Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei. Sie werden mit jedem Schritt schwerer, aber ich gehe weiter. Schritt für Schritt auf den Hangar zu, in dem mein Flugzeug schon auf mich wartet.
Mein Puls ist schon lange so schnell, dass ich das Gefühl habe, mein Herz könnte gleich aus mir herausplatzen. Ich zittere am ganzen Körper, hab den Blick gen Boden gesenkt, während die schweren Stiefel mit jedem Schritt im Gang widerhallen. Die Ansprache eben hängt mir noch im Kopf.
„Titan!"
Ich hebe den Kopf und schaue mich verwirrt um.
Und da steht er.
Der kleine Bengel aus dem Tunnel, Liam.
Ach du Scheiße. Strahlend sieht er mich an.
„Hallo Titan." er kommt angerannt und umarmt mich flüchtig. Ich knie mich hin, damit er nicht meine Hüfte umarmen muss.
„Hey Kleiner, was machst du denn hier?" frage ich ein wenig überfordert, während mich meine Staffel fragend anstarrt, „Das ist der Junge aus dem Tunnel, als ich auf Mission flöten gegangen bin." erkläre ich schnell.
„Wir wollten gucken, was los ist. Alle sind so seltsam heute." Nun kommt auch Liam's Mutter an.
„Nun äh." Ich halte kurz inne, „Wir müssen gleich da raus und kämpfen."
„Alle?" fragt Liam und die Unschuldigkeit in seiner Stimme lässt nicht zum ersten Mal mein Herz noch ein Stückchen schwerer werden.
Lange schweige ich und nicke nur langsam. „Alle. Heute entscheidet sich, ob wir gewinnen oder verlieren."
Wir verlieren.
Wir verlieren.
Fuck, nein, es ist noch alles offen.
„Du machst die alle platt, du bist doch ein Held!" Mit offenem Mund schaut er auf meine mittlerweile zerschlissene und verbleichte Fliegercombi.
Ich bin kein Held.
Und „plattmachen" werden wir garnichts.
„Ja, bestimmt." Ich lächele aber mein Tonfall hat sogar mir mehr als deutlich gemacht, dass ich selber nicht daran glaube.
„Es wird Zeit, Titan." brummt Blackhole und ein Anflug von Zorn schwingt in seiner Stimme mit.
„Jaja." nicke ich ihn ab und drehe mich wieder Liam zu, „Sei schön artig, ja? Wir werden uns wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen. Wir fliegen nach dem Kampf nicht mehr hierher weißt du?"
Wir fliegen in den Himmel...oder die Hölle.
Oder das Nichts, den schwarzen Abgrund, was immer uns auch erwartet, wenn wir sterben.
Sanft tätschel ich ihn nochmal auf den Kopf und stehe dann wieder auf. Mit dem letzten Lächeln auf den kleinen Jungen und seine Mutter kommen wieder Tränen hoch.
Dem besorgten Ausdruck im Gesicht seiner Mutter nach, ist ihr klar, was ich mit dem eben meinte.
Sie versteht es. Er wird es erst viel später verstehen, vielleicht wird er aber auch davor umgebracht werden. Wer weiß das schon?
Das einzige, was ich noch für sie tun kann, ist kämpfen.
Das einzige, was ich für jeden meiner Freunde und meinen Vater tun kann, ist kämpfen.
Für unsere Zukunft.
Für die Menschheit.
Zum Abschied winken sie noch, aber dann biegen wir um eine Ecke und das Duo verschwindet aus meinem Sichtfeld.
„Ein süßer Kleiner ist das." Hera boxt mich freundschaftlich in die Flanke, auch, wenn sie nur versucht, sich von dem Bevorstehenden abzulenken.
Mittlerweile laufen mir die Tränen schon über die Wange, aber ich bleibe stumm.
All das, was wir je getan haben, hat uns hier her gebracht.
Jede Entscheidung.
Jedes Wort.
Jeder Mensch, den wir getroffen haben.
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Six Strong
ActionEin Pilot. Er ist Kampfpilot. Er ist Titan. Eines Tages werden er und die anderen Piloten seiner Staffel zu einem Einsatz gerufen, der ihre Leben, und die aller Menschen für immer verändern wird. Denn ein mysteriöser Radarkontakt ist aufgetaucht. ...
