Aufgeregt lief Evan auf und ab. Alex lag in dem Bett des Vampirs und schlief. Dass eben dieser ihn eigentlich wieder in seine Zelle hatte zurückbringen wollen, war längst vergessen. Draußen war es bereits dunkel, der Mond schien hell durch die Glastür des Balkons. Normalerweise war der Brünette mit seinen vierundzwanzig Jahren sehr erwachsen und allzeit strahlte er eine Ruhe und Gelassenheit aus, die einem beinahe Angst einjagen konnte. Doch die Möglichkeit mit seiner Mutter zu reden, hatte ihn derart in Wallung versetzt, dass er nicht still dasitzen konnte. An Schlaf war nicht zu Denken. Stattdessen verließ Evan den Raum und schlich wie ein Geist durch die Flure, bis er in einem Raum ankam, in dem sich gewaltige Kühlschränke befanden, die der Aufbewahrung von Blut dienten. Doch er ließ die Blutkonserven links liegen und ging zielstrebig zu einer Eisentür. Er öffnete sie mit einer Behändigkeit, die nur jemand mit den Kräften eines Vampirs beherrschte. Vor ihm auf dem Boden befand sich das Ziel seiner Begierde, ein Eimer mit Blut. Frischem Blut. Es war beinahe noch so warm, wie es gewesen wäre, wenn er es seinem Opfer direkt auf den Adern entzogen hätte. Er roch das Adrenalin, die Angst. Die Todesangst einer armen Seele, die sich auf Vampirterritorium begeben hatte. Es war ein Mensch gewesen, ein junger Mann um genau zu sein. Nicht älter, als Evan jetzt war. Er hasste sich dafür, dieses Blut zu trinken. Das Blut, eines Toten. An einem anderen Tag hätte er den Eimer, den offenbar eine der Wachen seines Vaters dort hingestellt hatte, einfach ignoriert und sich etwas auf dem Kühlschrank genommen. Doch in dieser Nacht waren seine Urinstinkte so präsent, dass er sich nicht einmal ein Trinkgefäß nahm. Stattdessen stand ein Vampir in Mondlicht, der mit beiden Händen einen Eimer umklammerte und ihn beherzt an seine Lippen ansetzte.
Alex schlug die Augen auf und sah sich hektisch um. Er war alleine. Zwar konnte er sich nicht mehr an seinen Traum erinnern, doch es musste ein Schlimmer gewesen sein. Er fühlte sich gejagt.
Wo war Evan?
Und warum interessierte es ihn? Er hatte immer alleine gelebt und durchaus auch schon früher Albträume gehabt.
Was würde es überhaupt ändern, wenn der Vampir hier wäre?
Alex schüttelte verärgert den Kopf und schloss die Augen wieder, doch sofort wurde er unruhig. Seufzend setzte er sich auf. Was war nur los mit ihm? Gähnend stand er auf und ging geradewegs auf den Balkon zu. Er versuchte dessen Tür zu öffnen und zischte überrascht auf, als ihm dieses ohne Probleme gelang. Es war töricht von Evan ihn alleine mit einer offenen Balkontür zu lassen, denn dass Alex für die Vampire wertvoll war, war kein Geheimnis. Vorsichtig trat er in die kalte Nachtluft. Obwohl er sofort eine Gänsehaut auf dem ganzen Körper bekam, genoss er den Wind, der um ihn strich. Endlich konnte er klarer denken. Zumindest dachte Alex das so lange, bis ihm auffiel, dass er sich irgendwie wünschte, dass Evan den majestätischen Anblick der Sterne mit ihm zusammen betrachten würde. Er stöhnte auf und raufte sich die vom Schlaf sowieso schon verwuschelten schwarzen Haare.
Der Nekromant zuckte heftig zusammen, als sich eine kalte Hand auf seine linke Schulter legte. Ihm war entgangen, dass Evan hinter ihm stand.
„Was machst du hier?“, fragte der Vampir sanft. Seit seiner Mahlzeit war er wieder etwas entspannter.
„Ich konnte nicht schlafen“, antwortete Alex wahrheitsgemäß.
„Du solltest es aber“, stellte Evan fest, „Du wirst deine Kräfte noch brauchen…“
Augenverdrehend wandte der Schwarzhaarige ab: „Vertrau’ mir, für unseren Deal wird das morgen schon noch reichen!“
„So meinte ich das nicht!“, rechtfertigte sich sein Gegenüber, „ich meinte, dass du krank wirst, wenn du dich nicht endlich mal wirklich ausruhst!“
„Warum interessiert es dich, ob ich gesund bin?“, fragte Alex, der immer noch mit dem Rücken zu Evan stand, weshalb dieser nicht sah, wie die Augen des Todesfürsten leicht nass wurden.
„Willst du eine ehrliche Antwort? Ich habe absolut keine Ahnung… Scheinbar bewundere ich dich dafür, dass du trotz der ganzen Hindernisse du selbst bist und deine Meinung nicht ändern lässt. Ich weiß, das ist bescheuert, ich meine, ich bin dein Feind und versuche dich unter unser Kommando zu bringen und es imponiert mir, wenn du dich wehrst. Aber ich weiß auch ni-“, weiter kam er nicht. Überrascht sah er auf den Nekromanten herunter, der fest die Arme um ihn geschlungen hatte. Zaghaft legte er ebenfalls die Arme um den schlanken Oberkörper von Alex.
Keiner von beiden konnte sagen, wie lange sie so da standen. Vielleicht waren es Sekunden, vielleicht auch eine halbe Stunde. Jedenfalls löste Alex sich irgendwann wieder von dem Vampir und senkte peinlich berührt den Blick: „Es tut mir leid… Lass uns das bitte einfach wieder vergessen, ja?“
Ein leichtes Lächeln strich über Evans Mundwinkel: „Okay.“ Doch das war eine Lüge, denn dem Vampir war eins sehr bewusst. Diesen Moment würde er in seinem ganzen Leben mehr nicht vergessen können.
Einige Stunden später stieg ein gewisser Magier die Treppen zu der Wohnung des Todesfürsten hoch. Er klopfte an die Tür und lauschte, doch statt der erwarteten Schritte vernahm er nur Stille. Verwundert klopfte er erneut, doch noch immer war aus dem Inneren nichts zu hören. Besorgt zog er die Stirn in Falten und ließ einen schmalen blauen Lichtschimmer um seine Finger spielen, den er dann auf das Türschloss zu lenkte. Zwar war die Tür auch mit Magie nicht leicht zu öffnen, doch er wusste, was er tat. Schon klickte das Schloss und er trat in den Flur. In jedes Zimmer ging er und sah sich aufmerksam um. Keine Spur des Wohnungseigentümers war zu entdecken. Auf den ersten Blick, schien die Wohnung so auszusehen wie immer. Es sah einfach so aus, als hätte Alex seine Wohnung nur zum Einkaufen verlassen. Denkbar war es, denn sein Gast war einige Tage früher als erwartet gekommen. Doch eben dieser hatte ein gutes Auge fürs Detail, weswegen ihm die hauchdünne Staubschicht nicht entging, die sich sogar auf Alex’ so geliebten Bücherrücken abgelagert hatte. Für den Magier war es offensichtlich, dass der Nekromant seine Behausung bereits tagelang nicht mehr betreten haben konnte. Er musste entführt worden sein, eine seiner größten Ängste war somit Wahrheit geworden.
„Halt aus, ich komme dich holen, Alejandro!“, murmelte Raymond Sullivan leise und verließ mit entschlossener Miene die Wohnung.
Heeey:)
Heute gibt’s leider nur was Kurzes, ich hatte diese Woche echt richtig viel Stress und hab es beim besten Willen nicht geschafft, mehr zu schreiben…:/
Ich geb’ mir Mühe, dass es nächste Woche wieder besser wird.
Hoffentlich bis Freitag, eure c_in_medias_res <3
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Das Flüstern des Todes
FantasyEs war ein ganz normaler Tag im Leben des Nekromanten Alex Martin, solange bis er einen Schlag auf den Hinterkopf bekam und von Vampiren entführt wurde. Sein Leben als Einzelkämpfer, wie er sich selbst gerne nannte, war vorbei und auf einmal musste...
