Carter schaute mich erwartungsvoll an. Er hatte mich mit zu sich nach Hause genommen, mir erstmal trockene Klamotten von ihm, die mir natürlich viel zu groß waren, und einen warmen Kakao gegeben. Jetzt saßen wir auf seiner Couch in seinem kleinen Apartment in einer Stadt, die mir völlig unbekannt vorkam. Nun sollte ich seine Frage, wie ich denn, ich zitiere: 'wie eine angespülte Nixe', an den Strand geraten war. Ich begann zu schmunzeln: "Eine Nixe?! Naja... nicht ganz", ich lachte und spürte seinen Blick auf mir ruhen, "Also... sagen wir mal so: Ich wollte jemanden beschützen und bin dann von einer Klippe gestürzt... an mehr erinnere ich mich nicht..." Als ich sagte, ich sei von einer Klippe gestürzt sah er mich ungläubig an. Als er sich wieder etwas gefangen hatte. "Da musst du aber einen guten Schutzengel gehabt haben, kleine Nixe", sagte er lächelnd und ich sah ein Funkeln in seinen Augen, als ich ihn anlächelte.
"Sag mal, in welcher Stadt sind wir hier eigentlich?", fragte ich nach einiger Zeit unangenehmer Stille leise.
"In Lloyd-Garden. Wieso?"
"In Lloyd-Was?!", ich sah ihn an, "Bitte Wo ist das?!?"
"Du kennst Lloyd-Garden nicht? Okay... wo kommst du denn her?"
Ich sagte ihm, wo ich herkam und blickte zuerst in ein fragendes Gesicht, doch dann ging ihm ein Licht auf. "Ah... das ist auf der anderen Seite vom Meer, oder?!", fragte er mich und diesmal war ich diejenige, die ihn entgeistert anblickte: "A... Auf der anderen S... Seite?", Tränen stiegen mir in die Augen und ich vergrub mein Gesicht in meinen angezogenen Knie. "Nixe, was ist los? Was hast du?", ich spürte die Panik, die in ihm hochkroch, doch ich konnte es nicht fassen. Ich war auf der anderen Seite des Meeres. Okay, vielleicht klingt das jetzt etwas übertrieben, weil man sich das Meer als etwas sehr weites und großes vorstellt. An unserer kleinen Stadt und dem Reservat führt ein recht breiter Kanal entlang. Ich bin echt schlecht im schätzen, aber der ist recht riesig. Du kannst da nicht mal eben rüber schwimmen. Das Ganze ist mehr wie so eine Meerenge, die nicht wirklich eng ist. Vielleicht versteht man ja, was ich meine.
Ich weinte weiter in meine Knie und dachte an Seth und dass es unmöglich war ihn jetzt sofort wieder in meine Arme zu schließen, ihm in seine weichen, warmen, schokobraunen Augen zu schauen. Was dachte er wohl wo ich war? Dachte er ich sei gestorben? Oder glaubt er an mich und sucht mich? Fragen über Fragen.
Plötzlich schlossen sich starke Arme um mich und ich spürte wie ich an einen muskulösen Körper gedrückt wurde. Carter hatte mich in seine überaus starken Arme geschlossen und umarmte mich somit einfach nur still und leise. Irgendwie umgab mich ein Gefühl von Geborgenheit und ich musste unaufhörlich an Seth denken, da mich diese Umarmung so an meinen Prinzen erinnerte. Ich hätte in diesem Moment alles dafür gegeben, dass Seth an Carters Stelle saß und mich in seine Arme schloss. Heimlich träumte ich davon und stellte mir anstatt Carter Seth vor. Ich drückte mich an ihn und meinen Kopf gegen seinen Brustkorb. Es hatte irgendwie etwas schönes an sich. Doch dann wurde ich wieder zurück in die Realität geholt: Carter hatte mich etwas gefragt und sah mich jetzt erwartungsvoll an. "Oh... Sorry...", sagte ich und sofort hatte ich wieder Tränen in den Augen, als das eben Eingebildete als Einbildung zurück in meiner Fantasie blieb und ich mich den Problemen der Gegenwart stellen musste. Schon wieder hatte Carter mich etwas gefragt und natürlich hatte ich es wieder nicht verstanden. "Sorry, aber", ich löste mich aus seiner Umarmung, die eher einer Umklammerung ähnelte und stand langsam auf, "Das ist einfach alles gerade ein bisschen viel für mich...", ich wollte gehen um ein bisschen frische Luft zu schnappen und einen klaren Kopf zu kriegen, doch Carter hielt mich am Handgelenk fest und ich drehte mich zu ihm um.
"Was?", fragte ich mit Tränen in den Augen.
"Nixe, was ist los? Mir kannst du es doch sagen. Ich als Außenstehender kann da bestimmt helfen."
Ich schüttelte den Kopf und versuchte ebenfalls seine Hand abzuschütteln. Ich konnte ihm ja schlecht erzählen: 'Hey, mir geht es gerade echt sch****, weil ich meilenweit von meiner Familie, meinen Freunden, meinem Verlobten und meinem Rudel entfernt bin. Ach, und wenn du dich jetzt fragst warum Rudel, ich bin ein Gestaltwandler oder wie man auch sagen kann Werwolf, aber das ist ja alles egal. Lass uns so tun, als wäre nichts und einfach ein schönes Leben leben.' Also beließ ich es bei diesem Kopfschütteln und sah ihn an, da er mein Handgelenk nicht losließ.
"Süße,", er stand auf und zog mich dichter an sich ran. Widerwillig ließ ich mich ein paar Schritte an ihn ran ziehen. Mein Hirn arbeitete mega langsam und erst jetzt merkte ich, was er da eben am Anfang seines Satzes gesagt hatte. 'OMG', dachte ich,'hat er mich gerade allen Ernstes 'Süße' genannt?!' Langsam kroch ein ungutes Gefühl meinen Körper hoch. Schon seit ich hier angekommen war, behandelte er mich wie seine Freundin oder so. Ich meine, allein schon der Fakt, dass er mich bei sich aufgenommen hatte, ohne mich zu kennen, war irgendwie strange. Oder dass er mir einen Spitznamen gegeben hatte, dass fand ich noch viel stranger und es gab mir ein ungutes Gefühl im Magen. Mit jedem kleinen Schritt, den er gerade, während ich da wie angewurzelt stand, auf mich zu kam, wurde dieses ungute, unwohle Gefühl immer immer größer und ich wollte einfach nur noch weg. Ich wollte nach Hause. Zu meinem Seth. Zu meiner Familie, meinem Rudel, meinen Freunden. Doch er hielt mich davon ab und sah mich eindringlich an.
"Süße,", noch einmal wiederholte er dieses grässliche Wort und vervollständigte seinen Satz: "Sag mir, deinem selbstlosem, gutaussehendem Retter," 'Ich glaube, gleich muss ich entweder kotzen oder ich haue ihm eine rein...', "doch was mit dir los ist. Dir geht es doch gut. Du hast den Sturz von einer Klippe überlebt und hast hier ein neues zu Hause gefunden. Also, sag mir doch bitte, was los ist. Nicht viele können so einen tollen Neuanfang genießen." Jetzt platzte mir aber gleich der Kragen. Was bildete dieser Idiot sich eigentlich ein?! Okay, er weiß nicht, dass ich einen Freund habe, geschweige denn, dass ich verlobt bin, aber trotzdem! Schmeißt der sich an jedes Mädchen so dermaßen ran?! Außerdem wollte ich verdammt nochmal keinen Neuanfang! Ich war mehr oder weniger mit meinem alten Leben zufrieden gewesen... "Nixe, jetzt sag doch was, wenn du nichts dazu sagst, dann habe ich das Gefühl, ich bin dir egal", sagte er wieder und stand jetzt direkt vor mir. Er war zu weit gegangen. Jetzt war endgültig Schluss. Fassungslos schaute ich ihm von unten in seine von Verlangen durchtränkten Augen. Verlangen?! Tickt der Typ noch richtig?! Was hatte ich mir da bloß eingebrockt?! Warum war ich überhaupt mit ihm mitgegangen?!
"Carter, ich bin zufälligerweise gerade hunderte von Meilen von meinem zu Hause getrennt. Nicht nur von meinem zu Hause, sondern auch von meiner Familie, meinen Freunden und von meinem VERLOBTEN!", beim letzten Wort befreite ich mich aus seinem Griff und stürmte aus dem Wohnzimmer auf den Flur.
"WAS?! DU BIST VERLOBT?! DU BIST 16!", brüllte Carter mir wütend hinterher und ich hörte wie er mir hinterherlief.
Wo ist die verdammte Eingangstür?! Ich will hier raus!
Da! Da ist sie! Ich lief auf die Tür zu und wollte sie aufreißen. Doch etwas hielt mich davon ab.
Die Tür war abgeschlossen.
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Wolves - Eine von ihnen
Hombres LoboDies ist die Fortsetzung meiner ersten Story 'Wolves - Alleine unter Wölfen' und somit der zweite Teil meiner Trilogie. Was passiert, wenn Wolfsblut und Vampirgift aufeinander treffen?! Schon immer gibt es zwischen den beiden Seiten Auseinandersetzu...
