Alex
Obwohl ich gestern den halben Mittag und die komplette Nacht durchgeschlafen habe, fühle ich mich wie gerädert.
Mein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es kurz nach acht Uhr ist und ich noch ungefähr zwei Stunden Verschnaufpause haben müsste, bevor Jack mich abholen kommt.
Den Sitzungen stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber, denn eigentlich fühle ich mich soweit gut und halte es für völlig überflüssig, mit Jack alles aufzuarbeiten.
Ein paar Gespräche mit meinen Jungs könnten die Sache meiner Meinung nach regeln.
Allerdings weiß ich, dass ich meinem Kumpel und Psychologen erst gar nicht mit diesem Vorschlag zu kommen brauche.
Der wird mir wieder hundert Dinge unter die Nase reiben, wieso eine therapeutische Sitzung unumgänglich ist.
Und genau davor habe ich Angst.
Jack bohrt immer sehr tief und dabei zeigt er eine anhaltende Ausdauer.
Als es an der Türe klopft, möchte ich gerade den Einlass gewähren, doch mein Besuch wartet erst gar nicht auf meine Erlaubnis.
Jack kommt mit einem breiten Grinsen durch die Türe gelaufen und steuert direkt auf mein Bett zu:
"Na? Ausgeschlafen?"
"Ja, schon. Warum kommst du so früh?", ich ziehe die Augenbrauen zusammen und mustere das Gesicht meines Psychologen.
"Ich dachte, wir könnten uns zusammen ein gutes Frühstück gönnen. Was hältst du davon? Aber natürlich nur, wenn du möchtest. Du darfst auch gerne hier frühstücken!"
"Wenn ich schon die Wahl habe, dann kommt natürlich deine Option an erster Stelle!", grinsend schiebe ich meine Bettdecke auf die Seite und schwinge meine Beine aus dem Bett.
"Mach langsam, Alexander! Wir haben Zeit!", Jack packt mich an meinem rechten Oberarm und hilft mir beim Aufstehen.
Irgendwie lässt mich diese Geste wie ein alter Mann fühlen, aber ich wehre mich nicht dagegen, da mein Kreislauf mir nach ein paar Schritten ordentlich zu schaffen macht.
In dem kleinen Badezimmer angekommen, schnappe ich mir meine Zahnbürste und fange an, meine Zähne zu schrubben.
Meine linke Hand krallt sich derweilen krampfhaft an dem Waschbecken fest, da ich Angst habe, dass ich sonst den Boden küsse.
Im Anschluss werfe ich mir frische Klamotten über den Körper und muss mir danach eine kleine Pause auf dem Klodeckel gönnen.
"Alex? Alles in Ordnung?", Oli muss zwischenzeitlich gekommen sein, was bedeutet, dass ich mich jetzt eine Spur mehr zusammenreißen muss.
Der locht mich sonst für ein paar weitere Tage hier ein.
"Jaja. Komme schon!", ich zwinge mich wieder auf die Beine und marschiere erhobenen Hauptes aus dem Badezimmer zu den beiden Herren.
Oli's prüfender Blick lässt mich innerlich aufseufzen.
"Wie geht es dir heute?"
"Bestens. Kann mich nicht beklagen!", mein aufgesetztes Lächeln scheint Herr Dreier nicht allzu sehr zu begeistern, denn der zieht seine rechte Augenbraue nach oben:
"Tu mir einen Gefallen und belüg dich nicht selbst, okay? Das du nicht ganz auf dem Damm bist und zeitweise sehr erschöpft sein wirst, ist ganz normal. Lass dir helfen und sträub dich nicht dagegen!"
"Ich gebe mein bestes! Kann ich noch bei Thalia vorbei, bevor wir gehen?", ich schaue zuerst Oli an und anschließend Jack, die mir nicht allzu begeistert über die Frage zu sein scheinen.
"Gerade ist das sehr schlecht. Sie muss ein paar Untersuchungen über sich ergehen lassen und das dauert!", Herr Dreier möchte mich mit diesen paar Worten abspeisen, aber so schnell gebe ich natürlich nicht klein bei:
"Was für Untersuchungen?"
"Schon mal was von ärztlicher Schweigepflicht gehört, Herr Kollege?", Oli zwinkert mir zu, verabschiedet sich und verlässt mit schnellen Schritten den Raum.
"Jack..."
"Nein, Alexander. Zuerst musst du dir selbst helfen, um danach anderen helfen zu können. Thalia wird dir schon nicht weglaufen!", mit diesen Worten schnappt er sich meine Sporttasche und legt ebenfalls wieder seine Hand um meinen Oberarm.
"Du musst mich nicht festhalten!", knurre ich meinem Freund zu, doch der zeigt sich wie immer unbeeindruckt:
"Schon klar, aber das beruhigt mein Gewissen und deswegen werde ich das auch nicht unterlassen!"
Zu meinem Glück treffen wir auf dem Weg nach draußen auf nicht allzu viele bekannte Gesichter.
Die, die wir sehen und mir viele mitleidige Blicke entgegenbringen, reichen mir vollkommen aus.
Als wir uns in Jacks Auto setzen, muss ich schon wieder lauthals Gähnen.
"Vielleicht schläfst du nachher lieber nochmal ein Stündchen. Wir können auch erst gegen später frühstücken!"
"Nein, ich will heute Mittag zu Thalia!"
"Alexander! Wir kümmern uns jetzt erst um dich und anschließend kommt dann das Mädchen!", bei diesen harschen Worten fühle ich mich, als ob ich ein kleines Kind wäre, das zurechtgewiesen werden muss.
"Du weißt schon wie alt ich bin und selbst entscheiden kann, was ich tun und lassen möchte?", mein böser Blick lässt meinen Nebenmann völlig kalt.
"In diesem Fall fungiere ich als dein behandelnder Arzt und da kann ich dir sehr wohl sagen, was für deine seelische Verfassung gut oder schlecht ist. Wir können uns auch ein paar Tage in einer Geschlossenen aufhalten. Mit einer erschütternden Diagnose, könnte ich das im Handumdrehen veranlassen!"
"Drohst du mir jetzt allen Ernstes?", ich bin leicht fassungslos über die ausgesprochenen Worte und schaue Jack entsetzt an.
"Anders möchtest du es momentan nicht verstehen. Wir können es auf die harte oder auch auf die normale Tour machen. Wie hättest du es denn gerne?"
"Da hätte ich mir von einem Freund doch etwas anderes erwartet, Jack!"
"Du weißt ganz genau, dass ich zwischen meiner Arbeit und meinem Privatleben eine klare Linie ziehen kann. Also?"
Bin ich hier im falschen Film?
"Weißt du was? Fahr mich nach hause....", ich verschränke meine Arme vor der Brust und richte meinen Blick aus dem Fenster.
"Nein. Wir fahren jetzt in mein Hotel und da gönnst du dir ein bisschen Ruhe. Danach sehen wir weiter!", der Psychologe startet den Motor und fährt uns ohne Umwege in die Tiefgarage des gebuchten Hotels.
Widerwillig steige ich nach der Ankunft aus dem Auto aus und folge dem größenwahnsinnigen Psychologen zu den Aufzügen.
Nachdem der Aufzug in der sechsten Etage stoppt und das Blickfeld auf einen langen Flur freigibt, folge ich Jack bis vor seine Zimmertüre.
"Hereinspaziert!", mit überschwänglicher Freude öffnet mein Kumpel die Türe und überlässt mir den Vortritt in das enorm große Zimmer.
In diesem Zimmer ist alles miteinander vereint, nur das Badezimmer befindet sich in einem extra Raum.
Zu meiner linken befindet sich eine kleine Küchenzeile, auf der eine Kaffeemaschine und ein Wasserkocher vorzufinden sind.
Auf der rechten Seite steht ein kleines schwarzes Ledersofa und an der Wand hängt ein großer Flachbildfernseher.
Direkt daneben stehen ein Kleiderschrank und ein Schreibtisch.
In der linken hinteren Ecke steht ein großes Doppelbett, das schon förmlich nach mir schreit und mich auch sofort wieder gähnen lässt.
"Leg dich hin!", Jack schiebt mich in Richtung Bett, doch ich winde mich sofort aus seinem Griff:
"Ich muss mich nicht hinlegen. Es reicht, wenn ich mich auf das Sofa setze!", das wiederkehrende Gähnen versuche ich so gut wie möglich zu unterdrücken, sorge damit aber dafür, dass meine Augen ganz wässrig werden.
"Wie du willst. Aber ich kann dir gleich sagen, dass das Sofa sehr unbequem ist. Ich würde mich lieber auf das Bett setzen. Da bekommst du nicht so schnell Rücken!", nach diesen Worten füllt der Herr den Wasserkocher und lässt diesen seine Arbeit verrichten.
"Willst du auch einen Tee?"
"Nein danke!", muffelig begebe ich mich jetzt doch zu dem Bett, da mir mein Rücken nicht auch noch Probleme machen muss, und ziehe meine Schuhe aus.
Anschließend setze ich mich, mit meinem Oberkörper an das Kopfteil gelehnt, auf die Matratze.
Schön hart die Matratze!
Mit verschränkten Armen starre ich zu der Fensterfront hinaus und gebe mich meinen Gedanken an Thalia hin.
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Wenn deine Welt ihre Farben verliert
FanfictionThalia ist 17 Jahre alt und lebt in einem Internat. Sie führt ein Leben mit zwei Gesichtern. Tagsüber die liebe Internatsschülerin und nachts, auf ihren Streifzügen, die unberechenbare Rebellin (ihr wahres Ich). Der einzige Halt, der einzige Farbkle...
