Noch eine halbe Stunde, dann ist die Schule aus. Herr Brokman, ein älterer Lehrer mit runder Figur und grauen Haaren, hält der 10. Klasse der Brunninger-Schule einen Geschichtsvortrag. Ich höre nicht richtig zu, wir hatten dieses Thema schon. Jedes Jahr wird es wiederholt. Jeder im Land kennt die Geschichte. Sie handelt von der Entdeckung der Vampire, wie sie damals vor 40 Jahren, entdeckt wurden, als sie neue Mitglieder suchten.
Es gibt sie überall, und jeder, der gebissen wird, kommt entweder gar nicht mehr zurück oder als Vampir. Sie werden an einen geheimen Ort gebracht und müssen dort lernen, wie man ein Vampir-Leben führt. Die Regierung ist machtlos. Am Anfang hat man versucht, die Vampire zu bekämpfen, doch heute toleriert man sie und trauert um die Gebissenen.
Es gibt auch Vampire, die von Geburt an Vampire sind. Sie sind die gefährlichsten, denn nur sie können jemanden verwandeln. Wenn ein Mensch 15 Jahre wird, kommen sie und schnappen sich die wenigen Auserwählten, nach welchem Verfahren wissen die Forscher immer noch nicht. Deshalb ist man in der 10. Klasse sicher, denn dort ist man 16 und braucht keine Angst mehr zu haben.
Meine Eltern haben mich ein Jahr nicht allein gelassen, denn sie haben zu sehr Angst vor den Vampiren. Herr Brokman ist nun bei der Kapitulation der Regierung gegenüber den Vampiren angekommen und zeigt den Schülern einige Statistiken. Jedes Jahr werden etwa 40 Jugendliche gebissen, egal ob arm oder reich, schwarz oder weiß. Vor vier Jahren haben sie sogar den Sohn des Präsidenten gebissen. Das zeigt ja, dass sie immer an ihr Ziel kommen. Dieser Junge hatte rund um die Uhr Begleitschutz.
Innerlich seufze ich. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt das Thema Verteidigung vor Vampiren. Ich weiß, dass man sich, wenn Vampire es auf einen abgesehen haben, nicht retten kann. Sie werden einen Weg finden, um einen zu holen. Wieder bin ich glücklich, 16 zu sein. Herr Brokman erklärt der Klasse nun die unterschiedlichsten Möglichkeiten, sich zu wehren, doch er wird von der Schulglocke unterbrochen.
"Als ob man sich wehren kann. Das zeigt doch der Fall vor vier Jahren", sagt meine innere Stimme. Die Klasse achtet nun nicht mehr auf unseren Lehrer und stürmt aus dem Klassenzimmer. Ich gehe zu meinen zwei besten Freundinnen. Das Thema hassen wir alle drei, denn letztes Jahr um diese Zeit wurde unsere vierte beste Freundin, Ludmila, gebissen, und seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört.
"Sie ist ja auch auf der Moonshine Akademie, du Vogel. Natürlich kann sie sich nicht bei euch melden", sagt meine innere Stimme genervt. Ich ignoriere einmal mehr die kleine nervtötende Stimme in meinem Kopf. Wir laufen zusammen nach draußen. Nika geht voran, wir schweigen. Die Sonne scheint. Es ist fast so, als ob sie uns aufmuntern will.
Nika, eigentlich Nicole, ist eine etwas dickere Persönlichkeit. Sie hat lange gelockte Haare und hellbraune Augen. Ihr Gesicht ist rund, genauso wie ihre Nase. Der etwas zu kleine Mund lässt sie jedoch sehr süß wirken. Nika tröstet gerade Marina. Ich selbst kann nicht gut mit Tränen umgehen, deshalb überlasse ich das Nika. "Unsozial eben", sagt meine innere Stimme.
"Fresse!" antworte ich. Marina, auch Marie genannt, ist eine blonde Schönheit. Sie trägt heute ihre Haare offen. Ihre blauen Augen hat sie dezent geschminkt. Sie hat eine beneidenswerte Figur, sie kann einfach alles tragen. Jetzt sieht sie aber ziemlich schlecht aus. Ihr Make-Up ist verschmiert, und ihre Nase ist rot. Sie vermisst Ludmila von uns am meisten. Sie kannten sich schon aus dem Kindergarten. Ludmila und Marie sahen sich zum Verwechseln ähnlich, und jeder nannte sie die Zwillinge. Es war für uns ein ziemlich großer Schock, als wir erfuhren, was Ludmila zugestoßen war, doch keiner konnte uns helfen. Wir mussten unser Leben weiterleben.
Ich verabschiede mich von meinen zwei Freundinnen und gehe nach Hause. Mein Schulweg ist nicht lang, und nach fünf Minuten bin ich zu Hause. Ich krame meinen Schlüssel mit dem süßen Katzenanhänger raus und gehe rein. Den Anhänger habe ich von Ludmila zum 15. Geburtstag bekommen.
Im Flur ziehe ich mir meine Schuhe und meine Jacke aus und schaue dabei in den Spiegel, der über der Kommode hängt. Meine schwarzen Haare sind verfilzt, und meine Nase ist rot. Auch mein Make-Up, das meine grün-grauen Augen betonen sollte, ist leicht verschmiert. "Du siehst scheiße aus", sagt meine innere Stimme.
"Ähm, du bist ich. Dann wohl eher wir sehen scheiße aus."
"Ich bin deine innere Stimme, ich sehe immer gut aus."
"Ja, eine arrogante selbstverliebte innere Stimme. Was für ein Glück, sie zu haben." Hust. Ich gehe schnell ins Badezimmer und richte mich für das Abendessen. Meine Eltern sollten mich so nicht sehen, es gäbe nur wieder unnötige Fragen, und sie würden mich wieder zu einem Psychologen schicken, wie vor einem Jahr, um mit dem Verlust klar zu kommen.
"Oder wegen anderen Dingen", flüstert es in meinem Kopf. Hä? Was meint sie denn damit wieder?
Im Bad liegen noch meine Jogginghose und ein zu großer, verwaschener grauer Pullover. Als ich mich umgezogen habe, gehe ich schnell in die Küche und begrüße meine Mutter; mein Vater ist noch nicht da. Meine Mutter, groß und solariumgebräunt, also das komplette Gegenteil von mir, steht in der Küche und deckt den Tisch. "Hey Mum."
"Hey Silver", ruft meine Mutter mir entgegen. Tanya, meine Mum, ist eine wunderschöne spanische Frau mit dunklen Haaren und braunen Augen. Ja, ich bin Halbspanierin, nur dass man es mir nicht ansieht. In dem Moment kommt mein Vater in die Küche. Er schnuppert und lacht. "Das riecht aber gut."
Tanya gibt ihm einen Kuss. "Alles nur für dich, mi amor. Ähm, Stefan, könntest du den Backofen bitte ausschalten?" Mein Dad holt den Auflauf aus dem Ofen und gibt dabei Tanya einen Kuss. Sie sind schon seit 20 Jahren verheiratet, und jeder Kuss ist noch etwas Besonderes. Ich wünsche mir später auch mal so eine Beziehung.
"Träumen kann jeder."
"Klappe!"
Nach dem Essen ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück. Ich habe ein eigenes, weil ich keine Geschwister habe. Ich mache meine Englisch-Hausaufgaben und bin froh, dass Herr Brokman uns keine Geschichtshausaufgaben gegeben hat. Ich fange fast wieder an zu weinen, denn heute ist es fast ein Jahr her, dass Ludmila gebissen wurde. Auch wenn man es mir nicht ansieht, leide ich immer noch sehr unter dem Verlust.
"Ich auch, sie hat das Niveau immer ein bisschen höher gemacht."
"Was? Hat sie mich gerade beleidigt?" Nach einer Weile lege ich mich einfach in mein Bett und schlafe augenblicklich ein.
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Moonshine Akademie
WampiryEin scharfer Blick durchstreift meine Umgebung, die von Undurchdringlichkeit umhüllt ist. Wo bin ich? "Du bist in der Moonshine Akademie." Ein entsetzter Aufschrei meiner Seele. Nein! Das kann nicht sein. Wer hier ist, kommt nicht mehr weg. "Du bist...
