27. Kapitel

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Nachdem Angie aus dem Castillo-Haus geflüchtet war, brachte sie zunächst die zwei Koffer in ihr eigenes kleines Haus. Als sie dort dann zum sechsten Mal in allen Räumen umhergetigert war und hinterher noch immer nichts mit sich anzufangen wusste, beschloss Angie, dass sie es hier drin nicht mehr aushielt.

Also stieg die blonde Frau kurzentschlossen in ihren roten Mini und fuhr los. Wohin wusste sie nicht, Angie wollte einfach nur weg und sich wenn möglich ablenken. Sie fuhr minuten-, vielleicht sogar stundenlang durch die Straßen von Buenos Aires und seinen Randgebieten, ohne eine Ahnung zu haben, wo genau sie sich befand.

Das Radio lief dabei auf der höchsten Stufe mit dem Ziel, dass die Musik ihre sich kreisenden Gedanken übertönte. Stellenweise gelang ihr dies sogar.

Als Angie irgendwann zum zweiten Mal am Park in der Nähe des Studios vorbeifuhr, hielt sie nun doch an. Auf einmal hatte sie das dringende Bedürfnis, der Natur nahe zu sein, im Freien zu sein und so schlenderte die blonde Frau eine Weile seelenruhig durch den großen Park, bevor sie sich auf einer Bank niederließ.

Wie hatte ihr Leben in nur so kurzer Zeit so fürchterlich aus den Fugen geraten können? Wie hatten Germán und sie ihre Beziehung nur so kaputt machen können? Warum konnte Germán nicht ein einziges Mal ehrlich sein? Er hatte ihr gerade eben indirekt seine Liebe gestanden. Darauf hatte sie so lange so sehr gehofft. Doch jetzt hatte es Angie nicht im Geringsten interessiert, ihr Schwager kam damit zu spät. Aktuell war alles, was sie ihm gegenüber empfand, Wut und Hass.

"Angie?" Eine Stimme, die die blonde Frau für den Moment nicht zuordnen konnte, riss sie aus ihren Gedanken. Natürlich hatte sie es auf Dauer nicht geschafft, an etwas anderes zu denken, als an Germán und ihr gebrochenes Herz. Es war ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben gewesen.

Als sich ihre Sicht nach und nach wieder klärte und auf die Person vor ihr fixierte, erwiderte sie den Gruß und lächelte ihren Gegenüber schwach an: "Pablo, hey. Was machst du denn hier?" Ihn hatte Angie in all dem Chaos ganz vergessen, denn auch die Beziehung dieser beiden war momentan alles andere als gut. Erst gestern hatten sie sich im Studio heftig gestritten und auch davor hatten sie sich dem anderen gegenüber mehr als kühl verhalten.

"Ich war kurz im Studio, um mir ein paar Ordner für daheim zu holen.", erklärte Pablo knapp und klopfte verdeutlichend auf seine Umhängetasche. Er schien genauso wenig zu wissen, wie sauer sie eigentlich noch aufeinander waren. Angie konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, was am vergangenen Tag vorgefallen war, dass sie sich so sehr in die Haare bekommen hatten. Dafür war seither einfach zu viel passiert.

Angie wusste nur noch, dass sie sich das erste Mal, vor einigen Wochen, wegen ihren Gefühlen für Jeremías und Germán gestritten hatten: "Es war doch schon immer nur Germán. Warum machst du Jeremías falsche Hoffnungen und verletzt den Armen, nur im hinterher wieder zu deinem Schwager zu rennen? Und dich von ihm erneut verletzten zu lassen!"

Das hatte Pablo ihr damals vorgeworfen und ironischerweise war er ziemlich richtig gelegen. Sie hatte es mit Jeremías zwar durchaus ernst gemeint, da es sich bei dem Pianisten aber die ganze Zeit über um Germán gehandelt hat, war sie indirekt doch wieder zu ihm gerannt und wurde auf jeden Fall wieder von ihm verletzt...

"Es tut mir leid, Pablo!", stieß Angie auf einmal schluchzend hervor und kniff die Augen fest aufeinander, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. "Was meinst du?" Pablo ließ sich vorsichtig neben seiner besten Freundin nieder. "Dass wir uns die letzten Wochen immer gestritten haben. Dass ich so sauer auf dich war, obwohl du es nur gut gemeint hast. Dass ich so ein Sturkopf bin. Dass ich einfach alles falsch mache." Die blonde Frau brach nun natürlich doch in Tränen aus... Zum gefühlt tausendsten Mal an diesem Tag.

Pablo sah sie im ersten Moment etwas überfordert an, dann zog er Angie zu sich und hielt sie fest in seinen Armen. "Entschuldigung angenommen. Mir tut es auch leid, wir haben uns beide kindisch verhalten." Die junge Frau schluchzte einmal laut auf und vergrub ihren Kopf in seiner Halsbeuge, während sie sich an seinem blauen Hemd festkrallte. Der Braunhaarige hielt sie daraufhin so nah bei sich, wie es ging, und legte sein Kinn sanft auf ihren Kopf.

Angie konnte sich in diesem Moment gar nicht nahe genug an Pablo schmiegen. Seine Nähe und die immense Vertrautheit zu ihm taten verdammt gut. Der Direktor hatte zwar keinerlei Ahnung, was gerade mit ihr los war, aber er nahm es so hin und stellte ihr keine Fragen. Er war einfach da und spendete ihr Trost. Hielt sie fest in seinen Armen, die sie beschützten und ihr den nötigen Halt gaben.

Als Pablo seinen Kopf irgendwann leicht von ihrem löste, um der blonden Frau einen liebevollen Kuss auf die Stirn zu hauchen, sah Angie ebenfalls auf. "Danke, Pablo. Du bist der beste Freund, den man sich nur wünschen kann! Ich will mich nie wieder mit dir streiten." Pablo strich ihr sanft die blonden Strähnen aus dem Gesicht. "Das möchte ich auch nicht. Ich hab dich lieb." Angie kuschelte sich noch einmal fest an ihn. "Ich dich auch."

Pablo strich ihr aufmunternd über den Rücken, dann drückte er die blonde Frau zärtlich ein Stück von sich weg, um sie besser ansehen zu können. "Na, was ist? Denkst du, du kannst mir erzählen, was passiert ist?" Angie blickte ihn etwas gequält an: "Eigentlich würde ich es lieber für immer vergessen." Ihr bester Freund konnte bei ihrer quengelnden Stimme nicht anders als herzhaft aufzulachen, was ihm einen empörten Schlag gegen die Brust bescherte. In Wirklichkeit jedoch war sein vertrautes, warmes Lachen Musik in ihren Ohren und es tat einfach gut, es zu hören. Sie wusste, dass Pablo das ebenfalls wusste.

Der Direktor stupste ihr mit dem Zeigefinger liebevoll auf die Nase. "Na komm, es wird dir helfen, darüber zu sprechen!" Angie stieß kapitulierend die Luft zwischen den Zähnen aus und begann zögerlich, ihm die Geschichte des verkleideten Germáns zu erzählen...

"Nein! Sag mir, dass das nicht stimmt, Angie. Du lügst doch!", stieß Pablo fassungslos aus, als Angie geendet hatte. Er hatte sie kein einziges Mal unterbrochen, lediglich seine Augen waren größer und größer geworden. Die junge Frau kuschelte sich wieder an ihn und seufzte laut. "Leider nicht. Germán ist Jeremías.", bestätigte sie noch einmal. Eine kurze Weile herrschte daraufhin Stille und Angie stellte sich schon vor, wie Pablo nun explodieren würde oder auf der Stelle zu ihrem Schwager rennen würde, um diesem eine zu scheuern.

"Das tut mir so wahnsinnig leid für dich.", flüsterte Pablo dann lediglich, während er ihr in stetigem Rhythmus sanft über den Rücken strich. "So eine Aktion hat niemand verdient, du am Allerwenigsten." Angie hob verwirrt den Kopf und sah direkt in seine braunen Augen: "Du bist nicht sauer auf ihn?" Mit so einer Reaktion hatte sie nicht gerechnet.

Pablo lächelte sie traurig an. "Natürlich. Und wie! Aber ich denke, du bist aktuell wütend genug für uns beide. Ich bin jetzt lieber für dich da."

Die blonde Frau legte ihren Kopf lächelnd auf seiner Schulter ab und hauchte ihrem besten Freund gerührt einen Kuss auf den Hals. Sie war unendlich froh, dass sie ihn hatte!

Minutenlang saßen beide still schweigend nebeneinander, dann seufzte Angie leise auf: "Ich glaube, ich schaffe das alles nicht mehr, Pablo. Es kann so nicht mehr weitergehen. Ich brauche eine Veränderung."

Pablo griff stumm nach ihrer Hand und verschränkte sie mit seiner. "Ich werde für dich da sein." Er drückte ihre Hand als Zeichen der Unterstützung leicht.

Germangie - This Ain't GoodbyeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt