Erschöpft schloss Angie die Haustür des Castillo Hauses auf. Der Tag im Studio hatte sich furchtbar langgezogen, sie dachte schon, sie würde gar nicht mehr nach Hause kommen.
Wobei das hier aktuell gar nicht ihr Haus war, sie wohnte nicht darin. Vielleicht würde sie jetzt, nachdem Esmeralda weg war, wieder einziehen können. Obwohl Angie selbst nicht wusste, ob das überhaupt so eine gute Idee war. Auch wenn es natürlich schön wäre, Violetta wieder öfter zu sehen, würde sie gleichzeitig auch mehr Zeit mit Germán verbringen.
Seufzend ließ sie sich auf einem der weißen Sofas nieder. Sie verbrachte ja eigentlich gerne Zeit mit ihm. Angie war sogar vom Studio direkt hierher gelaufen, um nach ihm schauen zu können. Die blonde Frau war mit der derzeitigen Situation einfach völlig überfordert. Sie wusste nicht, was sie denken und fühlen sollte. Natürlich hatte sie Gefühle für Germán, das war ihr nur allzu deutlich bewusst und das verleugnete sie auch nicht. Es war aber auch klar, dass ihr Schwager eine mögliche Beziehung zwischen ihnen nie in Erwägung gezogen hatte und das auch niemals tun würde. Die Tatsache, dass sie Marías kleine Schwester war, machte es für ihn unmöglich.
Zu allem Überfluss gab es aktuell noch Jeremías, der der jungen Frau ordentlich den Kopf verdreht hatte. Angie wusste bei ihm allerdings überhaupt nicht, woran sie war. Sie war sich jedoch recht sicher, dass bei ihm zumindest ein grundlegendes Interesse bestand und deswegen würde Angie mehr als gerne einmal über ihr Verhältnis zueinander sprechen. Seit dem gestrigen Tag hatte er sich allerdings nicht mehr bei ihr gemeldet und im Studio ist er heute komischerweise auch nicht erschienen. Vielleicht war das ein Grund, warum der Tag so langsam verging. Jeremías fehlte, Pablo war viel zu beschäftigt, um auch nur ein Wort mit ihr wechseln zu können, Gregorio war wieder in bester Laune gewesen und hatte sich über alles und jeden beschwert und ihre Schüler waren durch den Vorfall der Fast-Hochzeit auch alle in einem großen Tief gewesen.
Ihrer Nichte ging es heute immerhin ein wenig besser und sie verbrachte den Tag nach den Unterricht mit ihren Freundinnen.
Auch eine Stunde später saß Angie noch immer auf dem großen Sofa. Von Olga hatte sie erfahren, dass Germán zusammen mit Ramallo in seinem Büro saß und alle möglichen Unterlagen durchging. Ihr Schwager würde ab morgen wieder arbeiten dürfen und wollte heute daher schon alles vorbereiten, weswegen Angie auch nicht weiter stören wollte.
Sie hatte in der Zeit die einzelnen Kompositionen ihrer Schüler des ersten Jahres korrigiert und war damit jetzt endlich fertig. Da ihr seit dieser Nacht ununterbrochen eine ganz bestimmte Melodie im Kopf schwirrte, begann sie nun noch die entsprechenden Noten dazu aufzuschreiben.
"Was machst du denn schönes?" Angie zuckte erschrocken zusammen, als sie neben sich die tiefe Stimme ihres Schwagers vernahm. "Dir sagen, dass du dich nächstes Mal bemerkbar machen könntest, bevor du mich plötzlich ansprichst und mir somit einen Herzinfarkt ersparen.", wies sie ihn mit beiden Händen auf ihrer linken Brust hin. Germán zuckte lächelnd mit den Schultern und setzte sich neben sie. "Ich kann ja nicht wissen, dass du auf einmal so schreckhaft geworden bist."
Angie versuchte, ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, doch um ihre Mundwinkel zuckte es verräterisch. Es war schön zu sehen, dass es ihrem Schwager besser zu gehen schien.
"Also, was hast du gemacht?" Germán zeigte mit einem Kopfnicken auf den Papierstapel, der sich auf dem Tisch befand. "Irgendwelche Arbeiten korrigiert?" "Ja, genau." Angie legte ihren Stift, den sie bis eben noch in der Hand gehalten hatte, zu ihrem angefangenen Song. "Jetzt gerade beginne ich allerdings mit einem neuen Lied. Ich hab schon den ganzen Tag über eine bestimmte Melodie im Kopf." Die blonde Frau ließ sich nach hinten gegen die weiche Lehne fallen und fuhr sich einmal über das Gesicht. "Mir fällt im Moment nur überhaupt kein Thema für den Inhalt des Songs ein.", stellte sie frustriert fest. "Und ich hab die aufgeschriebenen Noten noch nicht einmal auf dem Klavier gespielt und überprüft."
Augenblicklich erschien auf dem Gesicht ihres Schwagers ein großes Lächeln und er stand auf. "Das Problem kriegen wir gelöst. Komm!" Germán schritt sogleich zu dem Klavier, setzte sich auf den Hocker und klappte die Tasten auf. Zögernd folgte Angie ihm mit dem Zettel in der Hand. Sie wollte sich über seine gute Laune ja wirklich nicht beschweren, aber ein wenig merkwürdig fand sie es schon.
Stumm reichte sie Germán die Noten und der große Mann fing an zu spielen, während Angie an das Klavier gelehnt die Augen schloss und den Klavierklängen lauschte.
Die nächsten Minuten verbesserte die blonde Frau immer wieder Kleinigkeiten und setzte die Melodie fort. Germán spielte mit einer Engelsgeduld die kleinste Tonabfolge immer und immer wieder, bis Angie mit dem Ergebnis auch wirklich zufrieden war.
"Jetzt spiele ich die Melodie nochmal und du konzentrierst dich ganz auf die Gefühle, die dabei aufkommen und eine mögliche Message. Vielleicht fällt dir dann schon ein passender Text ein.", schlug Germán vor und Angie stimmte enthusiastisch zu. Noch vor wenigen Minuten hätte sie es nicht für möglich gehalten, dass aus ihrem einfachen Vorhaben tatsächlich etwas werden könnte. Zumal es mehr als nur Spaß machte, zusammen mit ihrem Schwager zu komponieren!
Während Germán also mit der Einleitung der ersten Strophe begann, schloss Angie erneut die Augen und versuchte, sich die Geschichte hinter den einzelnen Tönen vorzustellen: "You and I, we're friends from outer space, afraid to let go. The only two who understood this place."
Angie stoppte in dem Moment abrupt, als ihr klar wurde, in welche Richtung dieser Text gehen würde. Sie hatte nun sehr wohl eine Idee, was sie mit ihrem Song erzählen und ausdrücken wollte und genau das war das Problem. Die junge Frau sang gerade über ihre Beziehung zu Germán, während dieser neben ihr saß und sie auf dem Klavier begleitete! Dieser hörte nun auch auf, zu spielen, als von Angie nichts mehr kam und wandte sich begeistert zu ihr um.
"Da hast du doch schon mal einen super Anfang! Du wirst sehen, der Song wird schneller fertig sein, als du denkst." Angie erwiderte sein Lächeln schüchtern. Germán schien sich hinter diesen ersten Sätzen zum Glück nichts gedacht zu haben. "Du hast eine wirklich unglaubliche Stimme, Angie. Sie ist wunderschön!"
Germán erhob sich und blickte Angie aus so strahlenden Augen an, dass ihr Herz doppelt so schnell schlug, wie Sekunden zuvor. "Dankeschön." Warum war ihr Schwager plötzlich so verdammt lieb und zuvorkommend!? Bevor Angie sich stoppen konnte, hatte sie auch schon nachgefragt: "Germán, nicht, dass es mich stören würde, aber warum bist du so... so..." "Wieso ich mich plötzlich so für dich interessiere?" Nickend senkte sie den Kopf. "Weil ich das die letzten Monate überhaupt nicht getan habe und mich deshalb furchtbar schlecht fühle." Überrascht sah Angie wieder auf und Germán trat einen Schritt auf sie zu. "Du warst gestern für mich da, den ganzen Tag über. Sogar in der Nacht."
Angie spürte, wie sich ihre Wangen rosa färbten. Dieser neue, offene Germán gefiel ihr äußerst gut! "Du kümmerst dich wirklich immer um Vilu und mich. Mir ist in den vergangenen Stunden bewusst geworden, was für ein Dummkopf ich war. Ich hab dich völlig links liegen lassen, war nur noch mit Esmeralda beschäftigt."
Ganz vorsichtig, als hätte er Angst, sie würde es nicht zulassen, griff Germán nach Angies Händen. "Ich kann das Geschehene nicht mehr rückgängig machen, aber ich würde es gerne nach und nach wieder gutmachen."
Angie starrte ihren Schwager mit großen Augen an. Er hatte sich tatsächlich bei ihr entschuldigt und wollte ihr wieder näher sein! Es geschahen offenbar doch noch Zeichen und Wunder! Da Germán offenbar auf eine Reaktion ihrerseits zu warten schien, trat Angie den letzten, trennenden Schritt vor und legte ihre Arme um seinen Hals. Sie konnte spüren, wie sich Germáns Körper bei der Berührung augenblicklich entspannte, ehe er seine Hände um ihre Hüften legte und die Umarmung somit erwiderte.
Angie legte ihren Kopf zaghaft auf seiner Schulter ab und atmete seinen vertrauten Duft ein. Es war nicht mehr nötig, etwas zu sagen, denn diese Umarmung sprach für sich.
Seine Körperwärme hüllte die junge Frau vollkommen ein und sie hatte das Gefühl, in seinen Armen beschützter zu sein, als an allen anderen Orten der Welt. Angie konnte die tanzenden Schmetterlinge in ihrem Bauch allzu deutlich spüren und drückte sich noch ein wenig fester an ihren Schwager.
Sein Verhalten hatte sie noch mehr verwirrt, als sie es ohnehin schon war. Die blonde Frau war mit ihrer Gefühlswelt nun wirklich mehr als überfordert. Es blieb lediglich ein Gedanke. Hätte Angie nicht bereits starke Gefühle für ihren Schwager, hätte sie sich spätestens nach dieser Umarmung gänzlich in ihn verliebt.
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Germangie - This Ain't Goodbye
Fiksi PenggemarGermán wollte Esmeralda heiraten, doch an deren Hochzeit hatte sich herausgestellt, dass sie eine Lügnerin, eine Schauspielerin war. Obwohl Angie durch die Beziehung der beiden sehr verletzt wurde, zögert sie keine Sekunde, ihrem Schwager beizustehe...