32 -Körper und Seele-

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Als Evan am nächsten Tag erwachte, fühlte er sich wie gerädert. Die Nacht war kurz gewesen und das Weinen hatte ihm zugesetzt. Dennoch hatte er einen Entschluss gefasst, er wollte nicht länger in der Villa leben. Er hatte an diesem Ort nichts mehr verloren und er konnte und wollte nicht für immer hier bleiben. Zwar hatte er lange gehadert, aber schließlich war ihm bewusst geworden, dass er noch einmal an den Ort wollte, an dem sein Freund den Tod gefunden hatte. Vielleicht war es eine schlechte Idee, würde ihn noch mehr verletzen, aber dennoch zog es ihm zu diesem Ort. Evan hoffte, er würde es verstehen, würde verstehen, warum ausgerechnet Alex hatte sterben müssen. In den letzten fünf Tagen hatte er sich schließlich mehr als nur einmal gewünscht, er wäre an Alex' Stelle in der verhängnisvollen Nacht nach draußen gegangen und entführt worden. 

Es dauerte den ganzen Tag, bis Evan seinen Freunden begreiflich gemacht hatte, dass er diese Reise unternehmen musste und dass er es allein tun wollte. Er wusste, die anderen hatten Angst, er würde sich etwas antun, doch das war nicht sein Plan, zumindest zur Zeit nicht. Nein, er hatte nicht wirklich einen Plan, was er jetzt tun wollte, doch er wollte weder sein Leben beenden, noch so weiterleben wie bisher. Er erhoffte sich einfach irgendeine Veränderung durch den Schock, den er an der Hütte und am Fluss zweifelsohne erleiden würde. Vielleicht eine Art Hinweis, wie er weitermachen sollte, was er ohne Alex tun sollte.

Zur gleichen Zeit öffneten sich Tausende von Metern entfernt auf gespenstische Art und Weise die leblosen Augen von Alex' toten Köper. Das Braun war abgestumpft, kein Leben war in ihnen zu erkennen. Obwohl der Leichnam bereits vor Tagen an das Ufer des Flusses, nur wenige Kilometer von der Hütte entfernt, gespült worden war, war keine Spur der Verwesung erkennbar. Auch kein Tier hatte sich an dem Fleisch genährt, selbst die Wunden hatten sich auf magische Weise zum Teil wieder verschlossen. Dennoch war die Haut des Toten kalt und blutleer. 

Alex sah seinen eigenen toten Körper vor sich liegen. Erschrocken sah er an sich herab, doch er konnte nichts erkennen, außer dem Boden, auf dem er stand. Er war außerhalb seines Körpers, nur eine lebendige Seele ohne Hülle.
Panik ergriff ihn, es durfte nichts schiefgegangen sein. Er war da und doch nicht in seinem Körper. Wenn er einen Fehler gemacht hätte, wäre er in einer Zwischenwelt und könnte all das, was er sah, überhaupt nicht wahrnehmen, versuchte er sich einzureden. Die Wahrheit war, Alex wusste es nicht.
Nie hatte er ernsthaft daran gedacht, sich selbst aus dem Tod zu befreien und die Verwandlung zum Todesfürst derartig zu besiegeln. Es gab nicht gerade viele Berichte von wiedergekehrten Todesfürsten und die, die vorhanden waren, kannte er kaum. Warum hätte er sich auch in großem Stil mit dem Thema beschäftigen sollen, wenn er es doch nie wirklich in Erwägung gezogen hatte?
Sein Körper, der eigentlich Hülle seiner Seele sein sollte, sah jedenfalls soweit unversehrt aus, abgesehen davon, dass kein Funken Leben in ihm steckte. Soweit war das Ritual geglückt und dennoch war nur sein Bewusstsein lebendig.
Es musste doch irgendeinen Weg geben, wie er sich seinen Leib wieder zu eigen machen konnte! Alex versuchte sich auf seine sterblichen Überreste zuzubewegen, doch er konnte sich nicht rühren. 
Hätte er die Augen verdrehen können, hätte er es in diesem Moment getan, wie sollte er sich auch ohne Körper bewegen?!
Aber was sollte er machen, wenn er sich nicht bewegen konnte? Sollte er etwa für immer hier bleiben und nur den Boden und seine eigene Leiche sehen können?
Alex beschloss, sich zusammenzureißen und dachte nach. Er war zumindest schon wieder in der Welt der Sterblichen und noch immer hatte er Seele und Körper, wenn letzteres ihm auch nicht gehorchte.
Mit aller Kraft versuchte Alex sich daran zu erinnern, wie es sich anfühlte, einen Körper nicht nur zu besitzen, sondern zu bewohnen. Dachte an den Grund, weshalb er diese Strapazen auf sich genommen hatte.

Plötzlich veränderte sich etwas, erst konnte Alex nicht sagen, was es war, doch dann sah er, wie seine Augen in dem leuchtenden Giftgrün aufleuchteten, wie sich es sonst nur an seinem Geburtstag taten. Dann wurde alles um ihn herum schwarz.

Evan hatte die Hütte bereits vor Stunden erreicht, noch vor dem Morgengrauen hatte er das Portal durchschritten. Es war der sechste Tag nach Alex' Tod und der Vampir fühlte sich noch genauso miserabel wie am Ersten.
Das kleine Gebäude mitten im Wald zu betreten war ihm schwergefallen, ganze anderhalb Stunden hatte er nur davor gestanden und Löcher in die Tür gestarrt. Und als er sich schließlich doch dazu durchringen hatte können, über die Schwelle zu gehen, hatte ihn der Anblick des Blutes erwartet. Auch wenn er wusste, dass es zumindest zum größten Teil das seines Vaters war, hatte er es nicht ansehen können. 
Mavericks Leichnam war nirgends zu entdecken, vermutlich hatten die Vampire, die nach seinem Tod gekommen waren, ihn mitgenommen. Auch von ihnen fehlte jede Spur. Evan vermutete, dass sie sich in der Zwischenzeit einem anderen Clan angeschlossen hatten.

Mittlerweile brach die Dämmerung herein, am wolkenlosen Himmel wurden die ersten Sterne sichtbar. Evan wünschte sich, einfach weinen zu können, doch seine Augen waren wie ausgetrocknet. Stattdessen fühlte er die alles verzehrende Leere in seiner Brust, die Antriebslosigkeit, die ihn lähmte. Er vermisste Alex mit jeder Faser seines Körpers.
Unmittelbar erinnerte er sich an die Zeit nach dem Tod seiner Mutter. Auch damals hatte er sich am liebsten in seinem Zimmer vergraben wollen, doch er hatte es nur zwei Tage lang getan. Clayton hatte es geschafft, ihn dazu zu bewegen, sein Leben fortzuführen. Natürlich war der Schmerz nach der kurzen Zeit nicht verschwunden gewesen und der Brünette hatte noch heute manchmal das Gefühl, mit dem Verlust seiner Mutter nicht wirklich abgeschlossen zu haben, aber dieses Mal konnte nicht einmal sein bester Freund etwas ausrichten.
Die grausame Wahrheit war, der einzige, von dem er sich in dieser Situation trösten lassen wollte, war Alex.

Evan stand von dem unbequemen Holzstuhl auf, auf dem er die letzten Stunden verbracht hatte. Er wollte und konnte nicht in dieser Hütte schlafen. Vielleicht sollte er in dieser Nacht einfach draußen oder überhaupt nicht schlafen. Als er die Hütte verließ, wandten sich seine Schritte augenblicklich in die Richtung des Flusses. Evan wollte nicht dorthin, nicht jetzt. Viel zu schmerzhaft waren die Erinnerungen, zwar war Alex' Todesort einer der Gründe gewesen, weshalb er hergekommen war, aber er war noch nicht bereit dafür, ihn wiederzusehen.
Doch egal, was er machte, seine Beine gehorchten ihm nicht. Es erfüllte ihn mit Angst, immer näher kam er zu dem Gewässer. Erst als er unmittelbar am Ufer stand, schaffte er es stehen zu bleiben.
Was ging hier vor?

Plötzlich nahm der Vampir eine Bewegung zwischen den Bäumen wahr.
Wie gebannt starrte er auf die dunkle Gestalt, die sich ihm näherte.

Hi:)
Das hier ist das vorletzte Kapitel! :(
Ich denke, dass spätestens nächsten Freitag dann das Letze und auch der Epilog kommen. ;)
Danach werde ich eine neue Geschichte mit dem Titel "Dexter Jones" anfangen, guckt gerne mal rein, falls euch mein Stil bisher gefallen hat, es wird allerdings kein Fantasy, dafür aber erneut bxb.
So, jetzt höre ich auch auf mit der Eigenwerbung, ich weiß, sowas nervt immer ein bisschen...XD
Euch ein schönes Wochenende,
eure c_in_medias_res <3

Das Flüstern des TodesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt