In den nächsten Tagen pflegte ich wenig Kontakt zu Julian und Valentin. Ich arbeitete nach wie vor als Aushilfe im Club und hatte die Suche nach einem Ausbildungsplatz fürs Erste aufgegeben. Valentin war immer noch mit der Promotion seines neuen Kinofilms und den Vorbereitungen für seine nächste Rolle beschäftigt, Julian hatte sich länger nicht mehr bei mir gemeldet, weshalb ich noch immer ein wenig Angst hatte, dass der Kuss doch zwischen uns stand. Ich wollte ihm aber auch nicht hinterherlaufen und ihn damit womöglich noch weiter von mir wegtreiben. Dafür meldete sich überraschend jemand anderes bei mir - Jonas! Er war diese Woche in Berlin und fragte, ob ich mit ihm ins Kino gehen wollte. Weil ich zum Glück frei hatte und vielleicht auch etwas neugierig auf ein Date mit meinem Jugendschwarm war, sagte ich zu.
Und so saß ich einige Tage später schließlich aufgeregt neben Jonas in meinem Kinositz und wartete, dass der Film anfing. Ich konnte noch immer nicht ganz glauben, dass er mit mir ins Kino wollte. Mein 15-jähriges Ich hatte nächtelang von diesem Moment geträumt, während er nie besonderes Interesse an mir gezeigt hatte. Weil Jonas laut eigener Aussage Überraschungen liebte und es keinen Film gab, den wir beide unbedingt sehen wollten, hatten wir uns für die Sneak-Preview entschieden.
Der Film begann und warf einen direkt in eine düstere Szenerie hinein. Jemand lief offenbar vor etwas davon, entlang dunkler, nasser, menschenleerer Straßen. Nach einer Weile setzte elektronische Musik ein, gepaart mit harten Gitarrensounds, die immer lauter wurde und sich perfekt in das Gesamtbild einfügte. Die davonrennende Person wurde allmählich langsamer und die Kamera zoomte näher ins Bild – in diesem Moment wurde Valentins Name groß auf der Leinwand eingeblendet. Nun erkannte ich ihn auch, obwohl er weiterhin nur von hinten zu sehen war. Er wurde noch langsamer, wechselte die Straßenseite, drehte sich um, als hätte er Angst, verfolgt zu werden und betrat dann schließlich über einen Kellereingang einen kleinen heruntergekommen wirkenden Club. Er lief direkt auf die Bühne, wo bereits eine Band spielte, trat hinters Mikrofon und begann zu singen. Ich war verwundert, als ich realisierte, dass Val offenbar wirklich selbst sang und das auch noch ziemlich gut. Jetzt wurde er auch von vorne gezeigt, wenngleich das Bild noch immer sehr düster war und die Schnitte extrem schnell, so dass man nicht viel erkannte.
Wir sahen also offenbar Vals neuesten Film, der nächste Woche Premiere feierte und ich würde die nächsten zwei Stunden dementsprechend nicht nur mit Jonas, sondern gezwungenermaßen auch mit Val verbringen. Ich hatte vermutet, dass er ein guter Schauspieler war, so extrovertiert und unangepasst wie er wirkte, aber damit, dass er eine solche Leinwandpräsenz besaß, hatte ich nicht gerechnet. Er zog mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann, so dass es unmöglich war, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Leinwand abzuwenden. Der Film zeigte ungeschönt die Geschichte eines jungen Musikers, der sich vollkommen in einer Welt aus Sex, Drugs, Rock'n'Roll und kriminellen Machenschaften zu verlieren drohte. Während einer ziemlich heißen Sexszene ertappte ich mich kurz dabei, wie meine Gedanken zu unserem Rendezvous auf der Clubtoilette abschweiften. Ob Val auch mit seiner Spielpartnerin geschlafen hatte? Auf der Leinwand kam das Ganze jedenfalls ziemlich authentisch herüber, aber so sollte es ja auch sein.
Als der Film nach zwei Stunden endete, ließ er mich aufgewühlt zurück. „Wie hat dir der Film gefallen?" Fragte Jonas, den ich in tatsächlich fast vergessen hatte, und holte mich damit wenigstens ein Stück weit zurück in die Realität. „Super und dir?" Er nickte. „Ganz gut, aber mir war das ein wenig zu sehr Kunstfilm", gab er zu. Ich verstand, was er meinte, aber mir gefiel genau das. „Und ich mag diese Löwenstein Brüder nicht, die sind irgendwie überall. Ich hasse solche verwöhnten Promi-Kinder." Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu grinsen. Dass ich Valentin und Julian persönlich kannte, verschwieg ich ihm dann wohl lieber. „Gehen wir noch etwas trinken?" Fragte Jonas. Überrascht über diese Frage willigte ich ein.
Wir gingen in eine Cocktailbar direkt nebenan, suchten uns einen gemütlichen Platz in der Ecke und bestellten Cocktails. Während Jonas ununterbrochen von seiner Arbeit und irgendwelchen Aktien sprach, merkte ich, wie ich mich zunehmend langweilte meine Gedanken nach und nach immer weiter in die Ferne schweiften. Als Jonas zur Toilette ging, zog ich mein Handy aus der Tasche.
„Hey, ich habe gerade deinen neuen Film gesehen und fand ihn ziemlich gut 😉", tippte ich.
Val antwortete kurz darauf: „Danke! Wo hast du den denn schon gesehen?"
„Er lief in der Sneak-Preview."
„Oh, das wusste ich gar nicht!"
„Was machst du?" Schrieb ich, gerade als Jonas zurückkam.
„Willst du noch etwas trinken?" Fragte der. Ich dachte nach, lehnte aber ab.
„Packen für die Kinotour", antwortete Val.
„Oh, du bist mal nicht feiern oder irgendwo unterwegs?"
„Ausnahmsweise nicht 😉 Willst du rumkommen und mir helfen?"
Mein Herz schlug plötzlich viel zu schnell. Ich trank einen Schluck meines Cocktails, bevor ich antwortete.
„Mein Klamotten-Geschmack ist dir doch sicher zu langweilig 😉"
„Wir werden sehen!"
Ich grinste. „Na gut, ich komme vorbei."
„Nice, dann bis gleich", antwortete Val.
„Julie?" Jonas wedelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum, offenbar hatte er etwas gesagt und ich hatte ihm nicht zugehört. Ich errötete prompt. „Tut mir leid. Was hast du gesagt?" „Ich habe gefragt, ob du noch mit zu mir ins Hotel kommen möchtest. Wir können dort noch etwas trinken oder so." Er sah mich erwartungsvoll an. Mir wurde warm. Jonas wollte mich mit zu sich nehmen? Mein Traum seit ich ein Teenager war – und jetzt wollte ich nicht mehr. „Sorry, ich habe noch eine andere Einladung", murmelte ich und setzte eine entschuldigende Miene auf. „Schade. Ist es eine Party?" Wollte er mich etwa begleiten? „Nein, nur chillen bei einer Freundin", log ich. Er nickte. „Na gut. Du bist ganz schön gefragt, ich habe dich ja eher für etwas langweilig gehalten." Ich zuckte zusammen. Wie nett, das hatte ich schonmal gehört – nur irgendwie... besser? „So langweilig bin ich gar nicht", versicherte ich ihm, obwohl mir mittlerweile ziemlich gleichgültig war, was er von mir dachte. „Das habe ich inzwischen auch gemerkt!" Er lächelte. Hilfe, fand der mich etwa wirklich gut? "Vielleicht können wir das ja nachholen, wenn ich das nächste mal in Berlin bin?" Fragte er. "Klar, melde dich einfach", schlug ich vor, wobei ich eigentlich nur zügig weg wollte.
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Neonliebe
Romanzi rosa / ChickLit"Du bist so langweilig", raunte Valentin mir zu. „Langweilig, ich?" Er lehnte sich zurück und stützte sich auf seinen Unterarmen ab, während er mich provokant ansah. „Du bist der Inbegriff von Langeweile." Wie mir dieser Typ und seine Überheblichkei...
