Während Alex in einem kleinen Bad sein Geschäft erledigte, stand Evan vor der Tür und dachte nach. Die erste ehrliche Antwort, die er von Alex erhalten hatte, war einem Handel entsprungen.
Und was einmal funktionierte, könnte doch auch noch öfter klappen...
Als Alex nur wenige Minuten später das Badezimmer verließ, hatte der junge Vampir einen Entschluss gefasst: "Alex, ich möchte dir einen Handel vorschlagen!"
"Was denn, noch einen?!", fragte Alex mit übertrieben gespielter Begeisterung.
"Allerdings", sagte Evan trocken, "also, ich bringe dich in ein anderes Zimmer, ein Beheiztes mit Bett und eigenem Bad. Außerdem bekommst du drei Mal täglich was zu Essen."
"Und was springt dabei für dich raus?", fragte Alex mir hochgezogener Augenbraue.
"Du gibst mir Antworten auf einige Fragen, zu welchen du dich äußerst, ist deine Entscheidung. So lange ich genug zu hören bekomme, werden dir deine Privilegien nicht wieder entzogen."
So verlockend das auch klang, Alex war hin und her gerissen. Einerseits durften diese Vampire auf keinen Fall seine wahre Identität aufdecken, andererseits gab es schon Fragen, die er beantworten konnte. Außerdem war ihm immer noch kalt, kein Wunder, schließlich trug er lediglich eine Hose, Schuhe und ein T-Shirt. Ein weiteres Mal wurde ihm der Verlust seines Mantels schmerzlich bewusst. Als nun auch noch sein Magen anfing zu knurren, kapitulierte Alex: "Also schön, aber ich will für jede meiner Antworten, eine von dir auf meine Fragen!"
Evan grinste und streckte dem Spanier die Hand hin: "Deal!"
Auf dem Weg zu Alex' neuem Zimmer begegneten ihnen ein paar Vampire, die allesamt ihr Gespräch unterbrachen, als Evan in ihr Blickfeld kam. Außerdem senkten sie respektvoll den Kopf. Es galt als äußerst unhöflich, einem höher gestellten Vampir in die Augen zu gucken. Aus alledem schloss Alex, dass es sich bei Evan vermutlich um einen engen Vertrauten des Clanchefs handeln musste. Dass der Vampir selbst das Oberhaupt war, hielt er für unwahrscheinlich. Dafür war er zu weich mit ihm umgegangen.
Evan blieb vor einer weiteren weißen Tür stehen und öffnete diese. Alex war es schleierhaft, wie die Vampire sich in diesem Gebäude zurechtzufinden konnten, alles war weiß! Jede Wand, jeder Flur und ausnahmslos jede Tür, die er zu Gesicht bekommen hatte, war gleichmäßig weiß. Die Kälte, die davon ausgestrahlt wurde, behagte ihm nicht. Seine eigene Wohnung war mit bunten Teppichen und warmen Holztönen ausgestattet. Außerdem war alles voller Bücher, Aufzeichnungen, Kräutern und anderen nützlichen Dingen. In dem geräumigen Kamin flackerte fast rund um die Uhr ein Feuer und verlieh seinem Wohnzimmer so ein sanftes orangenes Licht.
Hier gab es nichts von alledem.
Auch der Raum, in den er dem Vampir folgte, war schmucklos und kark eingerichtet, allerdings war es deutlich wärmer hier. Evan hatte nicht zu viel versprochen. Er setzte sich auf einen von zwei Stühlen, die an einem kleinen Tisch standen und forderte den Nekromanten mit einem Kopfnicken auf, ebenfalls Platz zu nehmen.
"Was ist jetzt mit meinem Essen?", fragte Alex knurrend als er sich niederließ.
"Das bekommst du, wenn wir fertig sind", sagte Evan in dem selben ruhigen und kontrollierten Ton, den er immer benutzte, "vielleicht sollte ich dir zuerst sagen, dass wir gerne mit dir zusammen arbeiten möchten. Du musst kein Gefangener bleiben, du könntest sogar sehr gut verdienen und ein geschätztes Mitglied dieses Clans-"
Alex unterbrach ihn spöttisch: "Weil es ja auch schon immer mein größter Traum war, mit Vampiren zu chillen! Was genau wollt ihr denn? Lass mich raten! Ihr wollt eine Armee? Schön, kümmert euch selbst drum!"
"Also wählst du den langwierigen Weg", sagte Evan resigniert, "als Erstes würde mich interessieren, weshalb wir von zwei maximal mittelmäßigen Nekromanten deinen Namen gehört haben!"
Alex knurrte wütend auf: "Wenn ich dir das sage, will ich die Namen von beide!"
"Wenn deine Antwort das wert ist, kein Problem."
"Ich hab mich offensichtlich zu viel in der Szene rumgetrieben. Für gewöhnlich habe ich weniger Klienten und ziehe es vor, zu Hause zu bleiben.", gab Alex zähneknirschend zurück.
"Die Namen sind Gerald Cooper und Cathrine Thompson", sagte Evan erfreut über seinen Erfolg, "du hast gesagt, dass du Klienten hast. Du praktizierst also, was genau bietest du an?"
"Ich erschaffe keine Wiedergänger auf Auftrag. Ich biete lediglich die Möglichkeit, sich von Angehörigen zu verabschieden. Öfter als dreimal wecke ich aber keine Seele", der Nekromant war extrem unruhig, verriet er schon zu viel? Es verwirrte ihn, dass Evans Fragen bisher alle ziemlich unverfänglich gewesen waren. "Wie heißt das Clanoberhaupt?"
"Maverick Williams. Woher kommen deine Eltern? Spanien, Italien oder Mexiko?"
Maverick Williams, der Name sagte Alex nichts, was allerdings nicht weiter verwunderlich war. Er merkte sich keine Namen, erst recht nicht die von Vampiren. Jetzt ärgerte er sich, dass er es immer für Zeitverschwendung gehalten hatte, sich über die mächtigen Clans zu informieren. Er war so in Gedanken, dass er vergaß, Evan zu antworten.
"Alex?"
"Nächste Frage", antwortete er schlicht. Er hatte schon viele Fehler gemacht, aber Vampiren zu helfen, seine Identität aufzudecken, das würde ihm sicher nie passieren.
"Na gut. Warum erschaffst du keine Wiedergänger?"
"Weil es unmoralisch ist. Niemand will aus der ewigen Ruhe geweckt werden, um als Zombie weiterzuleben!", Evan beobachtete mit wachsendem Interesse den empörten Mann vor sich. Er kannte sich nicht besonders gut mit den Riten der Nekromanten aus, aber er wusste, dass so gut wie jeder von ihnen Alex vehement widersprochen hätten. Er beschloss, seinen Kontrahenten noch darauf anzusprechen, aber nicht mehr heute. Es war bereits später Abend und der Schwarzhaarige hatte mit Sicherheit Hunger.
"Wie alt bist du?", fragte Alex unvermittelt.
Evan sah überrascht auf: "Wirklich? Ausgerechnet das willst du wissen?!"
"Offensichtlich."
"Dir ist bewusst, dass du alles fragen darfst?", Evan verstand Alex' Taktik nicht. Was zur Hölle wollte er mit dieser Frage bezwecken? War es nur zur Ablenkung?
"Jetzt sag schon", erwiderte der Nekromant, der langsam aber sicher ungeduldig wurde.
"Ich bin 24", antwortete Evan zögernd.
Alex stockte der Atem, er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch er war schockiert. Es konnte einfach kein Zufall sein, dass er Evans Alter so sicher geraten hatte. Er hatte ihn auf fünfundzwanzig geschätzt und Evan war ein Vampir. Theoretisch hätte er auch mehrere Jahrhunderte älter sein können.
"Ich komme morgen früh wieder, gute Nacht", sagte Evan müde und stand auf. Der Nekromant nickte nur abwesend, während sein Feind die Tür öffnete und dem Vampir, der mit einem Tablett voll Essen davor stand, zunickte.
Alex kaute mechanisch. Das Essen war nicht einmal schlecht. Er fragte sich, woher der Vampir gewusst hätte, dass sie jetzt fertig waren. Vielleicht war es aber auch nur Zufall gewesen. Ärgerlich schüttelte er den Kopf, er glaubte weder an Zufall, noch an Schicksal. Sachen passierten eben.
Viel mehr beschäftigte ihn immer noch Evans Alter.
Und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hatte in etwa einer Woche Geburtstag. In dieser Woche würde er Stück für Stück mächtiger werden und an seinem Geburtstag würde er vermutlich in einer Art Rausch sein. Die Macht eines Nekromanten wuchs aus Erfahrung und Alter und Alex war sich durchaus bewusst, dass er dieses Jahr ein besonderes Alter erreichen würde.
Es drängte sich ihm ein unglaublicher Verdacht auf.
Wenn das, was er glaubte, stimmte, gab es doch einen Weg hier heraus. Es war riskant, aber nicht unmöglich...
Hi:)
Nächstes Kapitel werdet ihr endlich über Nekromanten, Todesfürsten und deren Riten und Praktiken aufgeklärt, versprochen! :D
Ich hab echt ein bisschen Angst, dass ihr mir bis jetzt überhaupt nicht folgen konntet.. :/
Lass gerne Feedback da, schönes Wochenende, eure c_in_medias_res <3
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Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
