Meine Knie gaben erneut unter mir nach.
Sandor wollte sofort wieder nach mir greifen und mir aufhelfen, doch ich schlug seine Hand weg. Ich war nicht zusammengebrochen, weil ich mich schwach fühlte, sondern weil ich endlos erschüttert war. Jetzt wusste ich, was ich übersehen hatte. Beziehungsweise hatte ich es nicht übersehen - ich wollte es nur nie wahrhaben.
»Was ist denn los, Rachel?«, ich nahm den verzweifelten Klang seiner Stimme nur wie durch Watte wahr. Ich fühlte mich erneut unglaublich betrogen von Sandor.»Alles Gute zu deinem Geburtstag,
ich bin stolz auf dich, Derek.
- In Liebe, Rachel.«Schwarze Punkte bewegten sich vor meinen Augen. Das konnte doch einfach nicht sein.
Ich hatte mich so gut versteckt und er hatte mich trotzdem wiedergefunden. Und Sandor benutzt, um an mich heranzukommen.
Tief im Inneren wusste ich es jedoch schon die ganze Zeit. Ich selbst hatte mich am meisten betrogen, weil ich es einfach nicht wahrhaben wollte. Aber eigentlich sollte er doch noch im Gefängnis sitzen? Meine Hände zitterten so sehr, dass mir das Bild aus der Hand fiel. Im Augenwinkel erkannte ich, wie sich Sandor neben mich kniete und es aufhob. Er wusste sofort was los war. »Scheiße«, fluchte er. »Rachel bitte steh auf. Wir haben nicht mehr lange Zeit.
Ich erkläre dir später alles.«Ich versuchte aufzustehen, doch ich konnte nicht. Alles drehte sich. Als die Angst versuchte, mich mit in ihren dunklen Abgrund zu ziehen, packte mich unsanft Sandors Hand und riss mich hoch. Dann umschloss er fest mein Gesicht mit seinen beiden Händen.
Ich hielt mich mit meinem Blick an seinen Augen fest. Das Waldgrün war das einzige, was mich in diesem Moment beruhigen konnte.
Zumindest normalerweise, denn nun sprühte aus dem Blick des Schwarzhaarigen Verzweiflung. »Rachel. Das hier ist deine Chance, nach Hause zu gehen. Bitte. Komm mit.«Ich spürte, wie ich mechanisch und in Zeitlupe nickte. Erleichtert löste sich Sandor von mir und öffnete die dicke Stahltür. Endlich sah ich was dahinter lag. Ich erkannte jedoch nur schemenhaft eine lange Treppe, welche nach oben führte. Ziemlich sicher war es gerade Nacht draußen. Ich starrte in die Dunkelheit hinein, konnte mich aber noch nicht aus meiner Schockstarre lösen. Ich konnte es einfach nicht glauben. Diese ganze Situation hier - Ich konnte es einfach nicht glauben.
»Rachel.«, fing Sandor erneut an.
Ich bewegte mich langsam auf ihn zu.
Kurz vor ihm gaben mittlerweile zum dritten mal meine Knie nach. Erneut fiel ich in seine Arme, was dazu führte, dass er mich kurzerhand im Brautstyle hochnahm und mich so die Treppe hochtrug. Ich spürte zum Ersten Mal seit langem wieder das Gefühl von Sicherheit, als ich in seinen Armen lag. Er würde mir nichts mehr tun. Er würde mir helfen nach Hause zu kommen.Am Treppenende setzte er mich ab.
Hektisch blickte ich um mich. Da war nochmal eine Treppe nach oben, sowie ein Gang mit einer Glastür. Die Wände und der Boden dagegen hatten eine schöne Holzoptik und durch eines der großen Fenster, konnte ich den Mond sehen. Es war das erste mal, dass ich wieder etwas von der Außenwelt sah. Vorallem aber sah das hier aus, wie der Flur eines stinknormalen Hauses. Dieser Anblick machte mich perplexer als er sollte.
Was ich erwartet hatte? Ich wusste es selbst nicht genau, aber aufjedenfall nicht ein Haus, was aussah, als würde Oma Lisbeth drin wohnen. Nichts gegen meine mittlerweile verstorbene Großmutter, aber sie mochte eben genau diesen Stil. Vielleicht hatte ich eine riesige, schwarze Tiefgarage erwartet, deren Wände voll von weiteren Folterwerkzeugen waren.Ich merkte, dass ich malwieder viel zu lange in meinen eigenen Gedanken versunken war, als mich Sandor ungeduldig Richtung Ausgang schob. Richtung Freiheit. Das kam mir so unwirklich vor. Ich konnte nicht glauben, jetzt einfach gehen zu können.
Einfach so, nach drei Monaten.
Vorsichtig machte ich einen Schritt vor den anderen, erwartete schon fast, dass sich Sandor doch umentscheiden würde, aber als ich zu ihm zurückblickte nickte er mir nur aufmunternd zu.
Ich blieb stehen, »D-Du kommst nicht mit?«
»Ich muss noch etwas klären.«, entgegnete der Schwarzhaarige rau.
Mein Mund öffnete sich zum Protest, schloss sich jedoch sogleich wieder, als ich eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm.
Von der Treppe.Ich hörte ihn noch bevor ich ihn sah.
Niemals hätte ich gedacht, ihn nocheinmal in meinem Leben sehen zu müssen. Eine Gänsehaut zog sich über meinen gesamten Körper, als immer mehr von ihm in mein Sichtfeld trat. Er schlenderte die Treppen hinunter, als hätte er nichts anderes von Sandor erwartet. Als hätte er einen Plan.
Und das machte mir Angst. So war er schon immer gewesen.Erst als er von der letzten Stufe wie von einem Sprungbrett am Schwimmbeckenrand heruntersprang, hob er seinen Blick und sah mich direkt an. Wie ein Raubtier seine Beute. Ich erschauderte. Seine Haare waren braun wie früher, doch seine früher so schönen hellen Augen wirkten nun fast hässlich schwarz. Wie konnte ich jemals mit so einem schrecklichen Menschen zusammen sein? Als hätte er meine Gedanken gelesen, fing er aufeinmal krankhaft an zu grinsen, wodurch sein Gesicht aufeinmal wie eine Fratze wirkte. Dann wendete er Sandor seinen Blick zu. Der Schwarzhaarige hatte sich erst jetzt umgedreht und starrte ihn ruhig an.
Derek. Er starrte Derek ruhig an.
Die Person, dessen Leben ich rettete und die meines im Gegenzug zerstörte.Erst jetzt antwortete Derek auf Sandors letzte Aussage mit einem: »Oh ja, das musst du.«,
er machte eine theatralische Pause, ehe er spitz fragte, »Was genau wird das hier, wenn ich fragen darf? Sandor?«
Der Angesprochene antwortete nicht.
Jegliche Wärme war wieder aus seinem Blick verschwunden, stattdessen starrte er emotionslos an die Decke. Ich hasste es, Sandor so zu sehen. Derek trat näher an ihn heran, sodass nurnoch ein paar Zentimeter zwischen den beiden lagen. »Antworte mir.«, zischte er dann und packte ihn am Kragen seines T-Shirts.Diese ekelhafte, kratzige Stimme von ihm gab mir mit jedem Ton Flashbacks zu den schlimmsten Jahren meines Lebens.
Sie löste in mir das Gefühl aus, wegrennen zu müssen. Zurecht. Langsam und unbemerkt, fing ich an, mich erneut wieder rückwärts richtung Augang zu bewegen, welcher nun nurnoch fünf Meter von mir entfernt sein müsste.
Bald müsste ich nurnoch den Arm ausstrecken, den Türknauf drehen und-Dereks Gebrüll ließ mich in der Bewegung inne halten. Mit aller Kraft versuchte ich, nicht schreiend meine Ohren zu verdecken.
Ich konnte diese Stimme nicht mehr hören.
Um mich zu beruhigen, versuchte ich mich voll und ganz auf Sandor zu konzentrieren.
Ich blinzelte jedoch erschrocken, als ich Derek ihm in diesem Moment an die Kehle gehen sah, »Denkst du wirklich, dass ich mich von dir verarschen lasse? Ich wusste schon die ganze Zeit, dass du nicht so stark bist wie du immer tust. Ich wollte nicht nur das Rachel leidet, sondern auch du. Musst du sie denn immer beschützen?!«, er schrie den letzten Satz fast.Fassungslos starrte ich auf die Szenerie die sich mir bot. Jedoch konnte ich nur an eines denken. Was meinte Derek mit „immer" ?
Ich beobachtete, wie sich Sandors Gesicht rötlich verfärbte, während der Braunhaarige ihn weiterhin anschrie.
»Ich liebe sie. Und wenn ich sie nicht haben kann, dann kann sie keiner haben.«
Plötzlich fuhr eine Bewegung durch Sandors Körper. Er schien mit aller Kraft zu versuchen, den Kopf nach mir umzudrehen. Er ging nicht auf Derek ein, sein Blick fing stattdessen meinen, als ich ihn tonlos, „Rachel, renn.«, mit seinem Mund formen sah.Ich zögerte nur einen Moment, ehe ich die letzten Meter zur Tür rannte - oder wohl eher stolperte. Angst.
Ich hatte Angst, dass Derek Sandor umbringen würde. Genau in dem Moment, als ich das dachte, hörte ich Sandors dunkles Stöhnen.
Es war ein Schmerzerfülltes.
Ich biss die Zähne zusammen, bemühte mich, mich nicht mehr umzudrehen. Dann erreichte ich den Türknauf. Und ich drehte. Es bewegte sich nichts. Tränen stiegen mir in die Augen, als ich stärker und stärker an der Tür rüttelte.
»Scheiße, scheiße, scheiße!«
Mich trennte nur ein Glas von der Freiheit, von meiner Familie, von meinen Freunden und von meiner Hilfe für Sandor.Ich spürte Dereks Präsenz, noch bevor ich mich wieder umdrehte.
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This Person Does Not Exist
Mystery / ThrillerMeine Mom bläute mir früher immer ein, wie wichtig es wäre, zwar auch mal Fehler zu machen, da man durch diese am meisten lernen würde... ... Man in manchen Situationen aber einfach keine Fehler machen sollte. Sie werden dich sonst für den Rest dein...