Kapitel 5

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»Was machst du hier?«

Erschrocken drehe ich mich um. Bradley steht vor der Theke.
Er trägt einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd darunter und eine hellblau gemusterte Krawatte, welche seine türkisfarbenen Augen betont. Die honigblonden Haare trägt er mit etwas Gel zurück und sein Blick scheint mich bis auf mein Mark zu treffen. Seine Augen sind etwas zusammen gekniffen. Ob er wütend oder einfach nachdenklich ist, kann ich nicht heraus lesen.

»Ich arbeite hier.«, antworte ich kurz. Ist das nicht offensichtlich?

»Kann uns nicht jemand anders bedienen?«, zischt er. Was soll das denn? Geht's noch?

»Ich bin euch zugeteilt. Also nein.«, zicke ich zurück. Juan steht hinter mir und ist noch mit den Drinks beschäftigt. Er dreht sich um und stellt sich neben mich.

»Gibt's hier ein Problem?«, fragt er, während er seine Hände in die Hüfte stemmt. Dabei schaut er abwechselnd Bradley und mich an, um die Situation einzuschätzen.

»Ich werde jetzt mit dem Geschäftsführer reden.«, antwortet Bradley und dreht sich zum gehen um. Ich springe um die Theke herum und halte ihn am Arm fest.

»Warte, tu das nicht!«, schreie ich ihn fast an. Ich komme mir so klein vor. Physisch bin ich viel kleiner als er, jedoch meine ich es nicht körperlich. Er schaut mich mit großen Augen an, nimmt meine linke Hand und zieht mich hinter sich her. Wir bleiben hinter einer dicken weißen Säule stehen und Bradley schaut nach links und rechts, um sicher zu gehen, dass wir unter uns sind.

»Warum bist du hier?«, fragt er mich wiederholt, dabei lässt er meine Hand los. Warum hat er sie losgelassen? Ich fühle seine Berührung noch immer auf der Haut.

»Wie gesagt, ich arbeite hier.«, antworte ich kopfschüttelnd. Ich verstehe das nicht. Was ist sein Problem, verdammt nochmal?

»Und du kannst nicht mit einem anderen Kellner tauschen?« Mein Gott ist dieser Typ unhöflich.

»Nein. Ich wurde dem Séparée zugeteilt und mein Chef ist heute sowieso schon schlecht auf mich zu sprechen. Ich kann nicht tauschen. Wo ist dein Problem?«, frage ich wütend und verschränke meine Arme vor der Brust während ich versuche, ihn böse anzuschauen.

»Dann muss ich das wohl ertragen.«, sagt er trocken, dreht sich um und geht wieder in den abgetrennten Raum zurück. Ertragen? Was meint er? Oder meint er mich? Ich bin völlig verunsichert.

Ich versuche die Fassung zu bewahren und gehe zurück zu Juan an die Theke.

»Was war das denn? Was hat der Kerl für ein Problem?« Juan klingt ziemlich besorgt und wütend. Danach sagt er noch etwas auf spanisch, das ich nicht verstehe. Während der Arbeit dürfen wir ihn nicht Juan nennen. Er kommt aus Mexico und Mr. Kaplan will nicht, dass seine edlen Gäste bemerken, dass sie von einem Einwanderer bedient werden. Ob Mr. Kaplan Trump-Wähler ist, muss man ihn also nicht wirklich fragen. Auf Juans weißem Hemd steht sogar der Name Jimmy geschrieben.

»Ich hab keine Ahnung. Ist mir auch egal.« Ich versuche meine zittrige Stimme zu überspielen.

»Kennst du ihn denn?« Warum muss Juan nur immer so neugierig sein?

»Nein, ich kenne ihn nicht.« Ich lüge nicht mal. Ich kenne doch eigentlich nur seinen Vornamen. Und weiß, wie sich seine rauen, großen Hände anfühlen. Und die weichen Ledersitze seines Oldtimers...

Ich nehme ein Tablett und stelle die fertig gemixten Getränke darauf. Dann atme ich ein mal tief ein und aus und begebe mich zum Séparée.

Als ich am Tisch ankomme, sagt einer der Gäste: »Oh die Drinks kommen endlich. Dann kann das Geschäftliche nun losgehen.« Er reibt freudig seine Hände. Ich schätze ihn auf etwa Mitte sechzig. Seine grauen Haare trägt er im Seitenscheitel. »Wie sie alle wissen, hatte ich vor, mich nächstes Jahr zur Ruhe zu setzen...«, beginnt er seine Rede. Der Mann kommt mir so bekannt vor. Woher kenne ich ihn nur?

Stronger - Secret Love #wattys2019 #aestethicaward2020 #glitzeraward2019Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt