30 -Schmerz-

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Evan war verzweifelt, die ersten drei Hütten hatten sie noch am selben Tag durchsuchen können, doch sie hatten nicht einen Hinweis auf den Verbleib des Todesfürsten bekommen. Es war bereits neun Uhr abends, als er sein und Alex' Zimmer betrat. Von weiteren Visionen war er den Tag über verschont geblieben, doch eigentlich beunruhigte ihn diese Tatsache nur noch zusätzlich. Denn auch wenn Alex offensichtlich gelitten hatte, so war er doch am Leben gewesen. Der Vampir legte sich auf das weiche Bett, versuchte jedoch nicht einmal zu schlafen, es war sowieso zwecklos. Dennoch war er im Nachhinein froh, sie hingelegt zu haben, denn andernfalls wäre er vermutlich gefallen, als sich mit ungeahnter, nie dagewesener Heftigkeit neue Bilder in sein Bewusstsein drängten.

Alex war am Ende seiner Kräfte, Blut vermischte sich mit Schweiß und rann ihm am nackten Körper entlang. Jedes einzelne Körperglied schmerzte, noch nie in seinem langen Leben hatte er ähnliches durchgemacht. Sogar an den Sohlen seiner Füße klafften Wunden, lange würde er nicht mehr bei Bewusstsein bleiben, zu groß war der Blutverlust. Doch seine Sorgen galten nicht ihm selbst, nichts fürchtete er mehr, als die Tatsache, dass er Evan in seiner Abwesenheit nicht beschützen konnte. Ihn vielleicht nie wieder beschützen können würde...

Keuchend schlug der Brünette seine Augen auf und zuckte vor Schmerz. Tränen benetzten sein Gesicht, sein Körper bebte, geschüttelt von Schluchzern. Er hatte jetzt eine ziemlich genaue Vorstellung von dem, was sein Vater plante. Warum hatte er nicht eher daran gedacht? Vielleicht hatte er einfach nicht wahrhaben wollen, dass der Mann, der ihn großgezogen hatte, zu so etwas in der Lage war. Alex würde nicht mehr viel Zeit bleiben, vielleicht würde er den nächsten Morgen bereits nicht mehr erleben. Doch einen Hoffnungsschimmer gab es noch, Evan wusste, es gab nur eine Hütte, die Schauplatz dieses schrecklichen Verbrechens würde sein können.

Minuten später waren Atticus, Dana, Raymond, Clayton und Evan im Esszimmer versammelt. Der junge Vampir sagte nur ein einziges Wort: "Vatermörder."

Alle bis auf Clayton sahen ihn fragend an, doch dieser zog erschrocken die Luft ein: "Meinst du die Strafe aus dem alten Rom?"

Bestätigend nickte Evan, sein bester Freund schluckte schwer und erklärte: "Im alten Rom, etwa zur Zeit Ciceros, galt es als eins der schwersten Verbrechen, wenn ein Sohn seinen Vater ermordete. Dieser Sohn wurde dann öffentlich ausgepeitscht, bis er überall geblutet hat, dann musste er in einen wasser- und luftdichten Sack klettern, während er mit Fäkalien beworfen wurde. In den Sack mussten dann noch ein Hund, ein Hahn, eine Schlange und ein Affe, danach wurde der zugenähte Sack in den Tiber geworfen, wobei die Tiere so spät wie möglich, am besten nach dem Vatermörder, sterben sollten, damit sie ihm noch quälen konnten..."

"Was bedeutet das?", Atticus sah mit schockgeweiteten Augen atemlos zu Clayton.

"Evan hat sich gegen Maverick gestellt, was für ihn einem Mord gleichzustellen ist und er macht Alex dafür verantwortlich. Also will er Alex wie einen Vatermörder bestrafen."

"Ich... i-ich glaube nicht, dass er das ganze Ritual vollzieht. Er hat mir mal erzählt, er würde jemanden, der es verdient, auspeitschen und dann einfach ertrinken lassen", bei den letzten Worten brach Evans Stimme, energisch wischte er sich Tränen aus dem Gesicht, auch wenn sofort neue aus seinen geröteten Augen rannen, "er muss in der Hütte am South River sein, dass ist die einzige, die an einem Fluss ist!"

Gegen Raymonds vehementen Protest hatten sie erst Kampfausrüstung besorgt, bevor sie durch das Portal gegangen waren. Der Magier wäre ohne zu zögern auch ohne Waffen losgezogen, es ging schließlich um das Leben seines besten Freundes und jede Sekunde konnten sie zu spät sein. Evan hatte keine Kraft mehr, sich gegen irgendetwas zu wehren, er spürte keine Verbindung mehr zu Alex. Das musste nichts heißen, zumindest versuchte er sich das einzureden, doch was, wenn sie zu spät kämen?

Die letzten hundert Meter, die sie von der Hütte trennten, mussten sie sich zu Fuß durch den Wald kämpfen, als Evan plötzlich zu Rennen begann. Da war ein Flackern der Verbindung in seinem Kopf gewesen, doch er hatte nur Alex' Stimme gehört, wie er gehaucht hatte: "Es tut mir leid, Evan. Ich liebe dich!"

Dann war die Bindung abgerissen.

Jeffrey atmete tief durch, dann nahm er das Messer zur Hand, ohne die Miene zu verziehen. Seine Entscheidung war im gleichen Moment gefallen, als er Mavericks Absicht erkannt hatte. Warum nur hatte er es nicht schon viel früher getan?

Seine Freunde rannten zu der unscheinbaren Holzhütte, doch Evan hetzte an ihr vorbei und blieb erst stehen, als er das Ufer des Flusses erreicht hatte.

Als Raymond die Hütte stürmte, hatte er nur kurz Zeit sich zu wundern, dass nirgends Wachen standen. In dem Raum bot sich ihm ein Bild, das niemand von ihnen erwartet hatte. Sein bester Freund war nicht zu sehen, doch auf dem Boden war eine noch nicht getrocknete Blutspur. Stattdessen lag Maverick auf dem Rücken, auf seiner Brust ein Magier, der ihm eine Klinge an die Kehle drückte, und, bevor er den entscheidenden Schnitt machte, voller Überzeugung sagte: "Das ist für Evan, meinen Sohn!"

Der brünette Vampir stand in der Dunkelheit, sah den verunstalteten Körper im Wasser an sich vorbeitreiben und spürte, wie die Welt in sich zusammenbrach.

Hi:)
Ich hoffe, das Kapitel ist nicht zu verwirrend. Das Buch ist noch nicht vorbei, ein bisschen kommt noch, aber wir nähern uns mit großen Schritten dem Ende... Hoffentlich hab ich euch nicht die Laune versaut.
Bis nächste Woche, eure c_in_medias_res

Das Flüstern des TodesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt