Das Stimmengewirr um mich herum zog mich aus meinem unruhigen Schlaf, voller komischer Träume, zurück in die Realität. Müde öffnete ich meine Augen und versuchte durch die verschwommene Sicht die Situation um mich herum zu erkennen. Nur langsam wurde alles wieder klarer. „Frau Turner leidet an einer schweren Unterkühlung. Ihr Fieber und der Husten sind klare Symptome. Es wäre möglich, dass Übelkeit, Erbrechen und Verwirrung zusätzlich dazu kommen. Hier sind Medikamente, die verabreichen Sie ihr sobald sie aufwacht. Ich gebe Ihrer Frau nun intravenös Flüssigkeit, anhand einer Infusion. Achten Sie unbedingt auf eine genügende Wärmezufuhr. Sie muss heute unbedingt noch etwas Essen, damit Ihre Gattin nicht noch schwächer wird. Geben Sie ihr etwas Mineralhaltiges und Salziges." Er machte eine Pause, bemerkte mein Erwachen und wandte sich abermals zu meinem Mann: „Lassen Sie sie nicht alleine. Man darf die Symptome der Verwirrung und Hysterie nicht unterschätzen. Ich komme morgen früh noch einmal vorbei, um nach Frau Turner zu sehen." Luke folgte dem alten Arzt zu der Tür des Schlafzimmers: „Es gibt Behandlungen für Frauen mit Hysterie, ihre Geschichte der letzten Nacht könnte ein erstes Anzeichen für eine Solche sein. Auf Wiedersehen Herr Turner."
Ich brauchte einen Moment um zu verstehen, was der Mediziner mit Letzterem andeuten wollte und starrte Luke schockiert mit einem noch trüben Blick an: „Ich leide an einer Unterkühlung und du willst mir Hysterie zuschreiben?"
Überrascht drehte sich mein Mann zu mir und lief mit großen Schritten auf mich zu: „Nein- Du bist wach? Wie fühlst du dich?" Ich hielt mir angestrengt meinen Kopf und suchte den Raum ab: „Wo ist Matthes? Geht es ihm gut?" Luke kratzte verlegen seine Wange: „Ja. Ich habe ihm heute freigegeben, ich bin ja jetzt da um auf dich zu achten." Ungläubig schloss ich meine Augen: „Na super." Luke kam näher und legte seine Hand auf meine Schulter, ich schlug sie zügig bei Seite: „Wag es nicht mich zu berühren nachdem du letzte Nacht mit einer Hure verbracht hast."
Die Erinnerungen an meine nächtliche Suche kamen zurück, Tränen sammelten sich in meinen Augen, meine Füße begannen abermals zu brennen.
Lukas verschränkte aufgebracht seine Arme: „Ich habe bei dem Barmann geschlafen, du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich betrüge? Ich bin nicht-" Er stockte. „Egal. Unser Koch ist schon dabei etwas für dich zuzubereiten." Verletzt vervollständigte ich seinen Satz: „Ich bin nicht wie du? Das wolltest du doch gerade sagen?" Er schaute genervt zu der Seite: „Das ist keine Diskussion die wir jetzt führen sollten. Wir konzentrieren uns erst einmal auf deine Genesung." Der Raum begann abermals sich zu drehen, schniefend drückte ich meine Fingerkuppen gegen meine Schläfe: „Ich habe dich nie betrogen. Allein das du derartig von mir denkst, zeigt wie wenig du mich doch kennst. Du hast beim Barmann geschlafen? Dafür schien dir die Anwesenheit der drei Damen aber alles andere als unangenehm." Lukes Blick verdunkelte sich: „Avery. Hör jetzt auf über letzte Nacht zu sprechen." Beleidigt wischte ich mir eine entflohene Träne von der Backe: „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht und du hast dich einfach in einer Bar vergnügt." Lukes Hände drückten das Bettlaken neben mir gereizt zusammen: „Nachdem du mich alleine stehen gelassen hast." Schniefend vergrub ich mich unter der Decke und nuschelte durch die Schichten an Wolle: „Weil du mir ungeheure Vorwürfe an den Kopf geworfen hast - vor fremden Menschen, mitten in London." Luke zog mir die Decke aus dem Gesicht und griff unsanft an mein Kinn: „Und du hattest die Unverschämtheit mich vor einer halben Gemeinde zu schlagen." Seine Kieferknochen spielten, als sein kalter Blick auf meinen traf. „Weil du mich vor dieser Gemeinde gedemütigt hast. Du hast den Frauen erzählt, ich hätte dich auf unserer Hochzeit betrogen, wie kannst du es wagen?" Er kniff seine Augen zusammen: „Das ist doch wohl eher eine Demütigung für mich." Seine Hand ließ von meinem Kinn ab. „Erst von der eigenen Gattin betrogen, dann hat sie auch noch die anschließende Dreistigkeit mich in aller Öffentlichkeit zu schlagen. Wohin verschwindet dein gutes Benehmen bei mir? Hm? Du bist zu jedem höflich und zuvorkommend, nur bei mir zeigst du dich andauernd von deiner schlechtesten Seite." Ungläubig starrte ich ihn an: „Ich habe zwei Stunden voller Angst in der totalen Dunkelheit nach dir gesucht. Ich habe weder Schuhe noch Jacke angezogen oder Kaikos gesattelt, weil ich so in Sorge um dich war und mir nichts anderes durch den Kopf ging, als dich endlich zu finden. Weißt du überhaupt was für Szenarien ich mir ausgemalt habe?" Schniefend drehte ich meinen Körper von ihm weg: „Ich hatte solche Angst, dass dir etwas zugestoßen sein könnte."
Es herrschte Stille. Luke drehte meinen Kopf zurück zu ihm und setzte sich neben mich auf unser Bett. Es schien in seinem Kopf zu rattern, sein Blick wurde ein wenig weicher und er begann mir die schweiß nassen Strähnen aus dem Gesicht zu streichen: „Deine Sorge um mich war so groß?" Nach der jetzigen Diskussion wollte ich es eigentlich garnicht mehr zugeben. Ironisch fauchte ich Luke entgegen: „Nein. Ich würde so etwas für jeden dahergelaufenen Idioten tun."
Er lehnte sich gegen das Kopfteil unseres Bettes und zog meinen Oberkörper auf seinen Schoß: „Dann bin ich ja beruhigt." Beinahe belustigt fing er an durch meine Haare zu streicheln: „Es tut mir Leid, dass du dir für einen dahergelaufenen Idioten eine Unterkühlung geholt hast." Seine Mimik wurde wieder ernster: „Ich hatte nichts mit einer anderen Frau gestern Nacht. Das will ich klarstellen. Über den Rest reden wir ein anderes Mal. Wenn du dich besser fühlst." Ich schaute zu ihm auf und untersuchte seine warmen, braunen Augen. Ich glaubte noch immer eine leichte Feindseligkeit in ihnen zu erkennen, doch das regelmäßige Streicheln ließ mich abermals in einen tiefen Schlaf sinken.
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Kitten
RomanceDas neunzehnte Jahrhundert, die „gute alte Zeit" ist Averys Realität. Das Mädchen, das von einem Leben voller Freiheit und Abenteuer geträumt hatte, findet sich plötzlich in einer vermeintlichen Welt der Etikette und Konventionen wieder, als sie mit...
