hat ja schon meinen tiefsten Respekt dafür verdient, dass sie kein einziges Mal geweint hat. Obwohl man den Schmerz nur durchs Zuschauen gefühlt hat", macht Haruta trocken meine Bemühungen zunichte – denn ich kann nicht anders, als laut aufzulachen, zusammen mit allen übrigen am Tisch.
„GUARHARHAR! Nachdem sie meinen dickköpfigsten Sohn geknackt hat, hab ich nichts anderes erwartet – aus Zucker ist sie zweifellos nicht, stimmts Mädchen?", lacht auch Edward heiter und leert zum x-ten Mal seine Sakeschale. Ernsthaft, mir ist schleierhaft, wo er das hintrinkt – und wieso er nicht längst bewusstlos unter dem Tisch liegt, sondern im Gegenteil sogar noch aufrecht dasitzt und nicht mal lallt. Lediglich seine leicht geröteten Wangen und Nase lassen erkennen, dass er doch irgendwie beduselt ist.
Seine Worte machen mich ziemlich verlegen, aber ich schaffe es, den Blickkontakt mit seinen klaren, glänzenden Augen aufrecht zu erhalten.
„Stimmt... zum Glück. Zucker wär hier glaub ich lebensgefährlich!", stimme ich ihm belustigt zu, ehe mein spitzbübischer Blick zu Marianna fällt. „Gott sei Dank hab ich den perfekten Survival-Guide an meiner Seite, da kann ja fast nichts schiefgehen!"
Die Angesprochene lacht heiter auf, ehe sie sich über den Tisch beugt und mir in bester Gangstermanier die Ghettofaust anbietet, in die ich grinsend einschlage.
„Da hast du verdammt recht, Liebes! Ich sorg schon dafür, dass wir uns in diesem Übermaß an Testosteron durchsetzen und all die Männeregos auf dem Teppich halten!", erklärt sie kämpferisch und mit einem eindeutig diabolischen Grinsen. „Ich hab lange genug auf Verstärkung gewartet, jetzt geht's erst richtig rund hier!"
Ihre Drohung lässt die angesprochenen Männeregos überraschend einheitlich aufstöhnen und nicht ganz zu hundert Prozent nur gespielt das Gesicht verziehen.
„Oh Gott. Marco... du hast der Diktatorin Rückendeckung besorgt!", kommt es meisterlich entsetzt von Rakuyou.
„Wir sind am Arsch", stimmt Curiel sachlich zu, während Dew sogar mit todernstem Gesicht Anstalten macht, aufzustehen und zu gehen.
„War nett mit euch, Brüder, aber ich hab Angst um meine Eier. Lebt wooooaaaaaauuuuu!" Sein Abschiedsgruß geht in schmerzerfülltem Aufjaulen unter, als Marianna ihn schneller als gedacht am Ohr erwischt und ihn süffisant lächelnd wieder zurück auf seinen Hosenboden befördert.
„Na, na, na... kneifen gibt's nicht, Freundchen! Sonst sind deine Ängste am Ende vielleicht gar nicht so unbegründet", erklärt sie täuschend freundlich und tätschelt ihm gruselig mütterlich die Wange. Das plus Dews überzeugendem Hundeblick lässt mich erneut chancenlos loslachen.
Es ist diese unheimlich witzige Mischung aus Ernst und liebevoller Neckerei, die mir hier entgegenschlägt. All die gestandenen Männer hier am Tisch respektieren Marianna zweifellos und würden sich wohl wirklich eher ungern mit ihr anlegen, aber sie lieben sie auch ganz eindeutig. Sie passt perfekt hier rein mit ihrer Art und sie fühlt sich auch pudelwohl hier... ich beneide sie ein bisschen. Ob ich das eines Tages auch irgendwann so vollumfänglich hinbekomme? Ein so perfektes Teil in diesem Großen und Ganzen zu sein?
Eine warme Hand, die sich unter dem Tisch um meine schließt, reißt mich aus den Gedanken. Aufmerksam begegne ich Marcos Blick, während er verdeutlichend meine Finger drückt – und mich mit ungläubiger Belustigung schnauben lässt. Irgendwie hat er doch schon wieder mehr oder weniger erraten, was in mir vorgeht, oder?
„Du bist gruselig!", lautet mein geflüsterter Kommentar, was ihn leise auflachen lässt.
„Ich bin Psychiater!", korrigiert er mich erhaben, während um uns herum das Gekabbel fröhlich weitergeht. Allerdings scheint ihn irgendwas an seiner eigenen Aussage zu stören, denn er schüttelt kaum merklich den Kopf und atmet vernehmlich aus. Er wirkt irgendwie... resigniert? Ungläubig? Nachdenklich? Ich kann es beim besten Willen nicht greifen.
„Alles okay? Ist irgendwas?", will ich leise wissen und sehe ihn besorgt an, doch er lächelt nur und schüttelt deutlicher den Kopf.
„Alles okay soweit, keine Sorge", beruhigt er mich aufrichtig genug, um es für den Augenblick gut sein zu lassen. Irgendwas beschäftigt ihn eindeutig, aber es sieht nicht so aus, als wäre es etwas wirklich Besorgniserregendes. Dafür ist seine Haltung zu entspannt und das Lächeln auf seinen Lippen zu ehrlich.
„SINA! Bitte schwöre uns, dass du dich Mariannas Schreckensherrschaft nicht anschließen wirst!! Du bist keine Tyrannin, hab ich recht?!", werde ich da auch schon wieder von Rakuyou in den geschwisterlichen Trubel hineingezogen, der hochdramatisch seine Hände in flehender Pose verschränkt hält und dessen Gesichtsausdruck das Leiden Christi persönlich zeigt. Ich bin ja schon ehrlich beeindruckt von dem schauspielerischen Können, mit dem hier die meisten überreich gesegnet sind, und muss mich arg beherrschen, um ein Pokerface aufrecht zu erhalten.
„Hmmm... bin ich nicht? Ich weiß ja nicht. Was könnte mich denn davon überzeugen, auf uneingeschränkte Macht, Kontrolle und das erhebende Gefühl der ständigen Angst vor meiner Person zu verzichten?", will ich gespielt grübelnd wissen und lege ratlos den Kopf schief.
„Autsch... wir kommen zu spät", erkennt Haruta und sackt theatralisch in seinem Stuhl zusammen, während seine Brüder noch fieberhaft grübeln.
„Unsere ewige Liebe und Dankbarkeit?", versucht es Thatch mit noch besseren Hundeaugen als Dew zuvor.
„Ein halbes Stück Kuchen und einen Keks?", versucht es Vista mit dem Inhalt seines Tellers.
„Wir treten dir nie wieder beim Tanzen auf die Füße!", kontert Atomos mit dem bisher verlockendsten Angebot und wird sogar noch von Blenheim übertrumpft mit „Wir rücken jedes Mal an, wenn Marco Mist baut, und waschen ihm den Kopf!"
„...wortwörtlich, wenn du das willst! Unter Geschwistern zählt das nicht als Waterboarding", versichert mir Curiel strahlend, woraufhin Marco ihm berechtigterweise nicht nur ein empörtes „HEY!" an den Kopf wirft, sondern auch den Rest seines Kuchens.
Auf diese Art schreitet die Nacht voran. Ich fühle mich ganz ähnlich wie damals, als Marco mich seinen Freunden in Rayleighs Bar vorgestellt hat, nur in deutlich größeren Dimensionen. Es ist einfach nur schön... lustig, locker und familiärer als alles, was ich bisher gekannt hab oder mir vorstellen konnte. Ich kann gar nicht anders, als mich hier wohlzufühlen! Marcos Familie gibt mir keine Gelegenheit dazu. Selbst als Marco nochmal für eine Weile mit Thatch und Izou in irgendeinem Weinkeller versackt und ich über eine Stunde direkt neben seinem Vater sitze, kommt keine Nervosität und kein beklemmendes Gefühl auf. Im Gegenteil, ich ertappe mich mehrmals dabei, wie ich mich von ihm in ein Gespräch verwickeln lasse und seinen zahlreichen, abenteuerlichen Geschichten lausche. Er ist ein verdammt guter Erzähler... und ein gerissener Fuchs, der es tatsächlich schafft, mich am Ende sogar spielerisch mit ihm über Disneyfilme zu streiten, bis ich diesem Riesen vor lauter Empörung tatsächlich gegen den Oberarm boxe. Nicht, dass er das ernsthaft gespürt hätte, aber hey, niemand sagt ungestraft in meiner Gegenwart, dass er aus Pumba einen saftigen Braten machen wollen würde!! MEIN GELIEBTER PUMBA!!
„GUARHARHAR! Schau an, da steckt also doch ein feuerspeiender Drache in dir, was?", lacht er dröhnend auf und klopft mir gutmütig auf den Rücken, womit er mich beinahe mit der Nase in meinen fast leeren Caipirinha taucht. Erst mein dritter Drink zwischen ausreichend Wasser und Cola; abgesehen von meiner wilden Rebellionsphase in München hab ich es noch nie gemocht, mich betrunken zu fühlen. Im Gegensatz zu den meisten anderen hier, von denen viele schon jenseits von allem sind... selbst Marcos Vater sitzt nun nicht mehr so aufrecht und klingt nun doch etwas verwaschen.
„Nur in absoluten Härtefällen! Und das Verunglimpfen meines Lieblingsschweins IST ein Härtefall!", gebe ich erhaben zurück, was den Riesen breit grinsen lässt.
„Werds mir merkn... in meim Alter muss mer aufpassn, mit wem mer sich anlegt... könnt schmerzhaft werdn!", antwortet er mit einem verschmitzten Zwinkern, das mich mit hochroten Wangen den Blick abwenden lässt.
„Als ob du den Schlag gespürt hättest...", murmle ich pikiert.
„Aha? Wir sind also schon soweit, dass du meinen Vater verprügelst?", lässt mich Marcos Stimme von hinten zusammenzucken. Kleinlaut ziehe ich die Schultern hoch, während er mir die Hände auf selbige legt.
„Als ob ich das könnte...", schnaufe ich und leere mein Glas, um meine Verlegenheit zu überspielen. Ich hätte ja ehrlich nicht gedacht, dass ich es fertigbringen würde, mich so schnell so zwanglos seinem Vater gegenüber zu verhalten. Wieso macht er es mir aber auch so einfach?! Sabo, der genau wie Ace tatsächlich nicht mehr aufgetaucht ist, hat wohl wirklich recht gehabt: Edward Newgate scheint wirklich eine unheimliche Menschenkenntnis zu besitzen... zumindest hab ich das deutliche Gefühl, dass er genau weiß, wie er mit mir umgehen muss. Selbst im betrunkenen Zustand.
Gruuuuselig.
„Willst du noch was trinken? Oder... soll ich dir mein altes Zimmer zeigen?", will Marco leise wissen – und Himmel, allein die Art, WIE er das fragt, macht die Frage rhetorisch.
„Ich bin neugierig...", entscheide ich mich ohne zu zögern und erhebe mich, um der fröhlichen Runde breit lächelnd zuzuwinken. „Schönen Abend noch! Und vielen Dank für diesen tollen Abend!"
„Das ist unser Stichwort... na komm, wir brechen auch auf!", entscheidet sich auch Marianna und stupst ihren Mann an, auf dessen breiter Brust Vigo schon seit einiger Zeit ungeachtet des Trubels um ihn herum friedlich schläft.
„Na schön... also dann: bis morgen, und übertreibts nicht zu sehr, verstanden?", verabschiedet sich auch Vista grinsend, während ich von Marianna herzlich gedrückt werde.
„Es war toll, dich kennengelernt zu haben! Pass gut auf den Commander auf, ja?", flüstert sie mir verschwörerisch zu, was ich mit einem scherzhaften Salut quittiere.
„Versteht sich von selbst. Ich freu mich schon auf unser nächstes Treffen... und dazwischen schreiben wir uns!", erwidere ich strahlend und klopfe auf meine Hosentasche, in der sich mein Handy befindet – Nummern haben wir nämlich längst ausgetauscht, diese wundervolle Frau hat eindeutig das Zeug dazu, meine erste beste Freundin zu werden.
„Abgemacht, ich freu mich! Bye!"
Es dauert noch einige Minuten, bis Marco und ich uns endgültig lösen können und schließlich Hand in Hand das eigentliche Gebäude betreten. Und erst, als die Tür hinter uns zufällt und der trubelige Lärm von draußen abklingt merke ich, wie platt ich eigentlich bin. Und wie herrlich sich die Ruhe hier anfühlt.
„Oh man...", seufze ich und gönne es mir, mich beim Gehen an Marcos Schulter zu lehnen.
„Bisschen überwältigend, der ganze Haufen, hm?", schmunzelt er, lässt meine Hand los und legt mir stattdessen stützend den Arm um die Hüfte. Ich gluckse unwillkürlich.
„Bisschen halte ich für eeeeetwas untertrieben, aber ja", stimme ich zu. Trotz Müdigkeit sehe ich mich interessiert in den Gängen des alten, aber sichtlich gepflegten Herrenhauses um. Alles ist recht edel in Holz gehalten und der Fußboden ist aus Marmor, was im ersten Moment unangenehme Erinnerungen weckt. Aber im deutlichen Gegensatz zu den Landsitzen, die ich von früher kenne, sind hier sämtliche Wände ganz und gar wenig vornehm mit Bildern bepflastert: selbstgemalte Zeichnungen und Gemälde, gerahmte einzelne Fotos in unterschiedlichen Größen und riesige Fotokollagen. Außerdem gibt es überall Regale, in denen Trophäen ausgestellt sind und von den Bewohnern handgefertigte Bastelarbeiten und Skulpturen. Außerdem liegen farbige Teppiche auf den Marmorböden, es gibt viel Grünzeug und an allen Ecken und Enden kleine Nischen und offene Räume, in denen genug geordnetes, buntes Chaos herrscht, um jeden Eindruck von Steifheit, Strenge oder Vornehmheit zunichtezumachen.
Das hier ist zweifellos ein echtes Zuhause.
„Es ist schön hier... ich kann mir absolut vorstellen, dass man sich hier wohlfühlen kann!", spreche ich meine Gedanken laut aus, während wir eine Treppe hochgehen. „Ist es diese Treppe, von der..."
„...Thatch gefallen ist? Richtig. Da oben sind die Schlafzimmer der Kinder, also auch unseres damals. Zur Feier von Paps Geburtstag überlassen sie traditionsgemäß den Ehemaligen ihre Betten – stattdessen steigt in der Sporthalle eine riesige Pyjamaparty mit Schlafsäcken und Luftmatratzen", erzählt er, während seine Augen erinnerungsseelig über den Treppenabsatz schweifen. „Ja, hier haben wir miteinander gerauft, bis er das Gleichgewicht verloren hat und die ganze Treppe runtergesegelt ist, bis er unten gegen einen Spiegel gekracht ist. Gott, hatte ich eine scheiß Angst um ihn... aber letztendlich war das auch der Auslöser dafür, dass ich Vater endlich an mich rangelassen hab, yoi? Und ich schätze, anders als auf diese Art hätte ich das tatsächlich nicht gekonnt. Nur weil er in diesem Moment die einzige Option war, die ich hatte, um mit der Verzweiflung und den Schuldgefühlen irgendwie klarzukommen. Um den Schmerz und den Selbsthass vielleicht erträglicher zu machen, die mich aufgefressen haben. Und Vater hat diese eine Chance genutzt – er hat mir gezeigt, dass es doch wenigstens einen Menschen gibt, der für mich da ist. Der sich um mich kümmert. Auf den ich mich verlassen kann... und dem ich nicht egal bin. Mehr hat es nicht gebraucht; danach war es einfach unmöglich, mich wieder vor der Welt zu verschließen wie zuvor. Er hatte den Fuß in der Tür und hat sie aufgestoßen, yoi?"
Gebannt höre ich ihm zu. So ähnlich hat er es mir ja schon mal erzählt, aber hier, am Ort des Geschehens und nachdem ich seinen Vater ja nun selbst kennengelernt hab, hat das nochmal eine ganz andere Wirkung. Ich kann es mir problemlos vorstellen, wie Edward Newgate auch bei dem jungen Marco ganz genau gewusst hat, was zu tun ist... wie er mit ihm umgehen muss, damit er sich in seiner Gegenwart wohlfühlt. Es ist schon fast paradox, wie unfassbar feinfühlig dieser Mann ist, obwohl er so ein furchteinflößendes Äußeres hat und aussieht, als könne er während eines Wutanfalls einen Kleinwagen durch die Gegend feuern.
„Ist er... ist dein Vater eigentlich schon mal so richtig sauer geworden? Ich stell mir das furchteinflößend vor", stelle ich interessiert die naheliegende Frage. Marcos Lächeln wird grimmig.
„Ohja. Schon ein paar Mal. Und ich hab jedes einzelne Mal davon geliebt, yoi?", lautet seine unerwartete, rätselhafte Antwort, während wir langsam durch den Gang gehen. Aus einigen Zimmern dringen schon unterschiedlich laute Schnarchgeräusche von Marcos Brüdern.
„Geliebt...?", hake ich mehr als skeptisch nach, was ihn vollkommen ernst nicken lässt.
„Geliebt. Absolut", bestätigt er. „Weil es immer die richtigen getroffen hat, yoi? Wir sind ein Heim für Schwererziehbare... aber schwererziehbar wird niemand von uns geboren. Es sind Unglücksfälle und miese Bedingungen, die dahinterstecken... oder miese Eltern oder Vormunde. Leider gibt es nahezu nichts, was wir hier nicht schon erlebt haben: von Vernachlässigung über physische und psychische Gewalt bis hin zu Missbrauch – und wenn solche Eltern dann auch noch die Frechheit besitzen, ihre Kinder nicht mal dann in Ruhe zu lassen, wenn das Jugendamt sie da rausgeholt und hier reingesteckt haben, dann ist das der Punkt, an dem Vater der letzte Geduldsfaden reißt. Und ja, dann liebe ich es, wenn sich diese Bastarde einscheißen vor Angst – oder er ihnen so eine verpasst, dass sie meterweit fliegen. Es ist eine tiefe Genugtuung, geb ich ehrlich zu. Pädagogisch nicht wertvoll und theoretisch strafbar, aber von dem Gesocks traut sich keiner vor Gericht. Nicht gegen ihn. Er vergisst nämlich nie, ihnen zum Abschied ganz detailliert zu erklären, was er mit ihnen macht, wenn sie seine Schützlinge weiter terrorisieren... und dass sie von seiner Verurteilung nichts mehr mitbekommen würden. Verhaftet werden würde er ja schließlich immer erst hinterher, yoi?", erklärt er mit grimmiger Zufriedenheit.
Eine Zufriedenheit, die ich körperlich fühlen kann und die mir eine Gänsehaut beschert.
Wenn er das so sagt... ja, in diesem Fall würde ich es wohl genauso genießen, diesen Mann so bedrohlich zu erleben. Wie sehr hätte ich es genossen, wenn jemand meine Erzeuger so konfrontieren würde. Allein die Vorstellung lässt mich böse lächeln. Das wäre sogar besser als Sabos Spezialwhiskey!
„Okay, das kann ich nachvollziehen...", gebe ich ohne Umschweife zu, während wir vor einer der letzten Türen stehenbleiben. Marco drückt bekräftigend meine Hand.
„Denk ich mir. Und glaub mir: wir haben grade dieselben Gedanken, yoi? Wobei ich es fast wage zu behaupten, dass meine ein klein wenig brutaler und blutiger sind als deine..." Der kompromisslose Ernst, diese unmissverständliche, mitleidlose Härte in seiner sonst so warmen Stimme und das lodernde Feuer in seinen Augen lässt mich ihn lang sprachlos anstarren. Er meint es zweifellos wirklich so. Der in meinen Augen liebste, einfühlsamste, empathischste Mann, den ich je kennengelernt habe, würde meine Eltern gern leiden sehen. Bluten. Nur um meinetwillen... weil er mir von Anfang an vorbehaltlos geglaubt hat, was ich ihm erzählt habe.
Womit hab ich diesen unglaublichen Mann nur verdient?!
Ohne Vorwarnung greife ich in seinen Nacken und ziehe ihn fast schon grob zu mir runter, bis ich über seine Lippen herfallen kann. Marco schnauft angetan, drückt er mich kaum sanfter gegen den Türrahmen und hebt fordernd mein Kinn hoch, um mich sogar noch gieriger zu küssen, während er seinen teuflisch heißen Körper gegen meinen presst. Himmel ja, genau das hab ich gebraucht... seine Nähe, seine Berührungen und das Gefühl von grenzenlosem Vertrauen und Sicherheit. Vom ersten Tag an hat er mir dieses Gefühl gegeben. Bevor er mich überhaupt kannte, bevor ich ihn kannte und bevor er irgendwas über mich wusste. Trotzdem ist es da gewesen... und er hat mich noch nicht einmal enttäuscht. Wirklich nie.
Und ich bin mir sicher, dass das auch nie passieren wird.
Wie lange wir so dastehen, weiß ich nicht. Entgegen unserer sonstigen eher ungeduldigen Leidenschaft ist es uns diesmal eine gefühlte Ewigkeit lang völlig genug, uns festzuhalten, so dicht wie möglich beieinander zu stehen und auf diese zügellose, sehr ursprüngliche, raue Art zu küssen. Uns gegenseitig den Atem zu rauben, ohne einen Schritt weiterzugehen.
Erst ein entferntes Lachen holt uns irgendwann in die Realität zurück. Anscheinend haben sich noch mehr von Marcos Brüdern dazu entschlossen, langsam schlafen zu gehen. Wir sehen uns beide etwas atemlos, aber mit demselben Lächeln an, ehe Marco endlich kommentarlos die Tür neben sich öffnet und mit mir zusammen sein altes Zimmer betritt.
Licht macht er keins an, aber der Mond spendet von draußen genug Licht, dass ich ein Stockbett und ein Einzelbett aus hellem Holz erkennen kann, außerdem zwei Nachtkästchen, einen großen Kleiderschrank, eine Kommode und einen Doppelschreibtisch. Auf einem der vielen Regale an den Wänden steht eine Stereoanlage, viele Bücher und anderer Kleinkram, der den aktuellen Bewohnern dieses Zimmers gehört. Es sieht gemütlich aus... aber bevor ich irgendwas dazu sagen oder fragen kann, packt Marco mich auf einmal an den Hüften und hebt mich ohne Vorwarnung auf die alte, aber zum Glück recht robust wirkende Kommode. Dadurch bin ich nun paar Zentimeter größer als er, sodass ich zum ersten Mal in den Genuss komme, zu ihm runtersehen zu müssen, während er zu mir nach oben schauen muss. Diese ungewohnte Perspektive lässt mich schmunzeln; doch, die Position hat eindeutig was... und ich warte mit eindeutig kribbelnder Vorfreude darauf, was er daraus machen will.
Doch entgegen meiner Erwartung... passiert überhaupt nichts. Marco steht einfach weiter vor mir im Halbdunklen des Raumes, hält mich mit beiden Armen an den Hüften fest umschlungen und sieht mich unverwandt an. Aber anders als grade noch draußen; das grimmige Glühen ist erloschen, stattdessen ist sein Ausdruck unheimlich zärtlich und warm... und auch wieder so seltsam abwesend und auch irgendwie ein wenig schmerzlich, genau wie es mir vorhin schon mal aufgefallen ist. Er wirkt auf einmal sehr tief in Gedanken versunken, selbst als er ein paar Augenblicke später einen Arm von mir löst und seine Finger stattdessen beginnen, ganz langsam, fast schon andächtig, mein Gesicht zu erkunden. Ohne Eile streichen sie über meine Wangen, meine Stirn, die Nase, das Kinn und über die Lippen, sodass ich unweigerlich kurz die Augen schließe und seine Berührungen genieße. Wie könnte ich auch nicht... es fühlt sich schön an. Als wäre ich etwas besonders Kostbares...
...und würde ich mir nicht doch ein wenig Sorgen machen, hätte ich das sicherlich noch länger genießen können. Aber ich kann mir einfach noch immer keinen Reim auf sein Verhalten machen und werde auch aus seinem Blick nicht wirklich schlau. Ist vielleicht irgendwas vorgefallen, während ich zeitweise nicht dagewesen bin? Aber es kann nichts Schlimmes gewesen sein, denn dann wären mir an seinem Verhalten andere Dinge aufgefallen – so gut kenne ich ihn inzwischen nämlich doch. Nein, ich bin mir absolut sicher, dass nichts Drastisches passiert sein kann, schließlich hat er die meiste Zeit einfach nur rundum glücklich und zufrieden gewirkt! Was also stimmt ihn jetzt so unheimlich nachdenklich?
‚Schätzungsweise wird er es mir sagen, sobald er fertig gegrübelt hat...', schießt es mir pragmatisch durch den Kopf, während ich ein nachsichtiges Schnauben unterdrücke und versuche, zumindest ein paar Minuten lang meine Ungeduld und meine Neugierde im Zaum halten, damit er Zeit für seine Gedanken hat.
Was ich immerhin volle zehn Minuten schaffe, bevor meine grade nicht sehr ausgeprägte Selbstbeherrschung schwindet. Ich will jetzt einfach wissen, was da in ihm vorgeht, sonst werde ich doch noch verrückt! Über mich selbst schmunzelnd, halte ich die streichelnden Finger an meiner Wange fest, drehe den Kopf zur Seite und drücke ihm einen Kuss in die Handfläche.
„Lässt du mich langsam mal teilhaben oder willst du mich weiter mit rätselhaftem Schweigen quälen?", will ich belustigt und mit mildem Vorwurf von ihm wissen und hole ihn damit zum Glück endlich wieder in die Realität. Er lacht leise auf.
„Tut mir leid, ich hatte nicht vor, dich zu quälen! Ich hab nur über einiges nachgedacht, was ich vorhin erst von den anderen gehört hab... und musste feststellen, dass sie recht hatten, yoi?", antwortete er schließlich seufzend, weshalb ich fragend und ein wenig besorgt die Stirn runzle. Also doch! Irgendwas hab ich nicht mitbekommen.
„Mit was hatten sie recht?", hake ich ruhig nach, ehe ich meine Hände über seine Arme und seine Schultern bis in seinen Nacken gleiten lasse und ihn mit sanftem Druck zu massieren beginne. Er brummt genießend und schließt sogar die Augen, was mir ein Lächeln entlockt. Ich weiß, wie sehr er das mag... weil er da fast immer ein wenig verspannt ist.
„Als du mit Marianna weggegangen bist, kam meine Beziehungs-Abstinenz nach Celine zur Sprache. Vater und die anderen haben – mal wieder – erwähnt, wie viele Sorgen sie sich deshalb um mich gemacht haben und dass sie befürchtet haben, ich würde den Rest meines Lebens allein bleiben. Ich war genervt, weil sie mich mit dem Thema ja schon die ganze Zeit bedrängt haben... zwar nicht ganz so penetrant wie Shanks, aber vermutlich nur deshalb, weil ich den nun mal am regelmäßigsten um mich hatte. Ich hab noch nie verstanden, warum sie so einen Aufriss deshalb machen... ich fand es furchtbar übertrieben. Auch die fast vier Jahre Alleinsein, die es am Ende waren, hab ich nicht als Tragödie gesehen – ich war ja noch keine Sechzig und hab keinen Grund gehabt, da irgendwas zu überstürzen!", beginnt er zu erzählen, ohne die Augen wieder zu öffnen. Trotzdem entkommt ihm ein Seufzen. „Aber ich lag falsch... und sie hatten recht damit, sich Sorgen deshalb zu machen!" Seine Stirn furcht sich schuldbewusst, während ich ihm einfach schweigend zuhöre. Dass es darum geht, kommt irgendwie unerwartet. „Sie haben gesagt, dass es die Art und Weise war, wie ich mit dem Thema umgegangen bin, die ihnen Sorgen gemacht hat. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich fremde Frauen nie direkt angesehen hab; immer nur flüchtig und knapp, wenn es unbedingt sein musste... und ich hab kein Wort mehr mit ihnen gewechselt, als es gebraucht hat, um Einladungen oder Smalltalk höflich abzulehnen. Außer Rayleighs Bar und Thatchs Lokal hab ich alle Orte vermieden, in denen die Möglichkeit bestanden hat, dass ich mit unbekannten Frauen in Kontakt kommen könnte... selbst beim Einkaufen im Supermarkt hab ich oft mit Kopfhörern Musik gehört und sie nur an der Kasse abgenommen, yoi?"
Schwer atmet er aus und sieht mich nun doch wieder an. Ernst und sachlich.
„Meine Wanderungen hab ich auf eher ruhige Touren gelegt – oder hab beliebtere Touristenziele nur außerhalb der Saison besucht, wenn ich wusste, dass wenig los war. Ich hab sämtliche Gespräche zu diesem Thema so schnell wie möglich abgeblockt, hab auf Kupplungsversuche sofort gereizt reagiert und auch sonst keinen einzigen Gedanken an Liebe, Partnerschaft oder sonst was in diese Richtung verschwendet. Ich hab noch nie so genau darüber nachgedacht, vor allem, weil sich das meiste ja unbewusst eingeschlichen hat und keine bewusste Entscheidung gewesen ist. Aber ganz nüchtern und objektiv im Nachhinein betrachtet, war das eigentliche Ausmaß erschreckend. Vater und die anderen waren vollkommen zu recht besorgt: ich hatte – bewusst oder unbewusst - tatsächlich nicht vor, mich jemals wieder auf eine Partnerschaft einzulassen. Ich hab ehrlich gesagt nicht mal den Gedanken daran ertragen, also hab ich bewusst keinen dran verschwendet", gibt er leise zu. Sein Tonfall ist nüchtern, aber es schwingt Bitterkeit mit... und Schmerz. Bekümmert seufze ich und lege tröstend meine Stirn an seine.
„Was Celine dir angetan hat... dass sie dich so ausgenutzt und betrogen hat, das war aber auch keine Kleinigkeit, Marco. Du kannst dir nicht vorwerfen, dass dich das so tief verletzt hat, dass du das nicht nochmal riskieren wolltest!", entgegne ich behutsam, doch unerwarteterweise schüttelt er langsam und nachdenklich den Kopf.
„Nicht ganz... mir ist, glaube ich, noch etwas anderes jetzt erst so richtig klargeworden: dass sie mich ausgenutzt und betrogen hat, war gar nicht das Schlimmste an dem ganzen Desaster und auch nicht der Grund für meine darauffolgende jahrelange, vollständige Abwehr...", erklärt er langsam, was mich nur noch mehr irritiert.
„Nicht? Was war es dann?"
Zynisch schnaubt er – ehe er unerwartet liebevoll seine Hand an meine Wange legt und mich mit dem Daumen zärtlich streichelt.
„Genau das, was du mir an unserem ersten Tag als Paar mit deiner kleinen Lektion ausgetrieben hast: nämlich die Tatsache, dass sie mich ausgenutzt und betrogen hat, OBWOHL ich doch alles für sie getan hab... obwohl ich so oft meinen Stolz runtergeschluckt hab und ihr recht gegeben hab, obwohl mir so vieles gegen den Strich gegangen ist. Obwohl ich versucht hab, ihr wirklich jeden Wunsch zu erfüllen. Obwohl ich mich und meine Bedürfnisse IMMER hinter ihre gestellt hab. Obwohl ich für sie Dinge vernachlässigt oder aufgegeben hab, die mir wichtig waren... aber klaglos Dinge für sie getan hab, die ich nicht ausstehen konnte. Verstehst du?" Das alles auszusprechen und so schonungslos auf den Punkt zu bringen, fällt ihm noch immer hörbar schwer. So schwer, dass ich es kaum ertragen kann, ihm einfach nur weiter zuzuhören. Aber ich weiß, dass es genau das ist, was er braucht. Er muss loswerden, was ihm im Kopf herum geht... also schlucke ich lediglich und halte ihn weiter an seinen Schultern fest.
„Genau das war der ausschlaggebende Punkt: diese abgrundtiefe, vollständige, demütigende Erniedrigung, als mir klageworden ist, dass ich für diese Frau sowohl meinen Stolz als auch einen viel zu großen Teil meiner verdammten Persönlichkeit aufgegeben hab, nur um festzustellen, dass ihr das überhaupt nichts bedeutet hat – ja, vielleicht hat sie es ja noch nicht mal bemerkt, yoi?! All meine Bemühungen sind absolut wertlos gewesen... ICH war wertlos. Schon wieder. Dieses fürchterliche Gefühl hat mich ja schon als Kind jahrelang begleitet, bevor ich Vater getroffen hab! Er hat es mir unter seiner Obhut mühsam ausgetrieben... aber Celine hat es mich sogar noch deutlicher fühlen lassen als jemals zuvor. Das war die Hölle für mich. Und ich wollte um keinen Preis jemals wieder das Risiko eingehen, mich nochmal so zu fühlen! Ein drittes Mal hätte ich einfach nicht ertragen... ich hatte wahnsinnige Angst davor, also hab ich wirklich alles dafür getan, dass ich am besten gleich gar keine neue Frau mehr kennenlerne! Aber dann hat mich plötzlich eine in meiner eigenen Praxis über den Haufen gerannt und alle meine Bemühungen zunichte gemacht..."
„Oh man, Marco...", flüstere ich betroffen und muss dabei heftig blinzeln, weil mir seine Worte ungelogen körperlich wehtun. Jetzt weiß ich, über was er so intensiv gegrübelt hat – aber verdammt, ich hätte nie vermutet, dass es doch so furchtbare Dinge sind! Natürlich hab ich vieles davon schon gewusst und anderes geahnt, aber zum ersten Mal wird mir (und ja auch ihm selber!) das ganze Ausmaß der Dinge so richtig bewusst. Unsere erste Begegnung kommt mir wieder in den Sinn und ich versuche, mich akribisch zu erinnern, ob es dort oder in den Tagen danach irgendeinen Hinweis gegeben haben könnte, der mich hätte stutzig werden lassen können... der für mich wenigstens ein Anhaltspunkt dafür hätte sein können, was Marco da für eine riesige Last mit sich rumgeschleppt hat. Aber mir fällt zu meiner Schande absolut nichts ein... meine eigene Menschenkenntnis hat mich da wohl ziemlich im Stich gelassen. Oder ist vermutlich vielmehr von meiner Schwärmerei beeinflusst worden. Doch, ich hab auf einmal ein echt schlechtes Gewissen, weil das alles so schnell gegangen ist zwischen uns! Marco zuliebe hätten wir uns mehr Zeit nehmen sollen, oder? Dann wäre vermutlich auch unser erster Kuss nicht so fürchterlich schief gegangen! Der erste tatsächlich auffällige Punkt, durch den ich ja dann ein paar Tage später auch direkt von seiner Vergangenheit erfahren hab. Zumindest grob. Mir entkommt ein überfordertes Stöhnen. „Es tut mir echt leid, Marco! Wenn ich das gewusst hätte... oder wenigstens geahnt, wie schwer das alles für dich ist! Dann... dann wäre ich es langsamer angegangen, aber stattdessen..."
Doch mein reuevoller Monolog wird unterbrochen, als Marco plötzlich überraschend unbekümmert und laut auflacht, ehe er mir liebevoll über die Augen wischt. Überrumpelt stelle ich fest, dass von einer Sekunde auf die andere alle Bitterkeit, sämtlicher Schmerz und auch die unterdrückte Wut aus seinem Blick verschwunden ist. Restlos. Stattdessen strahlt mir das inzwischen so herrlich vertraute, helle Blau mit einer Intensität entgegen, die mich perplex innehalten lässt. Langsam überfordert mich die Situation.
„Sina, stopp! Du bist wirklich die Allerletzte, der irgendwas leidtun muss, hörst du? Warum auch? Mir war doch bis vor kurzem selber nicht bewusst, was ich da für eine extreme Vermeidungshaltung an den Tag gelegt hab! In meinen Augen hatte ich ganz einfach kein Interesse an der Sache und dachte, meine Gereiztheit bei dem Thema käme allein daher, weil es übertrieben oft abgesprochen worden ist... und nicht daher, dass das ganze Thema von vorneherein ein dunkelrotes Tuch für mich war. Tatsache bleibt aber: du hast alle meine unterbewussten Verteidigungsmechanismen einfach übersprungen, als wir ausgerechnet in meiner Praxis zusammengestoßen sind. Du warst die erste Frau, mit der ich absolut nicht gerechnet hab und der ich – zugegebenermaßen unbeabsichtigt – zum ersten Mal seit Jahren tatsächlich direkt in die Augen gesehen hab, auch wenn mir das erst jetzt so richtig klar wird!"
In seinem Blick liegt nun so viel Liebe, dass ich ernsthaft Probleme mit dem Atmen bekomme. Gleichzeitig umfasst er mein Gesicht nun mit beiden Händen und drückt mir einen fast schon übermütigen Kuss auf die Stirn.
„Du hast mich einfach komplett überrumpelt! Und zwar in jeder Hinsicht, sodass ich gar nicht dazu gekommen bin, dich wie alle anderen zuvor gleich wieder von mir wegzustoßen. Stattdessen sind wir ins Gespräch gekommen... zwanglos, locker und unkompliziert... und du warst mir schneller sympathisch als ich es mir bei einer Frau hätte vorstellen können. Und als ich dann in meinem Büro stand und meine fünf Sinne endlich wieder zusammen hatte, war es schon zu spät. Ich war bereits fasziniert von dir, auch wenn ich trotzdem zuerst wirklich versucht hab, Distanz zu halten, yoi? Sinnloserweise. Was mir spätestens dann hätte klar werden müssen, als Shanks mir nach deinem kleinen Aktenangriff mal wieder eine Predigt gehalten hat, genau wie gefühlt hunderte Male zuvor... nur diesmal kam mir sein Rat auf einmal gar nicht mehr so falsch und nervig vor. Stattdessen hab zum ersten Mal tatsächlich darüber nachgedacht – und bin auch noch zu dem Schluss gekommen, dass er möglicherweise recht haben könnte. Und schon am nächsten Morgen hab ich dir wie selbstverständlich das ‚Du' angeboten und mich jeden Tag auf die halbe Stunde in der Früh gefreut, die wir zusammen verbracht haben. Du hast also überhaupt nichts überstürzt und mich weder zu irgendwas gedrängt noch sonst irgendwie überfordert: ICH wollte das alles! Begreifst du jetzt, was du alles bei mir bewirkt hast?"
Heiser lacht er auf und presst seine Stirn gegen meine, ohne, dass die Intensität seines Blickes nachlässt. Falls möglich, verstärkt sie sich sogar noch.
„Vier Jahre lang hab ich mich abgeschottet und war unbewusst auf der Flucht – ein einziger Blick von dir und ein kurzes Gespräch haben genügt, um mich innezuhalten zu lassen und es zu überdenken. Schon einen Tag später hab ich den ersten Schritt in genau die Richtung gemacht, vor der ich bisher mit aller Kraft davongelaufen bin... und nur fünf weitere Tage hat es gebraucht, bis ich meine ganzen Ängste soweit über Bord geworfen hab, dass ich dich um ein Date bitten konnte. Ich hab keine Ahnung, wie du das geschafft hast... aber trotz dem ein oder anderen holprigen Stück Weg war es einfach leicht! Jeder Tag mit dir hat mir einfach gutgetan... und mir ein Stück von dem zurückgegeben, das mit Celine verlorengegangen ist!" Impulsiv küsst er mich, nur kurz, aber dafür umso aussagekräftiger, obwohl ich von der ganzen Situation so überfahren bin, dass ich ihn nicht mal erwidern kann. Was natürlich nicht unbemerkt bleibt und ihm ein belustigtes, wenigstens annähernd reumütiges Glucksen entlockt, während er sich immerhin das richtige Lachen anstandshalber verbeißt.
„Tut mir leid, dass ich mit all dem so mit der Tür ins Haus gefallen bin, yoi? Aber grade, nachdem du mir zuliebe heute hergekommen bist, obwohl du doch eigentlich Angst davon hattest und ich mir vorstellen kann, wie viel Mut und Überwindung es dich gekostet hat, meinem Vater gegenüberzutreten... grade deshalb will ich, dass du wirklich verstehst, wie viel du verändert hast. Und dass du mir damit - genau wie mit so vielen anderen, kleinen Dingen! – immer wieder das Gefühl gibst, wertvoll zu sein. Wertvoll als Mensch und wertvoll für dich. Und verdammt, dafür liebe ich dich, Sina!"
Und das spricht Marco mit so viel Inbrunst, so viel Freude und mit so viel süßer Überschwänglichkeit aus, dass er diese drei Worte kaum schöner hätte sagen können.
Das zumindest ist mit in diesem Augenblick vollkommen bewusst.
Und genauso bewusst ist mir, dass es jetzt die perfekte Reaktion wäre, sein verboten schönes Gesicht ebenfalls zu umfassen, ihn an mich zu ziehen und ihm den liebevollsten, längsten, intensivsten Kuss seines Lebens zu verpassen, bevor ich ihm regelrecht berauscht vor Glück sagen kann, dass ich ihn doch mindesten genauso sehr liebe.
Soweit die Theorie, die sich im letzten funktionstüchtigen Teil meines Hirns erstaunlich präzise abspielt und mir eigentlich zeigt, was jetzt perfekt wäre.
Die Realität sieht jedoch so aus, dass ich ohne Vorwarnung, übergangslos und ohne auch nur einen Hauch von Perfektion einfach losheule.
Und zwar ‚losheulen' im wörtlichsten Sinn!
Nicht diese rührenden, herzerwärmenden, „Aaaawww"-provozierenden Tränen wie in den vielen romantischen Filmen, sondern die Art von würdeloser, lautstarker Rotz-und-Wasser-Heulerei, die auch die härteste Romantik gnadenlos ermordet. In bester Splatterfilm-Manier und mit literweise Kunstblut, das bis zur Decke spritzt. Und ich weiß weder, wo zum Teufel das jetzt herkommt, noch wie ich das bitte ganz schnell wieder abstellen kann, oder warum ich jetzt überhaupt so heule. Oder ob ich überhaupt schon mal so geheult hab in meinem Leben. Ich weiß nur, dass mir das grade wirklich unfassbar und abgrundtief peinlich ist... aber ich trotzdem einfach nicht aufhören kann.
Mein einziger Trost ist, dass Marco es mit Humor nimmt und mir seine grade erst gestandene Liebe sofort demonstriert, indem er sämtliche Peinlichkeiten ignoriert und mich fest in seine Arme zieht, obwohl er sich damit mit absoluter Sicherheit auch gleich das Hemd versaut.
Ich bin ihm auf jeden Fall unheimlich dankbar dafür.
Fest klammere ich mich an ihn und versuche weiterhin mein Bestes, um mich wieder in den Griff zu bekommen. Es dauert jedoch elendig lang, bis sich langsam die ersten Erfolge einstellen und ich wenigstens endlich meine Stimmbänder unter Kontrolle bringe, sodass die Tränen immerhin nur noch lautlos fließen... von den markerschütternden Schluchzern mal abgesehen, die mich auch weiterhin geräuschvoll durchschütteln. Marco hält mich die ganze Zeit über in aller Seelenruhe fest und streicht mir mit einer Hand beruhigend über den Rücken, bis ich schließlich auch die Schluchzer in den Griff bekomme und auch die Tränen langsam weniger werden. Gott sei Dank! Erleichtert atme ich aus...
...ehe mir eine Sekunde später beim Einatmen ein sehr vernehmliches ‚Hicks' entweicht.
Irgendwer hasst mich doch da oben.
Mir entkommt ein ungläubiges, sehr verzweifeltes Stöhnen – und postwendend ein weites lautes ‚hicks', bevor mir mein Fehler bewusstwird und ich eilig den Mund zumache. Leider zu spät, denn mein Schluckauf killt nun auch Marcos Selbstbeherrschung und seine Schultern zucken verdächtig, auch wenn er tapfer dagegen ankämpft und jeden Laut unterdrückt. Leider kann ich ihm das nicht mal verübeln; ich rechne ihm den Versuch sogar hoch an, obwohl es das Ganze für mich nicht weniger peinlich macht.
„Brings hinter dich und – hicks – lach einfach, bevor du dir am Ende noch was – hicks – brichst", gebe ich auch meine Bemühungen resigniert auf, irgendwelche Restwürde zu bewahren. Als ob davon noch was übrig wäre. Zumindest hat Marco so gar keine andere Wahl, als meiner Aufforderung nachzukommen und nun doch in haltloses Gelächter auszubrechen. So heftig, dass er sich inzwischen an MIR festhalten muss, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren... und zu allem Unglück untergräbt mein anhaltender Schluckauf auch jedes Mal seine merklichen Bemühungen, wieder ernster zu werden und lässt ihn chancenlos erneut loslachen.
Was sich allerdings nun für mich so süß anhört, dass ich plötzlich genauso lachen muss – was wiederum zur Folge hat, dass Marco dank meinem schluckaufdurchzogenem Gelächter noch viel schlimmer lachen muss und vermutlich langsam das Licht am Ende des Tunnels sieht, weil er kaum noch Luft bekommt.
Keine Ahnung, wie lang wir in dieser Todesspirale festhängen, aber irgendwann ist Gott sei Dank der blöder Schluckauf endlich weg, sodass unser Gelächter endlich langsam ausklingen kann und wir wieder Luft in unsere geplagten Lungen bekommen, statt gleich wieder erneut durch dieses peinliche Geräusch loslachen müssen.
„Aua...", ächze ich noch immer schwer atmend und reibe über meine schmerzenden Rippen.
„Allerdings... aua...", stimmt mir Marco schnaufend zu, bevor er sich mit einem angestrengten Laut wieder halbwegs grade vor mich hinstellt und mehrere tiefe, kontrollierte Atemzüge macht, um endlich wieder seine Beherrschung zurückzugewinnen. Ein guter Tipp, den ich augenblicklich nachmache, während ich mir mit den Händen durchs Gesicht wische und die Reste meiner Heulerei entferne. Ernsthaft, als wir vorhin durch diese Tür gegangen sind und Marco hinter uns abgeschlossen hat, hatte ich ganz andere Vorstellungen vom Verlauf dieser Nacht. Sehr viel reizvollere, angenehme Vorstellungen als den vermutlich romantischsten Moment meines Lebens in den Peinlichsten zu verwandeln.
„Geht's wieder?", will Marco schließlich wissen und nimmt seine ursprüngliche Position wieder ein, indem er die Arme um meine Hüften legt und zu mir hochblickt. Sein Grinsen ist vorher aber nicht so breit gewesen wie jetzt. Ausdruckslos hebe ich eine Braue.
„Ja... klar doch. Meine Würde hat sich zwar vollständig in Rauch aufgelöst, aber hey: ich bin von mir selbst beeindruckt, wie schnell und gründlich ich jede Romantik zerstören kann. Da wird sogar Godzilla neidisch!", gebe ich trocken und mit eindeutig mürrischem Unterton zurück.
Unwillkürlich prustet Marco los, doch er hat sich schnell wieder im Griff. Ohne auf meinen unwilligen Widerstand einzugehen, packt er mich im Nacken und zieht mich unnachgiebig an seine Lippen. Spielerisch und genüsslich lässt er sie über meine gleiten, bis ich mich mit einem resignierten Seufzen geschlagen gebe und er mich mit einem kurzen, siegreichen Lächeln endlich richtig küsst. Ohne Eile, langsam... und mit derselben Intensität wie zuvor, sodass ich gar nicht anders kann, als alles um mich herum zu vergessen, bis nur noch er übrig ist. Er und das verheißungsvolle Prickeln, das seine Küsse in meinem ganzen Körper auslösen.
„Und...? Wie ist es jetzt?", raunt er gegen meinen Mund, ohne sich von mir zu lösen. „Romantik und Würde wieder hergestellt?"
Mir entkommt ein belustigtes Schnaufen, ehe ich spielerisch mit der Zunge über seine Unterlippe streiche... und mich dann doch ein kleines Stück von ihm löse. Nicht weit, unsere Nasenspitzen trennen nur wenige Zentimeter voneinander, während ich zugleich sein Gesicht zwischen meine Hände nehme und mir einen langen Augenblick Zeit nehme, es mit einem leisen Schmunzeln zu betrachten. Oh, Himmel... dieser Mann ist einfach unwiderstehlich. Innerlich wie äußerlich. Und wie immer schafft er es, dass ich mich selbst nach diesem fundamental peinlichen Auftritt sofort wieder besser fühle. In seiner Gegenwart ist es eine physikalische Unmöglichkeit, mich lange schlecht zu fühlen! Mein Lächeln wird breiter, als mein Blick über die von mir verursachten dunklen Flecken auf seinem Hemd huscht.
„Gilt alles, was du vorhin gesagt hast, auch jetzt noch? Obwohl die Frau, der du da so unglaublich schön deine Liebe gestanden hast, dir statt einer Antwort erst so richtig brutal die Ohren vollgeheult und dein Hemd versaut hat, bevor sie dich beinahe ins Grab bringt mit ihrem unglaublich sexy klingenden Schluckauf?", will ich selbstironisch schmunzelnd wissen.
Marco lacht unwillkürlich leise auf.
„Jetzt sogar noch mehr! Den Standartablauf kann jeder – das hier hat Seltenheitswert, yoi?", entgegnet er zwar breit grinsend, aber zweifellos vollkommen ernst gemeint, so warm und liebevoll, wie er mich dabei ansieht... und mein Herz damit zuverlässig ins Stolpern bringt, obwohl ich bei seinen Worten ebenfalls lachen muss.
„Da kann ich wohl kaum widersprechen", stimme ich glucksend zu, ehe ich wieder ernster werde und mit beiden Händen zärtlich über seine Wangen streiche. „Für mich warst du immer wertvoll, Marco... daran wird sich nie irgendwas ändern. Du bist einer der wertvollsten Menschen, die mir überhaupt je begegnet sind! Und... mir fällt spontan absolut nichts ein, das ich nicht für dich tun würde. Jetzt nicht mehr. Dass ich dieses Mal so gezögert hab und... dich beinahe sogar hängen gelassen hätte, tut mir unglaublich leid! Das hätte ich auch echt bereut... und darum – wehe, du sagst ihm das! – bin ich dem arschigsten deiner Brüder wirklich dankbar, dass mir den nötigen Tritt verpasst hat!", gebe ich ernst zu – und drücke schnell meine Hand auf seinen Mund, als er ihn beschwichtigend oder protestierend öffnen will.
„Nichts da! Daran gibt es nichts zu beschönigen und ich werde auch nicht anders darüber denken, völlig egal, was du sagen willst. Es tut mir wirklich leid! Um ehrlich zu sein... ich hab dir nicht wirklich geglaubt, als du von deinem Vater und deiner Familie erzählt hast. Weil ichs mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass so viele, nicht blutsverwandte Menschen so einen bedingungslosen Zusammenhalt haben können! Ganz zu schweigen von einem Vater, der so viele fremde Menschen als seine Kinder bezeichnet und sie tatsächlich auch wie einer lieben könnte. Auch das tut mir leid... ich habs ja jetzt mit meinen eigenen Augen gesehen", fahre ich leise fort und lächle schief. „Du hast eine tolle Familie, Marco. Die beste, die ich je gesehen hab. Jetzt endlich versteh ich auch wirklich, warum sie dir so viel bedeutet. Und..." Kurz komme ich ins Stocken, doch dann hole ich tief Luft und spreche weiter. „...ich werde mich bemühen, in deine Welt hineinzuwachsen. Ein Teil davon zu sein, genauso, wie du es dir schon die ganze Zeit über insgeheim wünschst. Mit deinen Brüdern wird das sicher nicht schwierig, aber... ich werds auch bei deinem Vater versuchen. Er ist ein großartiger Mann, auch wenn ich... noch immer ein wenig Schiss vor ihm habe, und noch mehr vor der Vorstellung, ihn selber als... als... als Vater zu betrachten. Aber nachdem ich ihm begegnet bin... ist es offen gestanden nicht mehr ganz so schlimm wie noch heute morgen!"
Ein zaghaft optimistisches Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus – und diesmal ist es Marco, der auf einmal mit verdächtig glänzenden Augen blinzeln muss. Sagen kann er nichts, meine Hand hindert ihn noch immer dran.
„Das ist es, was ich dir versprechen kann: ich werde mir wirklich Mühe geben, ein richtiger Teil deiner Familie zu werden und das wahr machen, was du dir wünschst. Ich weiß nicht, ob oder wann ich es schaffe, aber ich werde mein Bestes geben. Weil ich dich einfach glücklich sehen will, Marco! Weil du wertvoll für mich bist. Und... weil ich dich ebenfalls liebe!"
Ich habe kaum das letzte Wort gesprochen, als Marco grob mein Handgelenk packt, meine Hand wegdrückt und mich mit seiner freien Hand so ruckartig zu sich zieht, dass unser erster Kuss leicht metallisch schmeckt. Wen es aber so genau irgendwie erwischt hat, kümmert uns beide nicht. Eigentlich ist plötzlich überhaupt nichts mehr wichtig, außer dem überwältigenden Drang einander so nahe wie möglich sein.
„Reicht mir völlig!", bekommt Marco immerhin noch atemlos zwischen zwei völlig entarteten Küssen zustande, bevor seine Hände grob unter mein Shirt wandern, wo sie fast schon brutal meine Hüften packen und mich mit einem hefigen Ruck lückenlos an ihn pressen.
Mir entkommt ein zügelloses, heiseres Stöhnen. Und zwar aus reiner, purer Lust... Schmerzen hab ich überhaupt keine. Im Gegenteil, diese rücksichtslose Härte ist genau das, was ich jetzt von ihm WILL! Was ich in diesem Augenblick von ihm BRAUCHE.
Und er weiß das ganz genau.
Ungeduldig und mit unwirschen Bewegungen halte ich mich gar nicht erst mit seinen lästigen Hemdknöpfen auf, sondern beschränke mich auf die obersten zwei und ziehe es ihm einfach über den Kopf. Achtlos werfe ich es zur Seite, ehe ich meine Hände augenblicklich gierig und genauso wenig sanft wie er über seinen teuflisch heißen Oberkörper gleiten lasse. Gott, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich auf seinen Körper stehe!! Meine Hände sind dafür auf jeden Fall nicht genug... aber weil ich noch immer auf dieser blöden Kommode sitze, komm ich nicht weit genug mit dem Mund nach unten. Ungehalten will ich runterrutschen, doch Marco packt mich erneut und drückt mich grob zurück.
„Hiergeblieben!", lautet sein knapper Befehl, bevor er mir unsanft Shirt und BH auszieht. Einen Herzschlag später gräbt er seine Zähne erst grob in meine Halsbeuge, dann in mein Schlüsselbein. Hungrig arbeitet er sich immer weiter abwärts, immer haarscharf an der Grenze zwischen lustvollem und echtem Schmerz, und entlockt mit einen genüsslichen und zugleich ungeduldigen Lustlaut nach dem anderen, bis er endlich meine Brust erreicht.
Und urplötzlich zügellos hart an meiner rechten Brustwarze saugt und zugleich mit der Hand herrlich grob meine ganze linke Brust packt und lustvoll massiert. Ganz genau wissend, wie sehr ich beides liebe – vor allem Letzteres, das sich jetzt durch seine ungewohnte Grobheit sogar noch besser und intensiver anfühlt!!
Mir entkommt ein herzhaftes Stöhnen, das in einen wortlosen Fluch übergeht, während ich seinen Berührungen regelrecht gierig entgegenkomme, die ein echtes Inferno in mir entfachen. Gottverdammt ich kann mich nicht erinnern, ihn schon jemals so heftig, so ursprünglich begehrt zu haben... fast schon primitiv.
Oder animalisch.
„Marco...!", kommt es ungeduldig, fast schon drohend über meine Lippen, und unterstreiche es, indem ich ihn schmerzhaft fest am Schopf packe und ihn wieder zu mir hochzwinge, bis ich wenigstens wieder über seine Lippen herfallen kann. Ihm entkommt ein angetanes, dunkles Lachen, das mir eine Gänsehaut verursacht. Seine Hände machen sich endlich an meiner Hose zu schaffen und befreien mich gleich darauf gleichzeitig von den letzten beiden Kleidungsstücken. Kaum hat er das erledigt, packe ich ihn am Hosenbund und öffne fahrig die Knöpfe, ohne von seinen unwiderstehlichen Lippen auch nur eine Millisekunde anzulassen. Mehr kann ich ärgerlicherweise von hier oben aus nicht tun, aber glücklicherweise will Marco den lästigen Stoff genauso dringend loswerden wie ich.
Dafür reicht ihm eine einzige Hand... die andere findet mit drei Fingern gezielt ihren Weg in meinen Schoß und dringt mit einem erbarmungslos festen Stoß in mich ein.
Nur mit Mühe kann ich einen Aufschrei unterdrücken und beschränke mich stattdessen erneut auf einen deftigen Fluch. Wir sind hier ja bedauerlicherweise nicht allein, auch wenn zum Glück keine Kinder anwesend sind und das Zimmer neben uns zumindest vorhin noch leer gewesen ist.
„Argh... gottverdammt... Mistkerl!", keuche ich erstickt und entlocke ihm ein teuflisches Grinsen – ehe er seine Hand erneut zustoßen lässt. Noch fester als zuvor. „Wa... GOTT!!"
„Ja...? Sprich dich aus...", knurrt er, packt mein Kinn und erstickt jede Antwort mit einem harschen Kuss, bei dem ich ihm jedoch rachsüchtig in die Lippe beiße und ihn gleichzeitig mit beiden Händen verbissen davon abhalte, mich nochmal fluchen zu lassen. So sehr ich diese geschickten Finger sonst auch in mir liebe – heute treiben sie mich lediglich in den Wahnsinn.
„Genug gespielt... ich will... dich richtig! Verstanden?", verlange ich schwer atmend und raube ihm einen weiteren ungeduldigen, zügellosen Kuss. Ich liebe seinen Geschmack einfach.
„Interessanter Befehlston...", raunt Marco gedehnt und lächelt unheilvoll, während er mit stetig zunehmender Kraft gegen meine beiden Hände drückt und mich ziemlich schnell in Bedrängnis bringt... was ihm ausgesprochen gut gefällt, so breit und triumphierend sein Lächeln dabei wird. „Was, wenn ich den Befehl verweigere?"
Mistkerl.
Irgendwie scheine ich den Punkt verpasst zu haben, an dem ich ihm genug Dominanz zugestanden hab. Angestrengt beiße ich die Zähne zusammen und versuche, seine verdammte Hand da irgendwie wegzubekommen... es gelingt mir aber kein bisschen. Warum zum Teufel hab ich mir auch einen verdammten Kickboxer angelacht?
„Marco... ich warne dich...", zische ich verbissen, allerdings wird mit trotz meiner stark eingeschränkten Denkfähigkeit schnell bewusst, dass ihn das tatsächlich auch noch anstachelt. „Oh, verdammt..." Wieso nur hat er es plötzlich nicht mehr eilig?! Grade eben sind seine Berührungen doch genauso fahrig und ungeduldig gewesen wie meine... und in seinen Augen hab ich eindeutig dieselbe primitive Gier gesehen. Also warum beherrscht er sich plötzlich, während ich mich dermaßen nach ihm verzehre, dass es mich fast schon wütend macht?!
Zu meiner wachsenden Verzweiflung hat Marco sich also grade eindeutig besser im Griff... und nutzt es gewissenlos aus. Provozierend beugt er sich vor und beißt hungrig in meine empfindliche Kehle. Als ich unwillkürlich aufstöhne, lässt er auch noch seine Zunge über die malträtierte Haut gleiten und verpasst mir eine Gänsehaut. Zugleich gelingt es mir plötzlich doch, seine Hand ein paar Zentimeter wegzuschieben – aber bevor ich mich über diesen kleinen Sieg freuen kann, spüre ich sein Grinsen auf meiner Haut.
„Warn mich nochmal, Sina... das erste Mal hat nicht funktioniert, yoi?", flüstert er lustvoll und drängt sich unvermittelt soweit vor, dass seine Fingerkuppe erneut in mich eindringt und mich halb erregt, halb verärgert keuchen lässt. Verärgert, weil ich vor lauter Lust kurz vor der Kernschmelze stehe. Erregt nicht nur durch seine Berührung, sondern weil es mich blöderweise auch noch ziemlich scharf macht, was der Mistkerl da treibt... was mich zugleich ebenfalls echt verärgert. Der Mann bringt mich um den Verstand. Viel fehlt grade nicht mehr mit seinen schmutzigen Tricks.
Schmutzige Tricks...
Ein frivoles Grinsen breitet sich nun von ihm ungesehen auf meinen Lippen aus, als mich der Gedanke auf einen anderen bringt. Er ist ja zum Glück nicht der Einzige, der hier jemanden um den Verstand bringen kann - abgesehen von meinem Mund an seinem Penis gibt es noch etwas, das seine Selbstbeherrschung genauso zerschießt wie seine teuflisch sexy Dominanz die meine!
Mühsam beherrscht neige ich meinen Kopf zu ihm nach vorn, bis meine Lippen so dicht wie möglich an seinem Ohr sind.
„Na schön... versuchen wirs nochmal: Ich warne dich, Marco... ich will, dass du mich jetzt frontal gegen diese verdammte Kommode drückst, dass deine beiden Hände auf meinem Arsch landen und so fest zupacken, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen kann. Und dann will ich, dass du dich noch tiefer in mir versenkst als deine Finger eben... und mich dann endlich so hart und gnadenlos vögelst, bis ich nicht mal mehr meinen verdammten Namen weiß!! Wenn du mich aber noch länger zappeln lässt, spiel ich nochmal Wahrheit oder Pflicht mit dir – aber diesmal hockst du satte sechzig Minuten mit geschlossenem Mund auf diesem Bett da hinten, während ICH dir wahlweise genüsslich einen blase oder auf deinem Schoß sitze und dich mal langsam und mal schnell vögeln werde... ohne dich zum Ende kommen zu lassen. Das gönn ich dir erst in der letzten Minute... und lass dich zusehen, wie ich schlucke. Warnung jetzt angekommen oder... muss ich deutlicher werden, Commander?"
Ich weiß, dass ich gewonnen hab, als Marco schon bei der Erwähnung meines Hinterns regungslos erstarrt... und deutlich macht, dass es um seine Selbstbeherrschung gar nicht so viel besser ausgesehen hat, als er mir weißmachen wollte. So gesehen hätte der erste Satz also vermutlich schon gereicht. Aber da ich ja weiß, dass er mich IMMER ausreden lässt und er sein Spielchen zuvor ja auch mit mir genossen hat... hab auch ich es ein bisschen länger genossen, seine Fantasie mit ein paar sehr intensiven, durch und durch verdorbenen Vorstellungen zu beflügeln.
Mit durchschlagendem Erfolg, denn diesmal befolgt er meine Befehle.
Jetzt ist er es, der einen Fluch knurrt und mir seine Hand entreißt, bevor er mich an den Hüften packt und von der blöden Kommode hebt. Endlich!! Vorfreudig lächle ich, als ich gleich darauf bäuchlings dagegen gedrückt werde und ich mich mit den Armen dort abstützen kann, wo ich eben noch gesessen hab. Marcos erhitzter Atem in meinem Nacken lässt mich erschaudern, bevor er akribisch den nächsten Teil meines Befehls befolgt: mit beiden Händen umfasst er meinen Hintern und drückt mich nicht nur tatsächlich unnachgiebig fest gegen das Möbelstück vor mir, sondern lässt mich angetan seufzen, indem er ihn mehrmals grob knetet.
Trotzdem beuge ich mich dabei erwartungsvoll nach vorn und spreize ungeduldig die Beine ein wenig, weil ich grade wirklich nur noch das Eine will. Wie ja eigentlich schon die ganze verdammte Zeit!! Und zu meiner grenzenlosen Erleichterung zögert er es diesmal auch nicht mehr hinaus – keine Ahnung, ob er Erbarmen mit mir hat oder selber das Ende seiner Geduld erreicht hat.
„Zu Befehl...", raunt Marco mir heiser ins Ohr... und verschließt in weiser Voraussicht mit einer Hand meinen Mund, bevor er sich mit einem wirklich brutalen Stoß direkt bis zum Anschlag in mir versenkt und sich kraftvoll gegen mich presst – und allein damit meinen ersten Orgasmus auslöst.
Mein Aufschrei wird durch seine Hand erfolgreich gedämpft und verwandelt sich durch den verstandraubenden Druck, den er da unbarmherzig aufrechterhält, langsam in ein abgehacktes, flehendes Keuchen. Der kurze Schmerz beim Eindringen verschwindet schnell in dem berauschenden Gefühl, Marco endlich, endlich dort zu haben, wo ich haben wollte. Fehlt nur noch der letzte Teil, weshalb ich meinen Mund mit einem schnellen Kopfschütteln befreie. Zumindest kurz.
„Marco... mach schon... bitte!", kommt es abgehackt über meine Lippen und bringe ihn dazu, atemlos und rau aufzulachen.
„Du machst mich verrückt, Sina...", schnauft er belustigt, aber nur noch mühsam beherrscht, während er meine Haare zur Seite schiebt und meinen Nacken freilegt. Ich kann das Grinsen in seiner Stimme regelrecht sehen. „...und es ist mir ein Vergnügen, dasselbe mit dir zu machen!"
Mein vorerst letzter klarer Gedanke ist der, dass ich genau dieses gegenseitige Verrücktmachen bei uns so liebe.
Einen Herzschlag später widmet sich Marco endlich meinem letzten Befehl.
Ohne dass er mir oder sich selbst auch nur die kleinste Art von Aufwärmphase beginnt er sich in schnellem Tempo in mir zu bewegen... und sein Becken stößt jedes Mal mit genau DER Kraft gegen meins, die ich schon die ganze Zeit gebraucht hab.
Hart.
Erbarmungslos.
Verstandraubend.
Ursprünglich.
Ohne Pause, ohne Technik, ohne irgendeine Art von Kreativität, Sinnlichkeit oder Romantik. Und ich genieße jede einzelne Sekunde davon. Mit geschlossenen Augen halte ich mich mit aller Kraft an den Seiten der Kommode fest, um Marcos Wucht standzuhalten... ihm sogar gierig entgegenzukommen. Nichts als Sex in seiner ursprünglichsten Form, der keinen anderen Gedanken mehr zulässt als das berauschende Gefühl, das dieser Wahnsinns Mann in mir auslöst und mich mit jedem Stoß nur noch willenloser macht. Mich sogar nach mehr betteln lässt.
Marcos rechte Hand liegt zum Glück wieder über meinem Mund und dämpft meine Laute, während er mit der linken meine Hüfte gepackt hält und sie bei jedem Stoß kraftvoll zu sich zu ziehen. Er drückt mich mit seinem eigenen Körper fast mit der ganzen Brust auf das Möbelstück, sein Atem fegt keuchend über meinen Nacken.
„Dein... Name?!", grollt er plötzlich schnaufend, während sein Rhythmus ganz leicht unregelmäßiger wird und mir zweifelsfrei sagt, dass er kurz davor ist. Das ist aber auch alles, was grade irgendwie greifbar ist. „Was ist...? Kein Name?", wiederholt er angestrengt, aber ich kann das zufriedene Grinsen in seinem Gesicht erahnen. Seine Frage kann ich aber lediglich mit einem undefinierbaren Laut beantworten; selbst wenn mein Mund frei gewesen wäre, wäre mir nichts sinnvoll Artikuliertes über die Lippen gekommen.
Marcos zufriedenes, atemloses Lachen geht unvermittelt nahtlos in ein abgehacktes, lautes und zutiefst befriedigtes Stöhnen über, als er von seinem eigenen Höhepunkt überrascht wird. Mich nimmt er aber trotzdem noch einmal mit, indem er mir ungezügelt in den Nacken beißt. Das, zusammen mit dem geradezu überwältigend-erregenden Gefühl von Marcos Orgasmus, während dem er sich fühlbar kontrolllos noch mehrmals so tief wie nur irgend möglich an mich presst, löst zuverlässig auch meinen zweiten Höhepunkt aus. Er rauscht mit so einer überwältigenden Intensität über mich hinweg, dass mein befreites Stöhnen fast wie ein Wimmern klingt und ich tatsächlich erschaudere, bevor ich fix und fertig meinen Kopf auf die Kommode fallen lasse, während Marco seinen zwischen meine Schultern legt.
Stille breitet sich aus, während wir minutenlang allein damit beschäftigt sind, wieder zu Atem zu kommen. Zeit, die Marco damit überbrückt, sich ein wenig zur Seite zu drehen und federleichte Muster auf meinen Rücken zu malen. Womit er mir ein behagliches, katzenhaftes Schnurren entlockt.
„Erst Befehle erteilen, dann zum Schmusekätzchen mutieren... passt nicht so wirklich zusammen, yoi?", lautet Marcos belustigtes Urteil. Grinsend schiele ich mit einem Auge zu ihm hoch.
„Auch der wildeste Tiger braucht mal Streicheleinheiten", kontere ich so erhaben wie irgend möglich. Allerdings ist von irgendeinem Tiger grade überhaupt nichts mehr zu spüren; der anstrengende, turbulente Tag, das intensive Gespräch mit Marco, meine Heulerei und dann dieses Intermezzo grade fordern ihren Tribut – ich bin in jeder Hinsicht fix und fertig. „Bett?", lautet daher meine etwas wehleidige Frage.
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Trust in Me
FanfictionReallife - Nach einer katastrophalen Beziehung hat Marco das Interesse am weiblichen Geschlecht verloren. Zumindest, bis er nach seinem Urlaub eine neue Arzthelferin in seiner Praxis vorfindet. Sofort weckt der kupferhaarige Wirbelwind sein Interess...
