Bergauf

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Völlig niedergeschlagen sitze ich in meinem Zimmer auf dem Bett. Sogar bei geschlossener Tür kann ich Belle Ackermann über den ganzen Flur schreien hören. Selbst jetzt; noch Stunden später nach unserem Gespräch ist sie kaum zu beruhigen. Ihre Laune und ihr Ton werden sogar noch schlimmer als man ihr zu erklären versucht, dass sie mich nicht von der Station werfen könnten. Mein Vater währe zu einflussreich und nach meinem Unfall, einer ihrer besten Finanziers. Gleichwohl betont der Chefarzt, dass im Grunde ja gar nichts passiert sei und bietet ihr an, zukünftig die Balkone zu den Zimmern verschlossen zu halten.
Doch erst als er zu einer ihrer Bedingungen zustimmt, stimmt sie zufrieden ein. "Ich kann nicht glauben, dass du das gemacht hast." knurrt Luca mich fassungslos an. "Ist dir eigentlich klar, was du gemacht hast? Dein Vater ist komplett durchgedreht und hat mich aufs übelste zusammen geschissen!" Ich seufze frustriert. "Das tut mir wirklich Leid Luca.. Aber ich kenne ihn wirklich!" Er zischt genervt. "Gott.. Das hoffe ich wirklich für dich.. Diese Frau ist eine echte Furie.. Sie lässt nicht mal Krankenschwestern in sein Zimmer!" Dann wird seine Stimme freundlicher. "[V].. bitte! Versuch dich etwas zusammen zu reißen okay?.. Sonst reißt *sie* dir deinen Kopf ab!" Er steht von meinem Bett auf und geht zwei Schritte Richtung Tür, ehe er stehen bleibt. "Und da ist noch etwas. Manche Entscheidungen haben ihre Konsequenzen.. Vor deiner Tür steht jetzt Security.. Du kannst dein Zimmer trotzdem jederzeit verlassen. Gewöhn dich aber dran, dass du ausserhalb dieses Zimmers keinen Schritt mehr alleine machen wirst.."  Er ist schon an der Tür als ich ihn ein letztes Mal anspreche. "Luca.." sage ich vorsichtig und sehe flehend zu ihm herüber. "Geht es ihm wenigstens dem Umständen entsprechend gut?" Er bleibt stehen, verdreht die Augen und sieht mich schliesslich mit einem langen prüfenden Blick an. Dann nickt er schwach und verlässt ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Ich nicke zurück und beobachte ihn, wie er die Tür schließt. Was sollte ich jetzt nur tun. In meinem Abschiedsbrief hatte ich zwar geschrieben, er solle sein Leben weiter leben.. Aber doch nicht so... 

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3 Tage später liege ich immer noch demotiviert in meinem Bett und weiss nicht wie ich weiter machen soll.. Was ist schlimmer? Zu wissen, ihn in einer anderen Welt nie wieder sehen zu können, oder ihn hier in Reichweite mit einer anderen Frau zu wissen? Ich seufze spöttisch.. Da brauche ich nicht lange überlegen.. Definitiv letzteres... Wie gestern auch reagiere ich nicht mal als die Tür aufgeht. Ohnehin verrät mir Lucas seufzen sofort, dass er es ist der in mein Zimmer gekommen ist. "[V]... Das geht so nicht weiter!" sagt er hörbar besorgt. "Ich habe kein Hunger..." entgegne ich antriebslos ohne ihn anzusehen. "Das ist doch lächerlich! Wenn du so weiter machst, muss ich dich zwangsernähren!" Jetzt antworte ich richtig deprimiert. "..Hat doch alles sowieso keinen Sinn.." Er lässt das Tablet laut auf den Tisch plumpsen und sofort drehe ich mich erschrocken zu ihm um. "Wirklich?" fragt er mich genervt und sieht zu mir herüber. Dann seufzt er und kommt auf mich zu. Langsam setzt er sich zu mir aufs Bett und scheint seine Wortwahl zu überdenken. "Wahrscheinlich sollte ich dir das nicht sagen.." er zögert einen Moment ehe er weiter spricht. "Aber.. Er ist aufgewacht." Meine Augen werden gross, während ich mich sofort ruckartig aufsetze. "Vor einer Stunde ungefähr.. Die Furie ist grad bei ihm. Wenn sie geht, werde ich... Ähm.. Hallo?" 
Ohne weiter auf ihn zu achten, stehe ich auf und gehe mühsam zur Tür. Scheiss auf die Bitch! Ich muss ihn einfach sehen! Sofort springt Luca auf und stellt sich mir in den Weg. "[V]! Nein!"  Doch mein finsterer Blick lässt ihn kurz zögern. "Geh mir aus dem Weg Luca! Ich will dir nicht weh tun." Jetzt sieht er mich ernsthaft irritiert an. Immerhin ist er gute 2 Köpfe grösser als ich. Dennoch reicht meine Drohung aus, damit er mich gehen lässt. Energisch öffne ich die Tür und verfluche mein langsames Tempo, während ich den Gang hinunter humple. Ich würde einfach durch die Zimmertür hinein gehen und jeder der mich aufzuhalten versuchte, würde ich aus dem Weg räumen. Auch wenn ich verletzt und wieder hier war.. Ich hatte Levis Trainingssessions nicht vergessen, in denen er mir beigebracht hatte mich zu verteidigen. Erst als ich mich Zimmer 12 nähere reagiert der Wachmann hinter mir und legt mir eine Hand auf die Schulter. Ohne zu zögern greife ich nach ihr und ziehe sie über meine Schulter hinweg.
So wie Levi es mir gezeigt hatte, schlage ich ihm nicht nur meinen Ellenbogen in die Flanke, sondern dehne und drehe gleichzeitig seine Schulter sodass sie überdehnt oder sogar ausgekugelt werden kann. Das ganze dauert nur ein paar Sekunden in denen Luca hinter mir überrascht flucht und der erste Wachmann stöhnend zusammensackt. "Heilige Scheisse!" 
Der zweite Wachmann in einer frontalen Begegnung ist etwas schwieriger. Ich stolpere leicht vor Schmerzen und stütze mich sichtlich auf den Handlauf ab, als er näher kommt. Wieder lasse ich ihn den ersten Schritt machen und spiele mich schwächer auf, als ich eigentlich bin. Als er mir eine Hand an den Oberarm legt, halte ich mich an dem Klassiker. Fuss, Nüsse, Nase.. Aber ich komme nicht mal zur Nase, da mein Schlag in seine Weichteile so gut sitzt, dass er bereits zu Boden geht. Wieder entfacht sich ein stärkerer Schmerz in meiner Flanke, als ich humpelnd nach der Klinke greife und die Tür unbeholfen öffne.
Tatsächlich ist Levi nicht allein. Das rotehaarige Miststück steht mit erschrockenem Blick direkt neben ihn, während Levi nur minimal den Kopf Richtung Tür schwenkt. Erschöpft lehne ich mich an die Wand und blicke voller Hoffnung zu ihm herüber. 

Als sein Blick auf mir ruht, halte ich unbewusst den Atem an. Mein Körper fühlt sich dumpf an, während mein Herz rast und Schmetterlinge meinen Magen förmlich auseinander reißen. Meine Miene wird weicher und meine Brauen ziehen sich emotional zusammen. "Levi..." ist alles was ich gehaucht über meine Lippen bekomme... Dann bricht meine Stimme und ich kann nichts anderes tun, als ihn stumm anzusehen. "Was zur Hölle ist hier los? Hofgardt wo sind sie!" flucht Belle sofort und blickt an mir vorbei Richtung Eingang. Der Wachmann kommt gerade von hinten ins Zimmer gestolpert. Halb kriechend, halb aufrappelnd hält er auf mich zu, während ich immer noch von Levis Blick gefesselt bin, der auf mir ruht. Wie eine Maus vor einer Schlange, kann ich nichts anderes tun als in dieses heiss geliebte Gesicht zu sehen. Mein Magen zieht sich zusammen, als sich seine Braue kraus legt und er unseren Augenkontakt bricht. Sofort wende ich den Blick ab und sehe den Wachmann hinter mir mit warnenden Blick direkt in die Augen. "Ich schwöre dir, wenn du mich auch nur anfässt, brech ich dir den Arm!" drohe ich ihm. Nicht das ich es wirklich könnte.. Trotzdem wirkt es.
"Tch.." zischt es vom Bett und sofort schießt mein Kopf wieder in Levis Richtung. Dieses kleine kurze Geräusch bringt mich völlig aus der Fassung und lässt meinen Körper völlig überhitzen. "Vielleicht sollte ich lieber sie als Bodyguard engagieren.. Sie scheint zumindest mehr Mumm zu haben, als der Rest von euch zusammen.." Mein Herz schlägt mir beim Klang seiner Stimme bis zum Hals. "..und jetzt schmeisst sie endlich raus.. Ich hab Kopfschmerzen..." Völlig verdattert sehe ich ihn ungläubig an. Das konnte er nicht ernst meinen. Seine Miene ist müde und schmerzgeplagt, während er seinen Blick abwendet und sich Belle zuwendet. Gleichzeitig legt sich Lucas Hand auf meine Schulter. "[V].. bitte.. Lass es gut sein."
Der sanfte Zug an meiner Schulter zieht mich langsam Richtung Ausgang, bis ich mich endlich wieder gefangen habe. Es ist meine aufsteigende Wut, die mir neue Kraft gibt und Lucas Hand von meiner Schulter schlägt. Doch ich schaffe nur einen energischen Schritt vorwärts, als sich vom Flur schnelle Schritte nähern. "Levi! Alles in Ordnung?" höre ich jemanden alarmiert rufen, ehe er durch die Tür hinein stürmt. Schlagartig verkrampfe ich mich und drehe mich steif Richtung Tür. Ungläubig sehe ich zu der Person, die jetzt im Eingang steht. Sein Blick ist genauso schockiert wie meiner, während wir uns für ein paar Sekunde überwältigt mustern. "Lara..." flüstert er leise zu mir herüber und beim Klang seiner berührten Stimme steigen mir kleine Tränen in die Augen. "Mike.." flüstere auch ich seinen Namen und stolpere kurz darauf unbeholfen in seine Arme.



Levis Sicht

Mein Blick liegt jetzt wieder auf den Geschehnissen nahe der Tür. Seid dieses Mädchen in mein Zimmer gestürmt ist und dieses Spektakel verursacht, werden meine Kopfschmerzen immer schlimmer. Was für eine Scheisse.. Als ob die restlichen Schmerzen nicht schon gereicht hätten... Doch Mikes Reaktion lässt mich aufhorchen. Es war Gang und Gebe, dass er sich immer mal wieder mit weiblichen Fans nach Konzerten traf, um wie er es nannte *Fanservice* zu betreiben. Kleinere Spielereien, die nie länger als einen Abend gingen. Geschweige denn ernst genug wurden. Alles auf Basis gegenseitigem Einverständnis.. versteht sich.. Aber das hier ist etwas völlig anderes. Er schien ernsthaft berührt, sie zu sehen... und zwar auf keine gespielte Art. Während er sie im Arm hält und sie an sich drückt, ist nicht nur sie am schluchzen. Auch Mike kämpft sichtlich mit seinen Emotionen. Was hatte das zu bedeuten? ..Und wieso konnte er sie nicht endlich los lassen? Ich stocke einen Moment.. Bin ich wütend? Wieso bin ich wütend? Meine Augen huschen kurz zu Belle. Ihr Blick liegt versteinert auf Mike, während sie versucht sich sämtliche Gefühlsregungen zu verbieten.
Dann löst das Mädchen ihre enge lange Umarmung und spricht in einem erleichterten Ton zu ihm, während ihr immer noch vereinzelte Tränen über die Wange laufen. "Ich dachte du wärst tot.." flüstert sie und legt ihm ihre Hände ans Gesicht. Wie Überdramatisch.. Ich rolle mit den Augen. Aber Mike schmunzelt nur, während er sie vorsichtig auf den nahen Stuhl schiebt. Dann kniet er sich vor ihr hin und legt ihr seine Hand vertraut aufs Knie. "Nachdem sie mich entlassen haben, habe ich überall nach dir gesucht Lara.. Aber dein Name ist nirgendwo aufgetaucht." Ihr Gesicht verzieht sich zu seinem entschuldigen lächeln. Ohne darüber nachdenken verharre ich bei diesem Anblick.
Jetzt kann ich es sehen... Dieses Lächeln hatte etwas einzigartiges.. Etwas bekanntes.. Etwas fesselndes... Auch wenn ich es nicht genauer definieren kann. Aber selbst ihr erbärmlicher Zustand und die zahlreichen Verbände, die sie förmlich zusammen hielten konnten daran nichts ändern. Doch meine Fokus verändert sich, als sie ihre Hand vertraut auf seine legt. "[V].." spricht sie leise zu Mike. "Mein richtiger Name ist [V][N].." Wieder runzle ich die Stirn. Er war derart von ihr eingenommen und kannte nicht mal ihren richtigen Namen? Aber dann stocke ich. Denn ihr Nachname ist mir sehr wohl bekannt. Hatte sie ihm deshalb einen falschen Namen genannt? Weil er nicht wissen sollte, wer ihr Vater war?

Immer noch liegt mein Blick stumm auf dem Bild nur wenige Meter von mir entfernt, als es erneut an der offenen Tür rumpelt. "Sir! Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte! Alles in Ordnung?" Auruo stürmt ein paar Schritte unbeholfen auf mich zu. Eigentlich ist er gar nicht im Dienst, denn auch ihn hatte es durch den Unfall ordentlich erwischt. Sein Blick fliegt zu Mike und dem Mädchen, als auch er sich schlagartig versteift und seine Augen groß werden. "[V].." stottert er ungläubig und als sie ihn anlächelt, fängt er schlagartig an zu wimmern. Das war doch ein schlechter Witz! Ein Lächeln von ihr genügte und diese Idioten lagen ihr zu Füße? Was war die denn bitte? Eine verdammte Disney Prinzessin? 
Ich folge ihr mit meinem Blick, als sie mühsam unter Schmerzen aufsteht und auch Auruo in den Arm nimmt. "Ich hab dich vermisst Kleine.." sagt er herzlich und schließt die Augen während er sie umarmt. Hatte er vorher für ihre Familie gearbeitet? Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern in seinem Backgroundcheck etwas dergleichen festgestellt zu haben. Doch dann lässt er sie los und schaut über die Schulter zu den beiden Wachmännern. "Wie ich sehe, hast du nichts verlernt.." Sofort fängt sie an zu schmunzeln und wirft mir einen kurzen neckischen Seitenblick zu. "Ich hatte einen ziemlich guten Lehrer." Der Blick den sie mir zuwirft ist zwar nur kurz aber so intensiv, dass ich spüren kann wie er etwas in mir auslöst.. Wieso passierte das?
Unzählige Frauen hatten in der Vergangenheit versucht mein Interesse zu wecken und sich dafür die wildesten Dinge ausgedacht.. An ihnen allen habe nicht mal ein einzigen Gedanken, geschweige denn einen Blick verschwendet.. Und alles was sie jetzt tat, ist da zu stehen und mich beiläufig anzulächeln.. Das allein reicht aus um meine Augen nicht von ihr nehmen zu können? Sie sprach ja nicht mal mit mir! Wie soll das bitte möglich sein? Oder lag es nur an ihrem Nachnamen und Belles zusätzlichen Informationen über sie. Ich mustere sie genauer, während sie völlig unbefangen mit Mike und Auruo spricht, ohne einen Unterschied zwischen ihnen zu machen. Ein reiner Fan konnte sie jedenfalls nicht sein. Dabei denke ich über Belles Hassrede nach. Sie ist also die verrückte, die in diesem Zustand über den Balkon in mein Zimmer geklettert ist... Wenn ich sie so ansehe, hätte ich ihr das gar nicht zugetraut. Ganz zu Schweigen von diesem Auftritt, indem sie 2 professionelle Wachleute einfach ausgeschaltet hatte.
Doch die Kopfschmerzen werden immer heftiger und auch wenn es mir gefällt sie anzusehen, halte ich es kaum noch aus. "Könnt ihr nicht langsam mal die Schnauze halten..." fluche ich zu Mike und Auruo. Doch auch ihre Miene erstarrt augenblicklich und der traurige Ausdruck von vorhin legt sich wieder auf ihre Miene. Ich wende meinen Blick von ihr ab und sehe müde zur Decke. Wenn sie geht, will ich mich an dieses Lächeln erinnern und nicht an diesen traurigen Ausdruck auf ihrem Gesicht. "Ich will meine beschissene Ruhe..." seufze ich mürrisch und schliesse müde mein Auge.

Während Mike ihr beim aufstehen und gehen hilft, sehe ich ihnen stumm hinterher. Sein Arm liegt um ihren Brustkorb, während er gleichzeitig ihren linken Arm zur Stütze in seinen Nacken legt und hält. Die lange Umarmung zur Begrüssung.. Die Hand auf ihrem Knie.. und jetzt das hier.. Wieso musste er sie seid er hier war ständig anfassen? Ich knurre innerlich über meinen Ärger und wische den Gedanken beiseite, als sich kurz darauf die Tür schließt. 
"Kein Wunder, dass du sie nicht von der Station werfen konntest." sage ich grübelnd zu Belle. "Klärst du mich auch auf?" fragt sie mich schnippisch. Sofort verdrehe ich ich meine Augen über soviel Unwissenheit. "Ihr Vater ist Benjamin [N].." Immer noch sieht sie mich mit einem fragenden Ausdruck an. "Wie dumm bist du eigentlich.." knurre ich genervt. "Hey!" faucht sie sofort zurück und funkelt mich böse an. Ich seufze kurz, ehe ich in einem neutralen Ton weiterspreche. "Benjamin [N] ist der erfolgreichste Broker an der Börse. Er arbeitet schon seid mehr als 40 Jahren selbstständig und soll seine immensen Gewinne so klug investiert haben, dass es kaum eine Branche gibt, die an ihm vorbei kommt.. Immobilien, Finanzierungen, Großkonzerne.. Überall hat er seine Finger im Spiel.. und wenn ihm doch mal der nötige Einfluss fehlt, gibt es immer jemanden der ihm einen Gefallen schuldet. Seine Beziehungen sollen sogar bis nach China und Dubai reichen." 

Levi x Reader Ausflug ins ParadiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt