Jack
"Da haben wir einiges zu tun. Versuchte Vergewaltigung, Drohungen, Schuldgefühle.... Die Liste ist lang. Ich bin gespannt, wie Thalia mitarbeiten wird!", nachdem mir Phil die ganzen Fakten um die Ohren gehauen hat, speichere ich alles in meinem Kopf ab und werde alles bei meiner Rückkehr in mein Hotel notieren.
Sofort schießen mir die ersten Therapieansätze durch den Kopf, die gedanklich einen groben Behandlungsplan erstellen.
"Ich bin ebenfalls gespannt. So... Das Essen ist fertig. Wo ist Alex?"
Nach einer Drehung zum Wohnzimmer fällt mir der Genannte sofort ins Auge.
Der hängt total windschief und fest schlafend auf dem Sofa und wird allem Anschein nach so schnell nicht wieder erwachen.
"Der schläft genauso wie Thalia!"
"Das ist doch nicht mehr normal. So viel hat Alex noch nie geschlafen!"
"Phil, das ändert sich auch wieder. Eigentlich ist diese zusätzliche Aufgabe viel zu viel für ihn. Er muss schon genug mit sich selbst kämpfen. Auch wenn es ihn ehrt, dass er sich so selbstlos für das Mädchen einsetzt, wird es ihm enorm viel abverlangen!"
"Was machen wir, wenn es ihm zu viel wird und er das emotional nicht mehr auf die Reihe bekommt?"
"Er wird es schaffen. Dafür sorgt er schon selbst! Falls alle Stricke wider erwarten reißen sollten, werden wir rechtzeitig die Bremse reinhauen. Jetzt lass uns essen und die beiden noch etwas Kraft tanken. Alexander wird um seine heutige Sitzung nicht drumrum kommen, ob es ihm passt oder nicht!"
Nach zwei Stunden erwachen die komatösen Schläfer.
Thalia sieht um einiges besser aus, aber Alexander scheint mit einer gewissen Vorahnung zu kämpfen.
Seine Blicke sprechen Bände und wenn er freie Handhabe über seine Sitzungstermine hätte, würde er zumindest den heutigen ausfallen lassen.
Als die beiden etwas gegessen haben, wird Herr Hetkamp zunehmend zappeliger.
Da ich mir das nicht länger mit anschauen kann und sich der Notarzt gewiss nicht eher beruhigen wird, bis er seine Sitzung hinter sich hat, kommandiere ich die beiden auf das Sofa.
"Also, Thalia. Ich weiß nicht, ob du soweit schon im Bilde bist, aber Alexander beginnt gerade ebenfalls eine Therapie. Er würde dich, wenn du möchtest, an seiner Sitzung teilhaben lassen", mein Blick wandert zu dem Mädchen, das überrascht ihren Kopf zu dem Notarzt dreht.
"Warum machst du eine Therapie?"
"Weil ich auch jemanden verloren habe", bringt ihr Alexander mit wackeliger Stimme entgegen.
"Aber... Willst du das dann nicht alleine machen? Das ist..."
"...sehr schwierig, ja. Aber ich möchte dir zeigen, dass es wichtig ist, solche Dinge aufzuarbeiten. Du bist mit deinem Schmerz nicht alleine, Thalia! Ich selbst habe den Fehler gemacht und mit niemandem über meinen Verlust geredet. Ich wollte alles beiseite schieben und einfach verdrängen. Das hat mich allerdings über die Jahre kaputt gemacht und die Quittung dafür, habe ich vor ein paar Tagen kassiert!"
"Aber du hast gar nicht so gewirkt, als wenn.... Wie soll ich sagen..."
"Als wenn ich jemanden verloren und damit zu kämpfen hätte?"
Thalia nickt stumm vor sich hin und beobachtet ihren Gesprächspartner etwas skeptisch.
"Wenn es ums Verdrängen geht, bin ich Weltmeister!", Alexander zwinkert Thalia zu und schenkt ihr ein trauriges Lächeln.
"Möchtest du denn bei der Sitzung dabei sein, Thalia?"
Das Mädchen scheint sich unsicher zu sein und wirft wieder einen Blick auf den Notarzt:
"Ist es denn wirklich okay für dich?"
"Ja", würgt der Notarzt hervor, denn eigentlich würde er viel lieber aufstehen und anderen Dingen nachkommen, als sich gleich mit mir zu unterhalten.
"Super, dann wäre das vorerst geklärt. Wenn es dir zu viel wird, Thalia, dann sagst du mir einfach Bescheid und dann kannst du dich zurückziehen. In Ordnung?"
"Okay!"
"Gut. Alexander, würdest du der jungen Dame bitte einmal genauer erklären, welchen Verlust du zu verarbeiten hast? Lass dir aber so viel Zeit wie du brauchst. Es drängt dich niemand zur Eile!", auch wenn ich Psychologe bin und eine gewisse Professionalität erlangt habe, zerreißt mir der Anblick meines Kumpels fast das Herz.
Ihn so leiden zu sehen und ihm nicht anders helfen zu können, als mit ihm seine Gefühle aufzuarbeiten, nagt förmlich an mir.
Alexander atmet tief ein und knetet seine Finger durch, da er den Druck in seinem Inneren irgendwie bewältigen muss.
"Ich... Ich habe meine Schwester verloren.... Vor drei Jahren!", flüstert er leise vor sich hin.
Thalia wirkt einen Moment ziemlich erstaunt.
Vermutlich hat sie nicht damit gerechnet, dass das Ereignis schon längere Zeit zurückliegt.
"Was ist passiert, Alexander?", ich versuche meine Stimme ruhig zu halten und ihn nicht direkt anzuschauen, damit er nicht in Zugzwang kommt.
Ihm fällt es enorm schwer, überhaupt darüber nachzudenken.
Seine Blicke huschen überall im Raum herum, während er seine Unterlippe mit seinen Zähnen bearbeitet.
Thalia sieht mir so aus, als wenn sie sich nicht einmal mehr traut zu atmen.
Sie ist ebenfalls unsicher, jedoch kann man bei ihr auch Interesse erkennen.
"Sie hat sich das Leben genommen!", bringt der Notarzt mit immer noch leiser Stimme hervor und beißt sich wieder auf die Unterlippe, um sich etwas beruhigen zu können.
Gerade, als ich die nächsten Worte aussprechen möchte, ergänzt er seine Aussage:
"Ich habe weder als Bruder, noch als Arzt bemerkt, dass etwas nicht mit ihr stimmt".
Die ersten Tränen bahnen sich ihren Weg über seine Wangen.
Das Mädchen an seiner Seite zieht leicht die Augenbrauen zusammen, öffnet den Mund, schließt ihn kurz darauf aber wieder.
Auch ihr Kopf scheint zu arbeiten und sie überlegt sich, wie sie reagieren soll.
Alexanders Tränen werden nicht weniger, sondern nehmen von Sekunde zu Sekunde mehr zu.
Gegen meine Erwartungen, die ich wirklich auf geringstes Minimum geschraubt habe, rutscht Thalia ein Stück weit zu ihrem Nebenmann auf.
Zögerlich wandert ihre Hand zu den mittlerweile zitternden Händen des Notarztes.
Sehr langsam und mit stetigem Blick auf das Gesicht des Herrn neben ihr, ergreift sie seine zitternde Linke.
Mit solch einer Reaktion hätte ich heute noch keineswegs von ihr gerechnet.
Auf Herrn Hetkamps Gesicht zeigt sich ein zögerliches, wackeliges Lächeln.
Ich lasse den beiden den Moment, um den gelegten Grundstein festigen zu lassen.
Während unseres weiteren Gesprächs, in dem Alexander uns die Tage vor dem Tod seiner Schwester schildert, hält Thalia nonstop seine Hand.
Mir scheint es, als würde es dem Notarzt ein klein wenig helfen, sich nicht ganz in seinen Gefühlen zu verlieren.
Nachdem wir mit unserem Gespräch, an dem Tag direkt vor dem Suizid angelangt sind, beschließe ich, das es für heute genug ist.
Alexander ist fix und fertig, versucht sich aber trotzdem ein Stück weit zusammenzureißen.
Meine Rechnung, dass er durch die Anwesenheit des Mädchens ohne Gezicke und Widerstand das Gespräch mit mir führt, ist voll aufgegangen.
"Darf ich dich mal was fragen, Alex? Du darfst mir das aber nicht übel nehmen!", flüstert Thalia ihrem Nebenmann schon fast zu.
Durch ein Nicken äußert dieser seine Bestätigung und richtet seinen Blick auf das Mädchen.
"Ich verstehe nicht so ganz, warum du die Schuld bei dir suchst. Ich meine, in den Tagen, die ihr zusammen verbracht habt, war sie glücklich und sie hat die Zeit mit dir genossen. Wie hätte da überhaupt irgendjemand vermuten können, das letztendlich so etwas passiert?"
Ich richte mich etwas auf und stütze meine Unterarme auf meinen Oberschenkeln ab und warte gespannt auf die Antwort.
Alexander überlegt sehr lange und starrt Thalia dabei unentwegt an.
Als ich die Hoffnung auf ein paar Worte schon aufgeben will, beginnt er endlich zu reden:
"Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich damit gerechnet, dass man als Bruder auf irgendeine Art und Weise spüren muss, wenn bei seiner Schwester etwas nicht stimmt. Als Arzt müssen einem auch gewisse Anzeichen auffallen, die mir aber leider erst im Nachhinein in den Sinn gekommen sind. Wenn ich...", weiter kommt er gar nicht mit seiner Erklärung, da er wieder von einer Welle der Trauer übermannt wird.
"Manche Menschen wollen einfach nicht gerettet werden und können sich wunderbar verstellen. Aber deine Schwester wollte davor unbedingt nochmal eine schöne Zeit mit dir verbringen, damit du sie genauso in Erinnerung behältst. Sie hat dich geliebt, sonst hätte sie es gemacht, ohne dich vorher noch einmal zu Gesicht zu bekommen!", Thalia's Augen glänzen mittlerweile auch sehr verdächtig, während Alexander fast in dem Sturm seiner Gefühle ertrinkt.
Kurz bevor ich etwas auf diese Worte erwidern kann, legt das Mädchen ihre Arme um den Körper des Notarztes und drückt ihn fest an sich:
"Ich weiß wie das ist und kann deinen Schmerz verstehen!"
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich diese Reaktion und dieser Anblick kalt lässt.
Daher erhebe ich mich von meiner Sitzgelegenheit und verschanze mich für einen Augenblick in die Küche.
Dort atme ich mich selbst wieder auf eine neutrale Gefühlsebene und gönne den beiden die gemeinsame Trauerzeit.
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Wenn deine Welt ihre Farben verliert
FanficThalia ist 17 Jahre alt und lebt in einem Internat. Sie führt ein Leben mit zwei Gesichtern. Tagsüber die liebe Internatsschülerin und nachts, auf ihren Streifzügen, die unberechenbare Rebellin (ihr wahres Ich). Der einzige Halt, der einzige Farbkle...
