Lumina
Ich sehe plötzlich einenalten Mann, der mir langsam entgegen kommt. Er sieht müde undtraurig aus. Krampfhaft klammert er sich an seinen Gehstock. Erzittert am ganzen Körper. Er sieht aus, als bräche er gleich inTränen aus. Ich gehe auf ihn zu.
„Entschuldigen Sie",spreche ich ihn an und er zuckt erschrocken zusammen, „Kann ichIhnen helfen? Brauchen Sie vielleicht ein Glas Wasser oder eineSitzgelegenheit?"
Er schaut mich an, derSchock steht ihm immer noch ins Gesicht geschrieben.
„Es tut mir sehr Leid",fahre ich fort, „ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken. Ichmöchte nur helfen."
Er entspannt sich etwas,hebt aber abwehrend die Hand: „Danke, junges Fräulein, aber ichkomme schon zurecht." Er will weiter gehen, aber ich gebe nichtauf: „Sind Sie sicher? Sie sehen nicht so gut aus..."
Er lächelt mich an: „Siesind ein guter Mensch und ich danke Ihnen wirklich dafür, dass Siehelfen möchten, aber ich brauche keine Hilfe."
Ich nicke und lasse ihngehen. Trotzdem mache ich mir noch Sorgen. Ihm muss irgendwasSchlimmes passiert sein... Während ich meinen Gedanken nachgehe,sehe ich, wie der Mann plötzlich zusammenbricht. Da er sehr langsamist, ist er erst zwanzig Meter weit gekommen, also laufe ich sofortlos, um ihm zu helfen. Die anderen Passanten reagieren überhauptnicht. Manche werfen einen kurzen Seitenblick auf ihn und drehen sichdann schnell wieder weg, andere beachten ihn überhaupt nicht. Einpaar Leute, die auf umstehenden Bänken sitzen, schauen verunsichert,aber keiner steht auf. Als ich den alten Mann erriche, knie ich michneben ihn und bringe ihn in die stabile Seitenlage. Dann schreie ich:„Hilfe, ich brauche Hilfe! Er ist zusammengebrochen. Jemand musseinen Rettungswagen rufen. Ich brauche eine Jacke für einprovisorisches Kissen und Wasser!" Für einen Augenblick passiertgar nichts. Dann setzen sich aber zu meiner Erleichterung doch einpaar Menschen in Bewegung, um mir zu helfen.
Fünf Minuten spätertragen zwei Sanitäter den Mann in den Rettungswagen. Ein Sanitäterkommt zu mir und fragt: „Fahren Sie mit?"
Ich überlege kurz undnicke dann. Er braucht jetzt bestimmt jemanden und bis seine Familiekommt, leise ich ihm halt Gesellschaft. Schnell schreibe ich Alex undAlice eine WhatsApp-Nachricht, dass ich später zu unseremgemeinsamen Mittagessen komme und klettere in den Rettungswagen.
„Sie können jetzt zuihm", meint eine Krankenschwester zu mir, „Er ist wiederansprechbar." ich schenke ihr ein leichtes Lächeln, welches sieerwiedert und betrete das kleine Zimmer. Da liegt der alte Mann,angeschlossen an mehrere Geräte und Schläuche und schaut gespanntin meine Richtung.
Er lacht: „Ah, dashilfbereite Fräulein. Ich habe schon gehört, dass ich Ihnen meinLeben verdanke."
„Ach, das war doch garnichts", wehre ich freundlich ab, „das hätte jeder getan."
„Offensichtlich nicht",meint der alte Mann traurig, „Ich war nicht direkt bewustlos. Ichhabe gesehen, dass es den Menschen egal war, dass ich am Boden lag."
Ich setze mich an seinBett und nehme seine Hand: „Wie heißen Sie eigentlich?"
„Herbert. Und Sie?"
„Lumina."
„Ein schöner Name.Passt zu Ihnen."
„Sagen Sie doch 'du'.Sonst fühle ich mich so alt..."
Er lacht laut: „Ok,aber nur wenn du mich auch duzt, Lumina."
Ich lache ihn fröhlichan: „Schön, dass es dir wieder besser geht, Herbert."
Er hört auf zu lachenund sein Gesicht wird ernst. „Ich muss dir was erzählen, Lumina,auch wenn ich versprochen habe, es nicht zu tun..."
„Aber man darf dochVersprechen nicht brechen", protestiere ich.
„Es ist keinVersprechen einem Freund gegenüber..."
„Das macht keinenUnterschied."
„Ich möchte aber, dassdu es weißt, also hör bitte zu."
Aufmerksam schaue ich ihnan.
„Ich war so aufgelöst,weil ich knapp dem Tod entkommen bin."
„Was?!", erschrockenreiße ich die Augen auf.
„Ich bin dem Bösen inPerson begegnet. Es war gleichzeitig auch das Leid in Person..."Erguckt so traurig, dass ich ihn am liebsten in den Arm genommenhätte.
„Wem bist du begegnet?"
„Dem Mörder",flüstert er, „Der, der die Morde in letzter Zeit begangen hat.Aber es ist kein Mann. Es ist eine junge Frau."
„Eine Frau?", frageich erstaunt.
„Ja, eine wunderschöne,junge Frau, die schon viel Leid ertragen musste und nun welchesverursacht, um darüber hinweg zu kommen."
„Warum musst du mir daserzählen?"
„Weil ich nicht möchte,dich als das nächste Opfer in der Zeitung zu sehen, Lumina."
Ich schlucke und nicke:„Warum hat sie.. dich verschont?"
„Darüber möchte ichnicht reden. Es ist ein trauriges Thema. Jemand so junges undfröhliches wie du sollte nicht über so traurige Dinge redenmüssen."
„Ich bin schonerwachsen", entgegne ich leicht trotzig.
„Niemals", lacht er.
„Wohl", beharre ich,„Ich bin vor vier Monaten 18 geworden!"
Er lächelt: „Dannbewahre dir bitte deine Kindlichkeit und dein gutes Herz weiterhin."
„Findest du michkindisch?", frage ich leise.
„Ja, aber nicht imnegativen Sinne. Du hast das Lachen noch nicht verlernt und deinHerz ist frei von Egoismus und Ignoranz."
Ich lächle auch undschaue auf die Uhr: „Ich denke, ich werde jetzt gehen. Ich bin nochverabredet und deine Familie kommt bestimmt gleich."
Herbert schüttelttraurig den Kopf: „Ich habe nur noch meine Frau und die hat Krebs.Wahrscheinlich hat sie zu Hause gerade panische Angst, weshalb ichnicht wiederkomme..."
Ich fasse einenBeschluss: „Dann gehe ich schnell noch bei dir zu Hause vorbei undsehe nach ihr, ok?"
„Das würdest dumachen?"
„Natürlich", strahleich ihn an, „ich helfe gerne."
Eine halbe Stunde spätertreffe ich endlich im Restaurant ein, in dem ich schon vor Ewigkeitenmit Alex und Alice verabredet war. Der Besuch bei Herberts Frau warsehr kurz gewesen, weil es ihr schlecht ging und sie schlafen wollte.Aber ansonsten schien es ihr gut zu gehen.
Ich betrete dasRestaurant und schon winkt Alex mir ungeduldig zu. Lächelnd setze ich mich zuden Beiden: „Sorry dass ich so spät dran bin. Ich erzähle euch inRuhe, was mich aufgehalten hat."
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Rising Evil
Mystery / Thriller„Böse Menschen werden nicht geboren. Sie werden geschaffen." Alice ist zwanzig Jahre alt. Bis sie sechs war, hatte sie eine normale Kindheit. Dann sind ihre Eltern verrückt geworden. Sie kontrollierten ihr ganzes Leben, bis sie sechzehn war. Machte...
