„Evan, warum soll ich dir etwas sagen, was du schon längst weißt?"
Diese Worte trafen Evan, denn Alex sagte nur die Wahrheit. Er verstand nicht, wie der Nekromant ihn so schnell hatte durchschauen können. Im Prinzip gab es nur zwei Personen, die ihn wirklich kannten und das waren Jeffrey und Evans bester und einziger Freund Clayton. Aber dieser Mann mit seinen unverschämt schönen Haaren wusste nach zwei Tagen, dass er ausschließlich biologisch gesehen der Sohn seines Vaters war... Vielleicht entwickelte man solche Instinkte, wenn man so lange auf der Flucht war?
Während der Vampir nachdenklich ins Nichts starrte, hatte der Todesfürst sich erneut das Buch genommen und wollte eigentlich weiterlesen, doch er konnte sich nicht wirklich konzentrieren. Heute war der Einundzwanzigste November, Winstons Todestag. Bedrückt stellte er fest, dass er sein jährliches Ritual wohl ausfallen lassen musste. Normalerweise weckte er Winston immer an dessen Todestag, er brauchte diese kurzen Gespräche mit seinem Freund, auch wenn es immer schwieriger und anstrengender wurde, ihn zu finden, denn er war schon vor sehr langer Zeit gestorben.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Evan plötzlich wieder zu sprechen begann: "Ich muss mich um ein paar Angelegenheiten kümmern gehen. Es könnte etwas dauern, brauchst du noch was, bevor ich gehe? Die Tür", er deutete auf eine von zwei identisch aussehende Türen, "führt in ein Badezimmer."
"Nein, geh ruhig", Alex hatte eine riskante, aber umsetzbare Idee.
"Okay, bis später", sagte Evan und schloss die Tür hinter sich ab.
Alex atmete tief durch und sah sich eilig in dem Zimmer um. Wenn er hier nur irgendwo eine geeignete Kräutersorte finden würde! Sein Blick fiel auf eine Parfumflasche und er konnte sein Glück kaum fassen, als er feststellte, dass Rosmarin enthalten war. Schnell sprühte er sich etwas auf die Handflächen und schmierte er sich an den Hals und ins Gesicht. Dass er später bis zum Himmel nach Rosmarin stinken würde, störte ihn nicht im Geringsten. Dann setzte er sich im Schneidersitz auf den Boden und schloss konzentriert die Augen. Er rief sich so gut er konnte Winstons Gesicht mit all seinen Einzelheiten ins Gedächtnis und begann ihn zu suchen.
"Winston!", sagte der Nekromant überglücklich, als er wenig später einem mittelgroßen Mann mit dunkelblonden Haaren in der Zwischenwelt, die er geschaffen hatte, gegenüber stand.
"Alejandro, lange nicht gesehen!", sagte der Mann lächelnd und nahm seinen Ex-Freund liebevoll in den Arm.
Alex schloss die Augen und flüsterte: "Ich hab dich so vermisst!"
"Wie geht es dir?", fragte Winston und sah ihn mit seinen wachen blauen Augen an.
"Es geht schon", log der Schwarzhaarige, denn er wollte den Freund nicht beunruhigen. Winston wusste nur bruchstückhaft wie es auf der Erde zuging, denn normalerweise schlief er wie die anderen toten Seelen in der ewigen Ruhe.
"Du klingst aber nicht so...", sagte er misstrauisch.
Alex lächelte gequält: "Es ist momentan etwas kompliziert, aber ich komme schon klar!"
"Liebesdrama?"
"So was in der Art", behauptete er.
"Aber du weißt noch, was ich dir gesagt habe?", fragte Winston und sah ihn besorgt an.
"Dass ich mein Leben leben soll und es für dich in Ordnung ist, wenn ich wieder einen Freund habe? Ja, das weiß ich, aber das ist nun mal nicht so leicht!"
"Du schaffst das, da bin ich mir sicher. Außerdem denke ich, dass dir eine ernsthafte Beziehung viel besser dabei helfen würde, als diese One-Night-Stands. Das bist du einfach nicht, Alejandro!"
Alex lächelte traurig: "Weißt du eigentlich, dass nur noch du und Raymond mich Alejandro nennen? Alle anderen kennen mich nur noch unter Alex..."
"Raymond? Der Magier?", fragte Winston lächelnd. Zwar war er vor der Geburt des Mannes gestorben, doch er wusste aus Alex' Erzählungen, dass die beiden gute Freunde waren.
Alex nickte nur.
"Lass den Kopf nicht so hängen und werd' endlich glücklich! Ich muss bald gehen, das weißt du!", sagte Winston.
"Ja, ich weiß... Bis nächstes Jahr", sagte Alex leise und eine Träne rann ihm die Wange runter.
"Pass auf dich auf!", erwiderte Winston, nahm ihn in den Arm und küsste ihm die Träne weg, bevor er sich entfernte und verschwand.
"Ich liebe dich!", flüsterte Alex so leise, dass der Mann ihn nicht hörte, dann öffnete er die Augen.
"-lex! Alex! Komm schon, wach auf! Alex!", er blickte direkt in die grauen Augen von Evan,der sich über ihn gebeugt hatte.
Evan war ohne Umwege ins Büro seines Vaters gelaufen. Die Frage, wie dieser von der Tatsache, dass Alex ein Todesfürst war, erfahren hatte, ließ ihn nicht mehr los.
Etwas heftiger als nötig klopfte er an die schmucklose weiße Tür, trat aber ein, ohne auf eine Antwort zu warten.
Maverick sah mäßig überrascht auf: "Evan, was machst du hier?"
"Ich will wissen, woher du das alles wusstest!", sagte er ohne Umschweife. Evan war gegenüber seinem Vater immer sehr respektvoll gewesen, doch dieses Mal war er wütender denn je.
"Was alles?", fragte Maverick unbeeindruckt und begann, etwas auf einem Formular auf seinem Schreibtisch einzutragen.
"Dass Alex ein Todesfürst ist und dass er gerade alleine war! Du hast mir zwei Wochen gegeben!"
"Du und Samuel habt euch in einem der bewachten Räume unterhalten, dass hab ich auf dem Monitor gesehen. Ich musste doch sichergehen, dass alles in Ordnung ist!", sagte er ohne aufzublicken.
Evan schnaubte: "Und da dachtest du dir, ich belausch' kurz meinen Sohn und sperre ihn dann einfach ein?!"
Jetzt sah Maverick auf: "Du vergreifst dich heute ganz schön im Ton! An deiner Stelle wäre ich lieber froh, dass ich noch nicht eingeschritten bin, obwohl der Todesfürst statt in der Zelle in deinem Zimmer liegt!"
Kurz war Evan versucht, eine patzige Antwort zu geben, doch er verkniff es sich. Stattdessen nickte er nur und ging ohne ein weiteres Wort aus dem Raum.
Äußerst schlecht gelaunt kam er wieder in seinem Zimmer an und fand den Nekromanten im Schneidersitz auf dem Boden sitzen. Vor ihm stand eine halb leere Parfumflasche, die Evan vorher noch nie benutzt hatte. Der Mann starrte ins Leere und hatte die Ankunft des Vampires offensichtlich nicht bemerkt. Doch das war es nicht, was Evan beunruhigte. Alex zitterte am ganzen Körper und war trotz seiner leicht gebräunten Haut unnatürlich blass. Er sah aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.
Evan rannte zu ihm und kniete sich auf den Boden.
"Scheiße, Alex! Alex! Komm schon, wach auf! Alex!", wie wild schüttelte er den Nekromanten an der Schulter.
Alex' Augen öffneten sich, sie waren voll von Tränen.
DU LIEST GERADE
Das Flüstern des Todes
FantasiaEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
