Thalia
"Wohin des Weges?", wirft mir Phil sogleich eine Frage entgegen, als ich schnellen Schrittes auf die Tür zulaufe.
"Raus", sage ich flüchtig.
Doch so wirklich weit komme ich nicht, da sich die Tür öffnet und Franco alles blockiert.
Keine Ruhe hat man vor denen!
Ich raste gleich aus, wenn ich hier nicht rauskomme!
"Nimm wenigstens dein Handy mit!", schreit Alex aus der Küche.
"Hab keins mehr!", fauche ich in seine Richtung, "das haben die Idioten von neulich zufällig zerstört!"
Tief einatmen!
Ganz ruhig bleiben...
Ich balle meine Fäuste seitlich meiner Beine, da mein Drang irgendetwas zu zerstören immer größer wird.
Heute ist wieder einer der Tage, an dem mich die Wut vollkommen einnimmt.
Warum das so ist, kann ich nicht sagen.
Verstecken kann ich es allerdings auch nicht.
"Dann kaufen wir dir morgen ein neues", ertönt es fast gleichzeitig von dem Männer-Trio.
"Brauch keins....Wozu denn auch?", kleine Stiche bohren sich in mein Herz und mein altes Verhaltensmuster erkämpft sich die Oberhand.
Franco schenkt mir nach dieser Aussage einen komischen Blick.
Alex kommt mit einer hochgezogenen Augenbraue aus der Küche und Phil hat sich noch nicht wirklich auf einen Gesichtsausdruck festgelegt.
Sie wissen, das heute wieder Land Unter herrscht und überlegen eventuell, was der Auslöser dafür sein könnte.
Das Kribbeln in meinem Körper nimmt zu.
Die Wut und der Schmerz starteten in der Mitte meines Brustbeins und ziehen langsam aber sicher ihre Bahnen durch meinen ganzen Körper.
Alex läuft auf mich zu und bleibt dicht vor mir stehen.
Momentan ist das zu nah für meinen Geschmack.
In diesem Augenblick kann ich nichts und niemanden auch nur ansatzweise in meiner Nähe gebrauchen, sonst schält mein Kopf auf Autopilot.
Ich muss mich konzentrieren....nicht ausrasten... lasst mich doch einfach gehen.
"Damit du erreichbar bist", gibt Alex ruhig und leise von sich.
Bedacht darauf, mich in keinerlei Hinsicht zu provozieren.
Herzlichen Glückwunsch Herr Hetkamp, Sie haben den Jackpot gewonnen.
Nur wird Ihnen der Preis überhaupt nicht gefallen...
"FÜR WEN DENN?", schreie ich unkontrolliert los, "ich hab niemanden mehr! Keinen Einzigen! Ich bin alleine auf dieser scheiß Welt und muss für keinen erreichbar sein!", schreie ich mich weiter in Rage.
Meine Hände zittern, meine Augen füllen sich mit Tränen, mein Atem wird unkontrolliert.
"Beruhige dich Thalia und atme ganz ruhig ein und aus..", Alex versucht mich von meinem Trip zu befreien, doch heute möchte mein Kopf nicht auf diese Spielchen eingehen:
"Ich beruhige mich dann wenn es mir passt und ich atme wie es mir passt, weil das MEIN beschissenes Leben ist!", wenn ich jetzt ein wildes Tier wäre, hätte ich Schaum vor dem Mund, "ich kann und will mich einfach nicht mehr rechtfertigen und Antworten geben, die ich selbst nicht weis und überhaupt: Leckt mich!" Wutentbrannt will ich mich, nach einem schwungvollen Dreh, die Treppe rauf flüchten, aber meine enorm gesteigerte Atmung und die langsam aufsteigenden schwarzen Punkte vor meinen Augen untersagen mir das.
Völlig unvorhergesehen kippe ich nach hinten, natürlich nicht auf den Boden, was mir momentan so viel lieber gewesen wäre, sondern in zwei Arme.
Alex hält mich mit beiden Armen fest umschlungen, mein Rücken an seine Brust gepresst und gleitet zusammen mit mir zu Boden.
Kurz bin ich still, muss mich sammeln und meinen Kreislauf wieder auf die Reihe bekommen. Nebenbei noch hyperventilieren.
Phil hat sich anscheinend aus seiner Starre befreit, kommt angerannt und nimmt mein Kinn in die Hand, um meinen Blick auf sich zu richten.
Leise flüsternd und halb röchelnd zische ich vor mich hin:
"Lasst mich los..."
Phil schüttelt mit dem Kopf und labert ungehindert auf mich ein, wie ich zu atmen habe.
Lasst mich einfach los, ich mag jetzt nicht angefasst werden!
Ich brenne, ich will weg und ich will unter keinen Umständen schwach werden!
Wie nach einem anstrengenden Lauf hechle ich wieder "Lasst mich los!" in den Raum, nur etwas giftiger und lauter als zuvor.
"Vergiss es, ich lass dich nicht los! Keiner hier lässt dich los, denn wir werden dich nicht fallen lassen!", Alex' Worte sprudeln wasserfallartig aus ihm heraus, während er mich weiterhin fest umklammert.
Da Worte nichts bringen, trete ich mit meinen Füßen in alle Richtungen, aber Franco hat ja noch nichts zu tun und schnappt sich diese sogleich.
Nun sitze ich hier, hinter mir Alex, der meinen Oberkörper fest umklammert...
Phil, vor mir, der meinen Kopf festhält und mich zulabert und Franco, der sich von meinen Füßen nicht beeindrucken lässt...
Mir wird zunehmend übel, Tränen schießen mir in meine Augen.
Ich will nicht aufgeben, aber ich kann nicht mehr.
Schaffe es einfach nicht, gegen die drei Männer anzukommen.
"So ist's, gut. Schön ruhig weiter atmen. Beruhige dich bitte endlich! Wir werden dich nicht im Stich lassen. Egal was du hier noch anstellst, du bist uns ans Herz gewachsen und wir sind für dich da! Verstehst du das?", Phil löst endlich sein Griff von meinem Kinn und sieht mir tief in die Augen.
Wie kann er mir denn jetzt so kommen?
Er kann doch nicht einfach sowas sagen!
Warum kann er mich nicht anschreien??
Warum machen die das denn nur?
Erschöpft lasse ich mich zurück gegen Alex fallen, worauf dieser seinen festen Griff löst und mich nur noch sehr leicht seitlich an den Armen hält.
Irgendwie haben die Worte der Männer heute etwas in mir ausgelöst.
"Ich bin so müde! Müde vom Weglaufen und müde vom weinen. Ich kann einfach nicht mehr", flüstere ich vor mich hin, während weiterhin Tränen über meine Wangen laufen und meine Stimme mehr als brüchig wirkt.
"Es tut so weh! Ich fühle mich, als wenn der Schmerz mich innerlich zerreißt und ich kann nichts dagegen tun. Ich bin leer, wie eine Hülle, deren Inneres nicht mehr existiert!"
Keiner sagt etwas.
Ich spüre Alex' Körperwärme und wie er trotz meines fürchterlichen Wutausbruch so viel Geborgenheit ausstrahlt.
In diesem Moment ist diese Geborgenheit nur für mich vorbestimmt und wartet darauf, dass ich sie endlich annehme.
Der Schalter in meinem Kopf legt sich um und ich verstehe ein kleines bisschen, dass ich die Drei nicht mehr loswerde.
Was eigentlich verdammt gut ist....
Jetzt wird mir auch klar, dass ich nicht mehr alleine sein will!
Ich will endlich von jemandem beschützt werden, der einen nimmt wie man ist und jederzeit die Arme für einen offen hält.
Der es ernst meint, wenn er sagt, dass er mich nicht im Stich lässt und bei dem man merkt, dass er ehrlich ist, wenn er sagt, dass er für mich da ist.
Ich drehe mich so zu Alex, dass ich mich seitlich an seinen Körper anlehnen kann und lege meinen Kopf an seiner Brust ab.
Mit meinen Händen umklammere ich meine angewinkelten Beine und lausche dem Herzschlag des Notarzt.
Phil und Franco setzten sich jeweils links und rechts von Alex und lehnen sich gegen die Wand.
Totenstille.
Alex' Hände umarmen mich sanft. Mit einer Hand nimmt er meinen Kopf, drückt ihn vorsichtig an sich und stützt sein Kinn leicht auf meinem Kopf ab.
Langsam entspannt sich mein Körper und ich lasse mich fallen...
.... in eine Umarmung, die sich gar nicht schlimm anfühlt, sondern einfach nur gut tut.
.... in die Geborgenheit, die die drei mir geben, mit der ich sonst so wenig anzufangen wusste.
....in die ungewohnte Wärme, die direkt von Herzen kommt und nach der ich mein bisheriges Leben vergebens gesucht habe.
Es fällt noch immer kein Wort, aber diese Situation braucht auch keine Worte!
Kein Einziges!
Tief durchatmend schließe ich meine Augen, mit dem Wissen, dass ich beschützt werde und dass ich hier angekommen bin.
Dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin!
~ Ende~
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Wenn deine Welt ihre Farben verliert
FanfictionThalia ist 17 Jahre alt und lebt in einem Internat. Sie führt ein Leben mit zwei Gesichtern. Tagsüber die liebe Internatsschülerin und nachts, auf ihren Streifzügen, die unberechenbare Rebellin (ihr wahres Ich). Der einzige Halt, der einzige Farbkle...
