Schweigend und noch immer etwas betrübt lief Evan neben Atticus einen schmalen Pfad entlang, der sie in den Wald führen sollte.
"Was ist los?", fragte der Nekromant irgendwann in die Stille hinein.
"Nichts!", erwiderte der Vampir hastig.
Atticus seufzte: "Was hat Alex gemacht?"
"Er hat nichts gemacht...", brummte Evan.
"Ach komm schon! Irgendwas ist doch mit dir!"
"Es ist nicht wichtig", es widerstrebte dem Brünetten sich dem Fremden an seiner Seite anzuvertrauen.
"Okay, wenn du jetzt nicht willst, dann eben nicht. Aber du kannst ruhig mit mir reden... Und außerdem mag Al dich", Atticus gab auf. Es war nicht seine Absicht, sein Gegenüber zu bedrängen.
"Ja, ich bin ein Freund von ihm!", murmelte Evan verbissen, er hatte nicht gedacht, dass der Nekromant ihn hören würde, doch ebendieser hatte jedes Wort verstanden und brach in diesem Moment in schallendes Gelächter aus.
"WAS?!", Evan wurde zunehmend wütend. Der lange Verzicht auf das rote Lebenselixier machte ihm mehr zu schaffen, als er erwartet hatte.
"Ach, es ist nur so süß! Glaub mir, Evan, du bist nicht nur ein Freund!"
Der Vampir konnte diesen Worten nicht wirklich viel Glauben schenken, trotzdem war es irgendwie tröstlich, sie zu hören.
Und während Evan langsam und nichtsahnend die Fährte eines Rehs aufnahm, brüllte sein Vater viele Kilometer entfernt vor Zorn. Maverick war außer sich. Man hatte ihm seinen Nachfolger genommen, seine Pläne waren durchkreuzt worden und man hatte ihn zum Narren gehalten. Tief in seinem Inneren, hatte er schon an dem Tag der Flucht des Todesfürsten gewusst, dass dieser seinen Sohn garantiert nicht, wie von ihm bekräftigt, laufen lassen würde. Noch nie zuvor hatte es jemand gewagt, ihn so sehr zu demütigen. Das alles schrie nach Rache, er hatte lang genug gewartet. Die zwei Tage seit Evans Verschwinden hatten so gründlich an seinen Nerven gezerrt, dass er jetzt buchstäblich vor Wut zitterte.
"JEFFREY!", brüllte er.
"Maverick, was ist? Gibt es Neuigkeiten von Evan?", sofort stürmte der besorgte Magier in das Büro des Clanchefs.
"Nein! Ich will, dass du diesen Todesfürsten findest!", knurrte Maverick.
"Ich hab es versucht, aber er muss irgendetwas in seinem Geist verschlossen haben, ich kann ihn nicht mal spüren! Und Evans Seele lebt zwar auf jeden Fall noch, aber er hat keinen Funken Magie im Blut, ich kann ihn also weder orten, noch Kontakt zu ihm aufnehmen!"
"Also könnte die Ratte tot sein?", fragte Maverick. Er konnte nicht sagen, was ihm lieber wäre. Einerseits wollte er den Todesfürst leiden sehen, er wollte ihm Schmerzen zufügen, die ihn verrückt machen würden, doch andererseits würde sein Tod vermutlich bedeuten, dass sein Nichtsnutz von einem Sohn endlich einmal etwas richtig gemacht hatte.
"Theoretisch schon, aber es ist sehr unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass er sich jederzeit einfach selbst in diese Welt zurückholen hätte können...", gab Jeffrey leise zu bedenken.
"Dann tu irgendwas! Ich muss ihn in die Finger kriegen! Finde meinetwegen irgendeins von deinen verdammten Ritualen, aber wenn du nicht bald-"
Der Magier hörte schon gar nicht mehr zu, eben war ihm eine Idee in den Sinn gekommen: "Ich muss was nachgucken! Wenn ich recht habe, wissen wir schon morgen zu dieser Zeit, wo Evan ist!"
"Alex, was willst du heute machen?", flötete eine mittlerweile wesentlich besser gelaunte Fee etwa zur gleichen Zeit.
Er stöhnte: "Ich weiß es nicht genau, erstmal warten, bis Evan und Att wieder hier sind und dann muss ich mir Gedanken machen, was wir jetzt unternehmen... Vor allem wegen Evans Vater, aber das mache ich nicht, wenn er nicht wenigstens die Chance hat, dabei zu sein..."
"Hast du nie überlegt, dass er vielleicht nicht hören sollte, was du gegen seinen Vater unternehmen wirst? Er könnte es weitergeben und er ist sowieso nur ein Risikofaktor!", beschwerte Dana sich.
"Meine Güte, das Thema hatten wir doch schon! Evan ist völlig ungefährlich, er hatte oft genug die Chance, mich zu verpfeifen, er hat aber nichts gemacht, ich vertraue ihm, verdammt noch mal!", aufgebracht fuhr Alex sich durch das schwarze Haar und dachte bei sich, dass er es mal wieder abschneiden sollte. Die Strähnen hingen ihm zuweilen bereits so tief in der Stirn, dass sie seine Sicht beeinträchtigten und er hasste es, sich ständig die Haare vor den Augen beseitigen zu müssen.
"Dana, du wolltest doch noch irgendwas mit einem deiner Hausmädchen klären, oder etwa nicht? Wieso machst du das nicht einfach jetzt, im Moment kommen wir ja doch nicht weiter", schaltete Raymond sich ein. Zwar war es ihm völlig gleich, ob Dana nun etwas mit ihrem Personal regeln musste, aber es war eine gute und, um genau zu sein, eigentlich auch die erste Gelegenheit seit seiner Ankunft mit Alex unter vier Augen zu sprechen.
Murrend machte die Fee sich auf den Weg, Alex sah ihr hinterher, bis sie außer Hörweite war, dann fragte er: "Okay, worüber willst du reden?"
Skeptisch sah sein bester Freund ihn an: "Ich denke, das weißt du ganz genau... Was ist das mit dem kleinen Vampir und dir?"
"Ich weiß doch auch nicht so genau", murmelte Alex und wirkte mit einem Mal unendlich bedrückt.
"Magst du ihn? Weil er mag dich ganz offensichtlich und du solltest bald mal für Klarheit sorgen, allein schon, weil Dana mir und Att gewaltig auf die Nerven fällt!", brummte Raymond.
"Ja, verdammt! Ich mag ihn, das ist ja das Problem! Wir wissen beide, dass das nicht gut ausgehen wird!"
"Aber warum sollte es nicht gut gehen?"
"Weil es wieder so wird wie mit Winston! Wie kannst du das nicht verstehen? Es wird wieder passieren, ob er nun ein Vampir ist oder nicht spielt keine Rolle! Er wird sterben und ich nicht! Und ich bin außerdem verfickte dreihundert Jahre älter!", Alex hatte sich in Rage geredet. Dass Atticus und Evan mit offenen Mündern hinter ihm standen, hatte er nicht einmal am Rande mitbekommen.
"Alex...", mitfühlend deutete Raymond auf die beiden Personen hinter dem Todesfürsten, woraufhin dieser sich schockiert umdrehte.
Alex lief an ihnen vorbei zur Treppe, die anderen hörten ihn im Weggehen noch schreien: "FUCK!"
Vielleicht fünf Sekunden stand Evan wie vom Donner gerührt auf der Stelle, unfähig sich zu bewegen, doch dann rannte er los.
Sobald er den Todesfürsten eingeholt hatte, rief er keuchend: "Alex! Hey, Alex, bleib jetzt verdammt noch mal stehen!"
Und Alex bleib stehen...
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Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
