Marco
„...und denk daran: gib dir Zeit. Wenn du zu schnell zu viel von dir verlangst, endet das nur in Frust. Ich verspreche dir, wir kriegen das in den Griff, egal wie lange es dauert, yoi?" Aufmunternd strecke ich meiner jungen Patientin die Hand hin. Sie sieht mich unsicher an, dann schlägt sie vorsichtig lächelnd ein.
„Okay, Doktor Newgate...", erwidert sie verhalten optimistisch und geht durch die von mir aufgehaltene Tür. Mit einem warmen Gefühl sehe ich ihr nach. Ihr Name ist Brianna, siebzehn Jahre alt und leidet seit vier Jahren an Bulimie. Sie ist erst vor zwei Wochen aus der Klinik gekommen und nun zur Nachbetreuung bei mir, aber ihre größte Baustelle wird ihr mangelndes Selbstwertgefühl sein. Das ist dank einer schwierigen Kindheit nämlich kaum vorhanden... aber ich bin zuversichtlich, dass wir das gemeinsam hinbekommen. Auch wenn es ein hartes Stück Arbeit für sie wird, doch das ist es auf jeden Fall wert, wenn sie sich selbst und ihren Körper eines Tages als wertvoll und schön sehen kann.
Das ist der Grund, warum ich Psychiater mit Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendpsychologie geworden bin: um grade jungen Menschen eine Chance auf eine glückliche Zukunft geben zu können. Um ihnen Mut zu machen, ihr Vertrauen in sich selbst und ins Leben wieder herzustellen und ihnen die verlorene Hoffnung zurückzugeben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr sich das Lebensgefühl verändern kann, wenn man erst wieder Hoffnung und Vertrauen geschöpft hat... die Erinnerung an meine eigene chaotische Jugend lässt mich kurz lächeln.
Aufatmend setze ich mich zurück an meinen Schreibtisch und tippe mein Gesprächsprotokoll in die Patientenakte am PC ein. Das war mein letzter Fall für heute, gleich ist Feierabend. Durchaus zufrieden mit dem Verlauf meines ersten Arbeitstages beende ich den Schreibkram und will gerade abschalten, als plötzlich ohne Vorwarnung meine Tür schwungvoll aufgerissen wird.
Aha, ich hatte mich schon gefragt...
„Marco, altes Haus! Verdamm schön dich wieder hier zu haben!", dröhnt Shanks gut gelaunt und schlägt mir mehrmals kräftig auf die Schulter. Ich schmunzle verhalten und lockere mein malträtiertes Gelenk; der Rothaarige ist nie besonders zimperlich bei seinen ‚Liebesbekundungen'.
„Danke, ich hab deine zärtlichen Berührungen ehrlich vermisst!"
Er lacht nur, zieht sich einen Stuhl her und setzt sich neben mich.
„Weiß ich, deshalb überhäufe ich dich doch auch mit meinen Zärtlichkeiten! Alles fit bei dir? Was gibts neues?", fragt er fröhlich.
„Alles bestens und alles beim Alten. Hier scheint aber einiges los gewesen zu sein!", antworte ich mit hochgezogenen Augenbrauen und mildem Vorwurf in der Stimme. Mein Kollege grinst.
„Ja, hier war wirklich einiges geboten. Kaum warst du weg, ist Bonney bei einer ihrer Fress- und Sauftouren eine Treppe runtergesegelt und hat sich zwei Wirbel gebrochen. Zum Glück bleiben keine dauerhaften Schäden, aber sie fällt für gut ein halbes Jahr aus. Gott, du kannst dir das Chaos hier nicht vorstellen - keine Sprechstundenhilfe, du auch nicht da... ich war drauf und dran, dich zurückzupfeifen. Die kleine Gates war ein echter Glücksgriff. Ich hab ihr Stellengesuch in der Zeitung gelesen, hab sie angerufen und gefragt, ob sie auch sofort anfangen kann. Wir hatten eine Woche Probezeit vereinbart. Tja, und was soll ich sagen? Dieses Mädchen kann zaubern!" Sichtlich zufrieden mit sich lehnt er sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen nach hinten. „Sie hat nicht nur das entstandene Chaos profimäßig in den Griff bekommen, sie kann auch noch wunderbar mit den Patienten umgehen. Sina ist ein echter Schatz, wenn du mich fragst!"
Meine Miene verfinstert sich leicht, als ich den schwärmerischen und gleichzeitig vertrauten Tonfall vernehme.
„Ihr seid schon beim ‚Du'?", frage ich bemüht desinteressiert, aber wenig überrascht. Der Rothaarige verteilt seinen Charme meist recht großzügig in der weiblichen Welt und stürzt sich mit leidenschaftlicher Begeisterung von einer abenteuerlichen Affäre in die nächste.
„Natürlich sind wir schon beim du! Wieso auch nicht, sie ist ne wirklich sympathische, angenehme Persönlichkeit. Sie lebt erst seit kurzem hier in Irland und hat noch keinerlei Anschluss, da muss ich ihr doch unter die Arme greifen!"
Aha, also rein ehrenwerte Absichten? Ich kanns ja kaum glauben. Offenbar steht mir die Skepsis ins Gesicht geschrieben, denn er hebt entwaffnend die Hände.
„Hey, guck nicht so! Ich würde ihre Lage nie ausnutzen!" Na gut, das glaube ich ihm sogar... er ist zwar ein Abenteurer in Sachen Liebe, aber kein gewissenloser Casanova oder Herzensbrecher. Gerade will ich etwas erwidern, doch... „Außerdem hab ich das Gefühl, sie steht mehr auf blond", wirft er mit einem Vielsagenden Grinsen hinterher.
„Ich... WAS?" Perplex starre ich ihn an, doch der Mistkerl sieht mich nur unschuldig an und wechselt das Thema.
„Und, wie war dein Urlaub? Hast du vielleicht endlich mal jemanden kennengelernt und hattest RICHTIGEN Spaß?" Uuuund schon verblasst die Freude über seine Gesellschaft. Pausenlos hängt er mir damit in den Ohren.
P-A-U-S-E-N-L-O-S! Seit über dreieinhalb Jahren. Ist es so schwer, mich zur Abwechslung mal nach der durchaus interessanten Fortbildung zu fragen? Oder nach meinen übrigen Hobbys? Ist ja nicht so, als würde ich außerhalb der Arbeit depressiv in meiner Wohnung sitzen und irgendwelche Katzen streicheln.
Ich mag nicht mal Katzen.
„Ich hatte genug Spaß, danke der Nachfrage!", antworte ich angesäuert, was seine Mundwinkel ein wenig nach unten fallen ließ.
„Also nicht. Mensch, Marco... wie lang willst du das noch durchziehen? Ich weiß, du hörst das nicht gern, aber du bist nun mal eindeutig zu jung, um so ein Einsiedlerdasein zu fristen. Du bist nicht dafür gemacht, um den Rest deines Lebens allein zu verbringen", sagt er ungewöhnlich ernst. Ich seufze tonlos und fahre mir durch die Haare.
„Ganz so jung bin ich nun auch nicht und ich friste auch kein Einsiedlerdasein, übertreib nicht immer. Ich hab ne Menge Freunde, viele Hobbys und eher selten Langeweile. Mir geht's gut", widerspreche ich vehement, doch Shanks verdreht nur die Augen. Gerade öffnet er den Mund, als es klopft.
„Was ist?", rufe ich ungehalten und unsere neue Frontfrau steckt ihren hübschen Kopf in mein Sprechzimmer.
„Entschuldigt die Störung, ich wollte nur die Akten mitnehmen damit ich sie noch einordnen kann, bevor ich gehe. Ist das okay?", fragt sie unsicher und wirft mir einen eingeschüchterten Blick zu. Oh, meine Stimme klang wohl genervter als ich dachte. Entschuldigend lächle ich sie an und reiche ihr den Stapel.
„Natürlich. Ich war auch nicht wegen dem Klopfen genervt!", beruhige ich sie und werfe dem Rothaarigen einen bösen Blick zu. Dieser setzte seinen besten Welpenblick auf und hebt abwehrend die Hände.
Oh, Schande...
„Ach komm, ich mach mir doch nur Sorgen um meinen Freund, der schon seit fast vier Jahren Single ist! Für seine knackigen vierunddreißig ist das doch nicht gesund. Er braucht definitiv wieder mal echten Spaß im Leben - und im Bett!"
DAS hat er doch jetzt nicht wirklich vor ihr gesagt!
Fassungslos starre ich ihn an... oder halt, WIR starren ihn fassungslos an. Na warte, das kriegst du zurück!
Sehr wohl ahnend, dass ich drauf und dran bin, ihm eins über zu ziehen, rutscht er mit seinem Stuhl aus meiner Reichweite...
...und jault gleich darauf erschrocken auf, als seine ‚Kleine' ihm völlig unerwartet und mit Wucht die Akten über den Schädel zieht. Auf seinen verdatterten Blick hin, zuckt sie trocken mit den Schultern und sieht den Rothaarigen verschmitzt an.
„Was? Du hast doch selbst gesagt, dass wir außerhalb der Öffnungszeiten auf das – ich zitiere - Chef-Angestellte-Gedöns verzichten sollen. Jetzt ist es schon nach fünf. Und als deine Bekannte bin ich der Meinung, dass du das echt verdient hast – das war nämlich ziemlich unhöflich!"
Sie zwinkert mir zu!
Einen Augenblick ist es still, doch Shanks' völlig überrumpelter Blick gibt mir den Rest. Ich breche in schallendes Gelächter aus. So lange und laut, dass ich mir die Brille abnehmen und über die Augen wischen muss. Ehrlich, es passiert wirklich nicht oft, dass etwas (oder jemand) Shanks derart sprachlos macht. Und ihn dann auch noch so mütterlich belehren...
Sina scheint jedoch etwas überfordert mit meiner Reaktion zu sein; sie verdeckt ihr verhaltenes Lachen mit der Hand und flüchtet mit den Akten schnell aus dem Raum. Vermutlich, um verschwunden zu sein bevor Shanks sich von seinem Schock erholt.
Was er zu meinem Leidwesen just in diesem Augenblick tut. Er starrt mich an, wie ein hungriger Wolf ein entlaufenes Schaf anstarrt. Mir schwant übles.
„Marco... weißt du, wann ich dich das letzte Mal so lachen gehört hab?", beginnt er unheilvoll und beugt sich zu mir. Ich runzle die Stirn. Was meint er?
„Noch nie, mein Freund. Noch NIE!" Ich starre ihn an, jede Belustigung ist bereits wieder verpufft. Schon wieder übertreibt er so! Ich kann das wirklich nicht leiden.
„Red keinen Unsinn!", grolle ich unwirsch und packe nun endgültig meine letzten Sachen zusammen, um zu gehen. Shanks steht hastig auf und hält mich versöhnlich an beiden Armen fest.
„He, sei nicht gleich beleidigt. Ich meins doch wirklich nur gut! Wenn Sina dich nicht interessiert, ist das doch völlig okay... aber falls doch - oder irgendeine andere – dann gib dir doch bitte selbst endlich wieder eine Chance lass dich drauf ein. Ich weiß, die Sache mit Celine damals hat dich hart getroffen, aber gönn ihr doch nicht den Sieg, dein Vertrauen in Partnerschaften zerstört zu haben! Du bist Psychiater, also weißt du selbst, dass du dieses Erlebnis endlich überwinden musst. Öffne dein Herz wieder, Marco. Ich bin mir sicher, du wirst es nicht bereuen".
Hart muss ich schlucken. So ernst und... fürsorglich, hat mein eigentlich allzeit gutgelaunter Freund noch nie mit mir geredet. Fast schon väterlich, obwohl er ja sogar jünger ist als ich. Aber ich kann nicht abstreiten, dass seine Worte etwas Wahres beinhalten. Ich weiß selbst, dass mich meine erste und letzte richtige Beziehung noch immer nicht losgelassen hat. Nicht, weil ich noch in irgendeiner Form an diesem verlogenen Individuum hängen würde, sondern weil ich bis heute Schiss hab, dass mir sowas nochmal passiert. Und ja, mir ist bewusst, dass ich das hinter mir lassen sollte... aber offen gestanden hatte ich bisher noch keinen Anlass, es nochmal zu versuchen. Es hat bisher einfach noch keine Frau gegeben, die mir irgendwie Herzklopfen verschafft hat.
Zumindest bis heute morgen... was ich meinem neugierigen Freund aber ganz sicher nicht aufs Auge binden werde.
Seufzend verdrehe ich die Augen und brumme etwas unverständliches, doch Shanks scheint das zu genügen. Er grinst wieder.
„Na also, geht doch, genug Weisheit für einen Tag. Wie siehts aus, Freitag einen Abstecher zu Rayleighs Bar? Du wirst schon heftig vermisst!", wechselt er endlich das Thema in eine sehr viel angenehmere Richtung: seinem Lieblingsthema Nummer zwei. Trinken. Ich habs doch geahnt! Aber diesmal hab ich auch selbst große Lust drauf, ich hab unsere feuchtfröhliche Runde doch mindestens genauso vermisst.
„Na klar doch, um acht?" Er bejaht und verlässt gleich darauf mit mir zusammen das Sprechzimmer.
Im Flur sind schon alle Lichter aus, nur im Büro brennt noch eins. Shanks klopft mit den Knöcheln auf den Tresen, bis Sina noch immer verschmitzt grinsend herauskommt. Er funkelt sie hinterhältig an.
„Wir machen uns vom Acker. Aber die Sache von vorhin hat noch ein Nachspiel, Fräulein!", droht er ihr halbernst, was ihr einen leicht beunruhigten Blick entlockt.
Ich nicke zustimmend.
„Sehe ich genauso. Ich sollte sie öfter mit Akten bewaffnen und sie gegen eine kleine Lohnerhöhung auf dich ansetzen!", falle ich ihm trocken in den Rücken, was nun wiederum die junge Frau in herzliches Gelächter ausbrechen - und mein Herz erneut schneller schlagen lässt.
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Trust in Me
FanfictionReallife - Nach einer katastrophalen Beziehung hat Marco das Interesse am weiblichen Geschlecht verloren. Zumindest, bis er nach seinem Urlaub eine neue Arzthelferin in seiner Praxis vorfindet. Sofort weckt der kupferhaarige Wirbelwind sein Interess...
