25. Kapitel

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"Es war dein Papá. Germán hat sich als Jeremías verkleidet, die ganze Zeit.", verkündete Angie mit Tränen in den Augen. Germán schluckte. Seine Schwägerin hatte die Lüge tatsächlich allen erzählt.

Viel zu lange sagte keiner etwas, doch dann wandte sich Violetta direkt an ihren Vater: "Ist das wahr? Du bist Jeremías?" Ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und gefasst, doch Germán senkte den Blick. Er konnte seiner Tochter nicht in die Augen sehen.

"Papá?!" Der Angesprochene nickte schließlich leicht und betrachtete weiterhin die Tischdecke, als hätte diese eine Lösung für all seine Probleme. Zu Germáns Überraschung war es Angie, die nun weitersprach: "Ich werde hier ausziehen. Ich will nur meine Sachen zusammenpacken, dann bin ich weg." "Aber Angie!", rief Violetta protestierend. Germán sah ihr geschocktes Gesicht förmlich vor sich. "Das kannst du doch nicht machen!"

Er hörte Angie einmal tief durchatmen, dann meinte die blonde Frau mit kühler, aber zittriger Stimme: "Und ob ich das kann. Bedank dich bei deinem Vater." Germán zuckte zusammen und konnte nicht verhindern, dass sein Blick nach oben schnellte und genau auf den von Angie traf. Auch wenn sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, waren ihre Augen mittlerweile rot von den zurückgehaltenen Tränen und ihr Gesicht war vor Trauer verzerrt. Wenige Sekunden lagen ihre Augen stumm aufeinander, ihre Verbindung zueinander schien nach wie vor ungebrochen. 

Dann wandte sich Angie jedoch abrupt ab und floh schnellen Schrittes die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf. Germán fühlte sich schrecklich. Schrecklicher als vor Angies Erscheinen schon. Er war der Grund, warum es Angie so schlecht ging. Er hatte sie verletzt. Und er war sich aktuell nicht sicher, ob seine Schwägerin ihm diese Aktion jemals verzeihen würde... ob sie es jemals können würde.

"Wi-wir lassen euch beide mal alleine.", ergriff die sonst so überdrehte Olga vorsichtig das Wort und erhob sich gemeinsam mit Ramallo. Es war ihnen sichtlich unangenehm, Zuschauer dieser Familienkrise zu sein. "Genau... wir... wir wollen uns mal die Sonne anschauen.", ergänzte Ramallo stotternd und verschwand mit der Haushälterin zusammen in die Küche und durch diese nach draußen.

Lediglich Vater und Tochter befanden sich jetzt noch im Raum. "Vilu?" Germáns Stimme klang angsterfüllt. Würde Violetta ihn alles erklären lassen und ihm verzeihen? War sie nun genauso sauer wie ihre Tante und würde ihn anschreien? Oder noch schmerzlicher, ihn ignorieren und anschweigen?

"Du hast ganz schön Mist gebaut, das weißt du?", äußerte Violetta schließlich vorwurfsvoll, aber in normaler Lautstärke. "Du wirst dir einiges einfallen lassen müssen, um das irgendwann wiedergutmachen zu können." Germán sah seine Tochter geknickt an. "Ich weiß." Er bereute, dass er sich als Jeremías ausgegeben hat und dass er, als es dann zu spät war, diese Lüge nicht früher beendet hatte. Am vorherigen Abend war er ein ganzes Stück zu weit gegangen! Es hatte alle nur noch schlimmer gemacht. Germán wusste all das, doch er konnte es leider nicht rückgängig machen.

Der große Mann griff zögerlich nach Violettas Hand. "Du bist mir nicht böse?" Die Braunhaarige seufzte laut auf. "Natürlich bin ich sauer auf dich. Ganz ehrlich, so eine selten blöde Idee kann ja nur von dir kommen." In diesem Moment waren die Rollen der beiden ganz eindeutig vertauscht. Jetzt gerade war Germán das Kind und Violetta die Erwachsene. "Du erzählt mir später auch genau, was du dir dabei überhaupt gedacht hattest, was das alles sollte!"

Violettas Blick wurde sanfter. "Aber ich bin nicht diejenige, die du mit dieser Aktion verletzt hast. Es bringt nichts, wenn ich dich bestrafe, indem ich wütend bin und nicht mehr mit dir rede, das wird Angie schon zur Genüge tun. Um sie solltest du dich jetzt nämlich kümmern." Sie lächelte ihn kopfschüttelnd an. "Deshalb mach, dass du dich bewegst und nach oben zu ihr gehst. Du musst mit Angie reden und dich bei ihr entschuldigen, nicht bei mir."

Germán viel ein großer Stein vom Herzen und er sprang sofort von seinem Stuhl auf, um Violetta in eine feste Umarmung zu ziehen. "Ich danke dir, Vilu!" Er konnte wieder einmal nicht fassen, wie erwachsen seine Tochter doch geworden war. Sie wusste, dass er sich ohnehin furchtbar genug fühlte und sich nun ordentlich anstrengen musste, dass sein Verhältnis zu Angie nicht vollkommen zerstört war.

Violetta strich ihm tröstend über den Rücken. "Ich will meine Tante nicht verlieren.", flüsterte sie. Auch die Jüngere wusste, wie ernst die Situation war. "Du musst es irgendwie hinkriegen, Papá. Ich weiß ja, dass du es nicht böse gemeint hast, aber wenn es um dir nahestehende Menschen geht, übertreibst du einfach jedes Mal." Germán legte den Kopf auf der Schulter seiner Tochter ab und schloss die Augen. "Nach diesem Mal hab ich definitiv daraus gelernt. Solche Aktionen werden nicht mehr vorkommen, ich verspreche es."

Sie lösten sich voneinander und Violetta zeigte mit der Hand Richtung Treppe. "Ich verzeihe dir, Papá. Jetzt musst du das bei Angie irgendwie schaffen."

Germán nickte zustimmend und machte sich auf den Weg ins obere Stockwerk. Ja, er musste es irgendwie hinbekommen, doch er zweifelte, wenn er ehrlich war, stark daran, dass ihm das auch wirklich gelingen würde...

Germangie - This Ain't GoodbyeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt