siebzehn

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Sie war eigentlich jemand ganz anderes. Sie wusste, dass sie eigentlich keinen Pony trug, sie wusste, das ihre Haare sonst nicht bis zur Taille reichten. Ihre eigentliche Haarfarbe war ebenfalls eine Andere gewesen. Doch so oft wie sie die Farbe gewechselt oder ihr Haar getönt hatte, so oft wie sie ihre Haare geschnitten oder Perücken getragen, ihre eigentliche Augenfarbe unter Kontaktlinsen versteckt hatte - es gab Momente, in denen sie vergaß, wer sie eigentlich war. Momente, in denen sie ihre Maske so perfekt spielte, ihre Illusionen so gut aufrecht erhielt, dass sie sich selbst darin verlor und diese beinahe mit der Realität verwechselte.

Denn am Ende ist es egal, wer man ist, wer man war oder wer man vorgibt zu sein - ganz am Ende, da wird man seinen Platz finden, als die Person, die man sein will.

Seufzend fuhr sie durch ihr offenes Haar, welches sie dann zu einem Zopf band. Ihr bereits zu langer Pony hing ihr in die Stirn, sie strich die Strähnen zur Seite und sah in den Spiegel, musterte ihr Spiegelbild. Der Kleidungsstil ähnelte ihrem Eigentlichen, doch er war nicht derselbe. Ihr Charakter ähnelte ihrem Ersten, dennoch, war sie nun jemand anderes. Ihre Augen schimmerten in einem dunklen Braunton, gemischt mit etwas Grün. Es war dunkel, geheimnisvoll, es wirkte nicht dreckig, sondern eher warm, vertrauenswürdig. Es waren aber auch nicht ihre eigentlichen Augen. Sie seufzte und atmete tief durch. Ihre Rolle war perfekt. Zu perfekt. Das Risiko war es allerdings wert, so hoffte sie zumindest.

,,Sun!", rief ihr Mitbewohner aus der Küche und sie blinzelte perplex, wurde aus ihren Gedanken gerissen. Sie räusperte sich und strich sich erneut die bereits sitzende Haarsträhne hinter das Ohr.

,,Wann bist du fertig? Jeongyeon ist gleich daa!", brüllte er munter durch die gesamte Wohnung.

Sie verdrehte zufrieden die Augen und schmunzelte. Mit einem Moment wischte sie all ihre Sorgen und Gedanken und Zweifel zur Seite. Mit einem Moment war alles vorbei, war ihre Maske komplett. Während sie aus dem Bad in die Küche ging, um dem kochenden Jin in die Seite zu pieken, zu kichern und dann bei der Vorbereitung für die Snacks mitzuhelfen, war sie die Sunny, die alle kannten und liebten, die Sunny, die sie selbst perfekt verkörpern konnte. Die Sunny, die sie gerne spielte.

Auch für sie war es meist zu komplex, es zu verstehen. Besonders hart war es, wenn sie sich fragte, was bzw. wer sie wohl lieber wäre: Die Frau, als die sie geboren wurde, oder die Frau, die sie vorgab zu sein? Würde sie je die Frau sein können, von der sie sich selbst erhoffte, sie zu werden?

,,Hast du dich schon für einen der Filme entschieden?", fragte Seokjin, während er den Käse in kleine, symmetrische Würfelchen schnitt. Sie schüttelte den Kopf und zog die Trauben etwas näher zu sich, zog die vielen verschiedenen Zutaten auf kleine Spieße.

,,Nope. Ich wollte Jeonyeon die Wahl überlassen, sie war ja ohnehin schon so aufgeregt, als ich sie eingeladen habe. Bist du dir immer noch sicher, das es so eine gute Idee war, diese Verrückte zu unserem Filmabend dazu zu nehmen?"

Ihr Mitbewohner lachte leise und zuckte dann mit den Schultern, sah Sunny mit einem zufriedenen Lächeln an: ,,Ich habe keine Ahnung. Das werden wir ja dann sehen, wenn sie neben uns sitzt und-"

Er wurde durch ein lautes Klingeln unterbrochen. Schwungvoll legte sie ihre Sachen ab und stand dann auf, grinste Jin nur seufzend an.

,,Dann mach dich mal gefasst auf die Freundin von mir, die du so unbedingt kennenlernen wolltest. Das geht heute Abend alles auf deine Kappe", rief sie noch und öffnete dann die Haustür.

,,SUNNYYY", kreischte das Energiebündel in ihr Ohr, als sie sich ihr um den Hals warf und fest durchknuddelte.

,,Jeongyeon", versuchte die nun Erstickende wenigstens halb so motiviert zu entgegenen, doch mehr als ein halbherziges Grinsen mit einem liebevollen Ausdruck in den Augen, konnte sie nicht aufbringen.

ILLUSIONIST || kth.Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt