Trotz seiner unendlichen Müdigkeit konnte Alex nicht schlafen. Unruhig drehte er sich von rechts nach links und dann wieder nach rechts, doch vergeblich. Der so herbeigesehnte Schlaf wollte in einfach nicht überkommen. Was war nur los mit ihm? Immer, wenn er die Augen schloss, sah er Evans Gesicht vor seinen geschlossenen Lidern. Die blasse Haut, die wuscheligen braunen Haare, vor allem aber die rosafarbenen schmalen Lippen, hatten sich in sein Hirn gebrannt. Er vermisste den ruhigen Atem, die Neigung in der Matratze neben ihm und einfach das bloße Gefühl von Evans Präsens.
Der Todesfürst hielt es irgendwann einfach nicht mehr aus. Morgen würde er es bereuen, doch in diesem Moment war es ihm egal. Leise stand er auf, leicht fröstelnd verschränkte er die Arme vor der nackten Brust, dann schlich er sich aus seinem Zimmer, nur um im nächsten Moment in das des Vampirs zu schlüpfen.
"Wer ist da?", hörte er Evan fragen. Seiner Stimme war Angespanntheit und auch ein Hauch Angst anzuhören.
Innerlich schlug Alex sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, er hätte doch wirklich wissen können, dass auch Evan keine ruhige Nacht hatte und er ihn erschrecken würde. "Ich bin's, Alex! Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken... ich, also, ich konnte nur nicht schlafen...", ärgerlich wegen seines Gestotters verzog der Schwarzhaarige das Gesicht.
"Nein, schon gut! Ich kann auch nicht schlafen...", Evan knipste blinzelnd die kleine weiße Lampe an, die neben seinem Bett auf einem Nachttischschränkchen platziert worden war. Hätte er nicht bereits mehrere Tage auf Blut verzichtet, wäre er beim Anblick des halbnackten Mannes vor ihm mit Sicherheit rot angelaufen. Mühsam riss er den Blick von Alex' schlanker Brust los: "Du hast ja schon eine Gänsehaut! Komm ins Bett!" Hastig rückte er ein Stück zur Seite, um Alex Platz zu schaffen.
Dieser ließ sich nicht lange bitten, sondern kuschelte sich schnellstmöglich in die warmen Kissen. "Soll ich das Licht wieder aus machen?"
"Ja, wir sollten wohl noch ein bisschen schlafen...", stimmte der Brünette zu.
Nach etwa zwanzig Minuten stöhnte Evan entnervt auf: "Und? Warum kannst du nicht schlafen?"
"Woher weißt du, dass ich wach bin?!", fragte Alex verblüfft in die Dunkelheit. Tatsächlich lagen beide Männer noch immer schlaflos im Bett.
"Naja, dein Herzschlag ist beschleunigt. Du bist also entweder wach und in Gedanken oder hast irgendeinen ziemlich intensiven Traum. Ich hab auf Ersteres getippt und selbst wenn ich falsch gelegen hätte, hättest du davon nichts mitgekriegt...", erwiderte Evan breit grinsend.
Alex lachte leise: "Eins zu Null für dich... Ich bin einfach zu sehr in Gedanken, ich weiß noch nicht so recht, was ich jetzt machen werde..." Das war keine Lüge, es entsprach nur auch nicht wirklich der Wahrheit. Eigentlich hatte er in diesem Moment eher Evan als seine Pläne im Kopf, obwohl er sich vermutlich besser damit hätte befassen sollen.
"Achso...", nachdenklich zog Evan die Stirn kraus, "ähm... Raymond hat dich doch Alejandro genannt, oder? Ist das dein richtiger Name?"
Leise seufzte der Mann neben ihm auf: "Mein voller Name ist Alejandro Di Montero Martín. Ich hab einfach die englische statt die spanische Version genommen, Alex Martin. Das schien mir naheliegend... Also momentan heiße ich so, in einer Woche vermutlich schon wieder anders."
"Neue Stadt, neuer Name?"
"Ja, so oder so ähnlich läuft das bei mir normalerweise ab...", gab der Todesfürst zu.
"Erzählst du mir irgendetwas von dir?", fragte Evan müde und hätte sich noch in der gleichen Sekunden für seine dumme Frage selbst ohrfeigen können, wie kam er nur auf die Idee, dass Alex ausgerechnet ihm Einzelheiten über sich erzählen würde? Er war der Sohn des wohl größten Feindes des Nekromanten. Er konnte froh darüber sein, noch zu leben, es war schon verwunderlich genug, dass er in einem warmen Bett und nicht gefesselt und geknebelt in einer kalten Zelle lag. So gesehen verstand er nicht einmal, wieso Alex ihm seinen echten Namen genannt hatte. "Tut mir leid! Ich weiß, dass du das nicht willst", schloss er daher verlegen an.
"Naja, eigentlich ist es doch sowieso schon zu spät...", seufzte Alex, "Also, meine Eltern waren Spanier, ich wurde auch dort geboren, aber aufgewachsen bin ich in London. Hab größtenteils nicht so schöne Erinnerungen an diese Stadt, ich war später nur noch dreimal für jeweils ein paar Tage dort."
Evan, der sein Glück kaum fassen konnte, hörte gebannt zu. Als der Schwarzhaarige nicht weiterredete, fing er selbst an zu sprechen: "Und wann hast du dich dazu entschieden, ein Todesfürst zu werden?"
Alex lachte, doch es klang eher bitter: "Dazu entschieden hab ich mich nie so wirklich... Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich einer werde, weil ich schon recht früh Anzeichen von Nekromantenmagie gezeigt hab, sie wollten meine Talente nicht verschwenden... Deshalb hab ich schon sehr früh eine Art vorbereitende Ausbildung von ihnen erhalten. Es klingt schlimmer, als es wirklich war, naja, halb aus Protest, halb aus Überzeugung war ich dagegen. Und dann ist...", er stockte, "jemand, der mir sehr wichtig war, gestorben und es war damals sehr kompliziert... Jedenfalls hatte ich das Ritual mit neunzehn."
Evan keuchte auf: "Neunzehn?! Das ist doch sogar für erfahrene Nekromanten verdammt gefährlich, aber du warst erst neunzehn!"
"Sagen wir, ich hatte nicht allzu viel zu verlieren...", an Alex' Stimmlage erkannte der Vampir unweigerlich, dass dieser nicht näher auf dieses Thema eingehen wollte.
"Meine Güte, das tut mir alles schrecklich leid für dich", murmelte der Brünette bedrückt.
"Schon gut, ist lange her und mit der Zeit vergisst du immer mehr von den beschissenen Sachen, kommen schließlich Neue...", versuchte sein Gegenüber die Stimmung etwas zu retten.
"Wie viel Zeit muss den vergehen, damit man sowas vergisst?!", der junge Vampir hatte ohne Hintergedanken gesprochen, erst später war ihm bewusst geworden, dass er Alex zum wiederholten Mal indirekt nach seinem Alter gefragt hatte.
"Also 294 Jahre reichen...", antwortete er leise.
"Was?", Evan hielt den Atem an, er musste sch verhört haben!
"Naja, in 294 Jahren wirst du dich auch nicht mehr so recht an heute erinnern, oder etwa doch?", spöttisch zog der Todesfürst eine Augenbraue hoch.
"Dann bist du jetzt... 294 plus 19, das sind 313 Jahre!", fassungslos starrte der Vampir in die Dunkelheit.
"Kopfrechnen kannst du scheinbar..."
313 Jahre, wie konnte das sein? Das war für einen Todesfürsten wirklich unglaublich alt. Hinzukam dass die Zahl unwahrscheinlich mächtig war, eine drei und eine dreizehn, zusammen vereint. Zwei magische Zahlen in einer zusammengefasst. Evan wurde bewusst, dass sein Gegenüber nicht geblufft hatte, er hätte ihm tatsächlich die Unsterblichkeit nehmen können, wenn er es gewollt hätte. Und doch hatte er es nicht getan...
"Wie hast du es nur geschafft, nie gefunden zu werden?", fragte Evan.
Doch er bekam keine Antwort. Die Erschöpfung hatte schließlich doch gewonnen und Alex war eingeschlafen. Wie viel Gewicht wohl all die Jahre auf seinen Schulter gelastet hatte? Evan konnte nur erahnen, wie anstrengend das Leben des Mannes neben ihm sein musste und er spürte seinen Respekt dem Schlafenden gegenüber wachsen. Ebendieser grummelte leise im Schlaf und rückte dann ein Stück näher zu dem Vampir hin, sein Rücken berührte beinahe dessen Brust, aber eben nur beinahe. Evan seufzte, doch er konnte einfach nicht anders. Sanft legte er seinen Arm um den schmalen Körper der Todesfürsten und zog ihn an sich.
Und endlich fand auch er seinen Schlaf...
Hi:)
Ich hoffe, es ist trotz des nicht enden wollenden Dialogs zumindest informativ für euch gewesen...;) Wahrscheinlich kommt auch in absehbarer Zeit mal wieder ein bisschen mehr Action!
Naja, das war's schon vor mir, zumindest für heute!:)
Bis Freitag, eure c_in_medias_res <3
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Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
