Meine Lippen formten sich zu einem 'O' und ich betrachtete mir Marc noch etwas genauer. Ich suchte nach Anzeichen, was ihn schwul zeigen ließ, aber da war gar nichts. Er sah wie ein normaler Junge aus mit normalen Style; und er sollte schwul sein? War er das überhaupt? Vielleicht war er ja auch Bi.
Um es klar zu stellen, ich hatte rein gar nichts gegen Homosexuelle! Wenn sie mehr Interesse am gleichen Geschlechts hatten, war das dann eben so. Jeder ist eben nicht gleich! Nur es überraschte mich jetzt, dass Marc schwul war.
„Süß. Und wie heißt er?", setzte ich ein Lächeln auf.
Marc hob eine Augenbraue hoch und musterte mich, aber schließlich lächelte er selber.
„Finn ist sein Name", antwortete er mir und lächelte immer noch.
Als er den Namen seines Freunds ausgesprochen hatte, wurde sein Lächeln breiter und er strahlte dadurch umso mehr. Sein Lächeln gefiel mir sehr und es steckte mich auch sofort an. Meine Güte! Wann habe ich zum letzten mal so viel gelächelt? Schon eine ganze Weile her, ne?
„Bist du ... schwu-", schon da unterbrach Marc mich und beantwortete mir sofort die Frage.
„Ich bin Bi."
Überraschend sah ich ihn an und biss mir auf die Unterlippe. „Also stehst du auf Jungs und auf Mädchen", stellte ich fest und er nickte nur.
Ich fand es mutig, wie er so offen mit seiner Sexualität umging. Nicht, dass es etwas schlimmes war, keinesfalls, nur es gibt schon Homosexuelle leben damit nicht offen und vertrauen es nur engen Leuten an. Bestimmt hat Marc sich schon sehr früh geoutet, oder ihm ging es wirklich am Arsch vorbei, was andere von seiner Sexualität hielten.
So langsam kamen er und ich mehr ins Gespräch und wir hatten uns gegenseitig viel zu erzählen. Es war etwas komisch sich mit einem total fremden Menschen zu unterhalten, der sogar anfing vieles über sein Privatleben zu erzählen. Er erzählte mir viel über seinen Freund, Finn und natürlich auch über sich selbst. Marc war achtzehn Jahre alt und Finn auch. Marc lebte in Bristol, aber Finn in Kingswood und von da kam Marc auch gerade. Die zwei waren seit ungefähr sieben Monaten zusammen, aber sahen sich echt zu selten, meinte Marc. Er seufzte und lächelte mich kurz an.
Marc erzählte mir noch, dass er seine eigene Wohnung habe, dass er noch zur Schule ginge und keinen Job habe, aber er bräuchte angeblich nicht zu arbeiten, weil er aus gutem Elternhaus kam.
„Und was ist mit dir?"
„Mit mir?", fragte ich ahnungslos und zeigte auf mich selbst.
„Joa. Erzähl mal was über dich", forderte Marc mich auf und ich begann, ihn von mir zu erzählen und ich wurde ziemlich offen.
Ich erzählte ihm einfach alles. Dass mit Miley, dass was gestern passiert war und über meine Vergangenheit und tatsächlich hörte Marc mir zu und wirkte immer mehr nachdenklicher, weil seine Augen immer dunkler und kleiner wurden.
Nachdem ich zu Ende erzählt hatte, atmete er tief ein und dann wieder aus, bevor er anfing zu reden.
„So etwas ist schon krass! Kann dich voll und ganz verstehen, wenn du weg von Doncaster willst. Hattest du denn nie vor abzuhauen?"
Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Ob ich mal vorhatte abzuhauen? Ja! Und wie oft schon! aber ob ich das jemals durch gezogen hatte? Nein. Und ich weiß nicht mal wieso ...
„Ich wollte es schon so oft tun, aber tat es nicht. Keine Ahnung, wieso", murmelte ich ohne Marc ins Gesicht zu schauen, doch ich spürte sein Blick auf mich, wodurch ich hoch schauen musste.
„Hoffentlich geht es dir bei deinem Vater etwas besser, auch wenn ihr euch seit 'ner sehr langen Zeit nicht mehr gesehen habt", schmunzelte er und versuchte mit mir Blickkontakt zu halten, aber ich sah schnell raus aus dem Fenster.
Ich benahm mich echt eigenartig. So war ich nicht! Sonst war ich immer die zickige Grace, die jedem das Leben zur Hölle machte, aber nun sprach ich mit einem Jungen über echt private Sachen. Wieso war ich nur so offen?
Aber dank der Offenheit meinerseits kam es mir vor, als hätte ich eine schwere Last von mir nehmen können. Es war raus. Ich konnte jemanden meine Lebenssituation vorstellen, ohne verurteilt zu werden.
Stirnrunzelnd sah ich immer noch aus dem Fenster und dachte nach bis mich eine Stimme erschrak. Es war nicht Marcs Stimme, sondern die von dem Zug. „Nächster Halt: Bristol Temple Meads."
Ich war da!
„Hier müssen wir wohl aussteigen", gab Marc von sich und lächelte mir zwinkernd zu. Wir beide standen gleichzeitig auf und ich versuchte mein Koffer und gleichzeitig meine Umhängetasche zu tragen, aber weil der Zug noch nicht angehalten hat, rüttelte es ein wenig im Zug und das ermöglichte es mir nicht gerade einfacher.
„Soll ich dir helfen?", fragte Marc freundlich und betrachtete mich dabei.
Flehend sah ich zu ihm rüber und sagte:„Das wäre echt nett von dir."
So nahm mir Marc mein Koffer aus meinen Griff und schleppte es problemlos nach vorne zu den Türen, wo wir schließlich aussteigen mussten.
Als der Zug anhielt, stiegen wir aus und sofort wurde ich von Lärm empfangen. Ich hörte die Rädern an Gleisen quietschen und ein Lautsprecher am Bahnhof verkündigte etwas und die Leute um uns herum unterhielten sich. Alles im einem: Es war ziemlich laut!
„Willkommen in Bristol, Grace!", rief Marc und lachte mich an und deshalb musste ich auch lachen. Immer noch zog er mein Koffer mit sich. Ich hatte Vertrauen zu ihm. Es gab ja so manche Menschen, die jemanden beim "Koffer tragen helfen", aber dann mit den Sachen einfach wegrennen, aber Marc war nicht so. Bis jetzt auf jeden Fall nicht.
Fragend sah er mich an, bevor er sein Mund öffnete und etwas von sich gab.
„Wo musst du nun hin?"
Kurz überlegte ich und kaute mir auf die Unterlippe. „Mein Vater wollte mich abholen. Ich ruf' ihn mal an", meinte ich und zückte mein Handy aus meiner Tasche. Sofort rief ich ihn an und nach dem vierten Klingeln nahm er ab.
„Hallo?"
„Dad? Wo bist du?"
„Vor dem Bahnhof. Komm dorthin!"
„Okay. Bye", sagte ich zum Schluss und legte dann auf. Ich steckte mein Handy weg und schaute hoch zu Marc.
„Er wartet auf mich vor dem Bahnhof", benachrichtigte ich ihn.
Mit schräg angesetzten Kopf betrachtete er mich und sein Mund stand ein kleines Stück auf.
„Du weiß nicht wo lang du musst, oder?", stellte er fest und ich nickte heftig.
Er lachte kurz auf und meinte:„Ich glaube, ich weiß wo sich dein Vater befindet. Nämlich da wo die Autos parken. Da steht auch meins. Ich könnte dich bis dahin begleiten."
„Okay. Danke! Du gehst vor!", sagte ich lächelnd und dann machten wir uns auf dem Weg.
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Dark Heart
Novela JuvenilAn einem Samstagabend in Doncaster wird die 17-jährige Grace Mahone, die sich kaum an die Regeln hält, von einer Party aufs Polizeirevier gebracht und später wird sie dort von ihrer Mutter abgeholt. Zu Hause gibt es richtigen Zoff, wobei sich Grace'...
