24. Kapitel

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Am nächsten Morgen stand Angie pünktlich zum Frühstück vor der Eingangstür der Castillos. Frühstücken würde sie heute allerdings nicht, sie war wegen etwas ganz anderem hier...

Angie atmete einmal kräftig durch, dann schloss sie mit ihrem Schlüssel auf und betrat das weiträumige Wohnzimmer. Die blonde Frau hatte die letzte Nacht kein Auge zugetan. Sie hatte stundenlang weinend auf dem Boden gekauert, ehe sie sich wenigstens aufraffen konnte, aufzustehen und ins Bett zu liegen. Doch auch dort wurde sie von den Geschehnissen augenblicklich eingeholt und lag einfach nur da, weinend, schluchzend und bibbernd, bis in den frühen Morgengrauen hinein.

Tiefe Augenringe waren nur eines der vielen Zeichen des fehlenden Schlafes. Angie hatte sich jedoch nicht bemüht, dies zu kaschieren. Sollte doch weder wissen, wie es ihr ging! Außerdem war sie im Vergleich zu ihrer aktuellen Psyche körperlich in bester Verfassung. Angie konnte es noch immer nicht fassen, alles war eine riesengroße Lüge gewesen! Die ganzen vergangenen Stunden über hatte sich ein einzelner Satz wie ein Mantra in ihrem Gedächtnis eingebrannt: Germán war Jeremías, Jeremías war Germán.

Angie wusste nicht, wie sie gleich reagieren würde, wenn sie gleich auf ihren Schwager traf. Sie hatte die Tatsache mittlerweile zwar realisiert, wirklich verstehen und verdaut hatte sie es aber noch lange nicht. Viele Gedanken dazu konnte sie sich bisweilen auch gar nicht machen, da alles woran sie die gestrige Nacht dachte, war, wie sehr sie von Germán enttäuscht und verletzt wurde. Wieder einmal. Ihr zerbrochenes Herz, dieser unendliche Schmerz in ihrem Innern war alles, womit sie sich beschäftigen und was sie fühlen konnte.  

Es war gut möglich, dass Germán sich gleich erklären wollte, was ihr natürlich helfen würde, das Geschehene zumindest einmal zu begreifen, doch Angie wusste aktuell nicht, ob sie ihm überhaupt zuhören wollte. Er hatte es eigentlich nicht verdient, sich zu rechtfertigen. Ihr Schwager war Jeremías und er hatte ihr Herz dadurch wieder einmal mit Füßen getreten. Fertig, das war alles, mehr gab es nicht zu wissen...

Die blonde Frau näherte sich dem Frühstückstisch, an welchem alle saßen und in Ruhe aßen. Es dauerte nicht lange, bis Violetta sie kommen sah. Freudig äußerte sie: "Angie! Wie schön, du bist wieder da!" Germán zuckte bei dem Namen seiner Schwägerin merklich zusammen, bevor er sich auf seinem Stuhl langsam zu ihr umdrehte. Sie blickte Germán kühl an und musterte ihn. Er wirkte ähnlich fertig und müde wie sie, wenngleich nicht ganz so schlimm.

"Angie.", war alles, was er leise herausbrachte. Die junge Frau erwiderte nichts, sie dachte nicht im Traum daran, ihm gegenüber höflich zu bleiben! Warum sollte sie? Angie war wütend, sauer, enttäuscht, verletzt, gedemütigt, und noch so vieles mehr und alle sollten es erfahren! Im Gegensatz zu der Nacht, hatte sie am Morgen, während sie sich gerichtet und versucht hatte, ihre verweinten Augen irgendwie normal aussehen zu lassen und zu schminken, eine Maske aufgesetzt. Angie hatte so lange vor dem Spiegel gestanden, bis ihre gefühlskalte Fassade sie selbst überzeugt hatte. Sie versteckte all ihre Gefühle hinter einer meterhohen Schutzmauer, zeigte keinerlei Emotionen, was ihrer Nichte natürlich sofort auffiel.

"Du verhältst dich so komisch, ist alles in Ordnung?" Ramallo und Olga schauten sie ebenfalls reichlich verwirrt an. "Ist etwas vorgefallen? Zwischen euch beiden?" Violetta war nicht dumm, sie hatte gleich bemerkt, dass es mit Germán zusammenhängen musste und dass zwischen ihnen dicke Luft herrschte.

"Er hat es dir also noch nicht erzählt? Noch keinem von euch?" Vilu schüttelte verunsichert den Kopf, genau wie Ramallo und Olga. Violetta wandte den Kopf zu ihrem Vater. Es musste sich dieses Mal um etwas schlimmeres handeln, als die gelegentlichen, banales Streitereien der beiden Erwachsenen. "Was hast du getan?", fragte sie vorwurfsvoll. Germán wehrte sich sofort: "Gar nichts, ich hab gar nichts gemacht!"

Im nächsten Moment sah er wieder zu seiner Schwägerin. "Lass uns die Sache unter uns klären. Bitte! Wir müssen Violetta da nicht mit hineinziehen, es geht nur uns etwas an. Bitte, Angie.", flehte er. Sie erkannte die Panik allzu deutlich in seinem Blick, vermischt mit Reue und Schuldgefühlen. Es war ihr egal.

"Nein, Germán. Es geht alle etwas an! Außerdem hat Vilu es nicht verdient, dass du sie schon wieder belügst. Keiner hat das!" Angie wollte mit ihrem Schwager eigentlich kein einziges Wort wechseln, sie wollte am liebsten nie wieder mit ihm sprechen, doch im Gegensatz zu ihm war sie kein kleines Kind mehr und ignorierte ihn daher nicht einfach aus purem Trotz heraus. "Du hattest genug Zeit, zu deinem Fehler zu stehen und ihnen, mir, uns allen die Wahrheit zu sagen, hast es aber nicht getan. Ich kenne dich, Germán. Wenn du es jetzt nicht getan hast, wirst du es nie mehr erzählen und dann wird es Violetta früher oder später auf eine so schlimme Weise erfahren wie ich. Ich tue das hier also für Violetta, für mich und sogar für dich."

Nach dieser Aussage und einem weiteren kalten Blick blieb Germán still und senkte den Kopf. "Angie, du machst mir Angst. Was um Himmels Willen ist denn bloß zwischen euch passiert?", meldete sich Violetta erschrocken zu Wort, "Du hast mir ja erzählt, dass ihr euch gestern gestritten habt, aber das war gestern doch noch nicht so schlimm, wie du jetzt ankündigst?!"

Die blonde Frau musste sich zusammenreißen, ruhig zu bleiben und ihre Gefühle weiterhin verschlossen zu halten. "Es ist so, du erinnerst dich doch an Jeremías, nicht?" Jetzt war Violetta restlos verwirrt: "Ja? Der Jeremías, mit dem du so gut wie zusammenbist?" Dieser Satz versetzte Angie nun doch einen gewaltigen Stich mitten ins Herz und sie musste schlucken. "Genau der." Ihre Stimme zitterte bereits verdächtig, aber Angie wollte vor Germán keine Schwäche zeigen, sie musste stark bleiben!

"Es ist so, gestern Abend hab ich mich ziemlich alleine und unverstanden gefühlt. Erst hatte ich, wie du weißt, den Streit mit Germán und später im Studio hab ich mich dann noch mit Pablo in die Haare gekriegt. Deshalb habe ich Jeremías angerufen und ihn gebeten, zu mir zu kommen, was er auch gemacht hat.", erzählte Angie beherrscht ruhig, einen kurzen Seitenblick auf Germán werfend. "Jeremías hat mir zugehört und mich getröstet, woraufhin ich ihm meine... mei-meine... du weißt schon was gestanden habe." In Angies Hals bildete sich ein dicker Kloß, wenn sie daran dachte, wie hoffnungsvoll und überglücklich sie in diesem Moment noch gewesen war...

"Du hast ihm gesagt, dass du ihn liebst?!", sprach Violetta die Worte aus, die die blonde Frau nicht sagen konnte. Sie nickte leicht und biss sich fest auf die Unterlippe. Ihre perfekt aufgelegte Maske begann allmählich zu bröckeln. Während ihre Nichte lächelnd beide Daumen hob, äußerte sich Olga wie immer viel zu euphorisch: "Meinen Glückwunsch, Angie! Ich freue mich so, du hast es wirklich verdient, endlich glücklich verliebt zu sein!"

Angie musste schlucken. "Das habe ich in diesem Augenblick auch noch gedacht." Ihre Stimme nahm einen verbitterten Klang an, ihre Hände zitterten verdächtig. "Wir wollten daraufhin miteinander schlafen und haben uns..." "Angie!", fuhr Germán dazwischen, aufsehen tat er jedoch nicht. "Musst du es unbedingt so ausführlich erzählen?", hakte er verzweifelt nach. "Violetta weiß bereits seit längerem, wie Kinder entstehen.", zischte sie mit scheidender Stimme, woraufhin ihr Schwager wieder still war.

Die junge Frau wandte sich erneut an die anderen drei: "Dazu ist es auch gar nicht gekommen, da davor ein kleiner... nennen wir es Unfall passiert ist. Ich habe Jeremías versehentlich die Haare vom Kopf gezogen." "Was? Du... häh?", fragte Violetta völlig entgeistert. Germán machte sich auf seinem Stuhl immer kleiner.

"Ich habe es erst auch nicht verstanden.", klärte Angie mit brüchiger Stimme auf. Ihre Fassade bröckelte mehr und mehr, "Bis ich gemerkt habe, dass es sich nur um eine Perücke gehandelt hat." Ohne es zu wollen, strömten die ganzen Bilder plötzlich auf sie ein. Sie konnte noch jetzt spüren, wie ihre Gefühlslage in jenem Moment innerhalb kürzester Zeit von überglücklich zu maßlos enttäuscht und verletzt umgeschlagen hatte. Angie atmete einmal tief durch. Diesen einen Satz musste sie noch über die Lippen bringen, dann hatte sie es geschafft...

Während sie das Bild ihres halbnackten Schwagers mit den Kleidern des Pianisten, der mit weit aufgerissenen Augen auf ihrem Sofa saß, vor sich sah, fielen mit einem Mal alle ihre aufgebauten Mauern förmlich in sich zusammen. Mit Tränen in den Augen und tausenden Emotionen in sich verkündete Angie: "Ich habe gestern herausgefunden, dass es nie einen Jeremías gegeben hat. Es war dein Papá. Germán hat sich als Jeremías verkleidet, die ganze Zeit."


Germangie - This Ain't GoodbyeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt