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Marinette wollte Cat Noir gern mitteilen, dass es nicht Verzweiflung war, was sie so schluchzen und die vielen Tränen aus ihren Augen laufen ließ; dass es vor allem Erleichterung war.
Erleichterung, endlich bei ihm zu sein, gemischt mit Überforderung.
Doch selbst wenn sie in der Lage gewesen wäre, zwischen den Schluchzern ein paar vereinzelte Worte herauszubringen, hätte Marinette nichts sagen können.
Denn ihre Stimme durfte sie nicht benutzen.

»Bitte! Sag mir, was los ist!«, forderte Cat Noir sie zum gefühlt hundertsten Mal auf.
Er schien es kaum noch auszuhalten, sie so in seinem Arm zu halten und den Grund für all das nicht zu kennen.
Alles an ihm schrie das nach außen - sein aufgewühlter Blick, seine Hände, mit denen er sie gepackt hatten und seine Stimme, der die unterdrückte Verzweiflung anzuhören war.
Marinettes Wunsch, mit ihm kommunizieren zu können, stieg ins Unermessliche.
Mit letzter Kraft rang sie das Schluchzen nieder, löste sich aus seinem Griff und holte mit zittrigen Fingern den Notizblock aus ihrer Jackentasche.
Es dauerte qualvoll lang und ihre Schrift sah furchtbar aus, doch schließlich hatte sie den Satz aufs Papier gebracht.

Es geht mir gut.

Sie hob den Kopf und erwiderte Cat Noirs Blick.
Die Erleichterung stand im ins Gesicht geschrieben, und obwohl da noch immer dieses unruhige Flackern in seinen Augen war, ging es Marinette nun ebenfalls besser.
Sie lächelte ihn erschöpft an.
»Du bist hier und es geht dir gut.«, sagte er, nachdem er tief Luft geholt hatte.
»Das ist schon mehr, als ich bis eben zu hoffen gewagt habe.
Weißt du eigentlich, was für eine Heidenangst mir deine Nachricht eingejagt hat?«
Er klang nicht vorwurfsvoll, sondern einfach nur erleichtert.
Marinette hob die Hand und streichelte ihm über die Wange.
Mit ihrem Blick entschuldigte sie sich bei ihm, doch die Sanftheit in seinen Augen ließ sie wissen, wie unnötig das war.
»Für dich war es genauso schlimm, oder?«, fragte er.
Sie nickte und eine weitere Träne löste sich aus ihrem rechten Auge.
Noch bevor sie an ihrem Kinn angekommen war, hatte Cat Noir sie ihr schon mit seinem Daumen von der Wange gewischt.
Danach ließ er seine Hand dort liegen.

Marinette schloss für einen Moment die Augen und genoss die Berührung.
Es tat so gut, jetzt bei ihm zu sein, und seine Stimme zu hören.
Da er klang sie wieder.
Vollkommend überraschend fragte Cat Noir: »Darf ich ... dich küssen?«
Sie sah ihm ins Gesicht, das voller Sanftheit war, in dem sie aber auch einen Hauch von Angst entdecken konnte.
Angst, dass seine Bitte unangemessen war.
»Wie seltsam ...«, dachte Marinette.
Sie hatte längst vergessen, dass sie offiziell noch getrennt waren.
Und sie wunderte sich, dass Cat Noir es nicht längst gespürt hatte.
Sie wunderte sich, dass er diese neue, viel tiefere Verbindung zwischen ihnen beiden nicht deutlich genug wahrnahm, um sie ungefragt zu küssen.
Sie lächelte ihn liebevoll an und nickte als Antwort auf seine Frage.
Dann lehnte sie sich ihm entgegen und schloss die Augen.

Die Zärtlichkeit, mit der Cat Noirs Lippen ihre berührten, fühlte sich wie ein Ausgleich für all das an, was sie in der vergangenen Stunde durchgemacht hatte; als würde sie jetzt für die Unsicherheit und Anstrengung und für all die Tränen entschädigt werden.
Sie legte die Arme um seinen Nacken und zog ihn noch weiter zu sich hinab.
Der Kuss fühlte sich befreiend an.
Obwohl er noch immer nicht wusste, was sie in diese Situation gebracht hatte, schien Cat Noir nun die Last mit ihr zu teilen.
Seine Lippen sagten ihr ganz ohne Worte, dass er für sie da war.
Dass er sie niemals im Stich lassen würde.
Und noch etwas glaubte Marinette aus dem Kuss herauszuschmecken: Dass er noch immer ganz und gar ihr gehörte.

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Miraculous - Unendlich (FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt