Stundenlang saß Evan regungslos auf seiner Bettkante und beobachtete jede noch so kleine Regung von Alex. Dieser schien in einen etwas unruhigen Schlaf gefallen zu sein, immer wieder verzog er leicht das Gesicht, manchmal murmelte er auch unverständlich vor sich hin. Evan gab sich einen Ruck und löste seinen Blick von dem ebenen Gesicht des Mannes und besah sich stattdessen seinen Rücken. Die Wunden hatten aufgehört zu bluten und waren größtenteils verheilt, einige Narben würden aber ewig von dem Geschehen zeugen, da war der Vampir sich sicher. Erneut blickte er auf die feinen Gesichtszüge von Alex und konnte sich nicht davon abhalten, die Hand auszustrecken und ihm eine Strähne vorwitzigen schwarzen Haares aus der Stirn zu streichen. Alex´ Haare waren weich und fühlten sich so gut an, dass Evan ihm erneut über den Kopf streichelte. Unweigerlich musste er sich vorstellen, wie es sich anfühlen musste, wenn er Alex beim Küssen durch die Haare streichen würde.
Kopfschüttelnd zwang er sich, seine Hände von nun an bei sich zu behalten.
Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Wie zur Hölle hatte sein Vater eigentlich erfahren, dass Alex ein Todesfürst war? Die Einzigen, die bis zu diesem Zeitpunkt davon gewusst hatten, waren Alex, Samuel und er selbst. Der andere Vampir war ununterbrochen an seiner Seite gewesen, er konnte nichts verraten haben! Andererseits konnte er sich vorstellen, dass jemand über den Flur gelaufen und mit dem feinen Vampirgehör ihre Unterhaltung mitgehört hatte. Aber wer war das gewesen? Er seufzte lautlos, damit würde er sich später weiter befassen. Jetzt hoffte er erst mal, dass Alex möglichst bald und ohne zu große Schmerzen aufwachen würde…
Alex fühlte nichts. Nichts, außer ein Kribbeln auf seinem Rücken. Seine Augen hielt er geschlossen, während er versuchte, sich daran zu erinnern, was passiert war. Er fragte sich, ob er alles nur geträumt haben sollte, schließlich spürte er nichts von den erwarteten Schmerzen und er lag auf einem äußerst warmen und weichen Untergrund. Vielleicht lag er auch einfach zu Hause in seinem Bett und war nur mal wieder über einem seiner Bücher eingeschlafen! Oder war er etwa tot? Doch gerade, als er vorsichtig blinzeln wollte, spürte er, wie ihm jemand sanft durchs Haar strich. Augenblicklich spürte er die Aura eines Vampirs und ohne genau sagen zu können warum, hoffte er, dass es sich um Evan handelte. Alex war nie besonders begeistert von solchen Liebesbekundungen wie Händchenhalten oder Kuscheln gewesen, generell war er einfach kein großer Fan von Beziehungen, doch gerade genoss er die Berührungen des Vampirs. Er konnte sich nicht erklären weshalb, verachtete sich geradezu dafür, dass er ausgerechnet in seiner gegenwärtigen Situation solche Gefühle entwickelte, doch es fühlte sich gut an. Plötzlich stoppte die Massage seines Kopfes jedoch. Er blieb noch einige Minuten mit geschlossenen Augen liegen, er wollte nicht, dass sein Gegenüber mitbekam, dass er schon länger wach war. Doch irgendwann hielt er es nicht mehr aus und blinzelte.
Er blickte geradewegs in ein leicht abgedunkeltes großes Zimmer. Sofort fiel ihm auf, dass dieses sehr viel wärmer eingerichtet war, als alle anderen Räume, die er seit seiner Entführung gesehen hatte. Ganz langsam richtete Alex sich auf. Er konnte sich einfach nicht erklären, wieso sein Rücken nicht weh tat. Evan saß zusammengesunken auf der Bettkante und starrte auf seine Hände, er bemerkt nicht, dass der nun wache Nekromant ihn aufmerksam musterte.
Alex räusperte sich leise und murmelte mit heiserer Stimme: „Danke…“
Erschrocken sah Evan auf und begann automatisch leicht zu lächeln, als er realisierte, dass es dem Anderen gut ging: „Wofür?“
„Dafür, dass…“, der Todesfürst konnte nicht weitersprechen. Wegen seiner trockenen Kehle begann er zu Husten, was sich schmerzhaft bemerkbar machte. Sein Hals, Bauch und auch Rücken, ja selbst seine Arme schmerzten heftig.
Sofort war Evan zur Stelle, mit sanfter Gewalt drückte er Alex zurück auf die Matratze und lief zu seinem Schreibtisch, auf dem eine Karaffe mit Wasser und ein Glas standen. Vorsichtig beugte er sich über Alex und flößte ihm etwas von dem wohltuenden Nass ein.
Dieser wollte schon wieder etwas sagen, doch Evan legte ihm die Hand auf den Mund: „Erhol dich lieber erst mal ein bisschen, wir reden morgen, ja?“
Dankbar nickte der Angesprochene und schloss, von den wenigen Bewegungen bereits erschöpft, die Augen.
Als Alex das nächste Mal die Augen öffnete, lag er noch immer auf dem bequemen Doppelbett. Jemand, vermutlich Evan, hatte ihn zugedeckt und auf dem Nachttisch standen die Karaffe und das Glas mit Wasser für ihn bereit. Alex sah sich prüfend um, doch er sah den Vampir nicht. Nachdem er sich ohne Schmerzen aufgerichtet und etwas getrunken hatte, stand er vorsichtig auf. Sein Magen knurrte laut, doch er riss sich zusammen. In dem Zimmer entdeckte er einige Bücherregale, von denen er sich geradezu magisch angezogen fühlte. Entschlossen besah er sich die Auswahl und zog ein Buch mit dem Titel „Die Kräuter des Waldes von A bis Z“ aus dem Regal. Er pustete den Staub vom Einband, setzte sich wieder auf das Bett und begann zu lesen. Weit kam er allerdings nicht, denn Evan kam mit einem Tablett voll Essen durch die Tür.
„Hi, ich dachte mir, du hast vielleicht Hunger…“, sagte er leise.
„Morgen“, brummte Alex mit seiner leicht kratzigen Morgenstimme, die dem Vampir irgendwie gefiel. Dieser setzte sich neben den Nekromanten und beobachtete ihn schweigend beim Frühstück.
„Danke“, murmelte der Schwarzhaarige unvermittelt.
„Ich kann dich ja schlecht verhungern lassen…“, erwiderte Evan, obwohl er verstanden hatte, dass Alex nicht das Frühstück, sondern seine Hilfe am Vortag gemeint hatte. „Was hast du da eigentlich gelesen?“
„Ein Buch“, Alex grinste, doch zu seiner eigenen Verwunderung war es nicht das übliche provokante, leicht arrogante Grinsen wie sonst. Es war viel eher freundschaftlich und es erreichte seine Augen.
Auch Evan nahm dieses zur Kenntnis, ging aber nicht näher darauf ein, da er den Nekromant nicht zurück in dessen Schneckenhaus treiben wollte. Also verdrehte er stattdessen genervt die Augen und grinste ebenfalls: „Wirklich?! Da wäre ich ja jetzt nie drauf gekommen!“
„Über Kräuter“, antwortete der Mann mit einem leichten Lächeln, das dem Vampir zeigte, dass Alex sich für dieses Thema ganz offensichtlich interessierte.
Eine Weile schwiegen sie einfach, doch dann begann Evan erneut zu Sprechen: „Ich schulde dir noch was…“
Erstaunt blickte der Nekromant auf: „Was denn? Ich dachte, nach den… Geschehnissen wäre eher ich dir etwas schuldig…“
„Vergiss das bitte. Das war in erster Linie eigennützig, tot bringst du mir schließlich nichts mehr…“, log Evan wohlwissend, dass Maverick ihn nie hätte sterben lassen. Dafür war ein Todesfürst viel zu wertvoll. „Ich meinte eigentlich, dass ich dir versprochen habe, dir unseren Plan zu erklären und ich pflege meine Versprechen zu halten!“
„Wie edel von dir“, sagte Alex sarkastisch und der Vampir bemerkte sofort, dass sich die Stimmung seines Gegenüber vollkommen verändert hatte. Er trug wieder die Maske der Gleichgültigkeit und Arroganz im Gesicht und wirkte angespannt.
„Ich versuche es möglichst kurz zu halten“, gab Evan jedoch scheinbar unbeeindruckt zurück, „kennst du die Abkommen zwischen den Vampiren und den Menschen?“
Alex nickte nur, er lebte vielleicht zurückgezogen, aber noch längst nicht hinter dem Mond. Jedes Kind wusste, dass es die Pflicht erwachsener Menschen war, regelmäßig Blut für die Vampire zu spenden. Im Gegenzug durften diese nicht mehr auf Menschenjagd gehen, außer ein Mensch verirrte sich auf Vampirterritorium, in diesem Fall durfte er unverzüglich getötet werden.
„Mein Vater, also unser Clanoberhaupt, ist mit der Vereinbarung nicht einverstanden und will einen Krieg gegen die Menschen führen, damit wir wieder auf die Jagd gehen können. Da wir stärker sind, sollten die Menschen unter uns stehen.“, Alex fiel auf, dass Evan das Ganze zwar als unser Plan betitelte, aber dennoch nur von den Ansichten seines Vater sprach.
„Aber für einen Krieg braucht man ausreichend Soldaten“, fuhr Evan fort, „und da kommst du ins Spiel. Du sollst helfen, dass die Vampire wieder über alle anderen herrschen…“
Alex zeigte keine Regung, weswegen der Braunhaarige ihn erstaunt musterte: „Willst du nichts dazu sagen? Kein Kommentar, dass wir alle grausam sind?!“
Jetzt lächelte er, es wirkte schon fast etwas traurig: „Evan, warum soll ich dir etwas sagen, was du schon längst weißt?“
Hiii:)
Schon wieder Freitag! Wie immer freue ich mich über jede Art von Feedback und hoffe natürlich, dass es euch gefallen hat! Bitte meldet euch unbedingt bei mir, wenn irgendetwas unverständlich ist, das ist nämlich sehr schwer einzuschätzen für mich und ich will ja, dass man der Geschichte folgen kann! ;)
Ich wünsche euch ein zauberhaftes Wochenende,
eure c_in_medias_res <3
DU LIEST GERADE
Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
