26. Kapitel

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Tief durchatmend klopfte Germán einmal an die Zimmertür an, bevor er die Klinke mit zittrigen Fingern hinunterdrückte und Angies Schlafzimmer betrat. Seine Schwägerin saß auf ihrem Bett und machte gerade den Reißverschluss des zweiten und wohl letzten Koffers zu.

"Angie, können wir bitte miteinander reden?" Die blonde Frau hatte ihm bereits den Kopf zugewandt und betrachtete ihn aus roten, geschwollenen Augen. Sie hatte mit Sicherheit geweint. "Was willst du mir sagen? Ich werde doch sowieso das Gefühl haben, dass du mich belügst!" Angies Stimme klang ganz rau und zitterte, doch ihre Worte ließen den großen Mann schlucken.

"Lass es mich bitte wenigstens einmal erklären. Bitte!", flehte Germán nichtsdestotrotz. Angie machte lediglich eine einladende Geste mit der Hand, die ihm das Sprechen erlaubte. Außerdem brachte seine Schwägerin damit deutlich zum Ausdruck, dass sie es leid war, sich mit ihm zu unterhalten. "Auch wenn ich Violetta dieses Jahr erlaubt habe, das Studio zu besuchen und ihr nun vertraue, konnte ich die Angst nicht loswerden. Du weißt von allen am besten, wie überfürsorglich und überängstlich ich bin."

Angie hörte ihm stumm zu, ihre Augen waren zusammengekniffen und lagen die ganze Zeit beobachtend auf ihm. Germán konnte ihren Ausdruck unmöglich entziffern, er hatte keine Ahnung, was sie gerade dachte.

"Ich vertraue Violetta, aber den anderen, vor allem diesen verdammten Jungs, nicht. Irgendwann habe ich es dann nicht mehr ausgehalten, nicht zu wissen, was im Studio alles passiert... was meine Kleine macht." "Also hattest du Idiot keine bessere Idee, als dich zu verkleiden und die Stelle des Pianisten anzunehmen!?" Germán zuckte bei der Schärfe und Angriffslust seiner Schwägerin leicht zusammen. Ihre Augen blitzten wütend. "Genau.", bestätigte der große Mann schuldbewusst, "Ich hab es getan, um in Violettas Nähe sein zu können, um sie beschütz..." "Bewachen zu können.", fiel Angie ihm ins Wort.

"Du warst letztes Jahr geistig schon anwesend, oder?" Germán schaute sie verwirrt an. Was sollte das nun wieder heißen? "Erinnerst du dich daran, wie du dich gefühlt hast, als du erfahren hast, dass ich Violettas Tante bin? Wie du dich gefühlt hast, als du herausgefunden hast, dass sie dich belügt, weil du ihr nicht erlaubt hast, Sängerin zu werden? Oder erinnerst du dich, wie du dich vor Wochen gefühlt hast, als Esmeralda..." "Ich hab es verstanden, Angie, ist gut.", unterbrach Germán sie nun seinerseits lauter als beabsichtigt. Er hatte einen schrecklichen Fehler begangen, er hatte es begriffen.

"Ach, hast du das?" Angie sprang blitzartig von ihrem Bett auf, um nicht weiter zu ihm aufsehen zu müssen und auf gleicher Höhe zu sein. "Wenn du aus all dem etwas gelernt hättest, dann wüsstest du, dass die Lüge niemals der richtige Weg ist. Unsere Familie wäre letztes Jahr an all den Lügen beinahe zerbrochen, du wolltest mit Violetta den Kontinent verlassen, weil ich dich belogen hatte! Alles, was sie von dir gebraucht hätte, ist Liebe und Vertrauen! Wie denkst du, hätte Vilu reagiert, wenn sie es an meiner Stelle auf so schlimme Weise herausgefunden hätte?"

Germán starrte kurz auf den Boden, bevor er einen Schritt auf die blonde Frau zumachte und ihren Blick mit dem seinen einfing. "Ja, ich bin ein Lügner und hab alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Das weiß ich.", versuchte Germán beherrscht ruhig, seine Schwägerin zu erreichen. "Ich kann dir nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich war vollkommen verzweifelt und habe diese Verkleidung als einzige Lösung gesehen. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen! Aber ich wollte weder Vilu noch dich damit verletzten, das musst du mir glauben."

Angie schnaubte laut und hob spöttisch eine Augenbraue. Wütend war gar kein Ausdruck mehr für die junge Frau. "Germán, mit Lügen erreichst du nichts anderes, als Menschen zu verletzten. Du hast uns belogen und betrogen, hast uns hintergangen!"

Der große Mann erwiderte nichts darauf. Seine schokoladenbraunen Augen lagen reuevoll auf den ihren. Wie konnte er das jemals wieder gutmachen?

"Darf ich dir eine Frage stellen?" Angie kam ihm noch einen Schritt näher. "Auch als du wusstest, wie ich mich fühle und was ich für Jeremías empfinde, hattest du nicht den Mut gehabt, es mir einfach zu sagen?"

"Natürlich wollte ich es dir sagen!" Germán fuhr sich verzweifelt durchs Haar. Wie sollte er ihr sein Handeln einigermaßen begreifbar machen, wenn er es doch selbst nicht ganz verstand. "Ich wollte dich am Anfang eigentlich nur aufmuntern, mehr nicht. Dass es dir nicht gut geht, hätte selbst ein Blinder gesehen. Ich hab mich dafür verantwortlich gefühlt, ich musste dir einfach helfen." Angie sah ihn provozierend an. "Wie edel von dir!" Der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Germán kam ihr noch ein Stück näher und wollte vorsichtig nach ihrer Hand greifen, doch sie zog sie rechtzeitig zurück und verschloss die Arme abwehrend vor ihrer Brust. "Angie, ich wollte nur, dass du dich besser fühlst. Du hast mir als Jeremías ja erzählt, wie fertig dich die Situation mit Esmeralda gemacht hat, dass du dich nicht mehr als Teil der Familie gefühlt hast. Ich wollte, dass du über mich hinwegkommst und in die Zukunft schauen kannst. Als ich dann gemerkt habe, dass du dich in Jeremías verliebst, hatte ich ja versucht, mich fernzuhalten und mit der Maskerade aufzuhören."

Der große Mann erkannte erschrocken, wie erneut Tränen in seinem Gegenüber aufstiegen. Angies Wut wurde mit Trauer vermischt. "Warum hast du es dann nicht getan? Warum hast du dich nach deiner Kündigung trotzdem mit mir getroffen? Ich fühle mich so benutzt, Germán! Warum musstest du es so weit wie gestern kommen lassen?"

Ohne es bemerkt zu haben, waren sich die beiden mittlerweile so nahe gekommen, dass sie direkt voreinander standen. Ihre blaue Augen durchbohrten ihn förmlich. "Hasst du mich so sehr, dass es dir Spaß macht, auf meinen Gefühlen herumzutrampeln? So fühlt es sich nämlich an!"

"Das Gegenteil ist der Fall!" Germán musste zumindest das klarstellen. Es war nicht alles schlecht, was er getan hatte! "Angie, wir... wir konnten Zeit miteinander verbringen, ohne die familiäre Bindung im Hinterkopf zu haben. Esmeralda hat mich nur kurzzeitig vergessen lassen, wie gut du mir tust und wie gerne ich dich bei mir habe. Wir beide hatten doch von Anfang an, schon ab dem ersten Tag als du die Hauslehrerin meiner Tochter werden wolltest, eine fast magische Verbindung." Diese Tatsache würde auch Angie nicht leugnen können!

Die blonde Frau sah ihn aus großen, blauen Augen an, während er unbeirrt fortfuhr: "Ich weiß, ich hätte es dir sagen müssen und das viel früher, aber es war doch nicht alles schlecht! Du kannst es jetzt vielleicht noch nicht verstehen, aber alles, was ich für dich getan habe, kam von Herzen und alles, was ich gesagt habe, war ehrlich gemeint. Deshalb habe ich nie geschafft, es dir zu beichten. Ich wollte nicht, dass es endet. Du hast dich nicht umsonst ein zweites Mal in mich verliebt! Das, was wir gegenseitig empfunden haben, war Liebe."

In dem Moment, in dem er das Wort "Liebe" aussprach, spürte Germán die Handfläche seiner Schwägerin im Gesicht und sein Kopf ging automatisch zur Seite. Angie hatte ihm eine schallende Ohrfeige verpasst.

"Ist das dein verdammter Ernst, Germán? Liebe? Was ist das für eine Liebe, wenn der andere einen belügt und hintergeht?" Angie sah ihn mit angewidertem Gesichtsausdruck an, während ihr immer wieder einzelne Tränen über die Wangen liefen.

"Wie kannst du es wagen, von Liebe zu sprechen? Hast du auch nur eine ungefähre Ahnung, wie sehr du mich verletzt hast, Germán!? Das ist sicher keine Liebe! Ich hatte mich in einen Pianisten verliebt, von dem ich dachte, dass er aufrichtig und liebevoll ist, der sich um mich gekümmert hat und mit dem ich Spaß hatte. Und sag jetzt nicht, dass das du warst! Du, Germán, du bist nämlich nichts anderes, als ein Feigling und ein Lügner, der nicht den Mut hatte, die Chance zu ergreifen, als er sie hatte."

Angie platzte gerade vor Wut, während sich Germán nur hilflos die pochende Wange hielt. "Ich teile dir mit Freuden mit, dass ich keinerlei Gefühle für dich habe. Hast du damit nicht genau das erreicht, was du anfänglich wolltest?" Germán sah seine Schwägerin traurig an. Wie hatte es nur so weit kommen können? Wie hatte er sie so sehr verletzen können? Was hatte er bloß angerichtet?

Die blonde Frau griff nach ihren zwei Koffern, bereit nach ihren nächsten Worten, die Germán das Herz brachen, aus diesem Haus zu verschwinden: "Du hast es geschafft, dass ich ein für alle Mal über dich hinweg bin, Glückwunsch. Und mehr noch, ich will nie wieder etwas mit dir zu tun haben. Du bist für mich gestorben."

Germangie - This Ain't GoodbyeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt