Teil 38

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Auf der Kaufhaustoilette angekommen, vermeide ich absichtlich den Blick in den Spiegel.
An meinem Aussehen kann ich momentan nichts ändern und darum widme ich mich lieber dem blöden Geschmack in meinem Mund und meiner ausgetrockneten Kehle.
Die ältere Dame, die die Toilette betritt, bleibt einen Moment neben mir stehen und sieht mir dabei zu, wie ich das Wasser regelrecht in mein Gesicht schmeiße.
"Ist alles in Ordnung bei dir?", fragt sie vorsichtig und kommt noch einen Schritt näher.

Ich erhebe meinen Blick und sehe, wie sich die Augen der Oma weiten.
"Es geht schon. Danke der Nachfrage!", mit einem halbwegs echten Lächeln, speise ich sie ab und trinke soviel Leitungswasser, wie in mich hinein passt.
"Hast du solchen Durst, Mädchen? Du siehst nicht gut aus!"

Sei jetzt schlau...
Vielleicht hast du Glück und es springt etwas dabei heraus...

"Ich wollte Medikamente holen und habe das Geld verloren. Leider konnte ich mir jetzt somit auch nichts zu trinken kaufen, aber das hier ist besser als nichts!",  ich drehe den Wasserhahn wieder zu und entnehme dem Spender ein paar Papierhandtücher, mit denen ich mir mein Gesicht trockne.
"Du nimmst aber keine Drogen, oder?"
"Nein, ganz sicher nicht!", nach einem kleinen vorgetäuschten Husten, werfe ich die benutzten Papiertücher in den Mülleimer und will mich gerade an der Dame vorbeischieben, da hält sie mich an meinem Arm fest:
"Warte bitte kurz!" 

Sie fummelt aus ihrer altertümlichen Handtasche ihren Geldbeutel heraus und entnimmt diesem einen zwanzig Euro Schein.
Irgendwie ist mir das wirklich unangenehm, da ich jetzt eher mit zwei oder drei Euro gerechnet hätte, aber nicht mit so viel.
"Hier, nimm. Davon kannst du Medizin kaufen und auch gleich noch etwas zu trinken!", das faltige Gesicht bringt mir ein warmes Lächeln entgegen.
"Soviel brauche ich gar nicht!"
"Nimm es und kauf dir noch eine Schokolade. Du siehst aus, als wenn du das vertragen könntest!", die Oma zögert nicht lange und steckt den Geldschein einfach in die Hoodie Bauchtasche, da ich keine Anstalten mache, das Geld entgegenzunehmen.
"D-Danke... Das ist sehr nett von ihnen!" 
"Gerne. Hab noch einen schönen Tag!", mit diesen Worten verkrümelt sich die Frau in einer der Toilettenkabinen.

Ich mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub und schaue mich in dem Kaufhaus um.
Mein Magen braucht unbedingt irgendetwas zum verwerten und eine Flasche Wasser wäre vielleicht wirklich nicht verkehrt.

In einem dieser günstigen Backwaren Shops, gönne ich mir ein belegtes Brötchen und ein Wasser.
Voller Vorfreude, dass ich bald etwas Gutes zu essen bekomme, laufe ich aus dem Kaufhaus hinaus und setze mich in der Fußgängerzone auf eine der Bänke.
Da ich so ausgehungert bin, vernichte ich das Brötchen in Rekordzeit und brumme wohlig auf, als ich den letzten Bissen geschluckt und mein Magen somit wieder etwas gefüllt ist.

Am liebsten würde ich mich genau hier lang machen und ein kleines Verdauungsschläfchen einlegen.
Da das aber in Hinsicht auf die Polizei und den drei Kerlen zu gefährlich ist und außerdem viel zu viel Aufmerksamkeit erregen würde, schlendere ich einfach durch die Menschenmenge und überlege, wo ich denn jetzt hin soll.

Wenn Marc jetzt hier wäre, würde er....
THALIA! 
Er ist nicht hier.
Nie wieder wirst du sein Lachen hören, sein wunderschönes Gesicht sehen....

Meine Stimmung fällt schlagartig in den Keller.
Mein kleiner privater Ozean, in Form von Tränen, breitet sich in meinen Augen aus und ergießt sich über meine Wangen.
Plötzlich fühle ich mich wieder so leer und ich schäme mich fast, dass ich mich vorhin so sehr über das Essen gefreut habe, denn Marc wird sich nie wieder über irgendetwas freuen können.
Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen und erfüllt jeden einzelnen Zentimeter von meinem Körper mit Schmerzen.

Schmerzen des Verlusts, Schmerzen der Angst, Schmerzen der Schuld.

Ich weiß nicht, ob ich mich besser fühlen würde, wenn Marc mich anders in Erinnerung behalten hätte.
Als seine beste Freundin, die immer für ihn da ist und alles für ihn tun würde.
Nicht als miese Verräterin, die ihn verletzt alleine liegen lässt und sich einfach aus dem Staub macht.

Alkohol Tai...

Anders als meine Gefühle, in diesem Gehirnzellen vernichtenden Stoff zu ertränken, weiß ich mir nicht zu helfen.
Aber wen kümmert das schon. 
Es interessiert niemanden, denn es gibt keinen Mensch mehr auf dieser Welt, dem ich etwas bedeute oder der mir etwas bedeutet.

Meine Füße tragen mich wie automatisiert in den nächsten Supermarkt.
Nachdem ich sehr viel Personal herumlaufen sehe, entschließe ich mich dazu, heute meinen Alkohol auf ehrliche Weise in meinen Besitz zu bringen.
Mit meinen zwölf Euro habe ich natürlich nicht die größte Auswahl, aber irgendeinen billigen Fusel werde ich mir damit schon genehmigen können.
Als ich mir eine Jacky Nachmache aus dem Regal genommen habe und auf die Kasse zulaufe, werfe ich einen Blick auf die Kassierer, die verteilt an vier Kassen sitzen.

An den linken beiden Kassen sitzen zwei Frauen mittleren Alters.
Die werden ganz sicher nach meinem Personalausweis fragen, darum werde ich diese beiden Kassen meiden.
Der vorletzte Kassierer sieht aus wie Mister Oberstreber persönlich, darum werde ich auch bei ihm nicht bezahlen.
Der Typ, der ganz rechts außen sitzt, chillt sein Leben an der Kasse und zaubert mir doch sofort ein Lächeln ins Gesicht.

Als der Kassierer die Spirituosenflasche über den Scanner zieht, gähnt er lauthals auf und nennt mir den Preis von 11, 99 Euro.
"Stimmt so! Danke!", ich nutze einfach die Gunst der Stunde und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub.
Darauf zu warten, dass mir der Kerl ins Gesicht schaut und dann vielleicht doch noch skeptisch wird, scheint mir etwas kontraproduktiv für mein nächtliches Wohlergehen zu sein.

Und jetzt?

Während ich die Flasche in die vordere Tasche meines Hoodies zwänge, da man auch nicht unbedingt alles provozieren muss, überlege ich, wo ich denn jetzt hingehen kann.

Unser Versteck und auch das Rheinufer fallen flach.

Auf irgendeine Seitengasse habe ich keine Lust, da das zu viele Erinnerungen in mir weckt und gerade diese möchte ich doch vernichten.
Da mir auf die Schnelle nichts Besseres einfällt, steuere ich auf den nahegelegenen Volksgarten zu.

Dort suche ich mir ein freies Plätzchen unter einem Baum und warte, bis der Tag an mir vorbeizieht.

Eine Dusche und frische Klamotten könnten dir echt nicht schaden...

Ich beobachte ein paar Kinder, die Fußball spielen und schaue einem verliebten Pärchen hinterher, das Hand in Hand über die Wiese läuft.
Manchmal frage ich mich, warum man immer genau das sieht, was den Herzschmerz unweigerlich verschlimmert.
Ob es daran liegt, dass man seine Umgebung genauer wahrnimmt oder ob das Leben einem den Mittelfinger zeigt und einem klar machen will, dass man sowieso verloren hat, weiß ich auch nicht so genau.
Mit der Zeit werde ich zunehmend ungeduldiger, da mein seelischer Druck immer mehr zunimmt.
Die Kinder gehen mir auf die Nerven und die Pärchen ekeln mich an.
Das Wetter könnte mir auch besser in die Karten spielen, denn die Feuchtigkeit und die Kälte des Bodens, frisst sich durch meine Klamotten und lässt meine Muskulatur versteifen.

Ach, scheiß drauf!

Ich ziehe die Flasche aus ihrem Versteck heraus, öffne ungeduldig den Schraubverschluss und gönne mir einen kräftigen Schluck.
Auch wenn der billige Fusel wie Gift schmeckt und mir fast meine Speiseröhre verbrennt, leere ich fleißig die bräunliche Flüssigkeit in mich hinein.
Auf den erlösende Rausch muss ich gar nicht lange warten, da der Restalkohol noch fleißig mitmischt. 

Meine Gedanken werden frei, eine angenehme Wärme breitet sich in meinem Körper aus und die Leere meiner Gedanken füllt sich mit Unbekümmertheit.

Wenn deine Welt ihre Farben verliertGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt