Das rote Tal war wie eine Narbe in der Landschaft, als wäre hier ein Stück der Welt selbst einfach herausgeschnitten worden. Eine rote, klaffende Wunde, die sich von Westen aus in Richtung Osten zog und am Horizont verschwand, eine Grube, breit genug um eine ganze Stadt zu verschlucken und lang genug um ein halbes Königreich darin verschwinden zu lassen . Klippen, zu glatt, als das man sie ohne Hilfsmittel erklimmen könnte, fielen steil nach unten ab und legten dabei tiefrote Felsen frei, die im Licht der aufgehenden Sonne wie mit Blut übergossen wirkten. Erik wusste mit einem Mal, warum man diesen Ort das rote Tal nannte. Selbst der Staub, der die Ebenen in der Tiefe überzog, hatte eine rostrote Farbe und bedeckte alles, von den Blättern der Bäume, die im Schutz der Felsklippen gediehen, bis hin zu den Ruinen, die er aus der Höhe erspäht hatte. Einst mochten die eingefallenen Mauern und Kuppelbauten, die sich entlang einer staubigen Straße aufreihten in reinem Weiß erstrahlt haben. Durch den Sand jedoch, der über die Äonen mit ihnen verbacken war, schimmerten die Trümmer nun eher rosa. Zersprungene Säulen säumten die einstmals gepflasterten Wege der antiken Stadt und gaben einen Eindruck davon, wie groß sie wohl einst gewesen sein mochte. Gigantisch, war das erste Wort, das Erik einfallen wollte. Vielleicht hatten Straßen und Gebäude einst den gesamten Tal-Grund bedeckt. Nun jedoch waren von den meisten Bauwerken nur Trümmer und lose Steinhaufen geblieben, durch die Wind und vielleicht die Geister heulen mochten.
Dieser Ort war uralt... und bereits seit langer, langer Zeit verlassen. Ähnliche Ruinen fand man auf dem ganzen Kontinent, wenn auch selten so offen zugänglich wie hier. Die meisten waren längst von der Vegetation überwuchert, ihre Schätze und Geschichten Grabräubern und Dieben zum Opfer gefallen. Das alte Volk hatte ein gewaltiges Erbe hinterlassen, als es aus der Welt verschwand. Das meiste davon jedoch, war nicht von Dauer gewesen. Lediglich die fliegende Stadt selbst kündete noch von der einstigen Macht über die das Zauberervolk einst verfügt haben musste. Geblieben, war am Ende trotzdem nur Staub...
,, Das ist unglaublich..." Erik war bis an den Rand der Klippen getreten und sah über das Tal und die tote Stadt hinweg. ,, Wie kommen wir am besten da runter ?"
Götter, diesen Ort musste er sich ansehen, dachte er. Egal, was Mhari davon halten mochte. Die Gejarn jedoch grinste ihn lediglich an, genau wie Cyrus, der sichtlich Mühe hatte, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.
,, Was ?" Erik sah sich ratlos zwischen den beiden um.
,, Es ist nur... du siehst grade aus wie ein kleines Kind, kurz vor dem Winter-Fest.", meinte der Wolf.
,, Und? Ihr habt wie ein kleines Kind geschrien als ihr einen Pfeil im Bein hattet." Das schien offenbar zu reichen um den Wolf zum Schweigen zu bringen, als er sich an Mhari wandte. ,, Und ihr ? Ich meine... euer Clan lebt hier, habt ihr euch nie Gedanken darüber gemacht, was hier alles verborgen liegen könnte?"
,, Nein." Damit schien das Gespräch für Mhari beendet, den sie gab ihnen lediglich ein Zeichen ihr zu folgen, während sie einen kleinen Ziegenpfad in der Felswand hinab stieg. Und mehr war es wirklich nicht, dachte Erik. Auf einer Seite ragten die roten Klippen wie eine undurchdringbare glatte Mauer auf. Und auf der anderen erwartete einen der freie Fall in die Tiefe. Die Baumwipfel im Schatten des Abhangs wirkten aus der Höhe fast wie Spielzeug und das einzige, das sie davon treten, war ein schmaler Felsvorsprung, auf dem man sich mehr voran schob, als das man ging. An Manchen Stellen bot er nicht einmal genug Platz für beide Füße neben einander.
,,Nein ?" Erik brachte eine Weile um die Lähmung abzuschütteln. . ,, Kennt ihr so etwas wie Neugier den überhaupt nicht ?"
,, Neugier schon." , erwiderte die Gejarn immer noch lächelnd. ,, Wir wissen nur auch, dass man manche Geheimnisse besser ruhen lässt."
