4 -Von Nekromanten und Todesfürsten-

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Am nächsten Morgen wachte Evan bereits sehr früh auf. Leicht verschlafen lief er durch sein riesiges Zimmer und öffnete die Balkontür. Die erste Rosa-Färbung des Himmels war erkennbar und ein kühler Wind strich ihm um den nackten Oberkörper. Aber er fror nicht, er hatte noch nie in seinem ganzen Leben wirklich Kälte oder Hitze erlebt. Natürlich nicht, er war als Vampir geboren. Evan bedauerte dies manchmal, einer von vielen Gründen, weshalb sein Vater ihn noch nie wirklich hatte leiden können. Evan wusste, dass Maverick anders gewesen war, als seine Ehefrau Melody noch gelebt hatte, aber seinen Sohn hatte er nie vollständig akzeptieren können. Egal welche Anstrengungen der junge Vampir auf sich genommen hatte, für mehr als ein halbherziges Lächeln hatte es nie gereicht.
Leise seufzend blickte er in die Ferne, vor ihm breitete sich der riesige dunkele Nadelwald aus. Einige Vögel begannen bereits zu zwitschern. Alles in Allem hätte diese Atmosphäre etwas Romantisches oder Gemütliches an sich haben können, doch Evan war besorgt. Und irgendwie auch traurig, er konnte sich einfach nicht erklären warum.
Leise seufzend griff er abwesend nach einer Teetasse, die er gestern Abend auf den Geländer des Balkons hatte stehen lassen. Er nahm einen tiefen Schluck von dem mittlerweile abgestandenen kalten Blut. Es schmeckte widerlich. Trotzdem schluckte er ohne die Miene zu verziehen. Er brauchte nun einmal Menschenblut zum Überleben und er wollte nichts verschwenden.
Seine Gedanken wanderten zu dem Nekromanten, der nur einen Flur weiter wohl noch mehr oder weniger friedlich schlief. Alex war ein Buch mit sieben Siegeln für Evan. Natürlich kannte er ihn auch erst einen halben Tag, trotzdem wurde er normalerweise wenigstens halbwegs schlau aus Fremden. Doch nicht aus Alex, er handelte manchmal scheinbar völlig sinnfrei. Evan war sich sicher einen Todesfürsten vor sich zu haben und er verstand nicht wirklich, weshalb Alex daraus ein Geheimnis machte. Auch begriff Evan nicht, wieso er gegen die Erschaffung von Wiedergänger war.
Wenn er endlich anfangen wollte, Alex zu verstehen, musste er seine Strategie ändern. Er musste andere Fragen stellen und er musste Alex irgendwie klar machen, dass es für ihn besser war, zu kooperieren.
Mittlerweile war die Sonne vollständig aufgegangen, Evan gab sich einen Ruck und verließ den Balkon.
Aus einer kleinen Küche holte er ein Frühstück für Alex, allerdings hatte er keine Ahnung, wie viel und was er mitnehmen sollte. Natürlich wusste er nicht, was der Nekromant möchte, aber das größere Problem war, dass er einfach keine Ahnung hatte, wie viel Menschen aßen. Evan hatte bisher eher wenig mit ihnen zu schaffen gehabt und mit ihren Essgewohnheiten hatte er sich noch nie wirklich auseinandergesetzt.
Seufzend nahm er einfach etwas Brot, Käse, ein bisschen Obst und Wasser. Auf dem Weg zu Alex' Zimmer lief ihm sein bester und eigentlich einziger richtiger Freund Clayton entgegen. Clayton war drei Jahre älter als er und ebenfalls ein Vampir.

"Hey, kannst du mir bitte Mal die Tür da aufmachen, ich hab keine Hand frei", begrüßte er seinen Freund und nickte erst zu einer der weißen Türen und dann auf das voll beladene Tablett, welches er krampfhaft festklammere.

"Hi, klar, mach ich", grinste Clayton.

"Danke Clay, du bist mein Held!", grinste Evan zurück.

In Alex' Zelle angekommen stellte der Vampir fest, dass der Nekromant noch schlief. Leise stellte der das Tablett auf dem Tisch ab und drehte sich zu Alex um. Dieser lag auf dem Rücken und schnarchte ganz leise. Er hatte sein Shirt ausgezogen und war nur bis zur Taille zugedeckt. Evan starrte auf den schlanken Oberkörper seines Gegenübers, er war nicht besonders bemuskelt, aber auch nicht dürr. Zum ersten Mal fiel Evan auf, wie hübsch der Dunkelhaarige eigentlich war. Ein paar Strähnen des schwarzen Haares fielen ihm in die Stirn und er wirkte unendlich friedlich.
"Einfach wunderschön", schoss er Evan durch den Kopf. Im selben Moment ärgerte er sich maßlos über sich selbst, vor ihm lag ein Gefangener und ihm fiel nichts Besseres ein, als ihn anzugaffen?!
Er riss sich mühsam zusammen und versuchte Alex zu wecken, was sich als überraschend einfach erwies. Kaum dass er einmal den Namen des Mannes ausgesprochen hatte, saß dieser bereits kerzengerade im Bett.

Das Flüstern des TodesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt