"Sag es mir, Germán!"
Germán war Angie eine Erklärung schuldig, dessen war er sich bewusst und das machte sie ihm allzu deutlich klar. Bei seinen rätselhaften Aussagen war es auch nur verständlich.
Der große Mann nickte. Ihn packte ein kurzer Anflug von Mut. Angie hatte es verdient, endlich zu wissen, wer der Pianist des Studios wirklich war! Germán holte tief Luft. "Angie, ich... ich bin..."
"Ach, Germán, Sie sind ja schon unten!", platzte Ramallo plötzlich in das Gespräch rein. Er war aus der Küche gekommen. "Die Polizei hat gerade angerufen und gebeten, dass Sie persönlich zurückrufen. Sie wollen letzte Angelegenheiten mit Ihnen klären!" Ramallo war so in seinem Redefluss vertieft, dass er gar nicht bemerkte, dass er Germán soeben unterbrochen hatte. "Sind das nicht positive Neuigkeiten?"
Der große Mann starrte Angie mit offenem Mund an. Jetzt hatte er sich einmal getraut und wollte ihr endlich die Wahrheit sagen, da musste er gestört werden. Zur Zeit lief es für ihn wirklich großartig!
"Germán, freuen Sie sich etwa nicht?" Langsam wandte dieser den Kopf von seiner Schwägerin ab. "Doch, doch, das sind wirklich tolle Nachrichten." Seine Stimme klang abweisend, als käme sie von weit weg. In Gedanken war Germán noch bei der blonden Frau und Jeremías, doch Ramallo schien seine Abwesenheit überhaupt nicht zu bemerken und schob seinen Arbeitgeber freudig in Richtung Büro.
"Na, kommen Sie schon, wir legen gleich los!" Ramallo war voller Tatendrang und wollte Germán vielleicht auch absichtlich auf seine Arbeit fixieren, um von Esmeralda und dem gestrigen Tag abzulenken. Germán wäre ihm dafür auch sehr dankbar gewesen, würde es das wichtige Gespräch mit Angie nicht geben. Der große Mann drehte sich noch einmal um und warf seiner Schwägerin einen hilflosen und entschuldigenden Blick zu. Er würde wann anders mit ihr weiterreden müssen. Die Frage war nur, ob Germán sich dann noch traute...
Germán verbrachte die ganzen nächsten Stunden in seinem Büro. Durch das Gespräch mit der Polizei wurde ihm bestätigt, dass ihm sein gestohlenes Geld bald wieder auf sein Konto überwiesen werden würde und er in wenigen Tagen seine Arbeitserlaubnis wiederbekäme. Über diese Nachrichten hatte sich Ramallo mehr gefreut als Germán selbst. Dieser war noch immer nicht bei der Sache und mit ganz anderen Sorgen und Gedanken beschäftigt.
Ramallo hatte dies dann auch schnell bemerkt und war nun seit einigen Minuten verschwunden. Wahrscheinlich wieder in der Küche um mit Olga zu streiten. Ramallo war ein furchtbarer Feigling, wenn es um seine Gefühle für die Haushälterin ging.
Wobei Germán eigentlich nicht das Recht hatte, das zu sagen, da er selbst noch ein viel schlimmerer war. Der große Mann gestand sich diese Tatsache mittlerweile ein, doch ändern tat es nichts. Mit Angie wäre sein Leben um einiges bunter, fröhlicher, leichter und ausgefüllter, aber Germán war schlichtweg zu feige, zu seinen Gefühlen zu stehen. Er traute sich nicht, zu Angie hinzugehen und ihr zu gestehen, wie sehr er sie doch liebte.
Nein, stattdessen hatte er sich lieber eine andere Frau gesucht, die ihm zugegebenermaßen ebenfalls sehr gefallen hatte, nur um festzustellen, dass diese ihn Monate lang belogen und sein ganzes Geld gestohlen hatte. Wäre Germán einfach mit Angie zusammengekommen, dann wäre ihm all das Leid erspart geblieben... Aber es war auch wirklich nicht fair! Warum musste ihre Beziehung so verdammt kompliziert sein? Warum hatte sie nicht eine ganz normale Hauslehrerein sein können, statt die kleine Schwester seiner verstorbenen Frau? Und warum um alles in der Welt war er so ein elender Feigling, der nicht mit seiner Schwägerin reden konnte und ihr sagen, was sie ihm bedeutete!?
Germán seufzte auf und lehnte sich in seinem Arbeitssessel zurück. Mittlerweile würde es sowieso nichts mehr bringen! Angie war längst über ihn hinweg. Sie hatte seine damalige Abfuhr akzeptiert und eingesehen, dass eine Beziehung zwischen ihnen unmöglich war. Unmöglich... Genau so hatte sich Germán ihr gegenüber in den letzten Monaten auch verhalten. Kein Wunder, dass sie nichts mehr von ihm wissen wollte!
Ganz automatisch fasste sich Germán mit zwei Fingern an seine Lippen und strich zart darüber. Wenn er die Augen schloss, konnte er noch immer Angies weiche Lippen spüren. Es war erst gestern gewesen, dass sie sich geküsst hatten und doch vermisste Germán bereits jetzt das wundervolle Gefühl, sie küssen zu können und fragte sich, ob er ihre perfekt auf seine passenden Lippen je wieder spüren würde.
Der große Mann erhob sich, er brauchte nun dringend einen Tapetenwechsel. Natürlich würde sich das nicht mehr wiederholen! Am Vortag war sie einfach zu gutherzig gewesen, um ihn wegzudrücken und hatte Mitleid gehabt. Warum sonst hätte sie den Kuss erwidern sollen!? Außerdem würde Germán einen Teufel tun und sie noch einmal so plötzlich küssen.
Auf einmal hörte Germán ein lautes Poltern und ein Schimpfen aus der Küche. Anscheinend hatte er Ramallo soeben gefunden. Germán ging die wenigen Schritte auf die Küchentür zu und sah in zwei erschrockene Gesichter, als er den Raum betrat. Zu den Füßen der beiden lag ein großer Koffer, deren Inhalt den ganzen Küchenboden schmückte. Das war also die Ursache für den Lärm...
"Oh, hallo Señor Germán.", begrüßte Olga leicht panisch und bückte sich sogleich, um alle Kleidungsstücke einzusammeln. Der große Mann starrte gebannt auf den roten Koffer. Es waren Esmeraldas Sachen, die die beiden wegbringen wollten. Jetzt verstand er auch, warum sie so nervös auf sein Erscheinen reagierten. "Wie schön, Sie zu sehen.", hakte Ramallo ein, während Olga mit dem Koffer beschäftigt war. "Gehen wir doch ins Arbeitszimmer und trinken einen Kaffee. Was sagen Sie dazu?"
"Beruhigen Sie sich. Es stört mich gar nicht, Esmeraldas Sachen zu sehen.", unterbrach Germán und versuchte, die zwei in ihrer Panik zu beruhigen. Seine Worten stimmten. Zumindest irgendwie. Je mehr Zeit verstrich, desto weniger wurden die Trauer und der Schmerz. Er fand die Geschehnisse noch immer schrecklich, doch anders als vor wenigen Stunden, löste der Name 'Esmeralda' nur eine tiefe Leere, statt dem Bedürfnis auf der Stelle loszuweinen, in ihm aus.
"Ach, es stört Sie also gar nicht?", bemerkte Olga allerdings schnippisch und stand sofort auf. "Und wieso haben Sie das nicht vorher gesagt?" Der Blick der Haushälterin war tödlich. "Wir waren ganz verzweifelt! Wir haben versucht, all die Sachen vor Ihnen zu verbergen." Olga knallte eine Bluse, die sie noch in der Hand hielt, wütend zurück in den Koffer. "Und dann stellt sich heraus, dass es den Señor überhaupt nicht stört!" "Olga!", ging Ramallo mahnend dazwischen, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Es freut mich sehr, dass es den Señor nicht stört und wissen Sie wieso? Weil Olga Sie in genau diesem Augenblick verlässt! Verzeihung." Germán sah ihr geplättet mit einer Mischung aus Wut und Sprachlosigkeit hinterher. Was hatte er denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Er wollte es ihnen doch nur leichter machen! Zudem hatte er nie darum gebeten, Esmeraldas Habseligkeiten heimlich wegzuschaffen.
"Sie kennen ja Olga.", entschuldigte sich Ramallo seufzend für ihren Ausbruch. "Ich kümmere mich gleich um den Koffer." Germán nickte dankend zu. "Gibt es etwas neues zu Esmeralda?" Der große Mann wusste nicht, warum ihn das interessierte, aber es würde ihm vermutlich ein Gefühl der Genugtuung und Gerechtigkeit verschaffen, die Frau hinter Gittern zu wissen. "Nein, nichts. Sie ist noch auf der Flucht.", klärte Ramallo ihn ernüchternd auf. "Allerdings ist es nicht ganz nachvollziehbar, wieso Esmeralda nicht früher versucht hat zu fliehen, als das ganze Geld noch da war. Es erscheint mir als ein unnötiges Risiko, Sie noch heiraten zu wollen."
"Ich hab sie daran gehindert. Sie hat es schon davor versucht.", murmelte Germán und zeigte mit einem vielsagenden Blick, dass Ramallo darauf nichts mehr erwidern sollte. So offen darüber sprechen, konnte und wollte er dann doch noch nicht. Es war ihm egal, wie merkwürdig manches noch erschien, er wollte es einfach vergessen! Germán fuhr sich, verärgert über seine schlechte Stimmung und die ganze Situation, durch die Haare und versuchte, wieder an etwas anderes denken zu können. Abschließend meinte er: "Wenn Sie etwas neues erfahren, dann rufen Sie mich an, ja?"
Germán wandte Ramallo den Rücken zu und wollte in sein Büro oder wahlweise das Schlafzimmer fliehen. Er befand sich aktuell irgendwie erneut in einem seelischen Tief. "Verzeihung, aber wo wollen Sie hin? Wollen Sie im Studio arbeiten gehen?", erkundigte sich Ramallo noch.
"Nein, nein. Heute gehe ich nicht ins Studio und morgen werde ich kündigen.", stellte Germán deutlich klar und meinte jedes einzelne Wort vollkommen ernst. So konnte es auf keinen Fall weitergehen! "Eins habe ich aus dieser Sache gelernt. Ich will keine Lügen in meinem Leben haben!"
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Germangie - This Ain't Goodbye
FanfictionGermán wollte Esmeralda heiraten, doch an deren Hochzeit hatte sich herausgestellt, dass sie eine Lügnerin, eine Schauspielerin war. Obwohl Angie durch die Beziehung der beiden sehr verletzt wurde, zögert sie keine Sekunde, ihrem Schwager beizustehe...