5- Neue Bekannschaften

3K 199 7
                                        

Konstantin führte mich in sein Büro, das, wie erwartet, den Charme eines klassischen Arbeitsraums ausstrahlte. Der Raum atmete Geschichte durch die vielen Bücherregale, die mit verstaubten, alten Büchern gefüllt waren. Ein Ort, der nach Geheimnissen und ungelüfteten Rätseln roch. Konstantin nahm Platz an seinem Schreibtisch, auf dem ein moderner Computer und ein Drucker standen. Ich setzte mich auf einen der Stühle, die im Raum verteilt waren, und ließ meinen Blick neugierig über die Bücherregale schweifen.

"Ein Computer? Benutzen Vampire so etwas?" platze es nach kurzer Zeit aus mir heraus. Sofort schlug ich mir innerlich gegen den Kopf. Meine innere Stimme schien sich in diesem Moment verabschiedet zu haben, und nun stellte ich selbst die unbeholfensten Fragen. Konstantin lachte und erklärte: "Denkst du, wir leben auf einer anderen Welt? Wir müssen doch auch mit den Menschen Kontakt halten, also mit der Regierung."

Mir wurde peinlich ob meiner naiven Frage, und ich errötete leicht. Doch Konstantin, sichtlich amüsiert, sprach weiter: "Silver, ich denke, du wirst viele Fragen haben, oder?" Oh ja, das hatte ich, tausende sogar. Aber welche sollte ich bloß stellen? Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf, als ich zögerlich fragte: "Ähm, ja. Warum bin ich hier?"

Konstantins Antwort war wenig aufschlussreich: "Nun ja, ich denke, weil du hierher gehörst." Eine wenig hilfreiche Antwort, und mein Sarkasmus machte sich bemerkbar. "Das verstehe ich nicht", stammelte ich. Doch Konstantin versuchte, mich zu beruhigen: "Wir auch nicht. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass du kein Mensch bist. Als wir weiter geforscht haben, ist uns aufgefallen, dass du von deinen Eltern adoptiert bist."

Ich war sprachlos. Wie konnte das sein? "Aber wie kann das sein?" brachte ich verwirrt hervor. Meine Eltern waren meine Eltern. Ich war halb Spanierin, halb Deutsche! Doch Konstantin erklärte ruhig: "Wir denken, du bist eine Geborene. Wir wissen jedoch nicht, warum du bei Menschen aufgewachsen bist."

Ein Strudel von Emotionen durchzog mich. Enttäuschung, Wut, Traurigkeit. "Da du eine Geborene bist, wirst du die Akademie besuchen, und wir werden dich weiterhin auf dem Laufenden halten", sagte Konstantin bestimmt. Geschockt und zu überwältigt, um zu antworten, verließ ich das Büro und stolperte beinahe über etwas Unbekanntes.

Draußen wurde ich von einem Jungen aufgehalten. "Hey, pass doch auf, wo du hinläufst", rief er und bemerkte dann meine Tränen. "Shit, was ist passiert?" Ich wischte mir schnell die Tränen weg und stellte mich vor. "Silver."

Der Junge, der sich als William vorstellte, schien freundlich und bot mir ein Taschentuch an. "Okay, wenn du nicht reden willst. Ich heiße William, kannst mich aber auch Will nennen." Sein Blick traf meine Augen, und ich konnte mich kaum von seinem majestätischen Auftreten lösen.

"Ich habe dich hier noch nie gesehen", bemerkte er. "Bist du neu hier?" Ich nickte, unfähig, mehr als einen leisen Ton von mir zu geben. "Es ist mitten im Schuljahr. Normalerweise kommen nur Gebissene während des Schuljahres, aber wir Geborenen kommen immer zu Beginn des Schuljahres. Wie heißt du eigentlich?" Tolle Augen. Wow. Ach, er hat mich ja nach meinem Namen gefragt. "Silver", murmelte ich.

"Na dann, Silvia, willkommen in der Akademie", sagte er, wobei er meinen Namen falsch aussprach. "Ich heiße Silver", korrigierte ich ihn leise. "Oh, Entschuldigung. Also Silber, nur mit 'b'", sagte er. "Okay, Silver, kann ich dich irgendwohin begleiten?" Hilfsbereit reichte er mir ein Taschentuch. Ich nahm sein Angebot an, und wir liefen gemeinsam zum Hauptgebäude zurück.

In der Eingangshalle verabschiedete ich mich von William und machte mich auf den Weg zum Mädchen-Aufenthaltsraum. Dort wartete Ludmilla bereits ungeduldig. "Und Silver, was wollte er? Hast du Ärger bekommen?" Ihre Worte strömten wie ein Wasserfall aus ihr heraus. Ich schüttelte den Kopf. "Nein, alles in Ordnung. Du hattest recht. Ich bin wohl eine Geborene. Meine Eltern haben mich adoptiert." Der Schmerz beim Aussprechen der Wahrheit war spürbar. "Oh, Scheiße, was wirst du jetzt machen?" Ludmilla war mitfühlend.

"Ich weiß es noch nicht, aber ich werde nicht zurückgehen. Sie haben mich mein ganzes Leben angelogen. Die können mich mal", sagte ich, und unerwartet flossen Tränen. Wie konnte ich so etwas sagen? Trotz allem waren es die Menschen, bei denen ich aufgewachsen war, die mir alles beigebracht hatten, die ich liebte.

"Mach dir keine Sorgen, du hast hier ein neues Zuhause", versicherte mir Ludmilla und umarmte mich fest. Hinter ihr erschien ein weiteres Mädchen mit roten Augen und lockigem roten Haar. "Hey, ich heiße Larissa", stellte sie sich vor. Freundlich, ohne auf meinen offensichtlich aufgelösten Zustand einzugehen. "Silver", murmelte ich. "Du bist doch die Neue, oder?" fragte sie. "Na klar ist sie die Neue. Oder hast du sie schon mal hier gesehen, Lary?" Ludmilla lachte und erklärte, dass Larissa ihre Zimmerpartnerin sei.

"Genug geredet, wir müssen zum Unterricht", rief Larissa und rannte aus dem Raum. Ludmilla holte schnell ihre Schulsachen, während ich nur einen Block und einen Kugelschreiber mitnahm – schließlich hatte ich noch keine Bücher. Auf dem Weg zum Klassenzimmer wiederholte ich für Ludmilla das Gespräch mit dem Rektor. Sie schien ebenso ratlos wie ich. Als wir das Klassenzimmer betraten, waren fast alle bereits da. Ludmilla setzte sich neben Larissa in der zweiten Reihe, und der einzige freie Platz im Raum befand sich neben Will.

Moonshine AkademieWo Geschichten leben. Entdecke jetzt