Unbekannte Orte

559 43 84
                                        

Sprenkelpfote war wütend. So unglaublich wütend. Warum muss Schattenstern immer so sein? Immer nur beschützen, beschützen, beschützen! Dabei ist meine Verletzung schon lange verheilt und ich kann genauso gut kämpfen wie Nebelpfote! Mindestens! Wenn sie mir nie erlaubt, an einem Kampf teilzunehmen, kann ich nie eine richtige Kriegerin werden! Sie war ja nicht mal begeistert davon, dass ich zusammen mit Fliegenpfote dem Faucher aufgelauert habe! Dunkelherz hat recht... Ich bin meiner Mutter egal. Sie möchte mich nicht beschützen, weil ich ich bin, sondern weil ich sie mich geboren hat. Nicht aus Liebe, sondern aus Pflicht...

Mittlerweile war die Sonne wieder aufgegangen. Sie hatte sich aus dem WindClan-Lager geschlichen, kurz nachdem die Krieger in den Kampf gezogen waren. Luchsohr war zu sehr mit den Jungen beschäftigt gewesen, die beiden Königinnen hatten geschlafen und Weises Reh und Aqua hatten sich um Lilienpfotes Wunden gekümmert. Sprenkelpfote empfand immer noch Ehrfurcht vor dem Mut der hellgrau getigerten Schülerin. Ohne sie wäre der Faucher nie geschnappt worden.

Die gesprenkelte Kätzin reckte den Kopf und schaute sich um. Nach Funkenlichts Kriegerzeremonie war die fremde Kätzin zwar in Richtung Zweibeinerort gelaufen, aber sie hatte nicht gesehen, wohin genau. Also musste sie auf gut Glück um den Rand der Zweibeinernester schleichen. Dunkelherz hatte gesagt, dass er am Rand des Zweibeinerorts lebte und die Kätzin kannte. Vielleicht teilte er sich das Lager mit ihr und ›ihren Freunden‹, wie er behauptet hatte.

Sprenkelpfote strich um die Ecke eines Zweibeinernests. Kräuselsturm hatte ihr beigebracht, dass man auf fremdem Territorium immer die Augen und Ohren aufhalten sollte. Das wichtigste waren aber die Gerüche. Also sog sie die Luft ein und versuchte, irgendwas heraus zu filtern. Aber da war nur der Gestank nach Zweibeinern.

»Wer hat sich denn da verlaufen?« Bei der gehässigen Stimme sträubte sich ihr gesamter Pelz. Sprenkelpfote wirbelte herum und fand sich einer dunkelbraunen Kätzin gegenüber. Ihr Fell wurde von unzähligen Narben geteilt, die von gewonnenen Kämpfen zeugten. In ihren gelben Augen stand eine unheimliche Wildheit.

Warum habe ich sie nicht gerochen?

»Es gibt so eine Regel wie ›Der Wind weht Gerüche immer nur in eine Richtung‹. Ich musste mich nur gegen den Wind anschleichen«, miaute die Kätzin als hätte sie Sprenkelpfotes Gedanken gelesen. Sie strich um die Schülerin herum und blieb vor ihr stehen. »Du riechst wie diese Katzen, die den Stamm der tanzenden Knochen vor einiger Zeit belästigt haben. Wie hießen sie noch? WindClan?«

Sprenkelpfote legte die Ohren an und fletschte die Zähne, wie Kräuselsturm es ihr beigebracht hatte. So schüchterte sie ihren Gegner ein und ein eingeschüchterter Gegner ist nur noch ein halber Gegner. Aber die Kätzin schnaubte nur.

»Ich würde dir nicht empfehlen, mich zu bedrohen«, fauchte sie so laut und so heftig, dass Sprenkelpfote sich vor Schreck eng an die Wand des Zweibeinernests presste.

»Lass doch das arme Junge in Ruhe, Moira«, ertönte plötzlich eine weitere Stimme. Die eines Katers. Er hatte blassgraues Fell und um seine dunkelblauen Augen zog sich eine schwarze Maske. »Es hat dir nichts getan.«

Wie viele Katzen habe ich noch übersehen?, fragte Sprenkelpfote sich insgeheim.

»Der Krüppel, den du im Lager mal bewacht hast, hat dir auch nichts getan«, zischte Moira. »Trotzdem hast du zugelassen, dass er gekillt wurde!«

»Er wäre sowieso gestorben.«

Moira knurrte verärgert und peitschte mit dem Schweif. Ihre Schnurrhaare zuckten, als sie sich Sprenkelpfote zuwandte. »Ich gebe dir einen guten Rat: Verzieh dich! Ihr Katzen vom WindClan bringt nichts als Unglück!«

»Gib nicht ihr die Schuld dafür, dass die Schlitzschwester dich aus dem Stamm verbannt hat«, miaute Spinne ruhig. »Du warst eine der eifrigsten Unterstützerinnen von Blut und Splitter.«

»Und du nicht?«

Der Kater zuckte genervt mit den Ohren. »Ich habe nur getan, was man mir befohlen hat.«

»Aber freiwillig?«

»Hör auf mit deinen Spielchen, Moira! Die ziehen bei mir nicht!« Ein leichtes Knurren lag in seiner Stimme.

Die vernarbte Kätzin starrte ihn eine Weile an, zischte ihm etwas zu, was Sprenkelpfote nicht verstehen konnte, und rannte dann um die Ecke des Zweibeinernests. Spinne seufzte und musterte Sprenkelpfote von oben bis unten. »Hat es einen bestimmten Grund, dass du hier bist?«

»Ich suche jemanden«, antwortete sie langsam. Immer den Gedanken im Hinterkopf, dass diese Katzen offenbar nicht mehr zum Stamm gehörten und sie deshalb nicht an die Schlitzschwester ausliefern würden.

»Wen?«

Gute Frage.Sie überlegte und entschied sich schließlich für die Antwort: »Meinen Bruder.«

»Deinen Bruder?« Der Kater wirkte überrascht. »Wie heißt er? Wie sieht er aus?«

»Dunkelherz! Er hat schwarzes Fell und blaue Augen! Bei ihm ist wahrscheinlich ein golden getigerter Kater. Seine gesamte linke Körperseite ist aber kahl.«

»Ah.« Spinne zuckte belustigt mit den Ohren. »Die kenne ich tatsächlich. Funkenstern, nicht wahr?«

Sprenkelpfote nickte. »Bringst du mich zu ihnen?«

Der Kater leckte sich über die Lippen. »Gerne. Folge mir.«

Die Schülerin fühlte sich zwar leicht unwohl in ihrem Pelz, lief Spinne aber trotzdem hinterher. Er führte sie an mehreren Zweibeinernestern vorbei, bis sie in zu einem hohen Busch kamen. Seine Zweige waren an mehreren Stellen einfach in der Mitte abgetrennt. Als hätte eine riesige Kralle sie durchgeschnitten. Spinne zwängte sich durch eine kleine Lücke. Sprenkelpfote hinterher. Auf der anderen Seite des Busches war eine kleine Wiese, an deren anderem Ende ein hölzernes Zweibeinernest stand. Fast wie der Holzsitz der Verbündeten. Aber die Wände waren krumm und schief und wiesen ein paar größere Löcher auf. Davor, auf der Wiese, rekelten sich einige Katzen in der Sonne.

»Was ist das hier für ein Ort?«, fragte Sprenkelpfote verwundert.

»Die Zweibeiner nennen ihn Garten«, antwortete Spinne. »Aber der Zweibeiner, dem er gehört hat, ist gestorben. Deswegen können wir hier leben.«

»Und der Stamm der tanzenden Knochen?«

»Die Schlitzschwester lässt uns in Ruhe, solange wir ihren Katzen einen Teil unserer Beute abgeben.« Spinne führte sie durch den ›Garten‹ auf das hölzerne Zweibeinernest zu. Sie sprangen durch ein Loch, das groß genug für mindestens fünf Katzen war, und fanden sich im Inneren wieder.

Sprenkelpfote staunte. Hier waren allerlei lange Stöcke an die Wände gelehnt und seltsame Zweibeinersachen standen herum. Sie blieb vor einem Etwas stehen, in dem eine Katze gefangen zu sein schien. Sie sah genauso aus wie sie selber. Ein Schauer überfuhr sie und sie sträubte das Fell. Die gefangene Katze tat es ihr gleich. Verwirrt und erschrocken zugleich wich Sprenkelpfote zurück und rannte wieder zu Spinne. Der Kater stand bei einem anderen, dessen Fell nur noch aus Fetzen zu bestehen schien.

»... warten wir«, hörte sie Spinne noch sagen. Die gelben Augen des anderen Katers durchbohrten sie mit neugierigen Blicken. »Starr sie nicht so an, Ratte!«

Ratte schnaubte, wandte sich um und verschwand irgendwo zwischen den herumstehenden Sachen.

»Funkenstern und Dunkelherz sind gerade nicht da«, wandte Spinne sich an Sprenkelpfote. »Du kannst aber gerne hier warten. Sie sollten bald wieder da sein.«

»In Ordnung«, sagte sie und schaute sich gleichzeitig um. Es waren mehr Katzen hier als sie erwartet hatte. Vielleicht ist die fremde Kätzin ja auch hier? Gerade wollte sie nachfragen, als in ihrem Augenwinkel ein Stück weißes Fell aufblitzte. Sie drehte den Kopf und erstarrte. Es war nicht die fremde Kätzin, die nach Funkenlichts Kriegerzeremonie geflohen war, aber... Wie ist das möglich?

»Seelenpfote?«

.......................................................................................................................................................................

Hach, immer dieses zufällige Wiedersehen XD Ich entschuldige mich für den Cliffhanger (wieder mal). Aber wie gesagt, es geht nicht anders und wird jetzt nur noch schlimmer O.o

Warrior Cats - Schwarze SonneGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt