Marinette stand im Badezimmer vor dem Spiegel.
Vor wenigen Minute war sie aus der Dusche gestiegen und hatte sich ihre Unterwäsche angezogen, doch ihre restliche Kleidung lag noch unberührt auf dem Rand der Badewanne.
Sie hatte ihren Blick schon mehrere Minuten über das Gesicht ihres Spiegelbildes gleiten lassen, aber nicht gefunden, wonach sie gesucht hatte.
Ihr Äußeres entsprach nicht der Person, die sie war.
Sie sah aus wie ein ganz normales, siebzehnjähriges Mädchen mit französischen und chinesischem Wurzeln, doch das passte weder mit ihren Gefühlen, noch mit ihren Erfahrungen zusammen.
Wie konnte es sein, dass ihr all die Verantwortung, die auf ihr lastete, all das Drama, das sie durchgemacht hatte und all die Probleme, mit denen sie konfrontiert war, nicht anzusehen war?
Es fühlte sich an, als müsste sie älter aussehen; als müssten die vielen Kämpfe in irgendeiner Weise an ihrem Äußeren sichtbar sein.Der einzige Ort, an dem sie etwas dieser persönlichen Tiefe entdeckte, waren ihre Augen. Wenn sie den Blick ihres Spiegelbildes erwiderte, konnte sie die Stärke dahinter erkennen.
Eine Stärke, die untypisch für einen Menschen ihres Alters war.
Eine Stärke, die ihr nicht einfach zugefallen war, sondern die aus mehreren Jahren des Kämpfens und Entscheidens, des Leidens und Siegens resultierte.
Rein zahlenmäßig war sie siebzehn Jahre alt.
Aber in Wahrheit war sie schon deutlich reifer und erfahrener als das.Marinette wunderte sich, dass es niemandem außer ihr selbst aufzufallen schien.
War sie tatsächlich so gut darin, es zu verbergen, oder sah ihr nur niemand aufmerksam genug in die Augen, um es zu entdecken?
Ihre Eltern waren überrascht – richtig schockiert - gewesen, als sie eine neue, weniger perfekte Seite an ihrer Tochter entdeckt hatten. Und auch Alya hatte ihrer besten Freundin keine heimlichen Treffen mit einem Jungen oder das Anlügen ihrer Eltern zugetraut.In Wahrheit war sie weder dieses unschuldige, siebzehnjährige Mädchen, das sie zuvor in ihr gesehen hatten, noch eine rebellische Rumtreiberin.
Sie war eine Superheldin, die für diese Pflicht einen großen Teil ihrer Jugend und ihrer Unschuld geopfert hatte, und zwar ohne, dass es jemandem aufgefallen war.
Nicht einmal Cat Noir hatte hinter dieses äußere Bild von ihr sehen können. Auch ihm war bei seinen früheren Treffen mit Marinette - der normalen Schülerin und Bäckerstochter – nie aufgefallen, dass da noch so viel mehr in ihr steckte.Marinette bedauerte all das nicht.
Sie war froh, dass es ihr so vergleichsweise leicht gemacht wurde, ihre Zweitidentität zu verbergen.
Doch jetzt, mit den neuen Entwicklungen in ihrem Leben, bekam dieser Umstand auf einmal eine tiefere Bedeutung.
Schon bald würde sie ein weiteres Mal an dem Bild rütteln, das ihre Familie und Freunde von ihr hatten. Und obwohl es diesmal etwas mehr ihres wahren Selbsts offenbaren würde, würde es im gleichen Moment noch mehr Lügen und noch mehr falsche Eindrücke bedeuten.Sie wusste noch nicht, welche Geschichte sie erzählen würde; in welche Richtung sie das Bild von sich lenken würde.
Aber vermutlich hatte sie keine große Wahl.
Und vielleicht würde sie danach sogar noch viel weniger als die starke, selbstständige und erwachsene Person angesehen werden, die sie war.
Vermutlich würde sie es mit Vorurteilen und abwertenden Reaktionen zutun bekommen.Marinette wandte den Blick vom Spiegel ab und sah an sich selbst hinab.
Ihre Hand lag auf ihrem Bauch.
Ihr blieben noch viele Wochen Zeit, bis sie erfuhr, wie die Blicke ihrer Mitmenschen in Zukunft aussehen würden. Doch bereits jetzt spürte sie einen gewissen Stolz und Trotz, wenn sie daran dachte.
Sie war nicht so weit gekommen, um sich nun von der Meinung anderer einschüchtern zu lassen!
Vor allem nicht, da sie es besser wusste als sie.Wenn sie ein gewöhnliches, siebzehnjähriges Mädchen wäre, hätten sie vermutlich recht. Dann wäre sie noch nicht bereit, ein Kind zu bekommen.
Sie wäre noch nicht erfahren und reif genug, um sich über ihre Gefühle für Cat Noir sicher sein zu können.
Aber sie war alles andere als gewöhnlich.
Sie war stärker, als sie alle dachten.
Sie war erwachsener und erfahrener, als es den Anschein hatte, und dieses Wissen nahm ihr den Großteil ihrer Angst.
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Miraculous - Unendlich (FF)
Fanfic{abgeschlossen} *** Teil 3 ***(Fortsetzung zu "Miraculous - Endlich vereint") Wenn zwei verliebte Menschen nicht zusammensein dürfen, wird bloßes Träumen ihnen kein gemeinsames Leben ermöglichen. Oder doch? Was passiert, wenn aus Träumen plötzlich H...