Langsam, als wäre er in der Zeit entschleunigt, schlägt der Zeiger der kleinen, ramponierten Uhr im Cockpit. Sekunde um Sekunde verlängert sich durch Stress und den Puls meines Herzens zu gefühlten Stunden.
Während die Innenseite meines Helmes schon flüssig wird vom Schweiß durch den Stress, zähle ich stumm in Gedanken die Sekunden runter, bis die Rakete endlich ihren eigenen Suchkopf öffnen wird.
11...12...13!
Sofort reiße ich am Stick und innerhalb weniger Augenblick löst sich vor meinen Augen die Formation aus Bändern voller Flugzeuge zu einem riesigen Haufen dunkler Punkte auf. Jegliche Formation wird aufgegeben, während die Wolke an Flugzeugen stumm und ohne einen Befehl zu brauchen, auf Gefechtsgeschwindigkeit beschleunigt.
Distanz verringern, Radarraketen starten, den Weg für die Bomber ebnen. Mit einem hektischen Tippen setze ich die nächste Rakete in Bereitschaft. Um mich herum jagen Dutzende Raketen zischend dem Feind entgegen.
Während mir die Anzeige lautstark zu erkennen gibt, dass ich mit Überschallgeschwindigkeit auf mein Ziel zurase, hängt mein Blick am Radarbildschirm und dem Ablenkungsangriff von Norden aus, der von unbemannten Drohnen und Freiwilligen in alten Modellen geflogen wird. Zusätzlich trägt auch die Marine ihren Beitrag zu dieser Scheiße bei, indem sie Dutzende Raketen und Marschflugkörper abfeuert und mehrere Geschwader an Flugzeugen gestartet hat. Die Hoffnung ist, dass sich der Feind auf sie fokussiert und dorthin seine Schilde ausrichtet, damit wir angreifen können.
Sollten die Viecher so schlau sein und das ignorieren, hätten wir gerade ein gutes Stück unseres Arsenals ins Nichts geschossen.
Nur kurz kann ich mich damit beschäftigen, dann dröhnt mir schon der piepende Alarmton um die Ohren. Scheiße, sie kommen.
„Boogies incoming at Zero-Nine-One! Engage!" dröhnt es mir durch den Funk zu.
Sofort schalte ich den Modus des Radars um und das Gerät scannt nach den gegnerischen Jägern, die uns mittlerweile zu hunderten entgegenströmen. Das Radar kämpft gegen die Stealthtechnologie der Breacher an, dann kommt die erlösende Nachricht.
„Target Lock. Target Lock." meldet die liebe Betty und schon schicke ich die nächste Rakete mit einem strammen „Fox-3!" auf den Weg dem Feind entgegen. Um mich herum schießen Dutzende Kampfjets ebenso Raketen ab.
Während ich also damit beschäftigt bin, hastig den nächsten Start einer Rakete einzuleiten, das Radar mit dem Anvisieren des Feindes beschäftigt ist, mir lautstark ein Dutzend Warntöne um die Ohren feuern, Jumper einen „SpamRAAM" genannten Raketenfächer aus 4 Raketen hintereinander abfeuert und Blackhole nach unten wegbricht, schlagen die Raketen der ersten Welle mit einem fast unerkennbaren Blitz am Horizont ein.
Es ist wie der Effekt einer Feuerwerksrakete nach ihrer Explosion. Der Himmel füllt sich augenblicklich mit Hunderten Sternen, ehe sie keine Sekunde später, so schnell wie sie gekommen sind, wieder verschwinden.
„Confirmed Hits! We got 'em Lads!" jubelt irgendein Brite über den Funk.
Jetzt blitzt es auch in der Feindformation auf. Dutzende Explosionen füllen die Wolke aus Breachern, die uns da entgegenfliegt. Mit ein paar dimmen Blitzen verschwinden bestimmt zwei Dutzend Raketen im Nichts der Schildanomalien der Sternjäger.
„Guter Start Jungs, heizt ihnen ein!" brüllt Hera, aber ihre Stimme geht im Getöse der Systeme um mich herum unter. Im Cockpit ist es auch so schon eine vielseitige Geräuschkulisse, aber wenn das Radar konstant neue Feinde entdeckt, Bitching Betty mit der Masse an Meldungen nicht mehr hinterher kommt, der Radar Warning Reciever des Selbstschutzsystems dutzendfache Raketenstarts meldet und gleichzeitig vor gegnerischem Beschuss warnt, wird es dann doch extrem hektisch und chaotisch.
Ich bin eigentlich ziemlich ruhig und gefasst, aber jetzt ist einer jener seltenen Fälle hier im Cockpit, wo ich merke, wie ich in einen Panikmodus übergehe. Die Bildschirme, die Anzeigen, die Knöpfe, Schalter, Töne, Signale, der Funk, alles vermischt sich zu einem unglaublichem Brei aus Chaos, der mich fast erdrückt.
Irgendwas visiert mein Radar an, ohne drauf zu achten, Presse ich den Knopf am Stick und ein Ruck geht durch den Eurofighter, als sich die AMRAAM Mittelstreckenrakete vom Rumpf löst und davonzischt.
„Distance 16 Miles, 2 Minutes to Action!" meldet eins der AWACS Flugzeuge.
„Bordkanone bereitmachen. Gleich wird's haarig!" brüllt Jumper und sogar durch den Funk kann man das Adrenalin fasst spüren, dass durch seine Adern jagt. Gut, niemandem hier geht es besser, aber trotzdem.
Gut, komm runter Titan. Also, Den Weapon Selector Switch auf Bordkanone umschalten, dann die Waffenanzeigen überprüfen, stimmt alles. Mit einer Ruhe, die bei all der Hektik um mich herum sogar mich selbst überrascht, gehe ich die wenigen Handgriffe durch, bis ich schließlich feuerbereit bin.
Lass sie nur kommen. Ich habe 1700 Schuss die Minute als Begrüßung für sie bereit.
Ich beiße die Zähne zusammen, meine Muskeln verspannen sich beim Gedanken an den Dogfight, der gleich folgen wird. Immer fester umschließt meine Hand den Stick, bis ich das Gefühl bekomme, ihn auszureißen.
Erste grüne Blitze lösen sich aus der Wolke aus feindlichen Jägern. Einer von ihnen zischt nur ein paar Meter an meinem Cockpit vorbei und im Rückspiegel sehe ich irgendwas hinter mir explodieren.
Und so beginnen sie, die Verluste. Diese F-16 der Ukrainer wird nur die erste einer langen langen Liste an Verlusten heute sein. Und doch behalten wir unseren Kurs bei. Kilometer um Kilometer, mit jeder Sekunde wird der Beschuss stärker...
Vollends im Kampfmodus spanne ich mich an, drehe den Jet auf den Rücken und tauche ab, dem Boden entgegen, nur, um direkt wieder aufzusteigen. Um mich herum blitzen die Laserstrahlen, krachen in Flugzeuge, die wie Steine vom Himmel fallen oder gleich auf der Stelle explodieren.
„Here we go boys!" schreit jemand noch, dann krachen wir in die Wolke aus Gegnern und der Himmel verschwimmt zu einem Tanz aus schwarzen Schatten, Raketen, grünen Laserstrahlen und Explosionen.
Irgendwas dunkles fliegt mir ins Fadenkreuz und punktgenau drücke ich den Abzug für den Bruchteil einer Sekunde und im Augenwinkel sehe ich den Breacher rauchend im toten Winkel verschwinden, bevor ich schon den Stick herumreiße, um mich an den nächsten zu heften.
Den Pipper im Auge behalten, Täuschkörper zur Verwirrung ausstoßen, Abzug, Fassrolle, eine High-G Kurve, die mir fast den Atem raubt,...weiter und weiter.
Immer und immer wieder.
Bis zum Schluss...
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Six Strong
AcciónEin Pilot. Er ist Kampfpilot. Er ist Titan. Eines Tages werden er und die anderen Piloten seiner Staffel zu einem Einsatz gerufen, der ihre Leben, und die aller Menschen für immer verändern wird. Denn ein mysteriöser Radarkontakt ist aufgetaucht. ...
