KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

104 5 0
                                        

Ayaz

In der letzten Woche hat Hannah mit verschiedenen Leuten extrem viel über ihren Ex-Verlobten gesprochen. Bei jedem Gespräch war ich dabei und es war ziemlich komisch, so viel über ihre vergangene Beziehung zu hören. Trotzdem bin ich unendlich stolz auf sie, weil es ihr von Gespräch zu Gespräch immer leichter gefallen ist, über diesen Mann zu sprechen. Eins ist mir währenddessen deutlich klar geworden: Dieser Mann hatte sie nicht verdient. Er war eine total toxische Person, die Hannah manipuliert hat. Eigentlich sollte Hannah schon seit zehn Minuten bei mir sein. Es ist nicht typisch für sie, dass sie sich verspätet und auch, wenn es nur zehn Minuten sind, mache ich mir irgendwie Sorgen. Angespannt sitze ich auf meinem Sofa und starre an die Tür. Mittlerweile sind fast 20 Minuten vergangen und ich bin drauf und dran, zu ihr zu gehen. Aber vorher sollte ich sie vielleicht anrufen. Ich suche ihren Kontakt und warte, bis es klingelt. „Hallo?", meldet sie sich. Sie hört sich verweint an. „Ist alles okay?" Sofort stehe ich auf und merke, wie ich mich schlecht fühle. In mir herrscht plötzlich so ein Bedrücktsein. Sie schnieft, bevor sie antwortet. „Nein. Kannst du kommen?" Hannah hört sich an wie ein kleines Mädchen. Ich muss sie beschützen. Ich muss für sie da sein. Sobald ich mit ihr zusammen bin, zeigt sich mein Beschützerinstinkt. „Ja, Ja. Natürlich. Ich bin gleich da." Ich lege auf und renne schon fast aus meiner Wohnung. Schnell renne ich die Treppe nach unten, weil mir der Aufzug zu lange braucht, setze mich in mein Auto, in dem es immer noch nach ihr riecht, knalle die Tür zu und fahre los. Zum Glück wohnt sie nicht weit weg. Auch diese Treppen renne ich hoch und klingele, als ich davor stehe. Während ich warte, muss ich aufgeregt mit dem Bein wippen. Es dauert viel zu lange, bis sich endlich die Tür öffnet. Meine Hannah steht vor mir, schaut verweint zu mir hoch. So habe ich sie noch nie gesehen. Ihre Haare sind total zersaust und sie trägt eine Jogginghose, kombiniert mit einem viel zu großen Pullover. Ich gehe in ihre Wohnung und ziehe sie sofort in meine Arme. Hinter mit ziehe ich die Türe zu. Hannah drückt ihren Kopf an meine Brust und ich halte sie fest umschlungen. Obwohl sie so aussieht, als würde sie heute noch kein Mal ihr Bett verlassen haben, riecht sie gut. Sie schluchzt. Es fühlt sich an, als würde man mir mein Herz rausreißen. Hannah soll nicht weinen, sie soll nicht leiden. Ich hebe sie hoch, aber nur so, dass sie ein paar zentimeter über dem Boden schwebt und trage sie in ihr Schlafzimmer. Ganz behutsam lege ich sie auf ihrem Bett ab und lege mich direkt neben sie. Sie hat seitdem ich hier bin nicht aufgehört zu weinen. „Was ist passiert?" Ich würde gerne ihr Gesicht sehen, aber sie vergräbt es in meinem T-Shirt. „Ich kann das alles nicht." Ich streichele über ihre Haare. „Was kannst du nicht?" Langsam löst sie sich von mir und schaut mich an. „Mir wurde einfach klar, wie sehr ich meine Zeit verschwendet habe." Wieder muss sie schluchzen, bevor sie weiterspricht. „Nicht nur die Zeit während wir zusammen sind, sondern auch diese zwei Jahre Trauer." Ich küsse ihre Stirn. „Was in der Vergangenheit passiert ist, kannst du nicht ändern. Denk einfach dran, dass jetzt alles besser ist." „Und dann kamen mir plötzlich so beschissene Gedanken. Schämst du dich eigentlich auch für mich oder bin ich dir überhaupt genug? Ilenia zum Beispiel, sie hat einen perfekten Körper. Absolut makellos. Was willst du-" Ich unterbreche sie, weil ihre Worte mich schockieren. „Ob ich mich für dich schäme? Hannah... Am liebsten würde ich permanent ein Schild um meinen Hals tragen, auf dem ein Bild von dir ist und nebendran "Das ist MEINE Freundin:" steht." Ich sehe, dass sie sich ein leichtes Lächeln aufzwingt. „Und ist das dein Ernst, dass du deinen Körper unter Ilenias stellst? Ehrlich gesagt habe ich nicht groß darauf geachtet, aber deinen Körper zu überbieten muss unmöglich sein." Ich streiche ihr ihre Haare hinters Ohr und habe einen perfekten Blick auf ihr Gesicht. Sie ist so schön. So unwirklich schön. Selbst mit der verlaufenen Mascara sieht sie aus wie ein Engel. Sie ist mein Schicksal. Auch wenn ich nicht sehr gläubig bin, weiß ich, dass Gott wollte, dass sie meine Frau wird. Ich liebe sie. „Wirklich?" Ich merke wie unsicher sie ist. Voller Enthusiasmus nicke ich. Sie schlingt ihre Arme um meinen Hals und presst sich wortwörtlich an mich. „Du bist so toll.", schwärmt sie und setzt tausend Küsse auf meinen Hals. Mit ein wenig Schwung befördere ich sie auf mich. Ihre Beine sind geschlossenen zwischen meinen geöffneten Beinen und ihr Kopf ist direkt vor meinem Gesicht. Ich höre nicht auf, ihren Rücken zu streicheln. Unsere Blicke sind wie miteinander verschmolzen und lösen sich nicht mehr voneinander. Nach einigen Sekunden legt sie ihren Kopf auf meiner Brust ab und schaut auf meinen Arm, der immer noch ihren Rücken berührt. „Ich liebe deine Tatoos.", sagt sie und fährt mit ihrem Nagel die Konturen nach. Das tut ziemlich gut. „Dankeschön." Bestimmt eine halbe Stunde bleiben wir so liegen, bis ich merke, dass Hannahs Atmung gleichmäßiger wird. Sie ist in meinen Armen eingeschlafen. Sie fühlt sich wohl bei mir, das ist der Beweis dafür. Ich küsse ihre Haare und genieße das Gefühl, sie auf mir zu spüren.

Bestimmt eine Stunde schaue ich sie nur an, während sie schläft. Ich habe sie neben mich gelegt, falls es ihr auf mir zu unbequem wird, aber auch, damit ich sie ansehen kann. Gerade öffnet sie ihre Augen. Dieses blau habe ich vermisst, auch wenn ich es nur für wenige Minuten nicht sehen durfte. Sofort lächelt sie. „Hey, wieso liege ich nicht mehr auf dir?" „Ich hatte Angst, dass es dir zu unbequem wird.", antworte ich lachend. „Du bist bequemer als das Bett." Sie setzt sich auf und reibt sich müde über die Augen. „Geht es dir besser?" Ich schaue liegend zu ihr hoch. „Ja, ich denke schon. Vielleicht habe ich auch wieder übertrieben." Jetzt setze ich mich auch hin und ziehe sie wieder leicht an mich. „Ich will irgendetwas machen!", verkündet sie und schaut mich mit schon viel wacheren Augen an. „So schnell kann sich deine Stimmung ändern?", frage ich sie amüsiert und sie nickt. Hannah greift nach ihrem Handy, das neben ihr auf dem Nachttisch liegt und schaut auf die Uhr. „Wir haben schon relativ spät. Lass uns feiern gehen." Schockiert sehe ich sie an. „Feiern gehen?" Sie nickt vollkommen überzeugt. Nach kurzem Überlegen zucke ich mit den Schultern. „Wieso eigentlich nicht." Hannah schmunzelt mich an und küsst meine Schulter. So gefällt sie mir schon viel besser. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn es ihr nicht gut geht. „Kennst du einen guten Club? Ich war schon seit Jahren nicht mehr Party machen." „Ja, ich weiß wo wir hingehen können. Nach Emilios Tod hat Ilenia mich in tausende Clubs geschleppt." Ich muss kurz lachen und setze mich dann an die Bettkante, mit dem Rücken zu Hannah. Hinter mir höre ich, dass sie über das Bett robbt, bis sie neben mir sitzt und ihren Kopf an meiner Schulter anlehnt. „Danke, Ayaz." „Wofür?" Sie verdreht die Augen, bevor sie antwortet. „Dafür, dass du immer für mich da bist und mich ernst nimmst." Ich drehe ihren Kopf mit dem Zeigefinger zu mir und küsse sie sanft auf die Lippen.

Man, wie kann man so lange brauchen, um sich fertig zu machen. „Wie lange brauchst du noch?", rufe ich. Es kommt keine Antwort, was mich langsam ungeduldig macht. „Hannah?", rufe ich erneut und wieder kommt keine Antwort, weshalb ich aufstehe und zu ihrem Schlafzimmer gehe. „Bist du fer-" Sie sitzt an ihrem Schminktisch und sieht wunderschön aus. Wunderschön ist garkein Ausdruck dafür, wie gut sie aussieht. Sie trägt einen schwarzen kurzen Lederrock, ein enges Oberteil und hohe Schuhe, die bis über ihre Knie gehen. Ihre Haare sind gelockt und glänzen. Wie es aussieht, macht sie gerade ihr Makeup. „Wow." Sie schaut zu mir und lächelt. „Gefällt es dir?" Hannah steht auf und kommt auf mich zu. Wegen ihrer Schuhe ertönt ein klakerndes Geräusch. Mittlerweile steht sie nur noch wenige Zentimeter vor mir und hat ihre Hände um meinen Nacken gelegt. „Ja.", stammele ich und küsse ihre Wange. „Und du hast dir im Ernst Gedanken darüber gemacht, ob ich mich für dich schämen könnte?" Sie schaut mir fest in die Augen. „Ich mache noch mein Make-Up fertig und dann können wir gehen, ja?" Ich nicke nur etwas benommen und setze mich dann aufs Bett. Womit habe ich es bitte verdient, eine so tolle Frau an meiner Seite zu haben? Sie färbt gerade ihre Wimpern schwarz und schaut dabei sehr konzentriert in den Spiegel. Das sieht wirklich süß aus, auch wenn ihr Outift nicht gerade süß ist.

BACK TO LOVEGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt