Der nächste Tag war hauptsächlich von Chaos bestimmt. Maverick war noch immer spurlos verschwunden, der Teil seines Clans, der nicht geflohen war, führerlos. Es lag nahe, Evan die Befehlsmacht zu geben, was dem jungen Vampir wiederum überhaupt nicht gefiel. Alex war über alle Maßen unruhig, da ihm das Abwarten bereits nach einem Tag zu viel wurde. Clayton war zwar jetzt über den Plan und die Situation im Bilde, dennoch fiel es ihm ganz offensichtlich schwer, sich Evans Mitstreitern zu öffnen. Hinzukamen seine Verletzungen, die durch das Vampirgen zwar schneller heilten, aber ihn trotzdem noch ziemlich beeinträchtigten, da er noch nicht wieder genug zu Kräften gekommen war. So hatte ein jeder von ihnen sein ganz persönliches Unglück. Doch gegen Abend hatte man einige Probleme bereits lösen können. Beispielsweise war beschlossen worden, vorübergehend Clayton und Atticus das Kommando über den Clan zu geben, da die beiden vergleichsweise gut miteinander auskamen und Clayton als Missionierter wesentlich respektierter als Evan war, der sich schließlich gegen seinen Clan gestellt hatte. Atticus hingegen schaffte es wie kein Zweiter, Vertrauen bei den Vampiren zu wecken. Eigentlich kein Wunder, wie Evan fand, der Nekromant hatte eine natürliche Aura, die zwar Sympatie weckte, aber auch eine gewisse Autorität ausstrahlte.
Drei weitere Tage vergingen, ohne dass etwas besonders Ungewöhnliches passierte. Atticus und Clayton schienen ihren Aufgaben gerecht zu werden und der Clan kam etwas zur Ruhe. Ganz im Gegensatz zu Alex, der, wie Evan mit Schrecken feststellte, immer weniger schlief.
"Evan?", Alex lag neben seinem Freund wieder in einem von Danas Gästezimmern.
"Was ist?", fragte der Brünette und gähnte herzhaft.
"Ich will nach Hause... Also in meine Wohnung und ich will schon morgen gehen. Wenn alles glatt geht, bin ich übermorgen schon wieder hier, aber ich muss Ausrüstung holen!", erklärte er, während Evan besorgt die dunklen Schatten unter seinen Augen betrachtete.
Er runzelte die Stirn: "Okay, wann brechen wir auf?"
"Wir?! Ich! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich hier weg lasse! Hier ist es viel sicherer und hier sind mehr Leute, die auf dich aufpassen können!", empörte Alex sich. Wie konnte Evan nur denken, dass er ihn mitnahm? Er hatte ihn erst vor ein paar Tagen beinahe auf dem Schlachtfeld verloren, wenn Dana nicht gewesen wäre... Das konnte und wollte er nicht weiterdenken.
"Alex, du bist doch bei mir! Und was ist, wenn dir was passiert?! Ich will nicht alleine hier bleiben, hast du überhaupt eine Ahnung, wie viele Sorgen ich mir machen würde?", hielt Evan entschlossen dagegen.
"Mir passiert schon nichts...", versuchte der Schwarzhaarige den Vampir zu beschwichtigen, was der jedoch mit einem Schnauben zu nichte machte.
"Wir gehen zusammen, akzeptier' das einfach! Ich bin erwachsen und außerdem bin ich dein Freund und damit dein Partner und feststeht, ich lasse dich nicht alleine gehen."
"Manchmal hasse ich es, dass ich dich liebe!", stöhnte Alex und hielt im selben Moment erschrocken inne. Er hatte zum ersten Mal die berüchtigten drei Worte Evan gegenüber ausgesprochen und es war noch nicht einmal mit Absicht passiert! Außerdem war es viel zu früh, für solche Geständnisse.
Auch der Vampir erstarrte, es schien einen Moment zu dauern, bis die Worte wirklich in seinem Gehirn ankamen und er ihre Bedeutung wirklich verstand. Doch dann durchfloss ihn ein warmes Gefühl der Zuneigung, sein Bauch kribbelte und ohne sein Zutun schlich sich ein glückliches Lächeln auf seine Lippen. Alex sah ihn mit großen Augen verunsichert an, Evan blickte fest zurück und antwortete leise: "Ich liebe dich auch!"
Am nächsten Tag machten sie sich schon gegen Abend auf den Weg. Mit Raymonds Unterstützung erschaffte der Todesfürst ein Portal, dass ihn und den Vampir zu einem verlassenen alten Fabrikgelände, nur wenige Straßen von seiner Wohnung entfernt, bringen sollte. Endlich fühlte Alex sich weniger machtlos, sein Eifer war wieder geweckt. Es fühlte sich einfach so befreiend und auch beruhigend an, endlich aktiv etwas zu tun. Auch wenn ihm angesichts der Tatsache, dass Evan ihn begleitete, ein wenig schlecht war, war er voller Tatendrang. Gemeinsam schritten Todesfürst und Vampir durch das Portal und kamen ohne Probleme auf dem verlassenen Industriegelände an. Ein paar Krähen flogen aufgeschreckt krächzend davon, als die beiden aus dem Nichts in der Dämmerung erschienen.
"Ganz schön düster hier...", brummte Evan leise.
"Aber eigentlich völlig ungefährlich, hier treibt sich selten jemand rum", erwiderte Alex und schritt entschlossen gen Westen in die Richtung eines riesigen verrosteten Eisentors.
"Warum eigentlich nicht? So ein Gelände schreit doch förmlich nach Drogenschmuggel und Kriminalität...", bemerkte Evan stirnrunzelnd.
"Mag sein", lenkte der Spanier ein, "aber ich habe zugegebenermaßen auch die ein oder andere Vorkehrung getroffen, es schadet nie, so einen Ort wie diesen in der Nähe deiner Wohnung zu haben!"
"Was für Vorkehrungen?", neugierig musterte der Brünette seinen Freund von der Seite, doch dieser machte nur eine wegwerfende Handbewegung: "Das spiel jetzt keine Rolle. Erst einmal will ich möglichst schnell in meine Wohnung!"
Etwa zwanzig Minuten schloss Alex bereits die Tür seines Domizils auf und bedeutete dem Vampir an, vor der Tür zu warten. Zwar verstand dieser den Grund dafür nicht direkt, doch als er sah, wie der Todesfürst vorsichtig einige Schritte in den Flur lief, stehen bleib und Magiestrahlen aus seinen Händen sprühen ließ, begriff er. Alex überprüfte, ob jemand hier gewesen war und womöglich sogar auf ihre Ankunft gewartet hatte, doch nichts regte sich.
"Du kannst reinkommen", sagte Alex sichtlich entspannter.
Neugierig sah Evan sich in der sehr kleinen Wohnung um. Besonders das Wohnzimmer schrie förmlich nach dem Todesfürsten, wie der Vampir fand. Ein Kamin stand an der linken Wand, direkt daneben ein gemütlicher Sessel und überall stapelten sich Bücher. Auf der rechten Seite gab es einen Schreibtisch, seine ganze Fläche war von Büchern, Blättern und Pflanzenteilen bedeckt. Interessiert beugte Evan sich über ein paar der Papiere und stellte überrascht fest, dass Alex ganz offensichtlich selbst Forschungen zu den Wirkungen einiger Pflanzen und Gewürze gemacht hatte.
"Ich hätte wirklich mal aufräumen sollen... Scheiße! Wo steckst du? Immer wenn man dich braucht...", beinahe hätte Evan gelacht, als er Fetzten des Selbstgesprächs aufschnappte, das Alex gerade führte.
"Was suchst du denn?", fragte er grinsend.
"Eine ganze Menge", murmelte Alex und musste im nächsten Moment niesen, da er eine ordentliche Portion Staub und Spinnweben ins Gesicht bekam, als er versuchte, ein Buch aus dem obersten Bücherregal zu angeln, dass er ganz offensichtlich noch nicht besonders oft in der Hand gehabt hatte. Der Einband wirkte unbenutzt und hinzukam die Tatsache, dass Alex das Regal nur auf Zehenspitzen berühren konnte.
Bei dem Anblick musste Evan lachen und auch wenn Alex versuchte, ihm einen strafenden Blick zu zu werfen, stimmte er mit ein. Ein weiteres Mal wurde ihm unangenehm bewusst, wie sehr er den Vampir in sein Herz geschlossen hatte, wie verwundbar er sich damit gemacht hatte und nicht zuletzt, welcher Gefahr er Evan aussetzte. Doch er war nicht mehr der selbe Mann wie vor einigen Wochen, er bereute noch immer vieles, doch in erster Linie war er einfach glücklich, Evan an seiner Site zu haben.
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Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
