29 -Visionen-

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Evan saß auf dem Boden in der Ecke des Esszimmers. Die Sorge um Alex zerfraß ihn von innen heraus. Raymond, Dana, Atticus und Clayton hatten sich um den Tisch niedergelassen und diskutierten hitzig, was passiert sein konnte. Evan bekam nicht viel davon mit, da er seinen eigenen Gedanken nach hing, doch was er sicher wusste war, dass sie sich im Kreise drehten und Zeit verschwendeten. Zeit, die sie nicht hatten. Vielleicht würde Alex in einer Stunde getötet werden, vielleicht auch erst in einem Tag oder einer Woche oder aber auch gerade in dieser Sekunde. Bei dem Gedanken, der Todesfürst könne bereits tot sein, drehte sich ihm der Magen um. Kurz schloss Evan die Augen, um sich zu sammeln, er versuchte die Angst herunterzuschlucken. Was würde Alex jetzt an seiner Stelle tun? Ganz sicher würde er weder Ewigkeiten spekulieren, noch sich in die Ecke zurückziehen und in Selbstmitleid baden! Entschlossen stand der Vampir auf.

Danas Stimme hatte einen hysterischen, schrillen Ton angenommen, der Evan in seinem feinen Gehör schmerzte: "Also bitte, Raymond! Wir sprechen hier immerhin von Alex, als ob es-"

Harsch unterbrach er die Fee: "Ruhe! Wir müssen jetzt den Überblick behalten! Wir müssen herausfinden, wo Alex ist und ob es ihm gut geht, nicht wie er verschwunden ist!"

"Er hat recht", pflichtete Clayton seinem besten Freund zu, "Raymond, weißt du, wie viele Eindringlinge hier waren?"

Bedauernd schüttelte der Magier den Kopf: "Nein, aber es müssen mindestens fünf gewesen sein. Ich denke, wir können uns sicher sein, dass Alex von ihnen verschleppt wurde und er sie ganz sicher nicht freiwillig auf das Gelände gelassen hat..."

"Wir haben also einen Maulwurf", brummte Atticus zornig.

"Sieht ganz so aus, aber wer ist es?", Raymonds Stirn war in tiefe Falten gelegt.

Nachdenklich schwiegen sie, bis Evan die Stille durchbrach: "Vielleicht sollten wir die Frage nach hinten stellen, weil-"

"Bist du bescheuert?! Wie können wir ignorieren, dass wir einen Verräter in unseren Reihen haben? Und wie sollen wir rausfinden, wo Alex jetzt ist?"

"Dana, lass Evan doch erstmal ausreden...", warf Atticus beschwichtigend dazwischen.

"Ich will nicht ignorieren, dass jemand Geheimnisse weitergibt, ich will nur die Suche nach dieser Person nach hinten schieben! Und ich bitte dich, wer sollte ihn wohl haben?! Es ist ja wohl relativ offensichtlich, dass mein Vater dahintersteckt!" 

"Vermutlich", stimmte Raymond zu, "es wäre zumindest das Naheliegenste. Evan, hast du irgendeine Idee, wo Maverick ihn hingebracht haben könnte?"

Erneut platzte Alex' Haut auf. Warmes Blut strömte ihm am Körper entlang und ein erstickter Schrei verließ seine Kehle.

"-van? Evan?", Clayton schüttelte panisch die Schultern des brünetten Vampirs.

"Was ist passiert?", verwirrt sah Evan sich um.

"Du hast plötzlich die Augen zugekniffen und geschrien und du hast gezittert!"

Die Bilder strömten wieder in Evans Bewusstsein: "Ich- ich hab was gesehen! Es war... Ich war in Alex' Körper und er hat geblutet und er hat geschrien, er hatte Schmerzen!"

"Was hat das zu bedeuten?", Dana sah schockiert und Rat suchend zu Raymond, der auch so gleich zu einer Antwort ansetzte.

"Zu allererst heißt es, dass er noch lebt! Vielleicht... ja, vielleicht kann Alex ihm irgendwie Einblick in seinen Körper geben oder so..."

"Nur weil er ein Todesfürst ist? Wie alt ist er denn bitte?!", brachte Clayton seinen Zweifel zum Ausdruck.

"Älter als du denkst...", murmelte Evan.

"Ich denke trotzdem nicht, dass er das kontrolliert macht. Wahrscheinlich ist er in Gedanken ganz fest bei dir und schickt dir unbewusst Bilder. Aber das könnten wir zu unserem Vorteil nutzen... Evan, konzentrier' dich, hast du die Umgebung gesehen?", die Hoffnung in Raymonds Stimme war unüberhörbar. 

In der folgenden Stunde versuchten Evan und Clayton sich an alle Orte zu erinnern, an denen sie je mit Maverick gewesen waren, doch da gab es ein nicht unerhebliches Problem. Es gab unwahrscheinlich viele Möglichkeiten, wo Alex sich befinden könnte, denn Evan hatte nur eine kalte Kellerwand gesehen und er wusste, dass sein Vater in den Wäldern insgesamt zwölf Unterschlüpfe hatte, die allesamt mit eben solchen Kellern ausgestattet waren. Und diese Hütten waren meilenweit auseinander und in alle Himmelsrichtungen verteilt. Evan war erschöpft, doch er erlaubte sich keine Pause. Eigentlich brauchte er dringend mal wieder Blut, doch auch diese Tatsache ignorierte er geflissentlich. Und plötzlich passierte es wieder.

Alex glitt zu Boden, schwarze Punkte flimmerten vor seinen Augen, doch die Dunkelheit wollte einfach nicht auf seinen Körper übergreifen. Er hörte Mavericks kalte Stimme: "Das war für meinen Sohn... Wenn ich wieder komme, machen wir mit der Rache für meinen Nachfolger weiter!" 

Wortlos hielt Atticus dem Brünetten ein Glas mit einer warmen dunkelroten Flüssigkeit hin. 

"Danke", hauchte dieser und nahm gierig ein paar Schlucke. Augenblicklich wurde er wieder wacher und murmelte: "Es hat keinen Sinn... Wir werden alle Hütte nacheinander überprüfen müssen... Und niemand außer uns darf davon erfahren, sonst weiß der Maulwurf zu viel..."

Entschlossen sah Clayton ihn an: "Mit welcher fangen wir an?"   

Das Flüstern des TodesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt