Kapitel 3

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Erik wankte gefährlich auf den Stufen. Der Körper in seinen Armen wog schwer, auch wenn alles Leben daraus gewichen war und die Treppe war abschüssig und nur schlecht erleuchtet. Er wagte es nicht, die Lampen brennen zu lassen, wenn er nicht hier war. Bei Nacht könnte das Licht , das durch die Kellerluke drang, jemanden Aufmerksam machen und selbst wenn dieses Risiko nicht wäre... hier unten lagerte seine gesamte Arbeit. Berge von beschriebenen Pergamentseiten mit Skizzen und Textpassagen, Bücher aus den hintersten Winkeln der Universitätsbibliotheken, uralte und teilweise lange vergessene Texte über Sezierung, die irgendwie der Zeit getrotzt hatten. Es war nie sehr angesehen gewesen, sich an den Toten zu schaffen zu machen. Im Gegensatz zu den Befürchtungen des Wolfs würde es sie nicht an den Galgen bringen... zumindest solange die Angehörigen sie nicht in die Finger bekamen. Aber es würde definitiv bedeuten, dass seine Arbeit vergebens gewesen war. Die Gelehrten Varas lebten nach dem Grundsatz, dass man Wissen nicht wegwarf, egal ob man den Methoden darüber, wie es gewonnen wurde zusprach. Das bedeutete zwar, dass er alle wichtigen Standardwerke zu seinen Vorhaben fand. Doch hieß dies auch, dass diese Werke seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr überarbeitet worden waren. Erik wusste mittlerweile aus eigener Erfahrung, um die Fehler darin...

Er machte einen letzten wankenden Schritt und fand sich am Ende der Treppe wieder. Über seinem Kopf zog sich ein Gewölbe aus Brettern und Stein entlang, die Fußböden und Fundamente des Gebäudes über ihm. Vor Erik jedoch breitete sich nun sein Reich aus. Groß war die Kammer nicht, die er sich hier geschaffen hatte. Vielleicht ein Viertel der Fläche des Hauses oben. Langsam ging er an den mit Brettern ab gestützten Erdwänden vorbei und entzündete das dutzend Öllampen, die dort hingen. Der Rauch konnte durch einige Schlitze in der Decke abziehen und war dünn genug um niemanden Aufmerksam zu machen. Und ihr Licht war stabiler, als das von Fackeln, solange man den Ölbehälter runter dem Docht immer gut gefüllt hielt und sich langsam bewegte.

Aber hast war nicht seine Art, dachte Erik. Nicht wenn es um sein ganz eigenes, großes Werk ging.

Vorsichtig bettete er den immer noch in duftendes Leinen gehüllten Körper auf einem Tisch mit abgesägten Beinen. Ein simpler Metallrahmen, den er sich selbst zusammen geschustert hatte, umlief die durchgehende Tischplatte und formte so eine Wanne. Obwohl Erik darauf achtete, das Holz sauber zu halten, war die Oberfläche bereits stark angegriffen und fleckig. Er würde sich wohl bald Ersatz besorgen müssen.

Unweit des Tisches, der im Zentrum des Raumes stand, erhob sich ein Regal mit verschließbaren Türen um die Schriften darin vor Erde und Feuchtigkeit zu schützen. Daneben stand ein kleiner Schreibtisch auf dem stapelweise leeres Pergament lag, zusammen mit einem verschlossenen Tintenfass und einem Dutzend metallener Schreibfedern unterschiedlicher Stärke. Erik jedoch wendete sich der anderen Seite des Raumes zu, wo sich Wasser aus einer Rinne ergoss und in einem Abfluss im Boden wieder verschwand.

Vara war eine Stadt des Wassers. Die Kanäle und künstlichen Bachläufe und Brunnen, die hier überall zu finden waren, machten das mehr als deutlich. Doch war das Wasser nicht Regen oder dem Zulauf durch einem Fluss geschuldet, sondern stammte tief aus dem felsigen Untergrund der Siedlung. Die Gelehrten Varas waren einige der ersten gewesen, die einen Weg ersannen, die Kavernen in der Tiefe anzuzapfen und das Wasser dann von dort nach oben zu bringen. Große Dampfmaschinen arbeiteten Tag und Nacht um den Zustrom nie enden zu lassen. Und es waren auch jene Magister, die schließlich Wege ersannen, das Wasser von den Kanälen in die Häuser zu bringen, so dass die meisten Gebäude in Vara über eine ständige Wasserversorgung verfügten.

Erik nahm einen Eimer und stellte ihn unter den kleinen Wasserfall, bis er überlief. Erst dann kehrte er zu seinem Seziertisch zurück. Respektvoll schlug der junge Mann das Leichentuch zurück und wirkte in jenem Moment, im flackernden Schein der Öllampen so viel älter. Ernst betrachtete er das Gesicht, das er freigelegt hatte.

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