Franco spurtet unaufgefordert aus dem Raum um uns die Trage für Thalia zu bringen.
Währenddessen klebe ich ihr Elektroden auf den Oberkörper und verkabel sie mit dem EKG-Gerät.
Phil kramt ein Schmerzmittel heraus und verabreicht ihr vorsorglich eine gute Dosis.
Desweiteren legen wir die Blutdruckmanschette an und hören ihre Lunge mit dem Stethoskop ab.
Nachdem Phil noch Blutproben abgezapft hat und sie komplett ans Monitoring angeschlossen ist, kommt auch schon Franco mit der Trage um die Ecke und wir lagern das Mädchen um.
Im Türrahmen vernehme ich eine Gestalt, die sich dort bequem angelehnt hat und uns bei unserem Vorgehen genauestens beobachtet.
Bei genauerem hinsehen, erkenne ich Tabea.
In mir flackert die Wut wieder auf und ich gehe mit großen Schritten auf sie zu:
"Mitkommen!" ich packe sie an ihrem Oberarm und ziehe sie mit aus dem Raum.
Ruhig bleiben.... ganz ruhig bleiben...
Nun steht Tabea vor mir, ihr Blick richtet sich auf den Boden und ihr Gesichtsausdruck ist undefinierbar!
"Also, ich weiß eigentlich gar nicht was ich sagen soll..... doch....ich bin sauer...stinksauer...wie konntest du mir die ganzen Verletzungen verschweigen? Ist dir denn gar nicht Bewusst was da hätte alles passieren können? Du lässt deine Freundin wissentlich die ganze Nacht in diesem Zustand im Zimmer liegen?! Ich will gar nicht wissen, welche Schmerzen sie gehabt haben muss!" blaffe ich sie ungehalten an "schau mich bitte an wenn ich mit dir rede!"
Ihr Blick hebt sich und mit unsicherem Gesichtsausdruck versucht sie sich irgendwelche Worte zurechtzulegen.
"Ja, es tut mir auch leid, aber Thalia wollte das doch nicht! Sie hat gesagt das sie die Schmerzen aushalten kann und sie kommt eben nicht damit zurecht wenn man sie anfässt und ich hatte ja schon gesagt, das sie allgemein Probleme mit Ärzten, Spritzen etc. hat" stammelt sie vor sich hin.
"Das ist keine Entschuldigung!
In solch einer Situation muss man einfach handeln!" einmal durchatmend spreche ich weiter "also, die Geschichte mit diesem Medikament war ja in dem Fall gelogen, was ist denn wirklich passiert? Ich will jetzt die Wahrheit hören!" fordere ich sie energisch auf.
"Ja das war gelogen,ich habe ihr die Vorlage gegeben.... ich wusste in diesem Moment nichts besseres...aber ich weiß wirklich nicht was passiert ist! Ich habe es doch vorhin schon gesagt..... sie kam gestern morgen so verletzt nach Hause... sie kann sich anscheinend auch an nichts erinnern"....
Ich mustere sie eine zeitlang still und muss ihr wohl oder übel glauben.
Wobei sie diesmal sehr überzeugend und reumütig klingt. Ich nehme es so zur Kenntnis und nicke ihr zu.
"Wohin wird sie gebracht? Ich sollte ihr gegen später Kleidung und alles Nötige vorbeibringen."
"Klinik am Südring.... lass dir aber Zeit, es wird dauern bis die Wunden versorgt sind und sie nochmal genauer durchgecheckt ist. Ausserdem hat sie ein Beruhigungsmittel bekommen, das wird eine Weile anhalten..." ich streiche ihr dann doch noch sanft über den Rücken um ihr die Last ein bisschen zu nehmen.
"Es tut mir wirklich Leid....und... Danke!" verabschiedet sie sich und geht den Flur, in Richtung der Wohnräume, entlang.
Phil und Franco haben Thalia schon soweit im Krankenwagen verstaut und warten nur noch auf mich.
"Ich hoffe du hast ihr ordentlich den Kopf gewaschen! Das geht ja mal gar nicht." meckert mir Franco, beim betreten, direkt entgegen.
"Ja, das habe ich. Sie hat es, denk ich mal, auch verstanden " ich stütze mich mit beiden Armen auf der Trage ab und schaue mir Thalia an.
Was ist nur passiert?
Es tut mir so Leid, das ich nicht genauer hingeschaut habe!
Wie konnte ich das alles nur übersehen?
Von hinten packen mich zwei Arme und drücken mich auf den Stuhl neben der Trage "jetzt setz dich hin, notier die Werte und übergib sie in der Klinik. Danach soll Franco dich Heim fahren und du kommst mal runter, okay?!" weist mich Phil zurecht.
"Ne, quatsch. Wenn die Übergabe fertig ist, dann komm ich wieder und.."
Franco grätscht mir ins Wort "Nenenene Alex, vergiss es. Phil hat recht! Ich bin froh wenn du die Übergabe noch auf die Reihe bekommst und danach brin ich dich nach Hause. Du bist echt durch. Ich geh dann zurück und unterstütz die Anderen noch für den Rest!"
Ich sag jetzt einfach nichts mehr, hat ja eh keinen Sinn.
Ich starre auf den Boden vor mich hin und bemerke, wie mein Kopf wie leer gefegt wirkt.
Eine Hand schiebt sich unter mein Kinn und richtet meinen Kopf auf: "Soll Phil das erledigen? Du gefällst mir gerade echt nicht!" blickt mich Franco besorgt an.
Genervt schlage ich seine Hand weg und fauche ihm "Nein, das kann ich schon noch selbst entscheiden!" entgegen.
Phil zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt seinen Kopf:
"Alex mach keinen scheiß! Melde dich wenn was ist. Wir sehen uns später!"
Phil verlässt den RTW und Franco steht immer noch unschlüssig vor mir.
"Willst du hier Wurzeln schlagen oder fährst du heute mal noch los?" pampe ich ihn, nicht mit Absicht, an.
Ein lauter Seufzer entfährt ihm, dann lässt er mich alleine.
Wir setzen uns in Bewegung und ich überwache Thalia mit Adleraugen.
Warum liegt mir so viel an diesem Mädchen?
Ich kenne sie doch gar nicht! Wieviele schlimme Schicksale und Unfälle habe ich schon durch und so wie bei diesem, hat es mich schon lange nicht mehr mitgenommen.
Vielleicht erinnert sie mich an mich selbst...
Bevor ich mich in mein Studium geflüchtet hatte, überkamen mich auch immer wieder solche Wutanfälle... ich konnte mit meiner Trauer und Wut kaum umgehen.... es wurde erst besser als ich die Ablenkung durch mein Studium gefunden und sich Phil mit Franco in mein Leben geschlichen hatten.
Manchmal fällt es mir aber so schwer! Die zwei merken das und sind deshalb so besorgt.
Der RTW wird aufgerissen und ich fahre vor lauter Schreck zusammen.
Hab ich jetzt tatsächlich die komplette Fahrt ausgeblendet?
Franco kommt reingewuselt und macht sich an der Trage zu schaffen.
Seine Blicke entgehen mir nicht, doch ich versuche sie zu ignorieren und meine Professionalität an den Tag zu legen.
Dies gelingt mir, bis wir bei Oli im Schockraum ankommen.
"Was haben wir?" Oli tritt gleich zu mir an die Trage.
Keine Ahnung, ein verletztes Mädchen... Niemand weiß wo was wie passiert ist, nicht mal sie selbst. Sie kommt mit ihrer Wut und Trauer nicht klar und wir wussten nichts anderes als sie wegzubeamen.
Ein räuspern reißt mich aus meinen Gedanken und ich schaue in erwartungsvolle Gesichter.
"Sorry... Thalia, 17 Jahre alt, diverse Verletzungen. Hämatom am Auge, vermutlich nichts gebrochen. Frakturierte 4. Und 5. Rippe rechtsseitig. Rücken voller Hämatome, aufgeschürft und nässend. An der Wade sieht es mir aus, wie eine Stichverletzung, konnte keine Fremdkörper darin feststellen. Arme übersäht mit Hämatomen und Schnitten."
Meine Hände wandern an meine Schläfen, meine Konzentration lässt nach "Sättigung lag bei 87.... Nein 97%, Puls während der Fahrt 62, Blutdruck 120/75, wir haben Dormicum verabreicht und Schmerzmittel..."
Oli starrt mich mit großen Augen an und sucht irgendwas in meinem Gesicht:
"Sag mal..." - "da unter deiner Nase liegt dein Patient, nicht in meinem Gesicht" meckere ich flüchtig.
"Vielleicht überprüft ihr auch noch den Alkoholwert im Blut, wir haben schon welches abgezapft" ich überreiche ihm die Blutproben und rede weiter "gestern hatte sie eine üble Fahne, ich denk nicht das sie in ihrem Zustand nochmal etwas getrunken hat, aber man weiß ja nie" beende ich meinen Vortrag.
Zusammen lagern wir Thalia um und Oli schaut mich nochmals prüfend an:
"Gestern?"...
Kümmer dich doch einfach um deine Patientin und lass mich in Ruhe!
Meine Adern am Hals machen sich schon bemerkbar und ich spanne die Kiefermuskulatur an, als Franco mir mit einem Kopfnicken zur Tür deutet..
Ich schnappe mir die Trage und rufe Oli, währen des hinauslaufens "Ja, gestern... aber gestern war ich zu blöd um das alles zu erkennen..." zu und verschwinde Richtung RTW.
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Wenn deine Welt ihre Farben verliert
FanfictionThalia ist 17 Jahre alt und lebt in einem Internat. Sie führt ein Leben mit zwei Gesichtern. Tagsüber die liebe Internatsschülerin und nachts, auf ihren Streifzügen, die unberechenbare Rebellin (ihr wahres Ich). Der einzige Halt, der einzige Farbkle...
