9 -Manus manum lavat-

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„Alex?“, fragte Evan zaghaft.

Ruckartig stand Alex auf, blinzelte die Tränen weg und nahm sich erneut das Buch. Ohne auch nur ein Zeichen zu geben, dass er den Vampir wahrgenommen hatte, setzte er sich auf das Bett und begann zu lesen.

„Alex!“, sagte Evan dieses Mal mit Nachdruck.

„Was?“, blaffte dieser ihn an.

„Was war das gerade? Ich dachte, du kippst gleich tot um!“, rief Evan wütend.

„Wäre doch auch nicht das Schlimmste, naja, zumindest nicht für mich“, gab Alex unbeeindruckt zurück.

„Evan baute sich vor ihm auf: „Weißt du was? Es reicht mir! Du gehst jetzt duschen, damit du nicht mehr so widerlich nach Parfum stinkst und danach kommst du wieder in deine Zelle! Ich mach mich hier für dich zum Affen und was hab ich davon? Du ignorierst mich, mein Vater hasst mich und ich mach alles, damit du endlich mit mir redest!“

Wortlos stand Alex auf und lief ins Bad. Er wusste, dass Evan recht hatte, er schuldete ihm etwas und das behagte ihm überhaupt nicht.

Als er fertig war, saß Evan auf dem Bett und schien immer noch ziemlich verstimmt. Vorsichtig und mit einem Meter Abstand zu ihm, setzte sich der Todesfürst hin: „Es tut mir leid, okay? Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand etwas einfach für mich macht…“

Überrascht von dem plötzlichen Sinneswandel sah Evan ihn an: „Schon okay…“

„Nein, es ist nicht okay. Ich stehe in deiner Schuld, also sag, was du willst…“, sagte Alex resigniert. Er wusste, dass er sein wahres Alter gleich preisgeben würde müssen. Aber er war ein Ehrenmann, er konnte nicht einfach ignorieren, dass der Vampir ihm vielleicht sein Leben gerettet hatte. Selbst dann nicht, wenn es ihm doch so gleichgültig war, ob er lebte oder starb.

„Du meinst also, ich kann mir wünschen oder dich fragen, was ich will?“, fragte Evan ungläubig.

Alex verzog gequält das Gesicht: „Mach es mir bitte nicht noch schwerer! Frag einfach…“

In den Augen des Vampirs erkannte er ein Glitzern, aber es war kein Triumph zu erkennen. Es sah eher aus, als würde er sich an etwas erinnern. „Kannst du… also kannst du…“, fing er zögernd an zu sprechen, „Ich würde gerne noch einmal mit meiner Mutter sprechen, sie ist gestorben als ich zehn war…“

Nun war es an dem Nekromanten ungläubig zu schauen: „Ähm… klar, das geht. Ich brauche dafür aber ein paar Sachen. Am besten etwas Zimt und Nelken. Ich könnte es auch mit Rosmarin machen, aber das wird schwierig, weil ich dagegen für die nächsten Tage desensibilisiert bin, weil ich das heute schon benutzt habe.“
      
Der Vampir starrte ihn an: „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich das heute noch machen lasse?! Du bist doch völlig am Ende, wir können noch ein bisschen reden und du musst was essen, aber dann gehst du schlafen!“

Alex lächelte, er sah gerührt aus und Evan verstand nicht warum. Etwas verlegen wandte er den Blick ab: „Warum eigentlich Gewürze?“

„Nun, so genau weiß ich das auch nicht. Es gibt welche, die sehr gut sind, um die Nerven zu behalten, wenn man ins Totenreich will. Es wird einfacher, konzentriert zu bleiben und nicht in irgendeiner Zwischenwelt stecken zu bleiben. Es gibt aber auch viele, die es schlimmer machen. Zum Beispiel soll Thymian dazu führen, dass man Halluzinationen bekommt.“, erklärte der Nekromant und gähnte.

Prüfend musterte Evan den Mann vor sich. Er hatte noch eine Frage, die ihm auf den Lippen brannte, aber vielleicht würde er damit alles zerstören, was in dieser halben Stunde zwischen ihnen entstanden war. Denn er hatte das Gefühl, dass der Todesfürst endlich begann, ihm etwas zu vertrauen, aber seine Frage war von persönlicher Natur. Wenn es Alex zu nahe gehen würde, würde er bestimmt wieder dicht machen. War ihm die Antwort wirklich so ein großes Risiko wert?

„Frag’ schon“, sagte Alex plötzlich, ihm waren die Blicke seines Gegenübers nicht entgangen.

„Du musst nicht antworten“, stellte der Vampir klar, „aber du hast gesagt, dass du heute Rosmarin benutzt hast. Warst du in der Totenwelt, als ich rein gekommen bin?“

„Also zuerst einmal, versuch es nicht Totenwelt zu nennen, sondern Totenreich. Glaub mir, mit unserer Welt hat das nämlich nichts zu tun… Und ja, ich war dort“, gab der Nekromant zögernd zurück. Er wusste noch immer nicht, ob er Evan vertrauen sollte.

„Aber siehst du immer so aus, wenn du wieder aufwachst?“, diese Vorstellung bescherte dem Vampir einen kalten Schauer, der ihm über den Rücken lief.

Leise lachend antwortete der Schwarzhaarige: „Nein, das war nur, weil ich mit jemandem etwas zu bereden hatte, der schon sehr lange nicht mehr unter uns weilt.“ Auch wenn er nun mit Evan darüber redete, konnte er sich nicht dazu kriegen, das Wort "tot" im Bezug auf Winston auszusprechen. Es zu denken, war so anders, als es vor jemand anderen auszusprechen.

Evan erkannte, dass Alex nicht weiter darüber reden wollte, also wechselte er das Thema: „Also brauchst du morgen Zimt und Nelken. Sonst noch was, was ich schon mal wissen sollte?“

„Ich brauche morgen den Namen und den Todestag deiner Mutter. Außerdem muss ich ein möglichst präzises Bild von ihr vor Augen haben. Hast du ein altes Foto, dass sie möglichst nur wenige Tage vor ihrem Ableben zeigt?“

Traurig schüttelte er den Kopf: „Mein Vater hat die meisten Bilder verbrannt… Sie hieß Melody und ist am 23. Januar gestorben.“

Mitfühlend sah der Nekromant ihn an. Er konnte nicht anders, als sich den verstörten zehnjährigen Evan vorzustellen, der erst gerade seine Mutter und damit wohl die, bis zu dem Zeitpunkt, wichtigste Frau in seinem Leben verloren hatte. „Das ist nicht so schlimm, kannst du sie mir so genau wie möglich beschreiben? Sag mir einfach jede Einzelheit, die dir einfällt. Am wichtigsten ist das Gesicht.“

„Okay“, Evan kniff konzentriert die Augen zusammen, „sie hatte ungefähr die gleiche Haarfarbe wie ich, aber ihre Haare waren länger, so ungefähr bis zur Schulter. Sie war eher zierlich und schmal, auch nicht besonders groß. Ihre Haut war hell, aber nicht so hell wie meine, etwas dunkler… Und sie hatte leichte Sommersprossen, aber nicht viele.“

„Augenfarbe?“, fragte Alex, in seiner Stimme lag eine ungeahnte Sanftheit, die der Vampir sofort zur Kenntnis nahm.

„Ein helles Braun, beim richtigen Lichteinfall auch irgendwie leicht grünlich.“

„Wie war ihre Gesichtsform?“

„Ein schmales Gesicht, aber weiche Gesichtszüge. Ihr Kinn war spitz und sie hatte eine gerade Nase.“, beschrieb Evan weiter.

In Alex Kopf bildete sich ein immer weiter ausgemaltes Bild der Frau, während Evan unermüdlich weiter erzählte und sein Bestes gab, die Fragen des Nekromanten möglichst genau zu beantworten. Im Gegensatz zu ihm, war dem Todesfürst aufgefallen, das Evan vieles von ihr geerbt hatte, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde.
Melody war zierlich gewesen und er eher muskulös, aber dafür hatte Evan beispielsweis genau seine Nase und seine Augen beschrieben.

„Eins solltest du noch wissen, bevor wir morgen anfangen…“; sagte Alex nachdenklich.

„Was?“, fragte der Angesprochene aufgeregt.

„Erstens gibt es immer das Risiko, dass ich sie nicht finde oder sie nicht wecken kann. Außerdem kann ich euch nicht alleine lassen, ich werde jedes Wort, das ihr sprecht, hören. Und solltest du vor mir aufwachen, dann musst du mich schlagen! Auf die Wange, wie man es bei Leuten macht, die ohnmächtig sind, nur stärker. Brich mir wenn nötig den Kiefer, verstanden?", eindringlich fixierte der Mann den Brünetten.

„Ja!“, erwiderte dieser leicht atemlos.

„Du kannst mir jeder Zeit sagen, wenn du es dir anders überlegst. Auch noch zwei Sekunden bevor wir anfangen, kapiert?“

„Ja!“, sagte er erneut, „Danke, dass du mir hilfst…“

Ernst sah Alex ihn an: „Manus manum lavat.“

„Was bedeutet das?“, fragte Evan, der nun mal kein Latein verstand.

„Eine Hand wäscht die andere.“

Das Flüstern des TodesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt