"Ich hab den Zimt und die Nelken besorgt!", sagte Evan während er am nächsten Morgen sein Zimmer betrat. Überrascht sah er auf Alex hinab, der im Schneidersitz auf dem Boden saß und so aussah, als würde er meditieren.
"Sehr gut. Es wäre übrigens auch von Vorteil, wenn du mir meinen Mantel inklusive Inhalt wiederbeschaffen könntest. Das würde es für mich leichter machen...", gab sein Gegenüber gelassen zurück.
"Wozu? Gestern hattest du ihn doch auch nicht", stellte der Vampir stirnrunzelnd fest. Er konnte sich nicht wirklich entscheiden, ob er dem Mann trauen sollte. Vielleicht war das hier auch nur eine gute Gelegenheit sich für seine Entführung zu rächen.
"Ja, ich war ja auch in einer Notlage, in der es nicht anders ging. Außerdem kannte ich die Person bereits und hatte nicht dich als Anhängsel!", brummte Alex genervt.
Evan seufzte resigniert: "Ich guck, was ich tun kann..."
Er verstand nicht, wieso Alex' Charakter sich so schnell zu ändern schien. Mal ignorierte er ihn, dann wirkte er wie ein Freund, dann wehrte er sich wieder und plötzlich umarmte er ihn. Alex war einfach ein Buch mit sieben Siegeln und er fragte sich, ob er es jemals schaffen würde, auch nur ein einziges zu brechen.
Ein zufriedenes Lächeln ließ die Mundwinkel des Todesfürsten zucken, kaum das Evan ihm den Rücken zu gedreht hatte. Er hatte nicht wirklich gelogen, mit seinem Mantel würde es ihm leichter fallen, aber in erster Linie war sein Anliegen, diesen wieder zu bekommen. Er würde Evans Wunsch erfüllen und gleichzeitig das Wertvollste, was er besaß, wiedererlangen. Der lange schwarze Mantel war nun mal sein Ein und Alles.
Etwa eine Viertelstunde später reichte Evan dem Nekromanten sein größtes Heiligtum. Dieser inspizierte das Kleidungsstück erst einmal sorgfältig, zog es dann glücklich an. Es tat gut, den so vertraute Stoff endlich wieder auf der Haut zu spüren. Alex beförderte aus einer der zahlreichen Taschen einen Kerzenstummel und ein Feuerzeug. Er stellte die entzündete Kerze vor sich auf den Boden und griff unter Evans neugierigen Blicken erneut in des Innenleben seines Mantels. Dieses Mal hielt er die Hand zur Faust geschlossen und ließ sorgfältig und scheinbar hochkonzentriert etwas Erde zwischen seinen Fingern durchrieslen. Er malte ein verschlungenes Muster auf den Boden, das der Vampir noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
"Was machst du da? Und warum hast du nicht einfach gesagt, dass ich dir Erde mitbringen soll?", fragte er aufgeregt.
"Ich hinterlasse mein persönliches Zeichen, jeder Todesfürst hat eines. Es erhöht unsere Chancen, dass ich deine Mutter finde und uns wieder nach Hause befördere. Es geht auch ohne, aber ich bin im Moment nicht gerade auf dem Höhepunkt meiner Kräfte. Die Arbeit eines Nekromanten ist schwierig, wenn er sie gewissenhaft verrichtet! Ich muss mich voll konzentrieren können und wenn das nicht geht, bei meiner Situation durchaus denkbar, haben wir, beziehungsweise besonders ich ein ganz gewaltiges Problem!", erwiderte Alex ohne sein Gegenüber anzusehen. Er starrte auf das Symbol, dass er auf dem Boden hinterlassen hatte. Zufrieden mit seiner Arbeit sprach er weiter: "Außerdem ist das da keine normale Erde! Es ist Erde, die ich von Grab meiner Eltern habe. Ich bin ihr Fleisch und Blut, ich sollte also hierher zurück gelangen und in keiner Zwischenwelt bleiben."
Evan sah mit glänzenden Augen zu, wie der Nekromant die Augen schloss und sich ein grünes Flackern in seinen Händen bildete. Ein kleiner Lichtstrahl, der unruhig zwischen seinen Fingern herflackerte.
"Setzt dich hin, mir gegenüber. Und denk dran, wenn du aufwachst, ich aber nicht, schlag mich. Und sei auf keinen Fall zimperlich!", wies Alex ihn an. Der Schwarzhaarige war jetzt vollkommen in seinem Element, soviel sah Evan auf den ersten Blick. Als er saß, machte Alex eine leichte Handbewegung zu der Erde vor sich und der grüne Strahl seiner Magie legte sich auf diese. Sie begann zu brennen. Die grünen Flammen leckten an Alex' Fingern, doch alles was er spürte, war ein angenehmes Kribbeln. Magisches Feuer verbrannte nichts und niemanden, zumindest nicht das eines Nekromanten. Er begann leise unverständliche Wortfetzen zu murmeln, die Evan nicht verstand.
Unvermittelt blickte Alex auf und sah seinem Gegenüber direkt ins Gesicht: "Mach die Augen zu und gib mir deine rechte Hand!"
Evan legte seine Hand in die ausgestreckte des Nekromanten. Es war ein komisches Gefühl, trotzdem tat er wie ihm gehießen und schloss die Augen. Sofort spürte er, wie sich eine Verbindung zwischen ihnen aufbaute. Ein Band, das so lange in Kraft treten würde, bis sie wieder hier wären. Alex' Erzählungen über die Risiken hätte den Vampir wohl beunruhigen müssen. Doch obwohl er es sich selbst nicht erklären konnte, vertraute er dem Nekromanten. Er war felsenfest davon überzeugt, dass der Schwarzhaarige ihn sicher wieder her bringen würde.
Auf einmal ging ein Ruck durch ihre beiden Körper. Evan klammerte sich an die Hand des anderen Mannes. Ganz plötzlich war es um ihn herum kalt. Eine Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen. Er konnte auf einmal Alex neben sich stehen sehen, doch um sie herum war absolut nichts. Sie standen auf einem leicht unebenen Steinboden, ansonsten sah er lediglich einen Himmel. Doch dieser war weder blau noch schwarz, er war grau. Beinahe so grau wie der Stein, auf dem sie sich befanden.
"Alex?", fragte Evan zaghaft, "warum... warum kann ich hier frieren?" Es war ein fremdes Gefühl für ihn. Er war als Vampir geboren, ihm war noch nie zuvor zu kalt gewesen.
Alex sah ihn mit einem ganz kleinen Lächeln an: "Weil wir kurz vor dem Totenreich sind. Und im Tod sind wir alle gleich... Du musst jetzt hier bleiben und ruhig sein, ich versuche jetzt deine Mutter zu finden."
Der junge Vampir nickte und schwieg augenblicklich.
Alex schloss die Augen und rief sich erneut alles ins Gedächtnis, was Evan ihm über Melody erzählt hatte. Es war schwierig, doch er fand überraschend schnell eine leichte Verbindung. Er konzentrierte sich auf diese und rief ihre Seele.
Doch sie antwortete ihm nicht.
Alex wusste, wie viel Evan an dem Gespräch mit seiner Mutter lag. Er konnte ihn verstehen und genau deshalb durfte er nicht aufgeben. Wieder rief er in seinem Kopf ihren Namen. Noch entschiedener.
Und plötzlich war da dieses Bauchgefühl. Er wusste, dass er es geschafft hatte. Jetzt griff er nach Evan, seine Augen waren noch immer geschlossen. Alex erwischte ihn an seinem T-Shirt. Entschlossen hielt er es fest und brachte sowohl sich selbst als auch seinen Gefährten in eine von ihm erschaffene Zwischenwelt. Er öffnete die Augen und besah sich nicht ohne Stolz sein Werk. Auf einer Wiese umrundet von Bäumen standen sie nun.
In Evans Augen spiegelte sich der Unglaube. Das war so surreal für ihn. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Staunend und ehrfürchtig drehte er sich im Kreis. Als er stehen blieb, sah er, wie zwischen den Bäumen eine Frau hervortrat.
"Mum?", fragte er mit zitternder Stimme.
Sie lächelte: "Evan, mein Großer!"
Alex wandte sich ab und entfernte sich ein paar Meter. Ihm war bewusst, dass er sich nicht zu weit von den beiden entfernen durfte, aber er wollte ihnen ihre Privatsphäre gönnen. Obwohl sie noch in Hörweite waren, bekam er von ihrem Gespräch nicht allzu viel mit, da er selbst in Gedanken war.
Was tat er hier nur?
Er musste völlig den Verstand verloren haben, so viel stand fest.
Nach einigen Minuten begannen Alex' Finger leicht zu zittern. Er würde die Verbindung nicht mehr lange aufrechterhalten können. Bedauernd sah er zu Mutter und Sohn, die sich mit Tränen in den Augen im Arm hielten.
Leise räusperte er sich: "Evan, es tut mir leid, wir müssen..."
Der Angesprochene nickte bedauernd: "Mach's gut, Mum!"
"Pass auf dich auf, Großer! Ich bin so stolz auf dich und ich hab dich so lieb, vergiss das nie!", sagte Melody. Sie drückte ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange.
"Ich dich auch", gab dieser zurück. Eine unendliche Trauer zeichnete sich in seinem Gesicht ab, als seine Mutter sich langsam umdrehte.
Einem Impuls folgend legte Alex ihm die Hand auf die Schulter: "Das hast du gut gemacht! Nimm wieder meine Hand, ich bringe uns zurück!"
Evan lächelte unter Tränen. Fest umschlossen seine Finger die des Nekromanten. Beide schlossen die Augen.
Kaum zehn Sekunden später fand Evan sich wieder auf dem Boden seines Schlafzimmers wieder. Auf Alex' Augen öffneten sich, wenn er auch sehr schwer atmete.
"Danke", hauchte Evan. Mehr brachte er in diesem Moment einfach nicht zu Stande.
DU LIEST GERADE
Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
