Meine Mutter nahm langsam auf der anderen Couch, welche sich gegenüber von meiner befand, Platz. »Rachel. Kommen wir direkt zum Wesentlichen. Wo fange ich an...«, als müsste sie stark nachdenken, hielt sie sich zur Unterstützung des Ausdrucks ihren Kopf. »Ich denke, du solltest dein Studium aussetzen und dich erstmal auf die Therapie fokussieren. Gesundheit ist wichtiger als Karriere. Ich habe eine total nette Psychologin gefunden, welche dich aufgrund deiner Lage vorgezogen hat. Das heißt, du kannst in zwei Wochen das erste mal zu ihr gehen.« Sie räusperte sich kurz und sah mich nachdenklich an, als müsste sie für ihren nächsten Satz genaustens ihre Worte sortieren. Vielleicht erwartete sie auch einfach nur eine Antwort oder Bestätigung von mir, sei es nur ein Kopfnicken oder irgendwas. Aber mir war nicht danach zumute, also regte ich mich keinen Zentimeter. Sie wandte ihren Blick ab und seufzte kurz. »Und... Tut mir leid dir das sagen zu müssen Rachel, aber du hast schon in drei Tagen den Gerichtstermin. An Weihnachten. Glaub mir, ich finde das auch total blöd und ich hätte auch nicht gedacht, dass das jetzt so kurzfristig ist. Das heißt, dass du eine Aussage machen - und dabei natürlich auch Derek wiedersehen musst.« Sie machte eine kurze Pause und beugte sich weit über den kleinen Couchtisch, um nach meinen Händen zu greifen. Erst da bemerkte ich, dass sie wie Espenlaub zitterten.
Zwar wusste ich, dass es so kommen musste, jedoch wollte ich nicht. Ich hatte Angst davor ihn wiederzusehen und war gleichzeitig aber auch wütend. Dieses Arschloch schaffte es immer irgendwie mein Leben noch einen Ticken mehr zu verschlimmern. Aber gut, wenn ihn der Gerichtstermin endlich hinter Gitter bringen würde, sollte es mir recht sein.
Aber wer zur Hölle hat es sich auch ausgedacht, dass es angebracht wäre, einen Gerichtstermin an Weihnachten zu halten?Wieder machte meine Mom eine Pause, in welcher sie mich nur mitleidig ansah. Wie ich diesen Blick hasste. Um die Spannung aufzulösen, welche sich nun sichtlich zwischen uns beiden ausbreitete, nickte ich schließlich doch und brachte sogar ein, »Das ist schon okay.«, über die Lippen. Ich räusperte mich, »Ich will aber weiter zur Uni gehen!« Noch einmal seufzte meine Mutter schwer, richtete sich auf, lief um den kleinen Tisch herum und nahm direkt neben mir Platz. Ihre braunen Augen, welche sogar goldene Tüpfelchen besaßen, mir jetzt aber das erste mal auffielen, fixierten meine. Erst jetzt bemerkte ich auch, wie müde sie eigentlich aussah. Der Altersprozess war mir bei ihr vorher nicht so stark aufgefallen, was natürlich aber auch daran liegen könnte, dass ich meine Mutter nicht häufig besuchte. Ihr braunes, mittellanges Haar fiel ihr ins Gesicht, als sie ihren Kopf leicht neigte und mir eine Haarsträhne hinters Ohr strich. Alles Gesten, welche sie fremd wirken ließen, weil ich sie von ihr nicht gewohnt war. Und ehrlich gesagt beruhigten mich diese auch nicht, sondern ließen mich noch nervöser als sowieso schon werden. »Rachel, ich weiß, dass du in den letzten Monaten viel erlebt haben musst, viel gelitten hast. Du hast es mir zwar selbst nicht erzählt, was in der Zeit wo du weg warst passiert ist - und glaub mir, ich würde es gerne wissen, will dich aber nicht damit belästigen. Nur anhand von Dereks Aussagen und den Narben an deinem Körper kann ich ungefähr erahnen, was dir wohl wiederfahren sein muss. Deswegen wundert es mich nicht, wenn du etwas durch den Wind bist, vorallem mit der Zeit. Aber du hast wahnsinnig viel Stoff, sowie deine Semesterprüfungen verpasst und müsstest sie erst noch wiederholen.« Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Sie hatte recht. Auch das noch. »Das wäre meiner Meinung nach unnötiger Stress für dich. Überlegs dir, ob du nicht vielleicht lieber vorläufig das Studium abbrechen willst.« sprach sie weiter. Mir wurde schwarz vor Augen. Konnte es noch schlimmer kommen? Angestrengt fixierte ich die Teetasse vor mir, um mich bei Sinnen zu halten.
»Und die Polizei fandet nun aufgrund von Dereks Aussage jetzt nach einem gewissen »Sandor Scott«. Sagt dir der Name etwas?« Nun gefrohr mir das Blut in den Adern. »Mariella und Mrs. Hill meinten, sie hätte ihn auffällig oft in ihrem Café gesehen. Du weißt, wer gemeint ist, kann das sein?« Nach Sandor wird gefahndet? Zuerst durchfuhr mich so etwas wie Freude, weil das bedeutete, dass noch keine Todesmeldung von ihm eingegangen sein konnte. Er könnte also wirklich noch am Leben sein. Diese Freude erstarb jedoch direkt, als mir der Gedanke in den Kopf schoss, dass es auch einfach sein könnte, dass man noch nicht seine Leiche gefunden hat. Vielleicht liegt er irgendwo in einem Busch. Verblutet. Ich schüttelte den Kopf, um die Bilder zu vertreiben. Ich war im Zwiespalt. Ich fand es gut, dass die Polizei ihn suchte, weil ich wissen wollte, ob es ihm gut ging. Jedoch wollte ich nicht, dass er ins Gefängnis käme. Wow, nach alldem Rachel? Hörte ich meine innere Stimme zu mir sagen. Wieder schüttelte ich den Kopf.
Schließlich blickte ich hoch und sah verstört meine Mutter an, als sie plötzlich anfing sanft zu lächeln, scheinbar hatte sie nichts von meinem inneren Gefecht mitbekommen. »Sie haben mir ein Bild von ihm gezeigt und er kam mir sehr bekannt vor. Du weißt es wahrscheinlich nicht mehr, aber er hatte dich damals gerettet als...« sie stockte kurz. »Als dein Vater bei dem Unfall starb, bei welchem du auch stark verletzt wurdest. Wäre er nicht gewesen, wärst du heute nicht mehr hier. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er hat dich danach noch öfter am Krankenbett besucht, bis ich ihm irgendwann sagte, es wäre besser, wenn er nicht mehr kommen würde. Ich wollte, dass du das Geschehene verarbeitest und nicht mehr dauernd daran erinnert wirst. Deswegen habe ich der Polizei gesagt, dass ich mir nicht vorstellen könnte, dass er etwas mit der Sache zu tun haben könnte, schließlich hat er dein Leben gerettet. Ich ging davon aus, dass er einfach nach dir sehen wollte, wies dir heute geht, was du so machst. Vielleicht hat er auch einfach Gefallen an dir gefunden und kam deswegen so oft ins Café zurück.«, sie zwinkerte mir zu. Wenn sie nur wüsste. Schließlich wurde meine Mutter wieder ernst. »Bitte sag mir, wenn das nicht der Fall gewesen sein sollte, Rachel. Es ist wichtig, dass du die Wahrheit sagst.«
Ich schüttelte den Kopf, dann stand ich auf. »Tut mir leid Mom, aber das ganze hier überfordert mich gerade etwas. Lass mich bitte nochmal über alles nachdenken. Ich... kann das gerade nur nicht alles verarbeiten.«
Meschanisch setzte ich mich in Bewegung, Richtung Haustür, als mich der Fluchtinstinkt überkam. »Rachel.. warte mal, wo willst du hin? Soll ich dich fahren? Was ist mit deinem Tee?« »Den kannst du trinken und nein, nicht nötig, ich werde mit den Bus fahren. Und keine Sorge, ich werde mich nochmal bei dir melden, wenn ich mich wieder gesammelt habe.« rief ich nach hinten ins Wohnzimmer zurück, ohne mich nochmal umzudrehen. Ich spürte ihren brennenden Blick im Rücken, als ich mich durch die Tür ins Freie schob.Erst als ich die frische, kühle Winterluft vor der Tür einsog, welche hinter mir ins Schloss fiel, konnte ich mich wieder beruhigen.
Wo ich hin wollte?
Ich würde jetzt erstmal bei Loreen Scott vorbeischauen.

DU LIEST GERADE
This Person Does Not Exist
Mystery / ThrillerMeine Mom bläute mir früher immer ein, wie wichtig es wäre, zwar auch mal Fehler zu machen, da man durch diese am meisten lernen würde... ... Man in manchen Situationen aber einfach keine Fehler machen sollte. Sie werden dich sonst für den Rest dein...