Prologué

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Es war bereits spät am Abend als ich die letzten Stufen in den vierten Stock eines Miethauses aufwärts gestiegen war. Wie oft kamen meine Besucher hoch gehechelt? Wie oft durfte ich hören, dass es nur für diese gute Aussicht, es nicht lohnen würde, wenn ich die schweren Einkaufstüten hochschleppen müsste? Für mich war das nie ein Problem, ohne Aufzug klar zu kommen, schließlich musste man als Modelanwärterin fit und beweglich bleiben. Ein Blick auf mein Handy und ich wusste, dass einer seiner Freunde ein Bild auf Instagram hochgeladen hatte.

fischkreutz<

Ich öffnete das Bild und erkannte, dass er in seiner gemütlichen Runde in seiner Wohnung saß. Kevin's Selfie zeigte auch noch vier seiner Mitspieler, auch einen schlafenden im Vordergrund, den ich nur zu gut kannte. Sie standen seitlich von dem schlafenden Person und hatten zu sechst ein Selfie gemacht.

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>fischkreutz<:-( Er hatte immer gehofft sich wegen ihr nie so zu fühlen. #estutmirleidbro #partofgoetze #duschaffstdasschon. @mg10 @nurisahin @matslinksaußen @moleitner @leobittencourt210<

>catherinyyy< Oh weia, der Ärmste. Hoffentlich wird er bald wieder.

>fabigoetze< Trennungen tun immer weh, aber meiner Meinung nach schaut mein verehrter Bruder etwas besoffen aus. #kopfhoch

Als ich diese Kommentare gelesen hatte, bildete sich ein Kloß in mir drin, der fest in meinem Hals saß. Er würde nach München ziehen, dass hatte ich jetzt nicht bedacht? Er wusste ja nicht, wo ich war und wie es werden würde mich wieder zu sehen. Im Moment hatte er ein praller von viel zu viel Alkohol. Dachte Kevin, dass ich mich so melden würde um es noch schlimmer zu machen? Ich blickte auf das Namensschild, welches immer noch da hing. >A.Hummels<. Ich konnte mich erinnern, dass ich diese Wohnung nie aufgeben hätte können, schließlich war es meine erste eigene bezahlte Penthousewohnung. Das war einer der Gründe warum ich diese Wohnung niemals aufgeben wollte, nicht, weil ich ahnte, dass es auseinander gehen würde, sondern weil darin so viele Erinnerungen auf mich warteten, positive sowie negative. Erinnerungen vor meiner Zeit als Spielerfrau, als erfolgreiches Model und als Partymensch.

Ich hatte Angst in diese Wohnung zu gehen, denn ich wusste, dass es dahinter kalt war. Ich schob dennoch den Schlüssel in das Schloss und öffnete die weiße Tür. Beim Öffnen der Tür wirbelte sich Staub auf, sodass ich es schnell wieder hinter mir schloss. Meine Koffer stellte ich dort ab und schaltete das Licht an. Meine Jacke, die vom Regen nass war, hing ich in der Garderobe auf. Ohne dass ich meine Schuhe auszog lief ich durch die verstaubte Wohnung. Ich musste unter Tränen lächeln, weil alles noch war wie ich es verlassen hatte. Die Möbel, die vor Staub nicht mehr zu retten waren. Die Fenster, die, die Sicht auf die Dachterrasse durch Dreck erschwerte.

Die Metallformen der Teelichter, die seit Längerem erloschen waren. Die Rosenblätter, die ebenfalls seit Längerem vor sich hin welkten. Er hatte sich damals viel Mühe gemacht um mich zu überraschen, um mich zu kämpfen und um mich auch wirklich zu halten. Ich setzte mich auf die Couch und blickte auf die Metallformen, die noch immer wie ein Herz in der Mitte der Küche, Wohnzimmer, Esszimmer und Flur standen. Es war alles wie ihre derzeitige Situation verlassen, verstaubt, verletzt und verwelkt. Es waren nur noch Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten, die mir hier geboten wurde.

Es war nun mal der einzige Fleck, denn ich hier als Unterschlupf hatte. Hier war mein Zuhause. Nicht, in irgendeinem Haus in Miami Beach. Nicht, in einem eintönigen Viertel, in denen die Reichen lebten. Kein Catwalk auf dieser Welt konnte mir das Gefühl geben angekommen zu sein. Kein Catwalk konnte ich mit dem Teppich meiner ersten Wohnung vergleichen, auf den ich für diese Karriere damals schon geübt hatte. Ich seufzte, stand von der Couch auf und ging in Richtung Dachterrasse. Es regnete zwar, aber ich stellte mich unter das Vordach und blickte über mein Zuhause.

Wie die Welt anders aussieht, wenn man weiß, dass es kein Zurück mehr geben kann? Hier war ich geboren. Hier waren meine Wurzeln. Hier hatte ich meine Jugend in vollen Zügen genossen. Aber hier traf ich auch auf diesen jungen Mann, der mein Leben, meine Sichtweise und so manches mehr verändert hatte. Er war sich sicher, dass er mit mir seine Kinder großziehen würde. Warum konnte ich nicht schon damals einfach erwachsener und erfahrener sein? Wieso konnte ich damals nicht einfach ehrlich zu diesem wundervollen Mann sein? Wieso? Vielleicht weil ich einfach Liebe haben wollte! Liebe, die mir seinerseits nicht gereicht hatte. Aufmerksamkeit, die er mir geben wollte,aber ich viel zu viel von ihm verlangt hatte. Er konnte meine damaligen Bedürfnisse nie wirklich zufrieden stellen, weil ich immer etwas besseres wollte.

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