14 -Freiheit-

824 69 5
                                        

Evan zuckte zusammen, als Alex plötzlich schrie: „ICH, ALEX MARTIN, DER MÄCHTIGSTE TODESFÜRST VON GANZ OKLAHOMA, VERLANGE DAS CLANOBERHAUPT MAVERICK WILLIAMS ZU SPRECHEN!"

Was hatte er vor? Wusste er überhaupt, was er da tat? Und warum hatte er Evan so grob am Kragen gepackt? All diese Fragen gingen dem Vampir durch den Kopf.

Die Tür von Evans Zimmer wurde aufgestoßen, Jeffrey, Maverick und zwei weitere Vampire erschienen.

„Was willst du, Todesfürst?", fragte Maverick kalt, seine Augen wanderten zornig zu Evan, der sich so von dem Gefangenen behandeln ließ.

„Ich verlange meine sofortige Freiheit", sagte Alex so ruhig, dass es Evan einen kalten Schauer den Rücken runter schickte.

Maverick lachte freudlos auf: „Du weißt, was wir von dir wollen! Vielleicht hast du meinen schwachen Sohn unter deiner Kontrolle, aber mich noch lange nicht! Du bist ein Gefangener! Mein Gefangener!"

„Du hast mich wohl nicht richtig verstanden. Ich wünsche mir nicht meine Freiheit, ich verlange sie! Es ist deine Entscheidung, entweder wird dein Sohn hier und heute ein Sterblicher, oder du lässt mich gehen.", Evan riss die Augen auf. Es war allgemein bekannt, dass manche extrem alte Todesfürsten es geschafft hatten, einem Wesen die Unsterblichkeit zu nehmen. Aber bluffte Alex oder war er tatsächlich bereits so mächtig? Es war sein Geburtstag, vielleicht hatte er die Fähigkeit erst seit diesem Tag...

In Mavericks Blick waren zum ersten Mal Zweifel zu erkennen: „Erst verrätst du kein Sterbenswort über dein Alter und dann behauptest du, du könntest bereits Unsterblichkeit nehmen?! Meinst du nicht, dass das etwas unglaubwürdig ist?"

„Willst du es tatsächlich darauf ankommen lassen? Dein einziger Sohn? Was würde Melody dazu sagen?", Alex war sich der Wirkung seiner Worte sehr bewusst, auch wusste er, dass er Evan mit ihnen verletzte, aber manchmal heiligte der Zweck die Mittel. Um seine Aussage zu unterstreichen, warf er den Vampir auf den Boden und ließ etwas grünes Feuer in seiner Handfläche erscheinen.

„Was hat seine Mutter damit zu tun?", knurrte Maverick.

„Eine ganze Menge, sie liebt ihren Sohn nämlich, obwohl sie tot ist! Das wäre eigentlich dein Job gewesen.", obwohl er Evan nicht mehr berührte, spürte er, wie dieser auf dem Boden liegend zusammenzuckte. „Selbst, wenn er nicht getötet wird, stirbt er in spätestens achtzig Jahren."

„Selbst wenn du das schaffen würdest, was ich stark bezweifele, könnte er wieder in einen Vampir verwandelt werden", hielt Evans Vater dagegen.

Alex' Augen, die immer noch giftgrün waren, begannen zu funkeln. Den Todesfürsten umgab eine derartig große Autorität und Macht, wie Evan sie nie zuvor verspürt hatte. Diese Ausstrahlung machte ihm Angst, aber gleichzeitig imponierte sie ihm auf unerklärliche Weise.

„Da irrst du dich mal wieder. Ich sagte, ich würde deinen Sohn sterblich machen, nicht ihn in einen Menschen verwandeln. Er lebt als Vampir weiter, seine menschliche Seite wird nur stärker und zwingt ihn, auch für Menschen herkömmliche Nahrung zu sich zu nehmen und schließlich wird sie sein Leben beenden. Nicht einmal dem, der verflucht, wird es möglich sein, den Verfluchten zu retten!"

Maverick war überfordert. Sein Nichtsnutz von Sohn lag auf dem Boden, sein Gefangener hatte ein Druckmittel, um die eigene Freiheit zu erpressen und er wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits war dieser Alex ungeahnt mächtig und damit wertvoll. Andererseits ging es in dieser Angelegenheit um seinen einzigen Sohn, die einzige Sicherheit für den Clan, sollte ihm selbst einmal etwas zustoßen. Und er hatte Melody vor ihrem Tod versprochen, auf Evan acht zu geben.

„Beweise mir, dass du zu derartigen Maßnahmen fähig bist!", befahl er.

Jetzt lachte Alex kalt auf. Die grünen Flammen in seiner Hand wurden größer und nahmen eine Gestalt an. Die Gestalt von Melody, die um ihren Sohn weinte. Auch wenn es nur eine Illusion war, sie zeigte Wirkung.

„Geh! Geh und wir werden uns nicht wiedersehen!", knurrte Maverick voller Wut, die Augen immer noch auf die in sich zusammensackenden Flammen gerichtet.

Alex nickte und bückte sich. Er packte Evan erneut am Kragen und wandte sich zum Gehen.

„Was soll das werden?!", mischte Jeffrey sich jetzt wutentbrannt ein.

„Das ist meine Sicherheit, dass ich hier rauskomme, ich lasse ihn in ein paar Tagen gehen! Wenn er zurück will, werde ich ihm nicht im Weg stehen!", erwiderte der Todesfürst ohne sich umzusehen.

Evan wurde hinter ihm hergezerrt. Würde Alex ihn tatsächlich frei lassen? Wollte er sich rächen? War ihre Freundschaft für ihn nur ein Mittel zum Zweck gewesen? Dieser Gedanke verletzte Evan. Der junge Vampir fühlte sich benutzt und minderwertig, während der Nekromant ihn so grob mit sich zerrte.

Alex wiederum war nur bemüht, sie beide so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Er hatte Angst, dass Evan tatsächlich zurück zu seinem Vater gehen würde, wenn er ihn ließe. Und er würde ihm nicht im Weg stehen, er hatte es sich geschworen. Vermutlich wäre es sowieso besser. Doch er musste sich jetzt auf andere Dinge konzentrieren. Dieser verfluchte Jeffrey wollte Evan nicht gehen lassen, das merkte er deutlich. Er blieb in einem Flur stehen und schloss kurz die Augen. Eine große Stichflamme erschien und blockierte den Weg.

„Renn! Bring uns hier raus, ich kenne den Weg nicht. Ich erkläre es dir später!", knurrte er dem jungen Vampir ins Ohr, der nickte, die Hand des Mannes ergriff und ihn hinter sich her zog. Warum er das tat, wusste Evan selbst nicht. Er konnte einfach nicht anders, zu wichtig war der Schwarzhaarige ihm geworden.
Hinter sich hörten sie wütende Schreie, doch sie rannten einfach weiter. Durch Flure, Treppen hinab, durch unzählige Türen. Endlich erreichten sie eine Tür, die nach draußen führte. Die Vampire, denen sie unterwegs begegneten, musterten sie verwirrt, doch sie sahen den Sohn des Clanoberhauptes, niemand würde ihnen Steine in den Weg legen.
Todesfürst und Vampir rannten Hand in Hand in den Wald, so lange, bis sie die Grenze des Vampirterritoriums hinter sich gelassen hatten. Schweratmend blieb Alex stehen und hielt sich den Bauch. Dieses Seitenstechen schien unerträglich, doch es wurde langsam besser. Er war ziemlich müde, seine Kräfte ausgelaugt. Doch trotzdem biss er die Zähne zusammen: „Wir sind noch nicht sicher, komm mit. Ich weiß, wo wir hin können."

Stundenlang war Evan schweigend neben Alex hergelaufen. Unauffällig musterte er dem Schwarzhaarigen von der Seite. Todesfürsten hatten das gleiche Essverhalten wie Menschen und er war sich sicher, dass der Nekromant heute noch keinen Bissen zu sich genommen hatten. Evan begann sich Sorgen zu machen.

„Alex?", begann er vorsichtig, „sollten wir nicht eine Pause machen? Es wird schon dunkel..."

„Nur noch ein Stück weiter, dann bauen wir uns ein Nachtlager", erwiderte Alex müde.

Evan sagte nichts dazu, seiner Meinung nach, sollte der Todesfürst lieber schnell etwas essen und sich dann schlafen legen. Aber wenn er so darauf beharrte weiterzugehen, würde er wohl seine Gründe haben.

Etwa fünfzehn Minuten sah Evan nur zu, doch dann stolperte Alex zum sechsten Mal und wie oft er gegähnt hatte, konnte der Brünette nicht einmal zählen.

„Es reicht jetzt! Mach schon mal ein Feuer, ich gucke, ob ich was zu Essen für dich finde!", beschloss der junge Vampir.

„Na gut", stimmte Alex geknickt zu.

Evan fand ziemlich schnell etwas Essbares in Form eines Hasen, dem er mit einem gezielten Biss das Genick brach. Doch als er wieder bei Alex ankam, lag dieser bereits schlafend am Boden. Das Feuer brannte etwas kläglich, weswegen Evan noch einige Zweige zusammensuchte und sie in die Flammen warf.

Er setzte sich neben Alex auf den Boden und betrachtete ihn. Jede Einzelheit seines Gesichtes versuchte er sich einzuprägen. Wie in Trance streckte er die rechte Hand aus und strich dem Mann eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Alex faszinierte ihn. Manchmal erinnerte der Mann ihn an ein Feuer, anziehend, wärmend, aber wenn man nicht aufpasste, konnte man sich leicht an ihm verbrennen...

Das Flüstern des TodesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt