17. Kapitel

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Mit einem großen Blumenstrauß in den Händen machte sich Germán auf den Weg zu seinem Date mit Angie. Anders als das Klischee es sagte, hatte er überhaupt keine Ahnung, was seine Schwägerin vorhatte und was die beiden unternehmen würden. Alles was sie ihm genannt hatte, war der Treffpunkt: Der Parkt nahe dem großen Fluss.

Germán hatte lange darüber nachgedacht, die Verabredung abzusagen. Er wusste, wie falsch es war und dennoch konnte er einfach nicht anders. Angie hatte sich so sehr darauf gefreut, er wollte und konnte sie nicht enttäuschen. Sie hatte es verdient, glücklich zu sein, auch wenn dies auf lange Sicht niemals mit Jeremías sein konnte, wie er sich immer wieder ins Gedächtnis rief. Trotzdem war er selbst ganz nervös und gespannt.

Wenn er ihr schon nicht als Germán zu nahe kommen konnte, dann wenigstens als Jeremías. Natürlich war dieses Denken egoistisch und sollte seine Verkleidung jemals auffliegen, wäre alles restlos vorbei, aber Germán liebte Angie nun mal. Und da er schlichtweg zu feige war, als er selbst mit ihr zusammen zu sein, kam Jeremías einfach wie gerufen. Ihm war bewusst, dass andere bei seinen Entscheidungen nur mit dem Kopf schütteln würden, doch diese hatten sich nicht in die Schwester der eigenen Frau verliebt! Obwohl Angie und er eigentlich nicht verwandt waren, würde der Großteil der Gesellschaft so eine Beziehung niemals gutheißen und darüber konnte der große Mann einfach nicht hinwegsehen.

Angie sollte so etwas nicht durchstehen müssen, sie sollte eines Tages einen echten Jeremías kennenlernen und Germán vergessen. Dass er das tief im Herzen überhaupt nicht wollte, da genau dieses in so einem Falle in tausend Stücke zerbrechen würde, kehrte er jedes Mal aufs Neue unter den Teppich...

Als Germán nun den Blick hob, traf er binnen weniger Sekunden auf den von Angie, die bereits an einen Baum gelehnt dastand und wartete. Die blonde Frau winkte ihm fröhlich zu und Germán ging bei diesem Anblick das Herz auf. Das war die Frau, die er liebte und genau so wollte er sie jeden Tag sehen: Glücklich. Unbeschwert. Deshalb konnte er mit seiner Lüge auch nicht einfach aufhören, er musste einfach in ihrer Nähe sein! Dass das nicht bis in alle Ewigkeit so weitergehen konnte und er es irgendwann beenden musste, war ihm trotzdem deutlich bewusst.

Germán hob nun ebenfalls lächelnd die Hand und im nächsten Moment stand er auch schon bei seiner Schwägerin. "Hey. Wartest du schon lange?" "Nein, nein, ich bin auch gerade erst gekommen. Schön, dass du da bist." Und da war es schon wieder. Dieses fröhliche, aufrichtige Lächeln, welches Germán von Beginn an gefesselt hatte und an welchem er sich nicht sattsehen konnte. "Ich freue mich auch!"



"Ich hoffe, du fandst es bisher nicht zu langweilig. Ich dachte einfach, es wäre keine schlechte Idee, sich erst einmal besser kennenzulernen." Angie und Jeremías saßen mittlerweile auf der Terrasse eines Cafés und hatten soeben bestellt. Die beiden waren die letzten Stunden gemütlich am Flussufer entlanggeschlendert und hatten nach der anfänglichen nervösen und unsicheren Atmosphäre immer mehr Spaß gehabt und sich in Gegenwart des anderen immer wohler gefühlt.

Zunächst waren es simple Themen gewesen, doch dann hatte Angie angefangen, von sich zu erzählen und jede von Jeremías' Fragen ehrlich zu beantworten. Germán hatte natürlich viele dieser Informationen bereits gekannt, aber er hatte auch einige Geschichten aus dem Leben seiner Schwägerin gehört, die neu für ihn waren.

"Es war alles andere als langweilig! Ich weiß jetzt viel besser Bescheid, wer Angie Carrará wirklich ist.", beruhigte Jeremías und ergänzte grinsend: "Spätestens als du urplötzlich aufgeschrien hast und in wirklich beeindruckender Geschwindigkeit fortgerannt bist, war der Tag gerettet." Augenblicklich errötete Angie und sah für einen Moment nach unten. "Du übertreibst, so schlimm war es nicht!" "Ach nein? Einen Augenblick lang dachte ich wirklich, ich hätte etwas falsch gemacht und du würdest vor mir flüchten.", lachte Jeremías bei dieser Erinnerung. "Dass du dir nur einen karamellisierten Apfel bei einem kleinen Stand, den ich bisweilen gar nicht gesehen hatte, kaufen wolltest, konnte ich nun wirklich nicht erahnen."

"Jetzt weißt du es ja! Karamellisierte Äpfel und ich gehören eben zusammen, wir haben unsere ganz eigene Geschichte.", erwiderte Angie grinsend. Oh ja, das wusste er. Germán erinnerte sich nur allzu gerne an ihren kleinen Spaziergang vor über einem Jahr, als die beiden ebenfalls auf so einen Stand getroffen waren. Damals hatte er sich noch gewundert, dass es außer María und deren Schwester noch jemanden gab, der karamellisierte Äpfel so sehr liebte.

"Aber genug von mir, ich rede schon den ganzen Tag nur über mich. Wer ist denn Jeremías? Was hast du gemacht, bevor du ins Studio kamst?", fragte Angie interessiert nach. Germán hatte erwartet, dass er ein wenig aus dem Leben des Pianisten berichten musste und war deshalb auf die Frage vorbeireitet. "Naja, wirklich viel gibt es eigentlich gar nicht zu erzählen. Ich komme ebenfalls aus Argentinien, ich bin in einem kleineren Ort in der Nähe von Rosario aufgewachsen. Vor ein paar Jahren bin ich dann hier zu meiner Tante nach Buenos Aires gezogen, um ihr ein bisschen helfen zu können, da sie gesundheitlich nicht mehr ganz fit ist und vor ein paar Monaten bin ich auf der Suche nach einer neuen Arbeit schließlich auf das Studio gestoßen." Angie nickte zustimmend, während der Kellner kam und den beiden ihren Eiscafé brachte.

In den nächsten Minuten musste nun Jeremías alles über sich erzählen. Er gab sich Mühe, dass seine Aussagen simpel genug waren, um sie sich gut merken zu können, gleichzeitig aber auch Sinn ergaben und nie zu sehr von Germáns eigenen Interessen und Ansichten abwichen. Es war zwar der Charakter Jeremías, der hier sprach, doch Germán wollte nichtsdestotrotz so weit es möglich war, er selbst bleiben.

Als Angie etliche Minuten später ihren Wissensdurst endlich gestillt hatte, konnte sich Germán eine Frage, die ihn schon den ganzen Tag über quälte, nicht mehr verkneifen: "Wie geht es dir heute eigentlich? Du warst gestern ziemlich fertig und ich wollte wissen, ob du dich jetzt besser fühlst." An ihrem Gesichtsausdruck konnte Germán erkennen, dass die blonde Frau nicht unbedingt über den gestrigen Tag sprechen wollte, doch trotzdem schien es sie zu freuen, dass er sich Sorgen machte.

"Ja, mir geht es wieder besser, danke. Gestern ist ziemlich viel passiert.", beantwortete Angie zunächst recht vage. Dem großen Mann hätte diese Antwort auch ausgereicht, sie musste nicht darüber reden, wenn sie nicht wollte. "Ich denke, ich bin dir eine genauere Erklärung schuldig, nicht wahr?", kam seine Schwägerin ihm allerdings zuvor. "Angie, du musst nicht, wenn du..." "Nein, schon gut." Ihre blauen Augen blickten ihn entschlossen an. "Du hast verdient zu wissen, was mit mir los war." Die junge Frau atmete einmal tief ein und aus. "Es ist für mich nur nicht so einfach und ich will dich nicht verjagen... Es geht nämlich wieder um meinen Schwager."

Jeremías hob fragend eine Augenbraue und Angie begann zu berichten: "Es gab gestern eine ziemlich komische Situation zwischen uns. Ich hab ihm erzählt, dass ich ein Date mit dir habe und für ihn war das auch in Ordnung, nur für mich irgendwie nicht." Sie griff zögerlich nach Jeremías' Hand, welche auf dem Tisch lag, unsicher, wie er auf die folgenden Worte reagieren würde: "Ich mag dich wirklich sehr, Jeremías, heute war ein wunderschöner Tag! Aber um ehrlich zu sein, habe ich auch noch Gefühle für meinen Schwager und mit dieser Kombination bin ich gestern nicht klargekommen."

Germán sah ihr an, wie sehr sie sich über sich selbst ärgerte. "Ich kann verstehen, wenn du das nicht gut findest und lieber gehen möchtest, ich finde es selber furchtbar. Ich kann mich dafür auch nur entschuldigen, aber ich kann meinen Schwager aktuell einfach noch nicht vergessen, obwohl ich es so gerne will! Ich möchte viel lieber mit dir glücklich sein, du bist ein toller Mann. Mein Herz hat damit allerdings noch ein Problem."

Angies Augen funkelten ihn traurig an und Germán spürte, wie der Druck ihrer Hand nachließ, da sie sich ihm wieder entziehen wollte...




Germangie - This Ain't GoodbyeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt